Peter Jungfleisch

Tag 0

"Bleiben sie auf der Stelle stehen!" Die Empfangsdame, zu der die äußerst scharfe Stimme gehörte, sah genauso aus wie die weiblichen Schreckgespenster aus den frühen Heinz-Erhard-Filmen und sie wirkte auch mindestens so alt. Die Falten hatte sie mit einigen Dutzend Gramm Pampe überschmiert und die fette, schwarze Hornbrille auf ihrer übergroßen Nase gab dem Gesicht den eigentlichen Charakter. Ihre Brüste waren riesig und mit einer komplizierten textilen Hebevorrichtung, deren Umrisse sich durch die dunkelbraune Bluse als dicke Striemen abzeichneten, den Gesetzen der Schwerkraft entzogen. Sie zeigten wie zwei Torpedos auf das schüchtern wirkende kleine Männchen in dem grauen Anzug, der nun tatsächlich wie angewurzelt stehenblieb.
"Hier geht es zu den Studios, der Zutritt ist nur gestattet mit grünem oder rotem Paß," rief sie und kam hinter ihrem weißen, mit nichts außer einer winzigen Topfpflanze ausgestatteten Portierstresen vorgewatschelt. "Haben sie einen solchen Paß?"
Der Mann hatte seine erste Unsicherheit bald überwunden. "Nein, aber man hat mich hierher verwiesen, man sagte mir, daß hier immer die Talkmaster ihre Gäste..."
"Fünfter Stock, Zimmer 328, roter Paß!"
"Gute Frau, da war ich schon. Da war ich schon zwei Dutzend Mal." Entgegnete er in einer leisen, singenden Art. "Ich möchte ihnen ein Angebot machen, so von Mensch zu Mensch. Man sagte mir..."
"Sie möchten mir ein Angebot machen?"
Die Büroente schien nun offenbar interessiert! Die Dinge begannen gut zu laufen und die Schweißtropfen auf der Glatze des Antragstellers, die von einem ungepflegten Kranz von Kraushaaren eingefaßt war, begannen bereits wieder zu trocknen. Zuviel war die dürre Gestalt bereits in den langen, weißen Korridoren der Fernsehanstalt herumgeirrt. Stets verlacht und von Zimmer zu Zimmer geschickt hatten sich seine Nerven verbraucht. Gierig spähte er in einen dunkel gehaltenen, mit einem dezenten Teppichboden ausgelegten Gang. Ein darüber hängendes Schild mit der Aufschrift "Ruhe, Aufnahme!" und einem dicken roten Pfeil in dessen Mitte "Studios" geschrieben stand ließen ihm vor Aufregung das Blut mit Hochdruck durch die Adern schießen.

Bei den Menschen hier war es bereits ein Erfolg, wenn sie einem überhaupt zuhörten. Und so sprach er mit seiner schwächlichen Stimme: "Lassen sie mich in die Studios, bitte! Ich möchte mit den Regisseuren reden, nur fünf Minuten, bitte, bitte! Ich muß einfach wenigstens einmal in meinem Leben auf dem Bildschirm irgendwo mitmachen. Ich verspreche ihnen anständig, daß ich nichts kaputt machen werde und niemanden auf die Nerven falle. Ich weiß, daß sie strenge Vorschriften einhalten müssen, aber machen sie einmal eine Ausnahme, bitte!" Er faltete zur Untermalung der Dringlichkeit seines Anliegens jetzt gar die Hände und glotzte buttererweichend in ihre Augen.
Obwohl er den Eindruck hatte, daß sie ein bißchen gerührt war antwortete sie lediglich mit ihrer sonoren Beamtenelegie: "Sie müssen einen Antrag stellen! Schicken sie einen sauber formulierten Lebenslauf mit detaillierter Auflistung von Besonderheiten an den Mittleren Rundfunk. Irgendwann wird man sie zu einer Sendung laden."

"Der liegt bereits vor. Ich beherrsche 11 Spezialgebiete und kenne den Duden auswendig - ich habe schon alles versucht. Doch es passiert nichts! Es ist, als wäre ich es gar nicht wert, eine Rolle im Äther einzunehmen, nicht einmal für eine Straßenbefragung werde ich herangezogen. Ich frage sie, ist das gerecht bei 25 Jahren geduldigem Warten? Heute will ich es wissen, ich will da rein! Dazu... wissen sie, die ganze Welt wird jeden Tag aufgenommen und dokumentiert. Ich sehe ungeheuer viel fern, es ist, wie als ob man über den Erdball schwebt und alles sieht und hört. Das ganze Leben wird dadurch viel intensiver, im Gegensatz zu früheren Zeiten erfährt man heute doch das Glück, ganze Bataillone von Existenzen im Geiste anzureichern, bevor man letztendlich abtritt. Nur - ich komme irgendwie nicht darin vor. Mir ist, als ob ich selbst gar nicht existiere, weil ich nirgendwo aufgezeichnet bin. Das ist doch absurd, verstehen sie das?"
"Sie sind ja offensichtlich ein Spinner! Die ganzen Bänder, deren Inhalt sie jeden Tag auf dem Bildschirm sehen, werden kurze Zeit nach der Ausstrahlung wieder überspielt. Glauben sie, der Mittlere Rundfunk könne sich Millionen von Kilometern Videofilmbänder oder CD's leisten? Wir müssen jede Sekunde mehrfach nutzen! Das ist doch alles relativ, sie müssen Verstehen, daß das, was sie als Wirklichkeit ansehen in der Realität meist gar nicht existiert. Gehen sie wieder heim, sie sind nicht der erste hier," belehrte sie ihn und tätschelte mütterlich seine Schulter. "Gehen sie zu unserer sozialen Beratungsstelle und sehen sie, was man dort für sie machen kann. Die haben auch ihre Drähte zu den Moderatoren."
Auch sie nahm ihn überhaupt nicht Ernst!

"Ich habe nur noch wenig Zeit zu leben. Eine Berufskrankheit zerfrißt mir den Körper. Bald bin ich verschwunden in irgend einem Grab. Wenn ich im Fernsehen kommen würde, dann zöge ich mir ein Band, das ist dann ein Stück von mir, was mich überdauert. Ich will ja nur wenig berichten, irgendwas werden die da drin doch wissen wollen, was ich weiß. Oder Zufallskandidat. Setzen sie mich in ein Publikum und lassen sie mich Saalkandidat in einer Spielshow sein. So viele machen das jeden Tag, daß man sie kaum zählen kann, warum kann man nicht mal jemanden vorziehen, der dem Tode nahe ist? Mein ganzes Leben kommt mir sonst so sinnlos vor."
Sorgenfalten überfielen die Stirn der Alten, der Zuschauer schien fanatischer zu sein, als man es ihm anfangs hätte zutrauen können. Und wieder fing er an mit seiner weinerlichen Ode. "Es gibt so viel, was ich zu sagen hätte. Mein Beruf, meine Erfahrungen in der Dritten Welt auf meinen Urlaubsreisen - all das ist doch interessant. Ich weiß, daß ich nur ein unbedeutender einzelner Erdenbürger in einer Suppe von Milliarden bin. Daher wünsche ich mir in meiner Bescheidenheit auch nur eine kleine winzige Minute Sendezeit, nicht mehr. Es wird den Fernsehzuschauern gar nicht auffallen, daß ich da spreche. Bitte lassen sie mich rein!" flehte er.

"Sie, mir reicht es jetzt dann mit ihnen. Das ist ganz und gar unmöglich! Wenn da jeder kommen würde, dann wäre das am Ende die totale Reflexion der Gegenwart und damit der Zusammenbruch des mittleren Rundfunks. Wir können hier nur eine kleine Auswahl bringen und wenn sie jetzt nicht gehen, sehe ich mich leider gezwungen, den Sicherheitsdienst zu rufen. Da drinnen verläuft das ganze Geschehen streng nach Plan und sie stehen da nicht drin, hören sie? Warten sie, bis ihr Antrag bearbeitet ist."
Sie stand nun leicht breitbeinig vor ihm und wies mit lang ausgestrecktem Arm in einen der unzähligen und vollkommen gleichartig gestalteten Korridore. Ihr schwerer, goldener Armreif baumelte am Arm von der ruckartigen Bewegung in den peinlichen Sekunden eisernen Schweigens, die nun folgten.

"Aber das geht doch schon seit Jahren so, daß ich warte und warte und warte," kreischte der Mann plötzlich hysterisch. Er hatte seine Augen weit aufgerissen und ein kleiner weißer Spucktropfen hing an seinem Kinn. Aufgeregt spähte er immer wieder in den dunklen Gang hinein, der zu den Studios führen mußte. Die Sekretärin bekam es nun mit der Angst zu tun.
"Günther!" rief sie laut und erregt. Der kleine Mann peilte den Korridor genau an.
"Günther!" Sie schrie es nochmals heraus. Der kleine Mann tippelte los, fing an zu gehen und verschwand schließlich mit einem schnellen Spurt im Gang.
"Günther!" Die von den Stöckelschuhen hilflos gemachte Frau stakste auf diesen suchend umher und tatsächlich wälzte sich aus einem der anderen Gänge eine bullige Gestalt. Es war der Sicherheitsmann, in eine graublaue Uniform gehüllt. Er bewegte sich gemächlich auf den Korridor zum Studio zu, aus dem ein klatschendes Geräusch zu hören war. Und ein verzweifeltes Wutgeschrei:
"Was ist das für eine Wand? Ihr Bastarde, ihr habt den Gang ins Fernsehen zugemauert!"

Günther zog seine Waffe, ein elektrisches Gerät, drückte ab und von dem kleinen Mann in dem grauen Anzug blieb nichts übrig, als einige Blutflecken auf Wand und Boden. Mit dem Abfeuern wurde durch einen Funkimpuls sofort die Putzkolonne in Gang gesetzt, so daß auch dieses letzte Zeugnis des Eindringlings in den Räumen des mittleren Rundfunks sehr bald verschwinden würde.
"Schon wieder ein Runner, das ist der elfte heute morgen!" bemerkte er hinterher trocken. Seit Jahren steigerte sich der Andrang vor der vermeintlichen Studiotür, bald würde er allein der Lage gar nicht mehr Herr werden.
"Jedenfalls wäre es mir lieber, die Leute würden außerhalb des Rundfunkgebäudes abgefertigt, oder man würde ab und zu eine Ausnahme machen," fügte die Empfangsdame hinzu. Ihr paßte die Aufgabe, die man ihr vor ein paar Jahren zugewiesen hatte, überhaupt nicht.
Günther widersprach heftig: "Wenn wir den Zuschauern nachgeben steht das am Anfang einer totalen Reflexion der Gegenwart und das wäre dann das Ende des Mittleren Rundfunks - deinem Arbeitsplatz, das weißt du doch! Ich verzieh' mich, da kommt wieder wer."
Am Ende des Eingangskorridors war ein altes Mütterchen aufgetaucht.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 24.10.2001. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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