Hans Werner

Einsame Frau an Weihnachten

Erzählung von
Hans Werner


Die Weihnachtskerzen waren schon weit herunter gebrannt, Tannenduft hing im Zimmer, silbernes Lametta und halb verblichene Goldkugeln glitzerten vom Baum herüber, der langsam anfing zu nadeln. Die alte Frau saß am schweren Eichentisch, einem Erbstück ihres Vaters, der Schreiner gewesen war, und betrachtete nachdenk¬lich ein vergilbtes Photo. Das Bild zeigte ihren Mann, der vor einigen Jahren bei einem Werksunfall ums Leben gekommen war. Eine große Stanzmaschine im Werkzeugbau hatte seine Hand erfasst, als er einmal nicht aufpasste, Metallsplitter waren in die Wunde eingedrungen und hatten eine bösartige Blutvergiftung verursacht, die nicht ausheilte. Beim Betrachten des Bildes dachte sie an ihre fünf Kinder, die in früheren Jahren oft um den Eichentisch herum saßen. Nun waren alle längst verheiratet, selbständig und in alle Winde verstreut. Sie selbst war allein. Die Feiertage, vor denen ihr ordentlich bange war, hatte sie heil überstanden, indem sie an all den christlichen Bräuchen, die ihrem ganzen Leben Richtung und Ordnung gegeben hatten, aktiv teilnahm und sich seelisch tapfer hielt, soweit ihre schwache Psyche es vermochte.
Post hatte sie viel erhalten in diesen Tagen. Sie legte das Bild ihres Mannes beiseite und zog ein kleines Bündel Briefe und Karten aus der Kommodschublade. Ehrliche und gutgemeinte Neujahrswünsche waren da ausgesprochen worden, und manches Photo von jungem Familienglück fand sich unter der Glückwunschpost. Aber keines ihrer fünf Kinder hatte es für nötig befunden, sie, die Mutter, über die Weihnachtstage einzuladen oder zu Besuch zu kommen. Man hätte sie abholen müssen, denn seit ihrem letzten Schlaganfall fürchtete sie sich vor einer langen Reise, vor den langen Trottoirs, den Treppen im Bahnhof, den hohen Trittbrettern an den Waggontüren. Sie hatte die Weihnachtstage tapfer überstanden, aber nun griff die Einsamkeit mit scharfen Krallen nach ihrem Herzen. Die alte Frau legte ihren weißhaarigen Kopf auf ihre Hände und bittere Tränen der Vereinsamung und grenzenloser Verlassenheit tropften auf Briefe und Karten, deren Tinte zu verlaufen begann.
So saß sie einige Zeit an dem schweren Eichentisch, bedrückt von ihrer Traurigkeit, und kämpfte gegen die Depression, die ihre Seele anfallartig aufwühlte, wobei ihre spitzigen Schultern vor halb unterdrücktem Schluchzen auf und nieder zuckten. Dann, als die Tränen langsam versiegten, richtete sie sich auf, versuchte sich zu fassen, stützte sich mit den Ellbogen auf die Tischplatte und starrte mit ausdruckslosen Augen durch die vereisten Glasfenster ins Leere. Bald würde die Zeit kommen, wo sie sich nicht mehr selbst wird versorgen können, und dann müsste sie die Wohnung verlassen und mit einem scharf abgegrenzten Quantum letzter Habseligkeiten einen Platz im Altenheim beziehen, der Endstation vor dem Einzug ins letzte Bretterhaus. Ihr schauderte. In solchen Momenten half ihr auch der christliche Glaube an Himmel und Jenseits nicht weiter.
Plötzlich schien sie von einem bestimmten Gedanken erfasst, der zunehmend Macht über sie gewann und wie ein schwarzer Engel über ihre Seele schwebte. Sie stand auf und ging, wie magisch gezogen, auf ein kleines Schränkchen zu, das in der hintersten Ecke ihres Wohnzimmers stand. Davor machte sie halt, griff zitternd nach dem Türchen, zog die Hand wieder zurück, selbst nicht wissend, ob sie es öffnen sollte. Dann öffnete sie schließlich doch das Türchen und nahm ein Fläschchen heraus, dem auf schwarz-weißem Papier ein Totenkopf aufgeklebt war. Es war Rattengift, eine uralte Ration, die sie noch aus Kriegstagen, als sie in ihrem Elternhaus Ratten und Mäuse bekämpfen mussten, in unbestimmter Absicht aufgehoben und für Notfälle aufgespart hatte. Man hatte ihr damals schon warnend eingeschärft, wie wirksam dieses Gift auch bei Menschen sei. Im übrigen sei es angenehm zu nehmen, sagte man sich mit grimmigem Augenzwinkern, denn die hochintelligenten Ratten müssten ja überlistet werden, und erst einige Minuten nach Einnahme würde es die inneren Organe todsicher zum Stillstand bringen und einen augenblicklichen und schmerzfreien Tod herbeiführen. Sie starrte auf das Fläschchen, sekundenlang, stellte es dann wieder zurück an seinen Platz und verschloss das Schranktürchen sehr sorgsam, als ob es einen kostbaren Schatz aufzubewahren gälte. Sie wusste, das Gift war da, für alle Fälle. Das Gift, ihre letzte Zuflucht.
Einige Minuten später verließ die Frau ihre Wohnung und ging auf die Straße, durchquerte die Vorstadtsiedlung, von niemand beachtet, von niemand erkannt. Schneeflocken rieselten unaufhörlich aus dem dunkelgrauen Himmel, manche blieben an dem Mantelkragen der Frau hängen, oder auch auf ihrem faltigen Gesicht, dessen Wangen vor Kälte blau angelaufen und wie versteinert waren. Gleichgültig tappte sie vor sich hin. Und wie sie so vor sich hintappte, blind für die Welt um sich, nur in sich hinein blickend, nichts um sich herum wahrnehmend, da schoß ihr plötzlich, wie ein Pfeil, ein kleiner Junge geradewegs zwischen die Füße, überschlug sich und lag dann, auf dem eisbedeckten Bürgersteig längs hingestreckt, vor ihr, heulte aus Leibeskräften und strampelte mit Händen und Füßen. Jäh ward die alte Frau aus ihren Gedanken gerissen. Sie bückte sich und zog den weinenden Knaben empor, stellte ihn auf die Füße, fuhr ihm mit ihren alten geübten Mutterhänden übers Haar und wischte die Tränen aus dem Kindergesicht. —“Mein Kopf tut weh“, wiederholte der Junge einige Male, seine kleine Rotznase mit dem Ärmel abwischend. “Es wird schon wieder gut,“ sagte die Frau begütigend, “komm, ich bring dich heim.“
Aber der Junge wehrte ab, “ich will nicht heim, meine Mutter liegt besoffen vorm Fernseher und Vater kommt erst abends heim. Ich hab solche Angst vor ihm." Und dann deutete er auf seine Hose, die am Knie eine beachtliche Triangel aufwies, unter der das Knie blutend hervorlugte. "Und dann das noch. Das setzt was. Ich will nicht heim."

Die alte Frau sah sich den Jungen an. Ihr schien, als wär es ihr eigen Kind. Sie nahm ihn kurzerhand mit sich nach Hause, machte ihm heißen Tee und gab ihm Weihnachtsplätzchen - es waren ja noch die meisten übrig - dann zündete sie die Kerzen am Christbaum an, holte die alte Bilderbibel, mit der sie einst ihre eigenen Kinder religiös unterwiesen hatte, und erzählte mit bewegten Worten jene altvertraute Geschichte von der Geburt des Christkindes, von der Anbetung der Könige und von der Flucht nach Ägypten. Der Knabe hörte mit leuchtenden Augen zu, noch nie hatte er dergleichen vernommen, denn bei ihm zu Hause gab es weder Christbaum noch Bibel. Dann aber holte die Frau Nähzeug, Nadel, Schere, Stopfgarn, Stopfei, das Nadelkissen und sagte zu dem Jungen:
“So, jetzt bringen wir das in Ordnung. Ich bin geübt im Kunststopfen. Hinterher sieht man kaum mehr was."
Sie zog den Jungen zu sich heran und wollte ihm beim Auskleiden helfen. Doch wie sie ihn am Rücken berührte und die Hose herunterstreifen wollte, da schrie der Bub auf, als hätten ihn hundert Wespen gestochen.
"Um Gottes Willen, was ist?", sagte die Frau entsetzt.
"Bitte, da nicht. Da tut alles weh", jammerte der Bub und blickte sie mit weit aufgerissenen Augen an.
Ganz vorsichtig untersuchte nun die Frau den Jungen, seine Kleidung, und entdeckte mit Entsetzen schon am Hemd Reste von Blutflecken, darunter dunkelrote Striemen auf der Haut, an den aufgeplatzten Stellen sogar Reste von geronnenem Blut.
"Aber Kind, wer hat das gemacht?", rief sie aus.
Dann begann der Junge zu erzählen, heulend und wimmernd, aber auch voll kindlicher Entrüstung, dass er oft zu Hause geschlagen werde, vom Vater, der abends immer so missgelaunt von der Arbeit nach Hause komme. Ja, er werde geschlagen, wenn es gut gehe, dann nur mit der Hand, wenn der Vater aber richtig wütend sei, dann mit dem Gürtel. Am schlimmsten sei es, wenn er den Gürtel so halte, dass die Metallschnalle ihm auf den Rücken knalle. Das sei furchtbar. Und - jetzt wurde der Junge bei seinen Bekenntnissen fast ganz still vor Scham - er fühle, dass Papa ihn mit Vergnügen schlage. Hinterher müsse er ihn immer "da" streicheln, und er zeigte auf sein Glied.
Die alte Frau hatte sich alles angehört. Das Blut war ihr in Kopf geschossen. Sie verspürte eine unsägliche Empörung, eine unbeschreibliche mütterliche Wut, wie sie sie nur einmal in ihrem Leben empfunden hatte, damals nämlich, kurz nach dem Einmarsch des Feindes, als sie ihre halbwüchsige Tochter vor der Vergewaltigung durch lüsterne Soldaten bewahrt hatte, indem sie ihren eigenen Körper mutig dem Feind darbot. So entschlossen, wie sie damals gehandelt hatte, so entschlossen stand sie jetzt auf, ging zum Telefon, wählte die Nummer der Polizei, dann die des Jugendamtes, schilderte mit eindringlichen Worten den Fall, ihre grausige Entdeckung, und ersuchte mit Nachdruck um unverzügliches Einschreiten.
"Kommen Sie schnell, es gibt zu tun."
Der Bub schaute sie an, halb verängstigt und halb bewundernd. Dann sagte er:
"Hast du denn keine Angst vor meinem Vater. Der kann kommen und dich umbringen."
"Mich umbringen!", sagte die Frau, "schau, damit werd ich mich wehren." Und sie holte ein kleines Beil aus der Schublade ihres Küchentisches. "Es ist noch von meinem Vater, dem Schreiner. Ich bin zwar alt. Aber wer mich überfällt, muss zuerst mit Gegenwehr rechnen, bevor er mich zur Strecke bringt."
Dann deutete die Frau auf die brennenden Kerzen am Christbaum, legte eine Schallplatte auf und ließ altvertraute Weihnachtslieder vorspielen. Mit dünner Stimme sang sie mit, "Ihr Kinderlein kommet" und die wundersame Weise von der "Stillen Nacht", der heiligen. Der Junge saß dabei, schaute mit großen vor Verwunderung geweiteten Augen auf den Baum, die brennenden Kerzen, dann auf die singende alte Frau und begann leise zu weinen, vor Rührung, von der er selbst nicht wusste, woher sie ihm eigentlich gekommen war.
"Jetzt aber müssen wir deine Hose in Ordnung bringen." Die Frau nähte, so gut es ging, die zerrissene Stelle zu. Der Bub hatte ihr dabei das Bein auf das Knie gelegt und die Frau setzte mit der Nadel sehr sorgfältig die nötigen Stiche, so sorgfältig, dass sie ihn beim Nähen nicht verletzte. Dann richtete sie dem Jungen ein Bett, denn er sollte bei ihr bleiben, bis Polizei und Jugendamt den Fall geklärt haben würden.
Am selben Abend aber wanderte jenes Fläschchen, mit dem Totenkopf als Etikett, in den Müll.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 28.12.2013. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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