Hans K. Reiter

Lausbuben (7)

Es muss einmal festgehalten werden – das Gymnasium in Dingharting mit seinen Lehrern und Schülern ist keinesfalls repräsentativ für den übrigen Freistaat oder gar das ganze Land. Die Ereignisse dort haben ihren eigenen Charakter und entspringen vermutlich der urgewaltigen Heimatverbundenheit der ortsansässigen Bevölkerung.

Es ist seit jeher Brauch am Gymnasium, zwischen Pfingsten und dem Beginn der Sommerferien, die übrigens seit Menschengedenken sechs Wochen lang immer im August bis etwa Mitte September stattfinden, ein Schulfest einzuschieben. Da es wetterabhängig stattfindet, hat die Schulleitung auf ein fixes Datum verzichtet.

Für Alois und seine Freunde war es deshalb nicht ganz einfach, einen, wie sie meinten, Akzent zu setzen. Die gymnasiale Ausbildung verwirrte langsam ihren heimatlichen Sprachgebrauch, weshalb sie niemals mehr sagen würden, sie hätten einen Streich gespielt. Wir setzen Akzente, betonte Alois, und keiner widersprach.

Als das Datum des Schulfestes endlich bekannt gegeben wurde, ein Freitag im Juli, blieb der Clique nicht mehr sehr viel Zeit für ihre Vorbereitungen. Es sollte etwas Besonderes werden – ein nachhaltiger Akzent, wie Alois sagte. Und so hätte es niemanden verwundert, wenn er die Burschen bei ihrem nächtlichen Treiben beobachtet hätte. Aber es sah keiner, dachten die Akteure.

Zwei Tage vor dem Schulfest beschlich den Lehrer Alexander Denzel ein eigenartiges Gefühl. Er musste mit jemanden darüber reden. Wen sucht man sich in einem solchen Fall von Notstand? Einen Verbündeten, dachte er nicht ganz unbegründet. Jetzt war es nur so:  Der Lehrer Denzel war bekannter Weise kein hiesiger und schon alleine daraus ergab es sich, dass er niemals und zu keiner Zeit auf wahre Verbündete hoffen durfte. Es kam zu gelegentlichen Zweckbündnissen, mit dem Sportlehrer Finkenhuber zum Beispiel, aber als Verbündeten würde er ihn deshalb nicht bezeichnen.

Alexander Denzel nahm sich ein Herz und klopfte an die Türe des Rektors. Je nach Tageslaune des Schulleiters konnte eine solche Handlung als subversiv eingestuft werden und der Zorn des Rektors würde einen derartigen Frevel unausweichlich bestrafen. Der Rektor hatte hierfür eine Reihe von Massnahmen zur Verfügung. Aber Denzel hatte Glück. Der Rektor hörte sehr aufmerksam zu, als Denzel seine Befürchtungen ausbreitete.

Ich verstehe. Sie haben meine Unterstützung und ich füge an, tun Sie schnell etwas. Wir haben nicht mehr viel Zeit. Genau das wollte Denzel hören. Er begab sich daraufhin direkt zum Lehrer Finkenhuber, teilte ihm mit, er habe die Rückendeckung des Rektors und brauche jetzt seine Unterstützung. Was haben Sie vor?, wollte Finkenhuber wissen. Es muss gut durchdacht sein, damit wir am Ende nicht wieder die Dummen sind!, ergänzte er noch und sah Denzel erwartungsvoll an.

Wir müssen die Zehetmeier-Clique überwachen, damit wir ihnen zuvorkommen und ihren Plan zunichtemachen können. Das fand Finkenhuber sehr einleuchtend und etwas wie Abenteuerlust keimte in ihm hoch. Ein Gefühl, wie er es zuletzt in seiner Schulzeit verspürt hatte. Ich bin dabei, schlagen wir uns die nächsten beiden Nächte um die Ohren!, tat Finkenhuber kund. Es war ja auch so, dass er, Finkenhuber, dem Herrn Rektor gerne zeigen wollte, auf wessen Seite er stand.

Alois und seine Mannen merkten von alledem nichts, als sie am Mittwoch spät nach Mitternacht losmarschierten. Ihre geschwärzten Gesichter verschmolzen mit der Dunkelheit der Nacht, und auch der Mond unterstütze sie, denn sein Licht konnte in dieser Nacht die dicke Wolkendecke nicht durchdringen. Flink gingen die Burschen zu Werk. Von einer Rolle, die einer an einem Gestell auf dem Rücken trug, gerade so, wie die Fernmelder beim Militär, spulten sie schwarzen, gedrillten Draht, bestehend aus zwei Litzen, ab. An bestimmten Stellen verbanden sie den Draht mit kleinen Gegenständen. Das Ende der Drahtrolle mündete schliesslich in einem Kästchen, von dessen anderer Seite ein USB-Kabel herausführte, das ganz offensichtlich auf den Anschluss an ein Laptop harrte.

Wo hast denn das aufgetrieben, wollte einer der Freunde von Alois wissen. Ein Spezi seines Vaters habe da gewisse Verbindungen, und als ich ihnen sagte, was wir vorhaben, da hat es sie beinahe vor lauter Lachen zerrissen. Es war spät geworden und die Freunde wollten noch eine Mütze Schlaf erwischen, so achteten sie nicht besonders auf ihre Umgebung, als sie nach Hause eilten und sahen den Schatten nicht, der hin und wieder trotz der Dunkelheit matte Konturen warf.

Als am Donnerstag Morgen die Schulglocke pünktlich zur ersten Unterrichtsstunde rief, saßen Alois und seine Freunde auf ihren Plätzen und nichts deutete auf ihre nächtlichen Aktivitäten hin. Als später der Sportunterricht stattfinden sollte, wunderten sich alle, als sie vernahmen, dass dieser wegen kurzfristiger Erkrankung des Sportlehrers Finkenhuber ausfiel. Der Finki, wie ihn die Schüler nannten, krank?, das mochte Alois nicht recht glauben, war er doch gestern noch putzmunter gewesen.

Leut’, da müssen wir aufpassen, nicht, dass die wieder etwas einfädeln, für morgen, zum Schulfest, resümierte Alois weitsichtig. Der Wetterbericht war günstig und sagte für den Freitag einen herrlichen Sommertag voraus. Es blieb ihnen nicht mehr viel Zeit, um aufzudecken, was die Lehrerschaft im Schilde führte. Na ja, es waren sicher nicht alle Lehrer beteiligt, aber eine diebische Freude würden sie trotzdem alle haben, wenn es den Schülern mal an den Kragen ginge. Solche und ähnliche Schlussfolgerungen beflügelten den Eifer der Clique um Alois.

Es war schon später Abend, als Alois seine Freunde per telefonischen Rundspruch zusammentrommelte. Innerhalb weniger Minuten versammelten sie sich hinter der Kirche, ein Ort, an dem sie wegen des nahem Friedhofs niemand stören würde. Ich weiss, was sie vorhaben, erklärte Alois seinen erstaunten Freunden. Ich hab’ schon alles in die Wege geleitet. Den Spass versalzen wir ihnen, führte Alois weiter aus.

Am Freitag, dem Tag des Schulfestes, fehlte einer aus Alois Klasse und in der vorletzten Stunde musste dann sogar noch der Alois selbst um Befreiung nachsuchen. Ausgerechnet in der Sportstunde, die ein überraschend schnell genesener und gut gelaunter Sportlehrer Finkenhuber leitete, erlitt Alois derart heftiges Nasenbluten, dass die weitere Teilnahme am Unterricht ausgeschlossen war. Schaust, dass du zum Schulfest wieder hergestellt bist, gab Finkenhuber Alois mit auf den Weg, als er ihn nach Hause schickte.

Kaum aus der Schule, hörte das Nasenbluten schlagartig auf, und Alois wischte sich verschmitzt lachend die Farbe von Nase und Mund, die einer zuvor in der Nase zerdrückten Farbkapsel entstammte. Da musst früher aufstehen Finki, sagte Alois zu sich und machte sich eilig daran, seinen vom Unterricht ferngebliebenen Freund aufzusuchen. Dieser hatte inzwischen ein paar Dinge besorgt. War schon alles hergerichtet und einen schönen Gruß soll ich dir noch bestellen, sagte der Freund. Ja, auf die Spezl seines Vaters war eben Verlass, stellte Alois mit Genugtuung fest.

Das Schulfest nahm seinen gewohnten Verlauf. Der Rektor hielt eine Ansprache, dann die Elternvertreter und noch irgend jemand. Sogar der Schulrat war gekommen, um dem ganzen eine besondere Note zu verleihen. Der Duft gegrillter Würste machte sich breit und es wurde viel gealbert und gelacht. Wettkämpfe zwischen Lehrern und Schülern lockerten die Atmosphäre zusehend auf. Jede der Parteien gewann und verlor. Besonders belustigend fanden die Schüler es, dass die Lehrer ausgerechnet beim Tauziehen verloren und auch beim Zielwerfen auf einige aufgestellte Dosen das Nachsehen hatten.

Als es dann endlich dunkel genug war und nur noch Lampions, Fackeln und ein paar Hofleuchten den Schulhof erhellten, gab der Alois seinen Freunden ein Zeichen und verschwand hinter dem Schulhaus. Aus den Augenwinkeln bemerkte er, dass die Lehrer Denzel und Finkenhuber sehr genau beobachteten, was er tat. Und sogar der Rektor verhielt sich irgendwie in gespannter Erwartung. Na wartet nur, ihr werdet gleich Augen machen, flüsterte der Alois und steckte das USB Kabel, wie sie es am Mittwoch Nacht vorbereitet hatten, in sein Laptop.

Vom Schulhof horte man dann ein Ahh und wieder ein langgezogenes Ahh, als eine Feuerwerksrakete nach der anderen in den Himmel stieg, gerade so oft, wie Alois Laptop die Raketen zündete. Denzel, Finkenhuber und der Rektor schauten sich wissend in die Augen und ein Lächeln umspielte dabei ihre Mundwinkel. Da hatten sie die Burschen endlich hereingelegt und die angebrachten Detonationskörper gerade noch rechtzeitig durch Feuerwerksraketen ersetzt. Während die Lehrer noch in ihrem Glücksgefühl schwelgten und der Schulrat ihnen anerkennend zunickte, tat es mit einem Mal einen fürchterlichen Rums, gerade so, als sei im Schulhaus etwas explodiert. Gleich darauf sahen alle, wie schwarzer, beißender Qualm aus den Fenstern des Lehrerzimmers quoll.

Nur wenig später schon waren die Martinshörner der Feuerwehr zu vernehmen. Die Rauchmelder hatten sofort Alarm ausgelöst. Völlig entgeistert starrten alle zum Schulhaus, als sich der Alois wieder hinzugesellte und mit sorgenvoller Mine rief: Hoffentlich nichts Schlimmes! Er und seine Freunde konnten nicht mehr anders. Lauthals prusteten sie es hinaus und schon bald stimmten alle Schüler mit ein, denen langsam ein Licht aufging. Strafend blickte der Rektor auf Denzel und sagte: Was haben Sie denn jetzt wieder angestellt? Sagten Sie nicht, Sie hätten alles im Griff? Ich weiss nicht, stammelte dieser, sie müssen es gewusst haben. Saubande elende!

Die Sommerferien zogen ins Land und noch oft machte die Geschichte vom Schulfest in Dingharting die Runde. Sogar die Lokalzeitung berichtete darüber und das Bayerische Fernsehen schickte jemanden vor Ort, aber da waren der Alois und seine Freunde beim Baden am See. Ein Lausbubenstreich wurde vermutet und niemand erfuhr die wahren Hintergründe. Da hielten sie dicht, die Dinghartinger, ausnahmslos alle, sogar der Denzel, aus dem fortan ein ganz passabler Lehrer geworden sein soll.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 16.02.2014. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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