Michael Reißig

Der Fluch des gelben Engels

Gut gelaunt fährt der gertenschlanke Frank in seinem schmucken, silbergrauen Cabriolet schnurgerade aus.
In der Ferne thronen bereits die  schneebedeckten Massive jenes gelobten Landes, in denen die Milch und der Honig noch in Strömen von den Bergen hinab in die saftig grünen Täler  fließen.
Doch plötzlich landet ein gelbes, merkwürdiges Wesen, völlig unerwartet auf der ansonsten viel befahrenen Bundesstraße, die erstaunlicherweise wie ausgestorben wirkt.
Unmittelbar danach streckt dieses Wesen seine übermächtigen Flügel aus, die noch viel breiter und länger sind als die Flügel eines Straußes.
Einen Wimpernschlag nach der Landung dieser sagenumwobenen Gestalt, ist Frank völlig klar, dass es sich nur um einen Engel handeln kann, wenn auch „nur“ um einem Monsterengel.
„Auch noch das!“, flucht Frank mit schreckgeweiteten Augen, und drückt dabei voll auf''s Bremspedal. Während sich Frank fest ans Lenkrad klammert, kommt sein Wägelchen unter heftigem Quietschen zum Stehen.
Kurz nachdem er sich aus seinem hübschem Mini-Cabriolet gezwängt hat, schlägt ihm auch schon das gewohnt freundliche Lächeln aus dem Engelsgesicht entgegen. Doch Frank ist absolut nicht nach Lachen zumute, nicht mal ein hauchzartes Lächeln flutscht aus seinem herzförmigen Gesicht.
„Ich rate Ihnen dringlichst, hier nicht weiterzufahren!“, sagt der Engel hübsch lächelnd.
„Warum denn nicht?“, fragt Frank merklich erzürnt.
„Haben Sie noch nicht gehört, dass sich die Mehrheit dieses fröhlichen Bergvölkchens durchgerungen hat, keinen mehr reinzulassen. Die haben vielleicht vor, eine Mauer zu errichten und und werden möglicherweise sogar noch die Löcher aus ihrem leckerem Käse verbannen!“, fährt der gelbe Engel mächtig aufgewühlt fort.
„Was redest du denn für einen Käse! Niemand hat die Absicht eine Mauer zu errichten. Dir  übrigens, glaube ich nämlich nicht erst seit heute kein einziges Wort mehr – denn weil du mir diesen Bären aufgebunden hast, habe ich mir dieses Auto gekauft, das zuletzt, anstatt auf der Straße zu fahren,  nur noch durch die Werkstätten kutschiert worden ist!“
„Ich habe doch bloß mal einen Fehler gemacht. Das kann doch jedem Menschen mal passieren. Und selbst ein Engel ist nicht frei von Fehlern!“
„Du kannst mir mit noch so dummen Zeug den Mund fusselig reden – ich fahre  trotzdem! Ich bin nämlich absolut nicht mehr gewillt, mir für diesen erbärmlichen, lachhaften Euroschrott die Knochen hinhalten zu lassen, sondern als Träger des ehrwürdigen Namens Frank möchte ich endlich mal harte Fränklis verdienen, um mir meinen Stolz und meine Würde zurückzuerobern, den mir dieses miese Land in all den umsonst gelebten Jahren genommen hat!“
„Na dann fahren Sie eben! Sie werden bestimmt schon morgen wieder an mich denken!“
„Keinesfalls werde ich an dich denken!“ Mit erbostem Blick wendet sich Frank vom gelben Engel ab, knallt heftigst die Tür zu und braust hoffnungsfroh davon...

Frank übernachtet in einem spartanisch eingerichteten Hotel in den Bergen – fernab vom Glanz der edlen vier Sterne.
Dank Hahnes wildem Morgenschrei weckt Frank am ersten Tag seines Aufenthaltes im Reich seiner Träume sehr früh auf. Doch plötzlich bricht ein merkwürdiges Knacksen in Franks unzerbrechlichen Optimismus.
Ein Blick aus dem Fenster genügt: „Was ist denn das für eine gottverdammte Sch...!“, flucht er total verbiestert. Was ist geschehen? Die beiden Rückspiegel haben sich selbständig gemacht und auch die beiden Scheibenwischer haben das Weite gesucht.
Panisch wirft sich Frank – ohne einen einzigen Fränkli zu besitzen -  in seine teuren Klamotten.
Erschrocken betrachtet er das ganze Elend aus nächster Nähe. Doch keine Spur von einem gelben Engel.
„Was mach ich denn bloß?“, schwadroniert es im Kopf des edlen Glücksritters. Eigentlich hat der gerade mal dreißig Lenzen auf dem Buckel habende Koch sich noch heute fest vorgenommen, die Suche nach lukrativen Jobs in seinem Traumland zu starten. Und mit verdorbenem Brei und frischem Gammelfleisch kann er nun doch keinen zahlungskräftigen Gästen die mehr oder weniger angesäuerten Mägen sättigen. Stattdessen hat sich Frank jene Suppe Suppe eingebrockt, die er nun selbst auslöffeln, muss, ohne dies jemals geahnt zu haben.
Hätte er nicht doch lieber auf auf den gelben Engel hören sollen?
Völlig unerwartet dringen seltsame Laute in seine Membranen. Vielleicht ist es sogar der gelbe Engel, den schlagartig das Mitleid – trotz seiner aufrührerischen Worte – ergriffen hat?
Einen Wimpernschlag von Franks Cabriolet entfernt landet dieses bezaubernde Wesen butterweich.
Aber es ist nicht der gelbe Engel, den er vermutet, den er Hals über Kopf in sein Herz geschlossen hat. Es ist ein weißer Engel, der mindestens genauso hell glitzert wie der Schnee in den nahen Bergen.
Ohne „Grüezie zu sagen, entschlüpft es ihm mit der von ihm gewohnten glockenhellen Stimme:
„Mein guter Herr – ich weiß sehr wohl, weshalb dir dieses Unheil widerfahren ist. Ich habe ganze Scharen von toten gelben Engeln im Umfeld gesehen. Doch das ist längst noch nicht alles, was ich dir erzählen möchte. Die wollen keine Köche haben, die herzhafte Genießer mit versalzenen Suppen und verdorbenen Breien zum Aufbrausen bringen. Die suchen derzeit nur noch flotte Maurer, die keine linken Hände haben, die imstande sind,  in Rekordzeit eine unumstößliche Festungsmauer - die selbst ein Meer von Kerzen nicht so schnell zum Einstürzen bringen kann wie einst die Berliner Mauer -  in die unwägbaren Gebirgsketten zu schlagen.“
„Hätte  ich doch gestern bloß dem gelben Engel vertraut!“, fleht er ungezügelt laut und verdrückt dabei sogar ein paar Tränen.
„Welch ein Glück, dass du es nicht getan hast. Ich bin nämlich ein weißer Engel und unbescholten geblieben bin ich noch dazu, was man von den gelben Engeln nun nicht mehr behaupten kann. Die leisteten sich lediglich nur ein paar marginale Fehlerchen, wofür Gott allerdings keine Gnade fand.
Für Frank wirklich beruhigend? Wohl eher nicht.
„Ich habe schon Pferde vor der Apotheke kotzen gesehen!“, wettert der Gebrannte zweifelnd.
„Glaube es mir doch! Auf mich kannst du stets bauen! Ich bringe dich sofort nach Hause, in die „Sächsische Schweiz“. Da sucht man nämlich händeringend Fachkräfte, die sich  mit einem sensationellen Obolus von unter fünf Euro pro Stunde abfinden, die es nicht unmöglich finden, für jene Touristen, die sich, da sie alle sind Genossen, den begehrenswerten Eid auf Gott und auf ihr wunderschönes Fleckchen Erde geschworen haben, sich den Rücken krumm zu machen“, mahnt der Weise ihn gebührend.
„Bin ich denn wirklich der geeignete Mann der denen beim Braten die Hackfleischbällchen anschwärzen kann und der geradezu prädestiniert ist, passende Löcher in ihren Käse zu bohren?“
„Das will ich aber mal hoffen!“, tönt der Engel mit ehrfurchtsvoll ausgestreckten Flügeln.

Zu Beginn des Jahres 2014 sorgte jene Sorte von Engeln
für reichlich Schlagzeilen in den Medien, die mit den
herkömmlichen Engeln nicht viel gemein hat. Was alles
so passieren kann, wenn man einem vielgepriesenen Engel
nicht mehr das blinde Vertrauen schenken will, wird
diese heitere Geschichte mit sehr ernstem Hintergrund
nachhaltig beweisen...
Michael Reißig, Anmerkung zur Geschichte

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 19.02.2014. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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