Manfred Bieschke-Behm

Späte Schmetterlinge (Liebesbrief)


Liebste Marthe,
ich darf Sie doch liebste Marthe nennen? Für mich gibt es keine andere Anrede, als liebste Marthe.
Tagelang habe ich überlegt, ob ich Ihnen schreibe. Heute habe ich mich nun dazu entschlossen, Ihnen diesen Brief zu schreiben. Ich weiß gar nicht, wie lange es her ist, dass ich mich in einer ähnlichen Situation befand. Aber egal. Heute muss es sein. Heute muss ich Ihnen schreiben. Ich muss Ihnen mitteilen, was ich für Sie empfinde. Sie sollen wissen, dass ich in mir Schmetterlinge spüre. Späte Schmetterlinge gebe ich zu. Aber Schmetterlinge die an ihrer Intensität denen gleichen, die ich spürte, als ich mich zum allerersten Mal verliebt hatte. Das ist nunmehr über fünfundsechzig Jahre her. Ich hätte mir nie träumen lassen, dass es mich mit achtzig Jahren noch einmal so erwischt. Habe ich Sie jetzt erschreckt mit meiner Offenheit, liebe Marte? Ich hoffe doch nicht. Es täte mir leid.
Wenn ich allein, nur mit meinem Hund in der Nähe, in meinem Zimmer sitze, die Bilder an den Wänden betrachte und vor allen Dingen das mir gut gelungene Bild, das ich von Ihnen gemalt habe, wird mir ganz warm ums Herz. Ich erinnere mich gerne daran, als ich Sie zum ersten Mal erblickte. Scheu näherten Sie sich dem kleinen Café, nunmehr unser Café. Sie trugen ein klatschmohnfarbiges Sommerkleid und um die Schultern gelegt ein passendendes Tuch. Ich bemerkte sofort Ihre mir wohltuende zurückhaltende Eleganz. Ihr Haar glänzte in der nachmittäglichen Frühjahrsonne und besonders fiel mir Ihr bezauberndes Lächeln auf. Ein Lächeln, dass ich nie vergessen werde. Ich fragte mich, wen gilt dieses Lächeln. Mir?
Sicherlich nicht, denn wir kannten uns nicht und weshalb sollten Sie mir ein Lächeln schenken? Sie setzten sich nicht in die Nähe meines Stammplatzes, was ich sehr bedauerte. Die Entfernung zu Ihrem Tisch erschien mir unüberbrückbar. Ich sah keine Chance, mich Ihnen zu nähern. Die Höflichkeit verbot mir jeglichen Annäherungsversuch. Mir musste der Blick über Tische hinweg genügen.
Heute weiß ich, dass Sie mich sehr wohl wahrgenommen hatten. Doch an jenem Tag ließen Sie es mit keiner Geste zu, mich ihre Wahrnehmung spüren zu lassen. Sie bestellten einen Tee, wie ich später erfuhr einen Eisenkrauttee, und wechselten nebenbei ein paar Worte mit dem Kellner. Die Wartezeit überbrückten Sie mit dem Abstreifen Ihrer Handschuhe. Der Tee wurde Ihnen serviert, sie bedankten sich bei dem Kellner und schenkten ihm dabei Ihr zauberhaftes Lächeln. Ich spürte Eifersucht – die mir nicht im geringsten zustand und die mich irritierte. Wie gerne wäre ich an der Stelle der Bedienung gewesen. Mir blieb nur die Statistenrolle, aber auch diese erfüllte mich mit Wärme und Zufriedenheit.
Wie immer hatte ich auch an diesem Nachmittag meinen kleinen Zeichenblock dabei und machte einige Skizzen, die ich allesamt noch besitze und für die ich einen wunderbaren Platz in meiner Wohnung gefunden habe.
Liebste Marthe! Was haben Sie angerichtet. Ich entdecke Gefühle, von denen ich glaubte, sie längst verloren zu haben. Sie haben aus mir einen verliebten Mann gemacht, einen Mann, der sich selbst nicht wiedererkennt. Meine Zuneigung zu Ihnen steigerte sich noch um ein Vielfaches, als wir die ersten Worte wechselten und ich Ihre Stimme hörte. Ihre Stimme formt Ihr Lächeln in Worte. Ich könnte Ihnen stundenlang zuhören. So wie Sie die Worte wählen, muss ich davon ausgehen, dass Sie nichts Unüberlegtes sagen. Wenngleich ich mich über spontane Worte, die vielleicht weniger aus dem Bauch, sondern vom Herzen geformt sind, sehr freuen würde. Ist dieser Wunsch anmaßend, liebe Marthe? Wenn dem so ist, so bitte ich Sie um Verzeihung. Das ist meinem Übermut anzurechnen. Meinem Übermut und meinem Überfluss an Gefühlsausbrüchen.
Jetzt kennen wir uns schon ein paar Wochen. Sie haben mir in Zurückhaltung das eine oder andere aus Ihrem Leben erzählt. Ich spürte, dass es Ihnen nicht leicht fiel, mir Einblick in ihr Leben zu gestatten. Liebevoll, fast zärtlich haben Sie mir von Ihren Kindern und Enkelkindern erzählt, auch von Ihrer fünfzig Jahre durchlebten Ehe in Eintönigkeit, die sich nach dem Tod Ihres Mannes fortsetzt. Liebste Marthe lassen Sie es zu, das ich Sie aus dem grauen Alltag entführe. Ohne Absprache mit Ihnen habe ich zwei Opernkarten besorgt und würde mich freuen, wenn Sie mich begleiten. Lassen Sie uns gemeinsam die Musik zum Barbier von Sevilla genießen und eventuell eine berauschende Erfahrung machen.
Liebste Marthe ich habe ein sicheres Gefühl, was uns beide betrifft. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht. Ob ich es erfahren werde?
Gestern habe ich mir die Frage gestellt, ob Menschen in unserem Alter noch Begehrlichkeiten haben dürfen. Ich sage ja. Ist Glück nur ein Privileg jüngerer Menschen? Ich weiß, dass sich Glück nicht festhalten lässt. Aber Sie liebe Marthe, möchte ich lange, sehr lange festhalten dürfen. Darf ich Sie überhaupt festhalten? Nehme ich Ihnen mit meinem Wunsch Freiheit? Verzeihen Sie mir liebe Marthe, wenn ich zu kühn vorgehe. Ich bin in solchen Dingen ungeübt. Mit achtzig noch einmal verliebt zu sein, stellt mich vor einer großen Herausforderung. Ob Sie mir helfen die wunderbare Aufgabe zu bewerkstelligen?
Liebe Marthe wir kennen uns heute auf den Tag siebenundzwanzig Tage. Eine verschwindend kurze Zeit, um zu wissen, wohin die Reise geht. Werden wir noch genügend Zeit haben, um all das, was es noch zu entdecken gibt aufzuspüren? Ich hoffe es.
Ich genieße es, Sie für mich entdeckt zu haben. Ich erlebe das Gefühl des verliebt seins. Oder ist es gar Liebe?
 
Liebste Marthe, ich liebe Sie. Lassen Sie mich wissen, ob Sie ähnlich fühlen.
 
All das, was ich Ihnen mit diesem Brief mitteile, braucht Zeit, verarbeitet zu werden. Selbstverständlich sollen Sie die Zeit bekommen, die Sie brauchen. Aber, liebste Marthe ich bitte Sie, mich nicht zu lange auf eine Antwort warten zu lassen. Obwohl dieser Brief noch gar nicht bei Ihnen ist, spüre ich schon jetzt eine strake Ungeduld. Ich weiß, dass Ungeduld ein schlechter Gärtner ist. Dass alles seine Zeit braucht. Das Pflanzen nicht schneller wachsen, wenn man an sie zieht. ALL das ist mir bekannt und vertraut. Aber in diesem besonderen Fall braucht mein Herz eine Antwort. Eine Antwort von Ihnen liebste Marthe.
 
Verzeihen Sie meine Offenheit.
 
In Freundschaft, nein in Liebe
Ihr                                                                                                   
Felix
 

Die französiche Autorin Noelle Chatelet hat den zauberhaften Roman "Die Klatschmohfrau" geschrieben. In diesem Roman wird ein Liebesbrief erwähnt, den Marthe, mit siebzig Jahren erhält. Es ist ihr erster Liebesbrief. Über den Breifinhalt erfährt der Leser nicht.
Ich hatte Lust diesen Liebensbrief zu schreiben und ihr könnt ihn lesen.
Manfred Bieschke-Behm, Anmerkung zur Geschichte

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