Jana Weiß

Träume aus Stein

Tausend Gerüche in der Luft, Grillen zirpen um die Wette und mir scheint, die Erde steht still. Aus der Ecke dringt ein verhaltenes Murmeln herüber zu mir. Es schwebt an meinen Ohren vorbei, will nicht eindringen in die Gedanken, nur erinnern, dass ich nicht alleine bin.
 
Ich habe es mir auf einer breiten Liege unter meinem Lieblingsbaum bequem gemacht, eine uralte Kirsche mit einem Stamm so dick, dass man ihn gar nicht umfassen kann. Seine knorrigen Äste breiten sich über mir aus. Ein grünes schützendes Dach, welches wohltuenden Schatten spendet und meinen erhitzten Körper kühlt. Weiche Kissen umfangen liebevoll mein müdes Haupt und das weiße Laken zum Zudecken ziehe ich ganz nah zu meinem Kinn heran, weil ich anders nicht schlafen kann. Süßes Blätterrauschen wiegt mich in den Mittagsschlaf. Nichts stört, nichts drückt, der Magen vom opulenten Essen gut gefüllt, ein Ort des Friedens. Meine Mutter tritt heran, streichelt mich zärtlich und wünscht mir einen schönen Traum. Ich lächle ein wenig und schließe zufrieden die Augen. Noch tanzen kleine Lichtfunken in rot, orange und gelb, durchdringen meine Lider, obwohl sie bereits fest verschlossen sind. Doch schon bald legt sich die Dunkelheit wie ein breites schwarzes Tuch um meine zarten Schultern, hüllt mich ein und trägt mich darin fort.
 
Die Landung ist etwas unsanft und nur mühsam rappele ich mich wieder auf. Wo ist mein schöner Traum geblieben? Wo die Süße der Nacht, das Schweben und Gleiten auf weißen Federwolken? Das sich Fallenlassen, ohne Schaden zu nehmen und Fliegen können, ohne Flügel zu haben? Ich habe die Orientierung verloren. Nichts an diesem Ort ist mir vertraut. Der Waldboden, auf dem ich stehe, ist sehr weich, mit Feuchtigkeit voll gesogen und gibt nach. Doch noch etwas anderes irritiert mich. Modriger Geruch schlägt mir entgegen, setzt sich fest in meiner Nase und meinen Mund. Ich schmecke Fäulnis und Gestank. Die Dunkelheit ist kaum noch zu ertragen. Stolpernd und hastig laufe ich dem einzigen Lichtpunkt entgegen, welcher in schier unerreichbarer Ferne auf mich wartet. Ich weiß nicht, wie lange ich brauchte, um endlich am Ziel anzukommen. Zeit spielt hier überhaupt keine Rolle.
 
Völlig außer Atem bleibe ich unvermittelt stehen. Erst jetzt bemerke ich meine eigene Barfüssigkeit. Verwundert blicke ich hinunter. Da sind keine brennenden Fußsohlen, keine knackenden Gelenke, kein geschwollener Zeh, obwohl ich in der Dunkelheit eine Wurzel übersah und unweigerlich zu Fall kam. Ich verspüre keinen Schmerz, sehe auf meine Füße und finde sie einfach nur schön. So jung, feingliedrig und unglaublich weiß.  Schon beginnt ein kraftvoller Lichtstrahl dicke Baumwipfel zu durchdringen, gibt einen kleinen Kreis frei, den ich betrete und aus dem ich nie wieder weg möchte. Hier ist es warm und hell. Kleine Staubkörnchen tanzen ihren Reigen um mich, aufgewirbelt von meinen Kleidern. Sie kommen genauso wenig zur Ruhe wie ich selbst. Nur langsam kann ich mich an das gleißende Licht gewöhnen, es umfängt mich mit all seiner Macht, schlägt einen Ring um meine Gestalt und hält mich fest in seinem Bann. Ich wage nicht aufzubrechen und in die Dunkelheit zurückzukehren. Kein Weg ist zu erkennen, weder links noch rechts, schon gar nicht geradeaus. Es gibt keinen Anfang und kein Ende. Der Verstand ist ausgeschaltet, nur Gefühle beherrschen mein Wesen. Sie purzeln wild durcheinander. Eine immer wiederkehrende Abfolge aus Angst und Freude, Ruhe und Hast, bunten Phantasien und schrecklichen Bildern. Für nichts kann ich mich wirklich entscheiden. Meine geblendeten Augen tasten das Umfeld ab, wollen den Mittelpunkt finden, um sich daran festzuhalten. Nur langsam löst sich der Schleier, wird schließlich fortgeweht von einem leichten, feinen Luftzug und gibt Raum für eine einzige Erkenntnis. Ich stehe vor meinem eigenen Grab. Kein Schreck fährt mir durch die Glieder, keine Unruhe und keine Angst. Ich fühle nichts, nur Ruhe.
 
Matt glänzt der Stein aus grauem Granit, feucht, verwittert und alt, die Schrift kaum zu entziffern. Mein Name in ehemals goldenen Lettern, geboren am…, es interessiert mich kaum. Hastig suchen meine Augen nach dem Sterbedatum. Im April kann ich lesen und das Jahrhundert auch. Nur die letzten beiden Zahlen sind verschwommen, wollen sich nicht zeigen und bedecken sich verschämt hinter feuchtem Moos. Ich greife danach, will das Störende beseitigen und gehe auf die Knie. Doch etwas hält mich zurück. Mein Arm ist so schwer, dass ich ihn nicht bewegen kann. Ich komme weder voran noch kann ihn zurückziehen. Meine Finger sind immer noch ausgestreckt, in einer völlig unnatürlichen Haltung und verwundert betrachte sie. Sie kommen mir fremd und unwirklich vor. So schlank und schön und makellos. Sind das wirklich meine? Noch während ich darüber nachdenke, hat sich eine dicke Nebelwand vor mir aufgebaut, verdeckt die Zahlen und damit die Sicht. Und umso mehr ich versuche, dieses Ungebilde aufzulösen, umso dicker wird der Nebel. Irgendwann gebe ich einfach auf. Meine Augen schmerzen vor Anstrengung, ich möchte sie öffnen und es gelingt mir auch sofort.
 
Bin ich in der Wirklichkeit, auf dieser Welt oder einer anderen? Mein Verstand kehrt nur langsam zurück, bahnt sich einen Weg in meinen Kopf und meine Glieder. Gesellt sich zu meinen Gefühlen, wird eins mit ihnen und ergibt eine völlige Handlungsunfähigkeit für den Moment. Leise Stimmen, die meine Liege erreichen. Meine Mutter, die noch immer mit meiner kleinen Tochter „Mensch ärgere dich nicht“ spielt. Im Nachbargarten regt sich das Gärtnerherz, legt Hand an und gräbt fleißig um. Die Mittagsruhe ist vorbei. Kein Lüftchen geht, es ist ein heißer Sommer und noch immer wölbt sich der blaue Himmel über mir, geschmückt mit kleinen weißen Federwolken. Vögel beginnen ein Lied anzustimmen und bringen mich mit ihrem liebevollen Gezwitscher unwiderrufbar in die Wirklichkeit zurück. Ich bin daheim!
 
 
 
 
 
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 06.03.2014. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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