Johannes Schlögl

"Strg+Alt+Entf"

„Strg + Alt + Entf"
(eine satirische Science Fiction)
Vers. 1.0 (Beta)

Kalte Schweißperlen standen Dent im Gesicht. Schon seit Stunden suchte er diese verdammte Quantenbombe. Doch auf dem 3D Display im Cockpit seines kleinen 70 Tonnen Shuttles war kein Hinweis von ihr zu finden. Immer und immer wieder ließ er die Sensoren nach diesem 69,33 Meter langen, 5,60m breiten und 184,7 Tonnen schweren Ungetüm suchen. Aber Dent konnte die Bombe im Umkreis von 0,55 Lichtjahren nicht entdecken. Kein Pieps war von ihr zu hören - kein Signal - kein Garnichts! Eigentlich wollte er übermorgen nach Hause fliegen, um Silvester 2213 auf der Erde zu feiern. Dieser Wunsch begann sich nun, im wahrsten Sinne des Wortes, in Nichts aufzulösen.

Schon seit vier Jahren studierte er auf der Raumstation „Delta T" (Dt) Quantenphysik und Verschränkungstechnik. Und morgen wäre der letzte Abgabetermin für seine Diplomarbeit gewesen. Nun aber flog Dents Meisterwerk an Elektronik und künstlicher Intelligenz irgendwo im Sonnensystem umher, kümmerte sich einen Sch... um die Verpflichtungen seines Schöpfers.

Seit den letzten 5 Tagen waren keine Fehlfunktionen in den Betriebssystemen der Bombe von den Überwachungscomputern gemeldet oder aufgezeichnet worden. Das allein hätte ihn stutzig machen müssen. Anstatt mit Hilfe von kontrollierten Systemabstürzen allen Programmen ein Refresh zu gönnen, vertraute er auf sein Glück. Aber bekanntlich lässt sich Fortuna nicht in ihre Karten blicken.

Wahrscheinlich lag das Problem auch in einigen von ihm verwendeten billigen Genericaprogrammen.
Aber mit den 200000 Euro (Erdenstandard 6.0.2 Second Edition), welche Dent von seinen Eltern pro Studienjahr überwiesen bekam, konnte er sich gerade das Nötigste leisten. Sein Shuttle aus dritter Hand hatte bereits 94.608.000.900.001 km in ihren beiden Turbotronik Triebwerken und die Filter des Materiewandlers hätten bei Kilometerstand 94.608.000.000.000 längst ausgewechselt werden sollen. Diesbezüglich hatte er schon 3 Mahn - Mails vom TÜV - i.Rf - S2 (Terrestrischer Überprüfungsverein für interstellare Raumfahrzeuge - Sektion 2) erhalten. Außerdem war der Preis für Deuteriumtreibstoff in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen. Zusammen mit der Studiengebühr, der Hangar - und Labormiete, vor allem aber den laufenden Kosten für seine 50m² Wohnung neben dem Institut für kybernetische Anthropologie ließen seinen Etat wie Schnee in der Sonne schmelzen. Es blieb ihm deshalb nichts anderes übrig, als für den praktischen Teil seiner Arbeit auf amerikanische Werkstoffe älterer Bauart zurück zu greifen, weil sie billiger und leichter zu erwerben waren, als moderneres Equipment aus den deutschen Marskolonien.
Diese Sparpolitik hatte sich nun in verheerender Weise gegen ihn und seine Arbeit gerichtet. In manchen elektronischen Bauelementen, welche er für seine Bombe verwendete, waren altertümliche Betriebssysteme bereits vorinstalliert. Diese konnten nur durch die Eingabe von entsprechenden Registrierungsnummern entfernt und durch bessere ersetzt werden. Dent besaß keine solcher sündteuren Codes, deshalb installierten diese alten Biester ihre 1024 Bit Programme nach einer unlizenzierten Löschung immer wieder neu aus versteckten ROMs heraus. Das war auch der Grund, warum sie ohne entsprechendes Löschungscodewort zu sehr niedrigen Preisen im Krämerladen auf dem 500m² großen Sonnendeck des Philosophencampus der Raumstation verkauft wurden, und weshalb Dent viele diverse Bau- und Ersatzteile von dort bezog. Die Möglichkeit, solche Codes illegal zu erwerben, hatte er schon vor längerer Zeit verworfen. Die Hackerkolonien, welche einen sogenannten „Delete Key" unter der Hand verkauften, waren zu gut im Asteroidengürtel zwischen Mars und Jupiter versteckt. Selbst die hypermodernen Suchmaschinen der Lizenzierungsbehörden hielten gebührenden Abstand zu diesen Himmelskörpern. Zu groß war die Gefahr, dass ihre teuren Drohnen von virenverseuchten Hackerminen umprogrammiert oder gar gegen die Behörden selbst verwendet werden könnten. Außerdem wechselten die Hacker, zusammen mit den Dekodierwerken der Mediamarkaner, ihre Verstecke sowieso in unregelmäßigen Abständen. Wer aber etwas Geld, Glück und einen schnellen Lichtrechner hatte, konnte ihre Produkte im „F1" (!), einem virtuellen Software Saloon im Hypernet, finden. Doch war dieses Netz (1000 Euro pro Monat) sehr teuer. Außerdem verlangten die Anbieter eine DNA Registrierung. Vorsichtshalber verwendete Dent also seine Schnäppchenware nicht in den sensibelsten Bereichen der Quantenbombe. Aber für die Überwachung der Elektron - Positron Speicherringe im vorderen Teil des Sprengkörpers benötigte Dent unbedingt modernste Geräte. Die dafür in Frage kommenden Quantencomputer, welche auch in der Lage waren, mit dem neuen Betriebssystem NEWNIX 2300 zu arbeiten, wurden nur auf dem Jupitermond Europa produziert und aus lizenzrechtlichen Gründen ausnahmslos dort angeboten, verkauft und registriert. Allein diese Teile verschlangen 60% des Geldes, das Dent für den praktischen Teil seiner Diplomarbeit veranschlagt hatte.

Gestern Abend funktionierten alle System der Quantenbombe noch einwandfrei. Bis zum heutigen Morgen, als Dent seinen Prototyp nicht mehr im angemieteten Hangar 212 der Raumstation „Delta T" vorfand. Das Vögelchen war ausgeflogen. Glücklicherweise hatte er Raptoren in der Bombe installiert, welche ihm alle Vorgänge und kopiergeschützte Programmabläufe der vergangenen Nacht synchron auf seine Laborcomputer spiegelten. Dadurch war es ihm möglich, die letzten 8 Stunden bis zum Verschwinden der Bombe zu überprüfen. Diese zeigten aber keine Systemfehler an. Als wäre die Bombe gar nicht weg, sondern schwebte noch über den sechs Antigravplatten. Auch das Hangartor war fest verschlossen und wies keine mutwilligen Beschädigungen auf.

Nur ein kleiner Computer, der sich rechts neben dem Eingang zur Labortoilette befand, zeigte auf seinem Display eine merkwürdige Abnormität an. Mit weißer Schrift auf blauem Hintergrund stand eine merkwürdige Botschaft geschrieben, welche Dent einiges Kopfzerbrechen bereitete. Es blieb ihm also nichts anderes übrig, als das ganze elektronische Zeug in seinen Raumgleiter zu verfrachten und sich auf die Suche nach der Quantenbombe zu machen.

Seitdem waren viele Stunden vergangen. Während die Sensoren des Shuttles nach dem praktischen Teil seiner Diplomarbeit in den Weiten des Sonnensystems Ausschau hielten, hatte er genügend Zeit gehabt, nach Fehlern im Sicherheitssystem der gespiegelten Programmabläufe auf seinen Laborrechnern zu suchen. Alle relevanten Teile funktionierten jedoch einwandfrei.
Bis auf den Computer mit dem komischen Text auf seinem Display. Aber dieser Rechner hatte eine sehr geringe Priorität, da er nur zur Erstellung tertiärer Kontrolldateien für die Prüfungskommission diente. Deshalb war der Computer und sein Gegenstück in der Bombe nur mit 1024 Bit tauglicher Hardware bestückt. Gesteuert wurde das Ganze von einem alten Betriebssystem das noch nicht mit Tribits, sogenannten verschachtelten Bits, arbeiten konnte. Mehr war für das 3Gb kleine Backup Programm auch nicht notwendig.

Trotzdem musste dieser kleine Rechner, zusammen mit seinem in der Bombe befindlichen Zwillingsbruder, die Ursache für das plötzliche Verschwinden von Dents Meisterwerk sein. Wahrscheinlich hatte sich irgendeine im Speicher des alten Computers versteckte Amoksoftware selbst aktiviert und versuchte nun, die Bombe in ihre Gewalt zu bringen. „Grundgütiger!" Dent wischte sich den Schweiß von seiner Stirn.
Wenn das der Fall war, so wusste er wenigstens, was mit der Bombe geschehen war. Sollte der Zünder durch eine illegale Attacke einer Amoksoftware aktiviert werden, so hatte der Primärrechner den Befehl, die Bombe aus dem Hangar heraus in ein unbewohntes Gebiet des Sonnensystems zu bringen.
Also musste Dent wohl oder übel auf die Forderungen des Programms im Tertiärrechner eingehen, um dadurch eventuell seine Bombe noch finden und entschärfen zu können. Der Rechner verlangte, neu gestartet zu werden. Dafür musste Dent „Strg+Alt+Entf" eingeben. Also sprach er vor dem Rechner diese Kombination laut und deutlich aus. Nichts geschah. Was hatte er falsch gemacht? Er probierte es noch ein paar Mal. Aber auf dem Bildschirm trat keine Änderung ein. Die blaue Farbe und der Text wichen nicht vom Schirm. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als Kontakt mit dem Zentralrechner des Instituts für historische Informationstechnologien auf zu nehmen. Das kostete nicht nur Zeit, sondern auch 10 Euro pro Anfrage. Dafür war die Antwort sachlich und informationstechnisch optimal aufbereitet. Gratis war die inkludierte sprachgesteuerte Suchmaschine. Und so hatte er nach wenigen Minuten die Lösung.
Dieser verdammte Tertiärrechner verstand nur begrenzt mündliche Befehle! Und durch die unautorisierte Selbstaktivierung der Amoksoftware wurde das Voice Control Protocol Interface zerstört.
Dent holte aus der hintersten Ecke der Notfallbox unter dem rechten Triebwerk ein verstaubtes Keyboard hervor und schloss es am veralteten Tertiärrechner an. Dann tippte er die magische Kombination ein. Der Bildschirm wurde schwarz und das Elektronengehirn versuchte einen Neustart. Was dann auf dem Display zum Vorschein kam, verschlug Dent beinahe den Atem. Es erschien das Logo eines Betriebssystems, das vor über 200 Jahren den Weltmarkt beherrschte.
Dent konnte sich keinen Reim darauf machen, warum sich das Programm erst jetzt aus einem virengeschützten Speicherbereich heraus reaktiviert, neu installiert und dadurch bemerkbar gemacht hatte. Wahrscheinlich war dies vorher durch die nicht signierte Amoksoftware verhindert worden. Aber das war ihm jetzt nicht mehr wichtig. Letztes Jahr hatte er eine von 3 noch existierenden Kopien dieses Computerprogramms im Museum des 21.Jhdts. gesehen. Das ultimativ letzte Original wurde zusammen mit seinem Freischaltcode von der Vereinigung der Lizenz- und Registrierungsbehörden unter den bestmöglichsten Sicherheitsvorkehrungen auf Kallisto, einem Jupitermond, aufbewahrt.
Wenn Dent jetzt noch ein Freischaltungskennwort für das antike Computerprogramm in seinem Tertiärrechner hätte, würde ihm diese Software über 20 Millionen Euro bei einer interplanetaren Auktionen einbringen. Aber dafür hatte er noch 180 Tage Zeit, dieses im „F1" Saloon zu finden ... J

Zeitgleich irgendwo hinter dem Pluto...
„Captain! Subraumschockwelle einer detonierten Quantenbombe erreicht uns in 10 Sekunden!" Gebannt blickte Navigator Johnson auf den Hauptschirm.
„Schutzschilde hochfahren!" schrie der Captain. „Das ist schon die 2. von der Lizenzbehörde nicht genehmigte Quantenbombenexplosion in diesem Sektor."
Der Commander erhob sich von seinem Platz, um sich zum Turbolift 4 zu begeben. „Nummer Eins! - Sie haben die Brücke!"
Es war an der Zeit, dass er mit einigen Personen auf Raumbasis „Delta T" ein ernstes Wörtchen sprach. Nr. 1 ließ währenddessen das Schiff wenden und mit Sol 2 den Sektor verlassen ....

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 24.10.2001. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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