Ernst Dr. Woll

Gans überlebte Weihnachten, musste aber auch sterben

Es geschah vor vielen Jahren in der DDR, an die Wende dachte damals noch niemand.  Die Partei- und Staatsführung hatte beschlossen: „Jeder Familie muss die Gelegenheit gegeben werden, Weihnachten einen Gänsebraten auf dem Tisch zu haben.“ Die Importgänse aus den Volksrepubliken Ungarn und Polen kamen in der sozialistischen DDR als Schlachtkörper an, aber die Geflügelschlachthöfe, in denen die im eigenen Land gemästeten Tiere geschlachtet wurden, hatten in der Vorweihnachtszeit Hochkonjunktur.
So war auch die Gans, die wir nicht Auguste nennen, weil es über diese Weihnachtsgans ein schönes Märchen von Friedrich Wolf gibt, auf dem Weg zur Schlachtstätte. Sie soll den Namen „Anseria“ erhalten, weil Gans auf lateinisch „anser“ heißt. Sie schlüpfte im Brutapparat einer Gänsefarm in einer LPG (Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft) aus dem Ei und war von diesem Tag an immer von ihresgleichen umgeben. Bestimmt waren in ihrer Gruppe mehr als 100 Tiere. Sie und ihre Artgenossen, oder soll man „Leidensgenossen“ sagen? sahen aber während ihrer Aufzucht- und Mastzeit, das waren ca. 9 Monate,  kein Wasser in dem sie hätten planschen oder schwimmen können.  Als Gans gehörte Anseria aber doch zum Wassergeflügel! Es ist bedauerlich, dass sich die Menschheit wenig um die Grundbedürfnisse ihrer Mitgeschöpfe kümmert.  Die Bottiche, in denen zwar immer genügend Trinkwasser zur Verfügung stand, waren zu klein und immer zu  sehr belagert, um darin das köstliche Nass genießen zu können. Als Ausgleich erhielten sie zwar immer genügend schmackhaftes Futter, aber das machten die Menschen aus Eigennutz, denn als Mastgänse sollten sie schnell schlachtreif werden. Von all den Gänsen brachte jedoch keine den Mut auf ihren Produzenten ein Schnippchen zu schlagen und mit einer Fastenkur den Masterfolg zu boykottieren.
In der DDR, diesem sozialistischen Land, war man sehr erfinderisch bei neuen Wortbegriffen. Anseria, die nicht einmal auf ihren Namen hörte,  verstand das alles nicht. Überall wurde jedoch das Wort Produktion strapaziert und so hieß die Gänsemast, Mastgänseproduktion, bei der es Produktionsplanziele zu erreichen galt und alle Produktionsreserven zu erschließen waren.  
Jedenfalls hatte Anseria Anfang Dezember kurz vor Weihnachten das Produktionsziel erlangt, mit einem Lebendgewicht von reichlich 4 kg konnte sie zur Produktionsplanerfüllung an den Schlachthof geliefert werden. Wenn sie bisher in der großen Gänseschar auf einer Weide, auf der es kein Gras mehr gab, ziemlich wenig Auslauf hatte, so war es nunmehr auf diesem LKW beim Transport zum Schlachthof noch qualvoller. Auf dem Fahrzeug befanden sich Transportkäfige, die eigentlich für Hühner ausgelegt waren, weil diese Tierart am häufigsten transportiert werden musste. Sie als Gänse waren jedoch von größerer Gestalt, mussten deshalb in diesen niedrigen Käfigen immer den Kopf einziehen und stießen mit ihren Rücken ständig an die Decke. Anseria befürchtete blaue Flecke zu bekommen, weil sie auf der holperigen Straße auch ganz schön auf und nieder und hin und her geschüttelt wurden. Über diese Folgen wusste sie nicht bescheid, aber sie hätte es bestimmt den Menschen, die sie nur für ihren „Essensgenuß“ produziert hatten, gegönnt, wenn sich in ihrem Braten noch blutunterlaufene Stellen finden würden.
Einerseits war Anseria froh als am Schlachthof die Fahrt zu Ende war, aber andererseits missfiel ihr der unsanfte Umgang beim Abladen. Trotz ihrer bisherigen sehr eingeschränkten Bewegung hatte sie starke Muskeln behalten und konnte sich tüchtig wehren. Vielleicht war auch die Arbeiterin beim Zufassen  zu ungeschickt, jedenfalls ließ sich die Gans nicht mit ihren Beinen, Kopf nach unten hängend, lebend an das Transportband hängen, das sie zum Betäubungsbad transportieren sollte. Sie entglitt den Händen der Frau und flatterte davon. Warum sie nicht sofort wieder eingefangen oder später nicht nach ihr gesucht wurde, bleibt unbeantwortet. Auf alle Fälle hatte Anseria eine Freiheit erlangt, die für sie grenzenlos erschien. Sie landete in einen Park mit viel Gebüsch aber auch einer sehr großen Wiese, auf der jetzt nur noch erfrorenes Gras sichtbar war, das jedoch nach und nach von einer Schneedecke überzogen wurde. Nur gut, sie war durch ihre bisherige Freilandhaltung abgehärtet und die kalte feuchte Luft machte ihr nichts aus. Sie war erschöpft, verkroch sich unter einen Busch und wahrscheinlich begann sie zu schlafen und zu träumen, denn es wurde schnell dunkel um die entflohene Gans. Der nächste Tag brach an, durch Lärm in ihrer Nähe war Anseria verschreckt und wollte die Flucht ergreifen. Das gelang ihr nicht, denn eine Kinderschar, die zum Schlittenfahren in den Park gekommen war, versperrte ihr den Weg. Das Wegfliegen wurde durch das Geäst, unter dem sie Schutz gesucht hatte, verhindert. Die Kinder um sie herum schnatterten fast so laut, wie sie es kannte, als sie noch in der Gänseherde lebte. Was sie beratschlagten konnte sie nicht verstehen und begreifen, jedenfalls verspürte sie Angst. Offensichtlich war ein Erwachsener herbeigerufen worden, der sie fachgerecht an den Flügelansätzen packte und unter seinen Arm klemmte. Wahrscheinlich dachte die Gans: „Nun bin ich wieder gefangen und kann meinem Schicksal, geschlachtet zu werden, nicht mehr entkommen.“ Sie hatte aber zunächst Glück, sie war von einem Tierschützer in Obhut genommen worden, der sie nicht zum Schlachthof brachte sondern in seinem Gartengrundstück in einem geräumigen Schuppen, in dem sie zunächst vor Schnee und Sturm geschützt war, unterbrachte. Auch Fressen und Saufen bekam sie genügend angeboten. Ob Tiere denken können wissen wir nicht, wenn ja, dann kreisten die Gedanken von Anseria vermutlich um die Frage: „Jetzt, kurz vor Weihnachten, gibt es für eine gemästete Gans bestimmt nur ein Ziel und das ist die Bratpfanne. Die wenigsten Menschen lassen dabei Gnade bei ihren Mitgeschöpfen walten!“
Höchstwahrscheinlich waren die Menschen, die Anseria Unterschlupf gewährten, Vegetarier. Sie spürte, es muss eine lange Zeit und damit auch Weihnachten vorüber sein und sie lebte noch immer. Nur draußen, außerhalb ihrer durch Strohballen geschützten Unterkunft, war ein strenger Winter eingekehrt, mit Minusgraden Tag und Nacht. Erstaunlich, dass die Familie, die die Gans aufgenommen hatte, trotz Eis und Schnee jeden Tag dem Tier Futter brachte, das Trinkwasser erneuerte und auch für Sauberkeit im Raum sorgte. Wenn nicht die Einsamkeit wäre, würde Anseria sich wie im Paradies fühlen, aber als Herdentier bräuchte sie Gesellschaft, sie wurde immer trauriger. Das merkten die beiden Schulkinder, die vorwiegend die Gans versorgten. Sie stellten nach einigen Wochen fest, das Tier verkroch sich in eine Ecke des Raumes, wollte kaum noch aufstehen und ließ sich auch ohne Abwehr anfassen.
Da bekamen die Kinder Angst und beschlossen, mit dem Vogel zum Tierarzt zu gehen. Der staunte nicht schlecht, als 2 Kinder mit einem großen Vogelbauer, darin eine Gans, vor ihm standen. Er hörte sich alles an, untersuchte das Tier und stellte eine Kropfentzündung mit einer leichten Verstopfung fest, die ursächlich durch falsches Futter (zu große harte Futterstücke) entstanden sein konnte. Er behandelte die Gans und klärte die Kinder über die richtige Fütterung auf. Im Übrigen erläuterte er auch, dass die Gans zu einsam sei und er riet, ein 2. Tier anzuschaffen. Das war nach Weihnachten schwierig, denn außer den Zuchttieren waren die übrigen Gänse fast ausnahmslos in einer Bratpfanne gelandet oder ihre Körper lagen als Restbestände frosterstarrt in den Gefriertruhen der Geschäfte.
Man erstand keine Gans sondern eine Henne und tatsächlich freundeten sich diese beiden unterschiedlichen Federtiere an. Anseria ging es, wahrscheinlich weil sie jetzt jemandem „vorschnattern“ konnte, schnell wieder besser. Auf alle Fälle hatte sie jemand zum Zuhören. Nur der Winter wollte in diesem Jahr nicht zu Ende gehen, noch Anfang März lag Schnee. Das war besonders für die Wildtiere eine harte Zeit, die sich zur Futtersuche immer näher in die Wohnsiedlungen und Gartenanlagen wagten. So kam es wie es kommen musste; eines Mittags kamen die Kinder zum Schuppen und merkten schon von Weitem, dass etwas nicht in Ordnung war. Sie hörten die Gans nicht schnattern, die ihr Kommen sonst schon wahrnahm, auch wenn sie noch weit entfernt waren.  Ihr Vater hatte ihnen gesagt, dass Gänse bessere Wächter als Hunde seien und dazu auch erzählt: „Nach der Stadtgeschichte von Rom retteten die heiligen Gänse des Iuno-Heiligtums die Stadt im Jahre 387 v. Chr. vor einer gallischen Erstürmung, indem sie den nächtlichen Angriff bemerkten und die Römer mit ihrem Geschnatter aufweckten.“
Beim Betreten des „Gänse/Hühnerstalls“ sahen die Kinder das Unglück in Form eines Haufens Gänse- und Hühnerfedern! Offensichtlich hatte sich ein Fuchs Zugang zum Schuppeninneren verschafft, dort die beiden Tiere, die nicht entfliehen konnten, getötet und ihre Körper fortgeschleppt. Übrig geblieben waren die Federn, die beim Kampf herausgerissen worden waren. Ganz traurig sagte der Junge: „Jetzt find ich das Lied „Fuchs du hast die Gans gestohlen…..“ gar nicht mehr lustig.“
Die ganze Familie war traurig und man tröstete sich damit: Der Gans war der Schlachtvorgang erspart worden, indem sie nicht mehrere Minuten lang „kopfunter aufgehängt“ an einem Förderband leiden musste. In der Natur dagegen kann der Mensch nicht immer verhindern, dass sich Tiere im Lebenskampf gegenseitig töten.
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 23.12.2013. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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