Norbert Wittke

Kindheitserinnerungen an Baden-Baden



Im Dezember 1952 zogen wir um nach Baden-Baden, wo mein Vater eine Anstellung als Postfacharbeiter
bekam. Wir hatten dort eine Dreizimmerwohnung mit Bad und Küche angemietet. Das Haus in der
Stefanienstr. 41 hatte drei Geschosse. Die Eigentümer betrieben im Hause ein Sprachstudio für
privaten Sprachunterricht. Die Frau arbeitete zusätzlich als Lehrerin in der dortigen Realschule.

Unsere Wohnung  lag im 2. Stock. Nach den 6 Jahren Dorfleben  musste ich mich erst an das 
Stadtleben gewöhnen. Ich kannte ja auch keine Treppen. So kletterte ich zunächst auf allen Vieren
die Treppen hoch, weil ich nicht wagte aufrecht zu gehen. Es brauchte schon einige Tage bis ich
sicher die Stufen der Treppe bewältigte.

Ich kam in die dritte Klasse der Volksschule in der Nähe der Fettquelle und der Altkatholischen
Kirche. Auch das Friedrichsbad lag in der Nähe. Jetzt sind dort auch in der Nähe die Caracalla-
Thermen. Zu Fuß ging ich ca. 15 Minuten. Ich musste mich erst daran gewöhnen, dass meine
Klase aus 35 Schülern bestand und nicht wie in der Dorfschule aus 3.

Allerdings hatten wir für alle Fächer nur einen Lehrer, der mir damals uralt vorkam, denn er war wohl
um die 55 Jahre alt und durch die nervigen Schüler fast verbraucht. Über seinen Musikunterricht
habe ich hier schon eine Geschichte geschrieben (Musikunterricht á  la Ganther.

Nach dem 4. Schuljahr machte ich eine Aufnahmeprüfung für das Markgraf Ludwig Gymnasium,
die ich sehr gut bestand. Ich bekam sogar dafür eine Saisonkarte für das Freibad  und konnte den
Bus dahin kostenlos benutzen. Ich war fast jeden Tag im Bad und braun gebrannt wie der Sarotti
Mohr.

Ich hatte dort sehr viele Schulfreunde. Meine Mutter arbeitete halbtags in einem Schuhgeschäft
als Verkäuferin. Da mein Bruder, der 5 Jahre älter ist, sich nicht traute einzukaufen, bekam ich
diese Aufgabe. Es gab damals Rabattmarken, die ich als Belohnung behalten durfte. Hatte ich
ein  Heft voll, bekam ich 1,50 DM, die ich ins Kino investierte. Die Sonntagvormittagvorstellung
kostete nur 50 Pfennig Eintritt. Vorwiegend wurden Cowboyfilme gezeigt. Ich ging bald breitbeinig.
fühlte im Halfter an jeder Seite einen Colt. Einfach durch und durch Cowboy und Revolvermann.

Als mein Bruder in die Phase kam, wo er sich erwachsen fühlte, zwang er mich für ihn ein Pfeife
und den dazugehörigen Tabak zu kaufen. Er selbst traute sich nicht in den Laden. Anschließend
hatte er sich dann fast die Beine und die Hosen verbrannt. Als mein Vater ihm in der Stadt entgegen
kam, steckte er die brennende Pfeife schnell in die Hosentasche. Aber mein Vater hatte es schon
gesehen, so kam die Pfeife in Quarantäne.

Nachmittags traf ich mich mit meinen Schulfreunden öfter zu einem Tischtennisturnier. Wir fuhren
auch mit der Seifenkiste, bis ich nach einer steilen Kurve meinen gegen einen hohe Wand vor einer
Villa lenkte und mir ein paar Abschürfungen zuzog. So kam ich aber auch zu einer Fahrt mit einem
großen PKW. Die Inhaberin der Villa hatte es zufällig gesehen und einen Amerikaner, der bei ihr
wohnte alarmiert, der mich dann nach Hause brachte.

Die Zeit in Baden-Baden war in der Kindheit meine schönste Zeit. Als mein Vater 1956 wieder zur
Bundeswehr als Berufssoldat ging, weil er da wesentlich mehr verdiente als bei dem Hungerlohn
der Post, war er zunächst in fast ganz Deutschland unterwegs. Kam dann 1958 nach Bonn an das
Sanitätsamt und wurde dahin versetzt. So zogen wir zu meinem Leidwesen um nach Bonn-Beuel.
Die schöne Zeit der Kindheit war nun vorbei. Dort fühlte ich mich in der neuen Schule und auch in
Beuel, wo wir wohnten, nicht so recht wohl.


28.01.2014                  Norbert Wittke
 

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