Christa Astl

Die junge Mutter Elisabeth



KRIPPENGESCHICHTEN:
 

Die junge Mutter Elisabeth
 
Als die heilige Jungfrau Maria übers Gebirge ging, um ihre Base Elisabeth zu besuchen, lebte in den Bergen in einem entlegenen Dörfchen auch eine Elisabeth. Diese war auch noch sehr jung und arbeitete als Magd beim reichsten Bauern des Ortes. Der Bauer war ein strenger Herr, jedoch er war auch gerecht. Schlimm aber war sein ältester Sohn, der Gustav, welcher lieber den Mädchen nachstieg als der Arbeit auf dem Feld oder im Stall.
Elisabeth, ein hübsches Mädchen mit glänzenden brauen Zöpfen, die immer sorgfältig aufgebunden waren, gefiel ihm besonders. Und weil er meinte, mit Geld alles kaufen zu können, beschenkte er sie des Öfteren und hoffte, sie sich dadurch gewogen zu machen. Allein das Mädchen ließ ihn jedes Mal abblitzen. Erst als er ihr versprach, mit seinem Vater zu sprechen und sie zu heiraten, ließ sie ihn näher an sich heran. Ja, Bäuerin hier auf diesem Hof zu sein, wäre Elisabeths Traum gewesen, fleißig war sie ja, und wirtschaften könnte sie auch gut genug, sie hätte sich schon darüber ausgesehen, das Anwesen gut zu halten und auch für Hoferben zu sorgen.
Aber Träume erfüllen sich bekanntlich nie, oder nur allzu selten.
Natürlich hatte Gustav nicht mit seinem Vater gesprochen, es war ihm ja gar nicht ernst gewesen. Er wollte doch nur das Mädchen besitzen, alles Weitere war ihm egal. Und nun hatte sie die Folgen zu tragen, neues Leben regte sich in ihr. Da lernte sie Gustav von einer anderen, seiner wahren Seite kennen. Statt sich zur Vaterschaft zu bekennen, lachte er sie aus, verleumdete sie sogar, indem er herum erzählte, sie treibe sich auf der Alm im Sommer mit allen Burschen herum.
Dem Bauern tat das Mädchen leid, aber er schenkte seinem Sohn mehr Glauben als einer Magd. Die strenge Dorfmoral, wo die Ehre des Hauses noch sehr viel galt, war ihm wichtiger als das Schicksal einer armen Dirne. Und so musste diese ihr Bündel schnüren und den Hof verlassen. Denn eine schwangere Dirn, und dann gar ein uneheliches Kind hätte Schande über den angesehenen Hof gebracht. Leidtragende waren allerdings immer die jungen Mütter.
Zu Ende des Winters musste also Elisabeth fort. Wohin, wusste sie nicht, ihre nächste Verwandte wohnte viele Tagesreisen weg in einem anderen Tal. Ob Elisabeth in ihrem Zustand den weiten Weg wagen sollte? In den Bergen könnte es um diese Jahrszeit jederzeit noch schneien …
Unterwegs versuchte sie, in den Dörfern mitleidige Bäuerinnen anzusprechen, doch wer hatte schon Mitleid mit einer, die Verbotenes, Sündhaftes getan hatte? Lieber hätten sie sie am Pranger gesehen, hätten sie womöglich gar gesteinigt!
In keinem Dorf fand sie Bleibe, höchstens dass ihr einmal ein Stück Brot oder über Nacht ein Platz im Heu angeboten wurde. Sie musste also über den Berg.
Als sie gerade so tief in ihre trüben Gedanken versunken dahin schritt, kam ihr von einem anderen Weg eine Frau entgegen, die, wie sie erzählte, auch guter Hoffnung war. Doch wie leicht schritt sie dahin, wie glücklich sah sie aus, mit welch freundlichem Blick sah sie Elisabeth an, als sie ihr den Gruß bot. Es war ja auch eine geheiligte Frau, Maria, die Mutter des zukünftigen Erlösers der Welt. Das wusste Elisabeth natürlich nicht. Nachdem sie ihre gegenseitigen Fragen nach dem Woher und Wohin beantwortet hatten, konnten sie ein Stück gemeinsam gehen. Zufällig wollten beide in das gleiche Dorf, denn Maria wollte zu ihrer Verwandten, die ebenfalls ein Kind erwartete, um ihr in der letzten Zeit zu helfen.
Im Gespräch ließ sich der weite Weg leichter zurücklegen. Maria erzählte so begeistert von ihrem Sohn, den sie bekommen sollte, von diesem göttlichen Wunder, für das man nicht genug danken kann, von all dem Schönen, das eine Mutter erleben durfte, dass sich sogar in Elisabeth ein wenig Freude regte. Und Maria machte ihr auch Mut, nur auf Gott zu vertrauen, er würde ihr schon helfen. Am Wegkreuz, wo der Weg auf der anderen Seite des Berges wieder hinunterführte, beteten sie gemeinsam. Als sie ins Tal kamen, war es bereits finster, und Maria lud Elisabeth ein, diese Nacht bei ihrer Verwandten zu bleiben. Dankbar nahm sie an, denn es begann ein eisiger Wind, wohl noch der letzte Schneewind, zu wehen.
Von vielen guten Segenswünschen begleitet, machte sie sich am nächsten Morgen wieder auf den Weg. Zu ihrer Tante hatte sie noch zwei ganze Tage zu gehen. Es fiel ihr plötzlich auf, wie freundlich die Menschen heute zu ihr waren. Eine Bäuerin brachte ihr eine Schale Milch, der Bäckermeister, der vor der Tür seines Ladens stand, schenkte ihr einen ganzen Wecken weißen Brotes, von dem sie die Hälfte gleich in ihre Schürze wickelte, um es ihrer Tante zu geben.
Der Himmel war zwar grau, aber es blieb trocken, so dass Elisabeth rüstig ausschreiten konnte. Am Abend fand sie wieder freundliche Aufnahme in einem Bauernhaus. Erneut wunderte sie sich, dass die Menschen auf dieser Seite des Berges so freundlich zu ihr waren. Oder hatte sie das Maria und deren Gebet zu verdanken? Elisabeth musste fast ständig an diese Frau denken, wie wenn sie ihr einen besonderen Segen gebracht hätte.
Auch die Tante freute sich von Herzen, das Mädchen wieder zu sehen und nahm es voller Mitleid auf, als Elisabeth ihre Geschichte erzählt hatte. Dort, bei der alten Tante Mari, konnte sie auch bleiben und ihr Kindlein zur Welt bringen. So gut sie konnte, half Elisabeth den ganzen Sommer über in Haus und Garten mit, denn diese Arbeiten fielen der betagten Frau schon recht schwer.
Im Herbst ging sie mit ihrem Kind einmal in das Dorf, wo sie bei der Verwandten Marias übernachtet hatte. Sie wollte sich nach Maria erkundigen. Die Verwandte, die übrigens auch Elisabeth geheißen hatte, war nun auch Mutter eines Sohnes geworden. Von dieser erfuhr sie, dass Marias Zeit der Niederkunft in nächster Zeit bevor stand, und gerne hätte die junge Elisabeth sie besucht, aber Marias Wohnort war zu weit weg.
Dann kam der lange, kalte Winter. Die Menschen hielten sich meist in den Häusern auf, beschäftigten sich mit Handarbeiten und waren froh, in den warmen Stuben sitzen zu dürfen. Doch Elisabeth wurde von einer Unruhe ergriffen, je weiter das Jahr fortschritt. Als ob irgend jemand sie rief, zu kommen, ihr aber das Ziel nicht nennen konnte. Nicht einmal das Beten konnte ihr innere Ruhe verschaffen.
In einer ihrer zahlreichen schlaflosen Nächte, als sie gerade das Kind versorgt hatte, stand sie sinnend am Fenster. Da bemerkte sie, obwohl die Uhr erst Mitternacht geschlagen hatte, einen sonderbar hellen Schein am Himmel. Voller Angst lief sie von einem Fenster zum anderen. Brannte es irgendwo? Sah sie einen Feuerschein? Draußen war alles ruhig, kein Mensch war zu sehen.
Da reifte ein Gedanke in Elisabeth, der sie nicht mehr losließ. Sogleich begann sie ihre Vorbereitungen. Am nächsten Tag lieh sich von der Tante den kleinen Leiterwagen aus, mit dem diese im Sommer das Holz vom Wald holte, mit dem Versprechen, bis dahin bestimmt wieder zurück zu sein. Ein dickes Kissen legte sie hinein, darauf das Kind, das sie mit einem weiteren Kissen warm zudeckte. Dann verabschiedete sie sich von ihrer Tante Mari, die ihr lange besorgt nachblickte.
Elisabeth ging einfach los. Eine innere Stimme wies ihr den Weg. Während der ganzen Nacht sah sie wieder den hellen Schein am Himmel, der von einem großen Kometen herrührte. Und der Stern bewegte sich langsam, als ob er den Weg weisen würde. Elisabeth konnte die ganze Nacht hindurch gehen, ohne müde zu werden. Zwischendurch nahm sie das Kind an die Brust oder wickelte es, dann legte sie es wieder in den Wagen, und es schlief sofort ein.
In der dritten Nacht, als sie bereits die Berge hinter sich gelassen hatte und durch die freie Ebene schritt, leuchtete der Stern besonders hell. Und ihr schien, als bewege er sich nicht mehr fort. Viele Menschen waren auf dem Felde, das sie nun durchmaß. Alle gingen in die gleiche Richtung wie sie.
Plötzlich vernahm sie einen Jubelchor, Engel stiegen vom Himmel, sie sangen und musizierten, einige standen bei Gruppen von Männern, um ihnen etwas zu zeigen. Und nun gingen auch diese Männer auf ein Ziel zu.
Das war eine Hütte, ein alter Stall, vor diesem standen die Menschen, oder knieten sogar, als ob sie etwas anbeteten. Als Elisabeth näher kam, wusste sie sich am Ziel ihrer Reise. Dort drinnen erblickte sie Maria, die vor kurzem Mutter des Gottessohnes geworden war. Sie kniete vor einer Futterkrippe mit Heu, und darinnen lag das neu geborene Kind. Soviel Armut konnte Elisabeth nicht ertragen. Vorsichtig fuhr sie mit ihrem Leiterwagen durch die weit offeneTüre des Stalls bis zu Maria und lud sie ein, ihr Kind doch auch zu ihrem in die Kissen zu legen. Dankbar nahm Maria an, denn sie hatte ja nicht einmal eine Decke für ihren Sohn. Elisabeth blieb einige Tage, half Maria so lange, bis diese einen anderen Platz fand, um zu wohnen.
Glücklich und zufrieden konnte sie dann wieder zu ihrer alten Tante zurück kehren.
 
 
 
ChA 15.12.13

Anmerkung:
Die Figuren zu dieser und anderen Krippengeschichten habe ich selbst gemacht, jede Figur hat ihren Namen und viele bereits ihre Geschichte, wie sie hierher zur Krippe gekommen sind.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 18.12.2013. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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