Diethelm Reiner Kaminski

Ein erfolgreicher Tag

 
„Schau dir diese Leute nur an“, staunte Mira, „da muss es irgendwo eine Massenschlägerei gegeben haben. So viele lädierte Nasen und blutende Stirnen.

Roman, der bisher nur Augen für seine Freundin gehabt hatte, wandte nun auch seine Aufmerksamkeit seiner Umgebung zu. Tatsächlich. Auffällig viele Männer und Frauen, vorwiegend junge, die sich ein Taschentuch vor ihre blutende Nase oder Stirn hielten. Ein Mann lag sogar zusammengekrümmt vor einer Straßenlaterne. Er war offenbar ohnmächtig geworden.

„Fällt dir noch was auf?“,  fragte Roman.

„Nicht dass ich wüsste.“

„Sie haben alle ein Smartphone in der Hand, sogar der Ohnmächtige. Jetzt kenne ich, glaub ich, auch den Grund der Verletzungen.“

„Und der wäre?“

„Stand doch in allen Zeitungen. Heute ist das neueste Modell des Dingdong-Smartphones in den Handel gekommen. Da sind die Leute jetzt so vertieft in ihr neues Spielzeug, dass sie nicht mehr auf ihre Umgebung achten und gegen Bäume, Hauswände und Laternen laufen.“

Mira entzog Roman ihre Hand und rief wütend: „Und das sagst du mir erst jetzt? Ich wollte mir doch auch das neue QXP-5 kaufen. Bestimmt sind jetzt alle schon weg. Egal, ich versuch´s trotzdem. Wir sehen uns dann später in der Wohnung.“

„Aber wir wollten doch …“, versuchte Roman den Tag zu retten, den sie eigentlich gemeinsam verbringen wollten, aber Mira war schon davongehastet. Der Sog der elektronischen Technik war stärker als sein schwindender Charme, das musste er sich zerknirscht eingestehen. Wieder ein dumpfes Geräusch und ein spitzer Schrei. Ein Mädchen war mit dem Kopf gegen eine Verkehrsampel gerannt. Ihre rechte Hand umklammerte eins der neuen Smartphones.

Roman eilte hinzu und stützte die Schwankende. „Darf ich mal sehen? Ist das das neue QXP-5, nach dem alle so verrückt sind?“

„Rühren Sie das nicht an. Geben Sie mir lieber ein Taschentuch“, wehrte das Mädchen ab.

„Hab selber keins“, wandte sich Roman ab, der jedes weitere Interesse an dem Mädchen verloren hatte.

Vor dem Mediamarkt ein großer Menschenauflauf. Roman konnte sich denken, warum. Von Mira war weit und breit nichts zu sehen, so intensiv er auch nach ihr Ausschau hielt. Sie musste es geschafft haben, sich unter Einsatz ihres Lebens vorzudrängeln. Er griff in die Manteltasche nach seinem Handy, um Mira anzurufen, aber dann zögerte er. Sollte er sich lächerlich machen mit seinem museumsreifen Klapphandy? Wahrscheinlich wäre Mira auch gar nicht begeistert, wenn er sie bei der Schlacht um das neue Smartphone störte. Er wollte seinen Weg fortsetzen, vielleicht noch irgendwo einen Kaffee trinken und dann in die gemeinsame Wohnung zurückkehren und auf Mira warten, aber er hielt inne. Wo er schon mal hier war, konnte er auch gleich selbst sein Glück versuchen. Sein altes Handy war wirklich zu schäbig. Roman reihte sich in die Schlange ein und überprüfte, ob er seine Kreditkarte auch nicht vergessen hatte. Mira würde staunen, wenn er wie selbstverständlich das neue QXP-5 aus der Tasche zöge und ihr ihren Triumph streitig machte.

Nach nur fünf Stunden bangen Wartens durfte sich Roman zu den überglücklichen Besitzern des neuen Smartphones zählen. Da wollte er doch gleich die neuen Funktionen des teuren Geräts ausprobieren. Faszinierend diese Geschwindigkeit, all diese Möglichkeiten, diese unzähligen Apps. Er konnte gar nicht verstehen, dass er sich so lange mit seinem hoffnungslos veralteten Ding zufrieden gegeben hatte. Ein harter Schlag ließ Roman taumeln, ein heftiger Schmerz durchzuckte ihn. „Können Sie denn nicht aufpassen?“, schrie er und sank der Frau, gegen deren Stirn er geprallt war, halb ohnmächtig in die Arme.

„Du, Mira?“, stutzte er. „Warum läufst du denn in die falsche Richtung?“

„Ich hab´s“, rief sie freudig aus. „Ich hab´s. Ich hab selber nicht geglaubt, dass ich noch eins kriegen würde.“

„Ich auch“, trumpfte Roman auf und hob, während er sich mit der Linken das Blut von der Stirn wischte, sein neues Smartphone stolz in die Höhe: „Was für ein erfolgreicher Tag für uns beide.“

11.01.2014

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