Irene Beddies

Einbruch im Museum





„Woher soll ich denn einen Schlitten nehmen?“, fragte verzweifelt der Weihnachtsmann und sah die beiden Zwerge an. Soeben hatte er festgestellt, dass seinen Jahrhunderte alten Schlitten die Mäuse erheblich beschädigt hatten..
„Schau im Internet nach!“, schlug der Zwerg mit der gelben Pudelmütze vor, „da gibt es doch alles.“
Ja, im Internet gibt es fast alles, nur natürlich keinen Weihnachtsmannschlitten.
Unter welchen Begriffen er auch nachschaute, dem Weihnachtsmann wurden nur jede Menge und jede Form von Kinderschlitten, Rodelschlitten, sogar Bobs aus Holz und Plastik angeboten, flache Teller mit Griffen zum Rodeln, Hundeschlitten und was es sonst noch so gab bis hin zu Puppenschlitten. All die angebotenen Schlitten waren viel zu klein, und seine Rentiere konnte er sowieso nicht davor spannen. Pferdeschlitten wurden nur nach Vorbestellung im Frühjahr gebaut.

Voller Verzweiflung wollte er schon aufgeben, da klickte er aus Versehen auf eine Seite, die ihm einen prächtigen Reiseschlitten der Zarin Katharina  zeigte. Das oder so etwas Ähnliches wäre sein Traum. Unter dem Bild stand ein kurzer Text, der darüber informierte, wo dieser Prachtschlitten zu bestaunen war: in einem Museum.
Zwerg Rotbart trat auf den unterdrückten Jubelschrei des Weihnachtsmanns an den Computer.
„Das ist DIE Idee“, brachte er schnaufend hervor. „Wir müssen nur noch herauskriegen, wo hier in der Nähe ein Museum auch Schlitten ausstellt.“
„Du meinst…wir sollten einen klauen?“, staunte der Weihnachtsmann ungläubig.
„Nicht KLAUEN! Das ist ein hässliches Wort und eine schlimme Tat: Wir LEIHEN ihn uns nur aus. Hinterher bringen wir ihn ja zurück.“
„Das ist schon besser“, freute sich der Weihnachtsmann. Mit seinen  Zwergen überlegte er, wie sie in ein Museum einbrechen sollten.

Zwerg Rotbart übernahm nun die Suche im Internet nach einem geeigneten Museum in der Nähe, denn nach Russland war es weit und das betreffende Museum sicherlich sehr gut überwacht.
„Hier ist ein Heimatmuseum in S…mit allerlei Fahrzeugen und Erntewagen, alten Maschinen usw. Das sollten wir uns anschauen. Ein Heimatmuseum ist sicher nicht mit Stahltüren gesichert.“
So fuhren der Weihnachtsmann und die als Kinder verkleideten Zwerge zum besagten Museum. Und wirklich, zwei Schlitten – nicht sehr prachtvoll, aber groß genug und mit Deichsel – standen in einem dunklen Durchgang. Den größeren beäugten sie von allen Seiten, prüften ihn unauffällig auf seine Stabilität. Er schien nicht oft benutzt worden zu sein, die Kufen waren noch gut mit Eisen beschlagen oder wenigstens instand gesetzt.

Kurz vor Weihnachten war der Schlitten verschwunden. Zunächst merkte es niemand, denn das Museum wurde selten geöffnet, da man Heizkosten sparen wollte und sowieso niemand um diese Jahreszeit kam. Eines Tages stolperte die Frau des Museumswärters im Dämmern und wollte sich an dem Schlitten festhalten. Sie fiel in die Lücke. Als sie humpelnd ihren Mann erreichte, der ein altes Auto auf Hochglanz putzte, berichtete sie ihm. Erschrocken lief er in den Durchgang. Tatsächlich, der Schlitten war verschwunden. An seiner Stelle lagen ein paar vertrocknete Eichenblätter, die wohl der Wind dahin getrieben haben mochte. Dazwischen lag ein Fetzen Papier. Er holte Handfeger und Schaufel, fegte die Unreinlichkeiten auf und warf sie in den nächsten Papierkorb, der für die Besucher aufgestellt war.
Was tun? Gleich melden, bis morgen warten?
Spuren sichern! Der Museumswärter öffnete die große Tür zum Hof, denn nur hier konnte der Schlitten aus dem Durchgang gezogen worden sein. Keine Schleifspuren, erst recht nicht im Schnee, der unberührt seit zwei Tagen im Hof lag…. Unheimlich!
Mann und Frau beschlossen, die Sache erst einmal zu verheimlichen und bis nach Weihnachten zu warten. Bis dahin mussten sie nur noch einmal öffnen. Da würde „kein Schwein“, wie sich die Frau ausdrückte, den Verlust bemerken, wenn sie das Messingschild an der Wand abschraubten und etwas anderes dort hinschieben würden. Zum Beispiel die Häckselmaschine für Flachs.

Der Heilige Abend kam und ging vorüber. Neujahr näherte sich. Es sollte ein großes Fest am 2. Januar geben, an dem möglichst viel Geld für den Erhalt des Museums erzielt werden musste. Glühwein sollte es geben – und Kekse, die die Museumsvereinsmitglieder spenden würden. Es gab viel Arbeit im Vorfeld. Die Gegenstände im Durchgang wollte man wegräumen, damit man dort Bierkisten, Kaffeemaschinen, das Geschirr usw. aufstellen konnte.
Und was war das? Drei Ausstellungsstücke standen im Durchgang, so dass fast kein Durchkommen war. Nanu? Der verschwundene Schlitten stand mitten im Gang. Er war etwas feucht. Und da hing ein Fetzchen von einem roten Geschenkband an der Deichsel.
Viel Gedanken machten sich die Museumsleute vor lauter Erleichterung und Arbeit nicht, sondern packten mit ihren freiwilligen Helfern an, die beiden Schlitten und die Häckselmaschine in eine Ecke des Hofes zu bugsieren und mit Planen abzudecken.
Als die Frau die Papierkörbe leerte, fand sie den Fetzen Papier zwischen den Eichenblättern. Er trug eine goldene Schrift. Das machte sie stutzig. Sie glättete das Papier und las:
ICH HABE  DEN SCHLITTEN NUR GELIEHEN: ICH GEBE IHN UMGEHEND ZURÜCK; WENN ER NICHT MEHR GEBRAUCHT WIRD.
Der Weihnachtsmann!...,fuhr es der Frau heiß durch die Glieder. Gab es ihn denn wirklich noch?....Dann lachte sie laut und rief:  „So ein Schlingel!“


© I. Beddies





 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 19.12.2013. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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