Diethelm Reiner Kaminski

Überraschungsdinner

 
Überraschungsdinner

„Ich weiß nicht so recht“, flüsterte Juliane, „wollen wir nicht doch lieber woanders hingehen? Das wirkt alles so vornehm. Ich weiß nicht, ob ich mich hier wirklich wohlfühlen werde.“

Sie standen mit mehreren anderen Wartenden im mit Marmorsäulen bestückten Foyer auf einem roten Teppich und warteten darauf, eingelassen zu werden.

„Auf keinen Fall“, protestierte ihr Freund Niko, „wo wir doch verbindlich reserviert haben. Neulich warst du froh, dass wir Heiligabend überhaupt noch einen Platz in einem Restaurant bekommen konnten. Da können wir doch nicht so kurzfristig absagen. Außerdem habe ich schon die zweihundert Euro für das mitternächtliche Überraschungsdinner überwiesen. Sollen wir die etwa in den Wind schreiben? Es wird dir gefallen, da bin ich ganz sicher.“

Juliane blickte ungeduldig auf die Uhr, aber da öffneten sich auch schon drei Türen gleichzeitig. An jeder stand ein Mann im schwarzen Smoking mit weißem Spitzenhemd und weinroter Fliege. Die Hände der drei Einlasser staken in weißen Handschuhen.

„Hast du die Eintrittskarten?“, wisperte Juliane. „Ich glaube, ich hätte doch mein kleines Schwarzes anziehen sollen. Ob ich mit Jeans und Pulli in diese feudale Umgebung passe?“

Doch da wurden sie schon von einem der Schwarzberockten angesprochen:
„Wenn Sie mir bitte folgen würden.“

Der Mann führte die Gruppe durch einen prächtig möblierten Barocksal mit gleißenden Kristalllüstern an der hohen Stuckdecke und durch lange, immer enger werdende Korridore in einen nur schwach von einer trüben Funzel beleuchteten Raum, der in krassem Gegensatz zu allem bisher Gesehenen stand.

Sobald sich ihre Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, erkannten sie in der Mitte des Geräteschuppens, denn um einen solchen handelte es sich offenbar, einen bärtigen Mann und eine schmächtige Frau, die sich über ein Lumpenbündel in einem Strohhaufen beugten und keine Notiz von den Besuchern nahmen, so vertieft waren sie in die Betrachtung des Bündels. An den roh gezimmerten  Holzwänden stellten sich weitere Gäste auf, die von den Schwarzberockten hereingeführt worden waren. Sitzmöglichkeiten gab es außer zwei Melkschemeln für das Paar in der Mitte nicht.

Nach einer Weile völliger Stille erhob sich der bärtige Mann und wickelte aus einem Tuch einen Laib Brot, brach schweigend für jeden Besucher einen Brocken aus dem Laib und hielt ihn ihnen hin, die es zögernd entgegennahmen und mit leichtem Widerwillen aßen. Anschließend kramte der Bärtige eine Kanne und einen Becher aus dem Stroh hervor, das über den Boden verstreut war, füllte den Becher und ließ jeden der Besucher einen Schluck daraus trinken. Stumm kehrte er zu der Frau und dem Lumpenbündel zurück.

Nun traten die drei Schwarzberockten vor und verneigten sich tief. In ihren weiß behandschuhten Händen hielt jeder eine silbern glämzende Schatulle. Sie stellten sie vor dem Bündel und der Frau ab, verbeugten sich abermals und traten wieder zurück.

„Da ist vermutlich unser Geld für das Mitternachtsdinner drin“, flüsterte Niko.

Die drei Männer im Smoking gaben den Besuchern mit einer Handbewegung zu vesrtehen, dass die Besuchszeit beendet sei. Dann führten sie die Gäste durch lange Korridore und durch den prächtigen Barocksal zurück ins Foyer.

„Bist du hungrig?“, fragte Niko besorgt, als sie wieder auf der Straße standen.

„Eigenartigerweise kein bisschen. Ich habe mich schon lange nicht mehr so satt und beglückt gefühlt. Und du? Spürst du Hunger?“

„Nein, ganz und gar nicht. Hast du Lust auf einen Spaziergang? Eine herrliche Winternacht. Schau nur, wie hell der Stern dort oben leuchtet.“

19.12.2013

Agathon wünscht allen e-stories-Aktivistinnen und -aktivisten angenehme Feiertage und ein gesundes und kreatives Neues Jahr!

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