Andre Roll

Weihnachten mal anders

Es gibt die Weihnachtsgeschichte wie wir sie alle kennen und bei der folgendes nicht fehlen darf: Engel, Hirten, Sterne, Krippe, Esel, Gold, Weihrauch, Myrrhe und natürlich die dazugehörigen Weisen. In den Hauptrollen Maria, Joseph und das Jesuskind. So weit so gut.
Nun denken wir uns mal 2013 Jahre vorwärts und schauen wie das heute aussehen würde:
 
Als Gott aber mit seinem IPAD 14Z die neusten News der Erde gecheckt hatte dachte er sich es wäre Zeit dem Elend dort unten ein Ende zu bereiten. So konnte es einfach nicht weitergehen. Weihnachten war zum Fest des Konsums geworden, Friede und Freude wurden nur vorgespielt und schneien tat es wegen der selbstverschuldeten Klimaerwärmung nicht in Deutschland sondern in Israel. Eigentlich war es mal wieder Zeit für eine Sinnflut. Prompt zog ein Regenbogen vor dem geistigen Auge Gottes auf und erinnerte Ihn, das er mal versprochen hatte so etwas nie wieder über die Erde kommen zu lassen. Dann zoomte er sich auf seinem Flachbildfernseher die Insel im Golf von Thailand näher ran und dachte: Okay das wäre auch zu Schade, ein paar hübsche Flecken Erde gibt es ja auch noch.
Was also tun? Jesus hatte seinen Job erfüllt. Er hatte Ihn auf die Erde geschickt. Er hatte Ihn in der Wüste Israels und später im ganzen Land umherziehen lassen.  Jesus hatte Wunder getan, als Mensch mit allen Stärken und Schwächen gelebt und dann dieses unfassbare getan: Er ließ sich an einem Holzkreuz aufhängen und starb qualvoll wie ein elender Verbrecher. Dieser Jesus der durch das Land gezogen war und Kranke heilte, Blinden das Augenlicht wiedergab, der Liebe und Gnade statt Gesetz und Härte predigte, dieser Jesus wurde in einer Zeit gekreuzigt in der er sicher so bekannt war wie heute Nelson Mandela. Nein, Jesus hatte seine Aufgabe wahrlich erfüllt, er hatte die Menschheit mit Gott versöhnt. Wir müssen keine Tiere mehr opfern um gerecht zu sein, keinen Tod mehr für unsere Sünden sterben, weil unsere Sünden einmal und für alle Zeiten vergeben wurden.
Das einzige was wir tun müssen ist dieses Geschenk in Anspruch zu nehmen. Klingt leicht? Ist es auch.
Gott sah also Jesus an und dachte dass er Ihn unmöglich nochmal auf die Erde schicken konnte.
Jesus, der die Gedanken seines Vaters hören konnte sprach aber auf einmal ganz unvermittelt:
„Vater, wenn es dein Wunsch ist der Erde noch eine Chance zu geben mich kennen zu lernen, dann lass mich gehen. Nur für 7 Tage, bis zum Fest welches Sie Weihnachten nennen.“
„Mein Sohn, du hast den Preis für die komplette Menschheit gezahlt, sie haben dich angespuckt, ausgepeitscht und gefoltert und du sagst du willst freiwillig zu ihnen zurück?“
„Ja Vater, lass mich ihnen zeigen was Weihnachten bedeutet“ erwiderte Jesus. Gott wusste nicht recht was er von diesem Gedanken halten sollte noch einmal von seinem Sohn getrennt zu sein, willigte aber schließlich ein.
Sofort begannen die Vorbereitungen und die Auswahl der möglichen Ankunftspunkte. Da es in Jerusalem grade schneite und selbst Jesus zu kalt war, eine karibische Insel aber auch zu einfach schien, wurde nach langem Hin- und Her das kleine Deutschland ausgesucht. Ein Tipp mit dem Finger auf die Landkarte viel scheinbar auf Berlin. Sofort wurde alles Wissenswerte über die Stadt zusammengetragen und Jesus mit einer Hipster Frisur und einer Nerdbrille ausgestattet. „So fällst du am wenigsten auf“ sagte der offizielle Style Engel zu Jesus. Man organisierte ein Appartement in Berlin Kreuzberg und eine Alibi Arbeitsstelle in einem Start UP Unternehmen am Potsdamer Platz. Jesus war nun offiziell App Programmierer. Kurz bevor es losgehen sollte checkte man noch einmal die Koordinaten und zoomte Deutschland näher ran. Und oh Schreck, man hatte sich vertan. Aus der Ferne sah es aus wie Berlin, in Wirklichkeit und bei genauem Hinsehen aber, war die auserwählte Stadt Eberswalde, 50km nordöstlich von Berlin. „Ups“ war das einzige was dem Koordinaten Engel dazu einfiel.
„ Na Moment“ entfuhr es ganz ungeduldig dem für Berlin zuständigem Engel: „ Berlin ist genau richtig, die haben Riesen Probleme und Jesus hätte allerhand zu tun. Da wären die steigenden Mietpreise, der Pleiteflughafen Tegel und nun auch noch die große Koalition in der eine Frau zur Verteidigungsministerin ernannt wird.“ Nun war es an Gott selbst eine Entscheidung zu treffen:
„ Punkt, Aus, Basta, es wird Eberswalde.“
Das Machtwort war gesprochen. Also Hipsterfrisur wieder weg, Nerd Brille abgesetzt und neue Standortanalyse. Eberswalde hatte laut Wiki 38.960 Einwohner, dafür aber gleich 3 KFZ Kennzeichen, 2 Postleitzahlen und musste für Wunder bestens geeignet sein: Sie hat einen Bürgermeister der FDP.
Traurige Berühmtheit erlangte sie durch einen Neonazi Überfall bei dem 1990 ein aus Angola stammender Mann starb. Jesus sollte also durchaus schwieriges Pflaster betreten. Man organisierte einen Job in der ansässigen DB Fahrzeuginstandhaltung GmbH und angemessene Kleidung: Eine Jeans, ein Baumwollhemd, eine wetterfeste Jacke und Industriestiefel.
Am Abend genau 7 Tage vor dem Heiligen Abend ging es also los und Jesus kam mit dem Oberleitungsbus in der Stadt an. Wo konnte man besser Menschen treffen als in einer Kneipe?
Also steuerte er schnurstracks das „Matisse“ an, in der es neben den Kunstaustellungen auch die leckersten selbstgemachten Eintöpfe der Stadt geben sollte. Und Jesus freute sich seit 2000 Jahren auf Eintöpfe.
Zu seinem Erstaunen blickte niemand auf als er den Gastraum betrat, entweder man war Fremde gewöhnt oder die Requisitenabteilung des Himmels hatte tatsächlich ganze Arbeit geleistet. In der Gaststube war es proppenvoll und angeregt plauderten die Gäste bei Wein und Bier über die Kunstwerke eines ansässigen Künstlers. Jesus bestellte ein Glas Wasser und den Eintopf und setzte sich an einen Tisch zu einer Gruppe junger Männer. Er war etwas aus der Übung aber nach dem dritten Fingerschnipsen war aus dem Wasser dann er gewünschte Mouton-Rothschild Rotwein, Jahrgang 1945 geworden, ein sogenannter Jahrhundertrotwein. Nach dem Essen begann er den Gesprächen des Tisches zu lauschen. Es wurde über Weihnachten gesprochen, über Geschenke und über Pflichtbesuche bei den nervigen Verwandten. Bis einer der Männer Ihn plötzlich ansprach: „ Hey Fremder, hast du nicht eine Idee was ich meiner Alten schenken kann?“ Jesus wusste dass mit der „Alten“ seine Freundin Jasmin gemeint war, konnte sich das Wissen darum aber grad noch verkneifen.
„Um wen geht es und wie alt ist Sie?“
„Na meine Alte, sagte ich doch. Is 18.“
Jesus schloss die Augen und sah Jasmin vor sich. Eine junge attraktive Frau, in der Ausbildung zur Krankenschwester und was die Freunde des jungen Mannes wohl noch nicht wussten, weil Marc, so hieß der junge Mann es ihnen verschwiegen hatte: Jasmin war hochschwanger und würde in den nächsten Tagen ein Kind erwarten.
Jesus versuchte diplomatisch vorzugehen und sagte: „ Dann erzähl mir doch ein bisschen von deiner Freundin und Ihren Wünschen, vielleicht kann ich dir dann einen Tipp geben“
„Erst mal kannste nen Bier ausgeben, das Weibergesöff das du dir da rein schüttest kann ja kein Mensch trinken, also was meinste?“
Jesus musste bei dem Gedanken an den Preis des Weines grinsen und tat aber wie im empfohlen:
Er bestellte der illustren Runde vier legendäre Eberswalder Pilsener.
Im Laufe des Abends kamen noch ein paar Runden hinzu und die junger Männer erzählten mit gelöster Zunge von Ihren abgebrochenen Ausbildungen, den Konflikten mit den Eltern und dem Leben in einer Stadt die in den letzten Jahren rund 25% Ihrer Einwohner verloren hatte. Nur einer hielt sich merklich zurück und schien in Gedanken versunken: Marc. Jesus wusste was ihn bewegte, sprach das Thema aber nicht an. Nach und nach verabschiedeten sich die Jungs und schwankten nach Hause. Irgendwann saßen nur noch Jesus und Marc an dem langen Holztisch. „ Hey Marc, was ist mit dir, magst du nicht auch etwas von dir erzählen?“ fragte Jesus in die Stille.
„Ich weiß erst mal nicht wer du bist, stellst dich hier als Jesus vor und gibst meinen Kumpels auch noch Tipps für Ihr Leben obwohl du die kaum kennst. Wer bist du wirklich und was willst du?“
„Weißt du Marc, du hast gut beobachtet aber es ist einfach so wie ich es gesagt habe. Ich bin Jesus, höre gerne zu und arbeite bei der DB Instandhaltung. Was ich mich aber frage ist was dich quält?“
„Mich quälen deine Fragen und deswegen geh ich jetzt nach Hause.“
Jesus sagte nichts mehr, zahlte und wusste dass er morgen wiederkommen würde.
 
In den darauffolgenden Tagen traf sich die Runde immer wieder im „ Matisse“ und Jesus hörte erfreut den Geschichten zu. Es wurden Bewerbungen geschrieben, einer erzählte von einer Versöhnung mit seinem Vater und einer von irgendwie neuem Mut die Stadt zur verlassen und seine Wunschausbildung in Rostock zu beginnen. Jesus hatte den jungen Männern Mut zugesprochen, Ihnen zugehört und für Sie unwissentlich Wegweisung gegeben.
Dann war der Heilige Abend da und die Männerrunde wollte sich am Nachmittag auf einen letzten Weihnachtsglühwein treffen. Alle waren pünktlich da und es herrschte eine Vorfreude auf gutes Essen zu Hause unterm Weihnachtsbaum. Nur Marc war noch nervöser als sonst und starte ständig auf sein Handy.
„Hey Marc, was los, ken Bock auf Weihnachten?“ 
Jesus wusste was Marc beschäftigte und wie schwer es im fiel den Jungs reinen Wein einzuschenken. Jesus legte ihm seine Hand auf die Schulter. Marc spürte die Kraft die ihn durchströmte und eine Träne lief seine Wange hinunter. Seine Freunde brachen erstaunt Ihre Gespräche ab, so etwas hatten Sie bei Marc noch nie gesehen.
Dann erzählte er die ganze Geschichte, von der ungeplanten Schwangerschaft, von den Lügengeschichten über eine Krankheit und warum Jasmin so lange nicht mehr feiern war. Es sprudelte nur so aus ihm heraus und grade als er fertig war klingelte sein Handy. Marc schaute in die Runde und sah am Ende auch Jesus an: „Männer es geht los, das Baby kommst, seit ihr bei mir?“
 
Und natürlich waren die Jungs dabei. Im rasenden Tempo fuhren Sie im 3er BMW durch die Stadt Richtung Werner-Forßmann-Krankenhaus Eberswalde. Hier lag Jasmin mit stärker werdenden Wehen auf der Entbindungsstation und nur Marc durfte als werdender Vater auf die Station. Alle anderen warteten im Besucherraum und einer der Jungs schlug vor zu beten. Das saßen Sie also am Heiligen Abend und Jesus in Ihrer Mitte und beteten für Ihren Freund und dessen Freundin.
 
Und also geschah es an diesem Abend in Eberswalde das eine junge Frau einen Sohn zur Welt brachte und ihn Jonas nannte. Die 3 Freunde brachten als Geschenke die Spezialitäten des Ortes:1 Flasche Eberswalder Pils, Eberswalder Spritzgebäck und Eberswalder Würstchen.
 
Jesus stand lächelnd an der Zimmertür und als sich sein Blick mit dem von Marc traf, spürte er die Dankbarkeit und die Freundschaft die sich in dieser kurzen Zeit entwickelt hatte. Er winkte der jungen Familie und den Freunden ein letztes Mal zu und schloss die Tür. Das war ein Weihnachten ganz nach seinem Geschmack. Die Tür war grade zu und bevor Jesus plötzlich verschwand ging ihm noch ein Gedanke durch den Kopf: Wenn die große Koalition es nicht schafft muss ich nächstes Jahr doch nach Berlin.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 17.12.2013. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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