Eisige Kälte frisst sich schon seit Stunden in meine Kleidung, während ich die Baumgrenze überschreite und immer höher in die Alpenregionen vordringe. Füsse und Hände fühlen sich taub an und nur leichte Schmerzen, hervorgerufen durch die Kälte, lassen mich hoffen, dass ich sie noch nicht ganz ans Eis verloren habe. Immer weiter führen mich meine Schritte und auch die Erschöpfung nistet sich langsam in den Gliedern ein. Überall seh ich nur noch Wolken und Abhänge, die immer steiler werden. Moosbewachsen, oder vereinzelt mit Grasbüscheln gekrönt, lachen mir einzelne Flecken zwischen den Felsen entgegen. Doch immer höher steige ich nun auf und auch diese letzten Lebenszeichen der Natur werden immer seltener. Schließlich kann ich nicht mehr und setze mich für einen Moment zwischen zwei große Steine.
Der Wind nimmt zu und dringt sogar in meine Kleidung ein. Als ich kurz die Augen schließe vernehme ich das Pfeifen des Windes, wie er durch Felsspalten und Steine fegt und dabei diese uralte Melodie erklingen lässt. Ich öffne meine Augen und erkenne Schneeflocken, die sich mit dem Gesang vermischen. Immer mehr hetzen über die steinige Oberfläche und bedecken langsam die kalten Steine um mich herum. Von den tiroler Dorfbewohnern viele Kilometer weit weg hörte ich einst, dass es hier in der Nähe eine Höhle geben soll, in der man sich vor Unwettern schützen kann. Wenn ich mich beeile schaffe ich es noch bevor der Sturm entgültig seine volle Stärke erreicht hat. Mit allen Kräften, die sich noch in meinem Körper befinden, bewege ich mich aus meinem Versteck und steige weiter auf um zu der Höhle zu gelangen. Nach einiger Zeit erkenne ich den Eingang in einigen Metern Entfernung. Der Sturm treibt mir die Tränen in die Augen. Die Schneeflocken sind nun alles andere als lieblich. Sie prallen unaufhörlich auf meine mittler Weile steifgefrorene Kleidung. Doch mein unbändiger Wille treibt mich immer weiter an. Immer weiter, schiebt sich mein Körper über die Felswand, immer weiter. Ein falscher Schritt und es geht Meterweit in die Tiefe. Doch für Todesängste, habe ich nun keine Zeit mehr. Es zählt einzig und allein der Gedanke an die Höhle und den Schutz, den sie mir verspricht.
Mit letzter Kraft ziehe ich mich auf den kleinen Felsvorsprung, der gleichzeitig der Eingang dieser Höhle darstellt, und schleppe mich in eine windgeschützte Ecke, in der ich langsam wieder ein wenig zu Bewusstsein komme. Ich reibe mir das Eis von den Augen und blicke in diesen undurchdringlichen Schneesturm. Nachdem ich etwas verschnauft habe zieh ich mich weiter in die Höhle zurück. Es ist so finster, dass ich mich voran tasten muss. Meine Finger berühren mehrere kleine Äste, die sicher nicht zufällig hier herumliegen. Doch bevor mir auch nur ein einziger, klarer Gedanken durch den Kopf schießt, höre ich hinter mir seltsame Geräusche. Als ich mich umdrehe erkenne ich einen Adler, der gerade auf dem Felsvorsprung gelandet ist. Er sieht mich durchdringend an und ich fühle mich fehl am Platz. Wie gelähmt bleibe ich in der seltsamen Kauerstellung in der ich den Adler erspähte und er kommt auf mich zu. Stolz streckt er seinen Kopf ohne mich auch nur eine Sekunde aus den Augen zu lassen. Doch er verhält sich still. Krächzt nicht und bedroht mich auch nicht, wie ich es von seinen Artgenossen gewohnt wäre, wenn ich in der Nähe ihrer Horste gesichtet worden wäre. Die Erschöpfung und die Müdigkeit übermannen mich almählich und ich kann meine Augen kaum noch offen halten. Auch der Adler merkt das und bleibt in einer Unterarmslänge vor mir auf dem Boden sitzen. Bis es schwarz wird, starren wir uns gegenseitig an. Ich vor Angst und er vor Neugier, so scheint es mir. Kurz bevor ich das Bewusstsein verliere spüre ich, das ich zu Hause bin. Kurz bevor es schwarz wird….
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 25.02.2014.
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