Meinhard Pahlke

Eine Weihnachtsgeschichte, unfreiwillig in der Taiga

~Eine Weihnachtsgeschichte

 
es gibt Ereignisse die vergisst man nicht so schnell und manche bleiben ein Leben lang haften, besonders dann, wenn sie sich an einem ungewöhnlichen Ort  am heiligen Abend ereignet haben. Dann gleichen sie an ein Wunder und in meinem Fall wurde das Wunder wahr, an einem Ort, wo eigentlich keine Wunder passieren, denn im russisch-mongolischen Grenzgebiet, inmitten der sibirischen Taiga scheint Gott die Welt vergessen zu haben und egal aus welcher Richtung man an dieser Grenzstation eintrifft kommt man aus dem Nichts und fährt in das Garnichts. Und dort, wo im weihnachtlichen Winter der Schnee meterhoch liegt, die Weite und Einsamkeit der Landschaft spürbar ist und man tagelang gehen muß um den nächsten Menschen zu sehen beginnt meine Geschichts weil es Dinge gibt die vorbestimmt sind. Und manchmal ist diese Vorbestimmung so stark, daß man sich nicht dagegen wehren kann obwohl es oft unmöglich erscheint, daß es passieren kann, denn wie hätte ich als Kind daran glauben können, daß mein Traum 50 Jahre später in Erfüllung gehen könnte und ich tatsächlich einmal im Transsibirien Express von Irkutsk am Bailkalsee nach Ulaanbaatar in die Mongolei fahren würde.
Ich war deshalb überglücklich und dem Schicksal dankbar, daß ich es erleben durfte in Irkutsk einem Auftrag für einen mongolischen Firmenchef zu erfüllen der mich nach Sibirien gesendet hatte um Differenzen zwischen der russisch-mongolischen Belegschaf seines Betriebes zu klären. Jetzt befand ich mich auf der Rückreise und stand bis zum letzten Tageslicht am Fenster um die vorbeizihende Landschaft mit den Augen aufzusaugen. Ansonsten versprach die Reise angenehm zu werden denn ich teilte das Schlafabteil mit drei hübschen mongolischen Studenten die ihre Semesterferien zu Hause in Ulaanbaatar verringen wollte. Die  Geschäftsleitung hatte es gut mit mir gemeint und mir eine ganze Plastiktüte voll Hoshuur, das sind in Fett ausgebackene mongolische Teigtaschen als Reiseproviant mitgegeben die meine Studentinnen mit Begeisterung aßen. Und so waren wir eine fröhliche Runde als wir in der Grenzstation eintrafen.
Die Grenzstation besteht aus einem kleinen schmucken Bahnhofsgebäude und die Reisenden haben nur die Möglichkeit die lange Zollprozedur zu überbrücken indem sie in einem notdürftig ausgestatteten Supermarkt Proviant und Vodka  kaufen ode sich auf einem mongolisch-russischen Basar hinter dem Bahnhof  mit billiger Bekleidung einzudecken.
Und dann , nachdem sich auch der letzte Reisende davon überzeugt hatte, daß es an diesem trostlosen Ort nichts Aufregendes zu sehen gab traf nach drei Stunden der mongolische Zoll zur Passkontrolle ein. Nichtsahnend zeigte ich meinen Passport und wunderte mich, daß der Beamte das Dokument erst lange und eingehend prüfte und mir dann zu verstehen gab, daß ich den Zug verlassen müßte und ihn folgen sollte. Ein Mißverständnis dachte ich noch und machte mir erst Gedanken als der Beamte mir vorhielt, daß mein Einreisevisa in die Mongolei ungültig sei. Ich war mir dessen nicht bewußt gewesen denn ich hatte ein ordnungsgemäßes Geschäftsvisa für drei Monate erhalten und musste nun mit Schrecken feststellen, daß die Mongolei jedes erteilte Visa für die Dauer von vier Wochen abwendet. Ich befand mich plötzlich und unerwartet in einer Situation, daß ich quasi im Niemandsland nicht mehr nach Russland zurück konnte weil das russische Visa ausgelaufen war und nicht in die Mongolei weiterfahren konnte weil das mongolische Visa nicht mehr galt.
Für Situationen besonderer Art verfügte ich über eine Telefonnummer der deutschen Botschaften in Moskau und Ulaanbatar für Notfälle. Aus diesem Grund sah ich die Lage noch nicht als bedrohlich an, denn ich hatte noch mongolisches Geld in der Tasche um ein Telefoonat mit der Botschaft zu führen.
" Und wo sind Sie jetzt ? " fragte mich ein Bediensteter der Botschaft im abweisenden Ton sodaß meine Freude sofort gedämpft wurde daß ich dort Jemanden erreicht hatte. " Ich bin hier nur für Notfälle zuständig " gab er mir zu verstehen und daß ich mich gedulden solle bis der Konsul nach den Feiertagen wieder erreichbar wäre.
Aber es gibt Dinge die sind vorbestimmt und es war Weihnachten und so gab es im Gegensatz zur deutschen Botschaft Beamte die menschlich waren und Mitgefühl hatten. " Haben Sie noch Geld " ? fragte mich der Zollbeamte und als ich antwortete daß ich noch Rubel besaß bot er sich an eine Kollegin zu verständigen die befugt war Visa zu erteilen. Sie wohne jedoch in einem anderen Ort und könne in zwei Stunden mit dem nächsten Zug hier sein um mir zu helfen. Ich gab zu bedenken daß der Zug abfahrbereit am Bahnsteig stehen würde und ob ich mein gesamtes Gepäck herausholen könne um auf die Zollbeamtin zu warten. Doch der Mann winkte nur ab und gab mir zu verstehen, daß ich mir um mein Gepäck keine Gedanken machen sollte, denn er würde den Zug so lange warten lassen bis die Kollegin eintreffen würde.
Als die Beamtin nach zwei Stunden eintraf kam es mir vor als wäre das Christkind gekommen um mir einen Wunsch zu erfüllen. Sie verzichtete darauf auf zwei Passbilder zu bestehen und stellte mir das Visa aus obwohl einige Rubel an Gebühren fehlten. Dann brachte sie mich persönlich zum wartenden Zug und reichte mir meinen Pass nachdem ich eingestiegen war. Unmittelbar darauf gab sie dem Lockführer den Befehl zur Abfahrt.
Ich werde dieses Feihnachtsfest im Jahr 2009 nie vergessen und mich immer daran erinnern, daß  in kalter Wildnes menschliche  Wärme den Frost  und die Einöde vergessen läßt .

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 25.02.2014. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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