Jacques Lupus

Alkersleben

Alkersleben
oder da wo meine Wiege stand


© copyright by Jacques Lupus
 

Sehr oft fuhr ich in all den Jahren meiner Außendiensttätigkeit die Strecke Erfurt-Stadtilm-Saalfeld. Nicht weit von der Kreisstadt Arnstadt liegt der kleine Ort Alkersleben.

Für mich war er in der Kindheit Inbegriff
von Urlaub und Abenteuer.

Meine Großmutter Magda stammte aus diesem Dorf.
Als siebtes Kind einer Bauersfamilie war kein Platz mehr für sie, und bereits im Alter von sechzehn Jahren kam sie in unser Heimatdorf Wundersleben, um auf dem Gutshof den Beruf einer Mamsel zu erlernen.
Noch heute denke ich daran, wie sie mit wenig Mitteln ein Mahl zaubern konnte, das immer meinen Geschmack fand.


Sie heiratete irgendwann meinen Großvater Albert,
dessen Vater Johann im 19. Jahrhundert unseren Bauernhof gekauft hatte. Die Geschichte nahm weiter seinen Lauf und unsere Familie wuchs heran.

Besonders in den Winterferien nahm mich mein Vater oft an der Hand.
Wir liefen zum Bahnhof im Nachbarort Straussfurt, fuhren mit der Reichsbahn nach Erfurt,
lösten eine Buskarte Richtung Stadtilm, verliessen am Kreuz den Bus und sahen schon im Tal das kleine Dorf Alkersleben. Wie oft durfte ich das erleben, wie schön waren besonders die Winterabende, als Onkel Paul von seinen Jagderlebnissen erzählte.


Am Hof lebte auch ein zahmes Reh.
Der Onkel hatte das Kitz von der Mutter verlassen vorgefunden. Mit dem Reh konnte ich stundenlang spielen!

"Warum hast Du es mit nach Hause genommen?"
fragte ich interessiert, und der Onkel kam ins Schwärmen.

Er erzählte oft stundenlang, und ich hörte geduldig zu.
 

Mein Vater trank den selbstgemachten Apfelwein, schmunzelte und zwinkerte mit seinen lebhaften Augen,
denn schnell ging das Erzählen des Onkels zum Jägerlatain über. Besonders die Geschichte mit dem Rasselbock kommt mir da in Erinnerung!


Onkel Paul war ein leidenschaftlicher Jäger. Einmal hatte er das seltene Glück, einen Rasselbock zu erlegen.
" Was ist ein Rasselbock?"
fragte ich, und schon begann seine Erzählung...


 

Besonders in harten Wintern, wenn viel Schnee auf den Feldern liegt, kommt es vor, daß die Natur etwas Sonderbares im vorthüringer Land hervor bringt. Es werden die seltenen Rasselböcke geboren.

Aufgrund des vielen Schnees stapfen die Rehböcke liebeshungrig daher, immer nach einer zarten Blume einer Artgenossin Ausschau haltend - Einladung zum Liebesspiel!
Die Rehe halten sich aber versteckt im nahen Tännerchen und träumen von grünen Wiesen und saftigen Gräsern. Dem Rehbock will es einfach nicht gelingen, ein Ziel ausfindig zu machen.
Da hoppelt doch tatsächlich ein Hase daher, das weiße Schwänzchen einladend zum Liebesspiel hoch gereckt.
Nun wird es ernst!
Der Rehbock nähert sich mit Übermut dem Häschen, ist dabei tief in den Schnee gesunken, und er deckt, diesmal artfremd, das unvorsichtige Häschen. Nach sieben Wochen, der Schnee ist längst von der Frühlingssonne weg geschleckt, heckt das Wildkaninchen den gezeugten Sproß.

Der Leser staunt sicher, wie auch ich staunte, als ich die Geschichte zum ersten Mal hörte:
Das Häschen wirft ein Hasenkind mit einem kleinen Geweih!
Zierlich zwar, aber wahrhaftig wächst dem Wildhasen ein Geweih.


Wer es nicht glaubt, sollte sich aufraffen und die Dorfwirtschaft in Alkersleben besuchen.
Die Trophäe eines geschossenen Rasselbockes hängt über dem Klavier, und noch heute erzählt mein Großcousin dazu die Geschichte, wie sein Großvater den Bock mitten ins Herz traf.

Meine Kinderjahre vergingen, und schon als gestandener Mann und Familienvater
zeigte ich natürlich meinen Kindern in der Wirtschaft des Ortes die Trophäe meines Großonkels,
und mein Großcousin Rainer erzählte ihnen die Geschichte vom Rasselbock, die auch ich unzählige Male gehört hatte.
Nahe Alkersleben liegt ein kleiner Flugplatz. In den Jahren des Sozialismus in Thüringen war er fast in Vergessenheit geraten.
Fliegen war nicht jedermann in der DDR erlaubt, da Republikflucht bestand!
Unglaublich, was die Betonköpfe alles für Spinnereien entwickelten und durch ständiges Mißtrauen die Bevölkerung terrorisierten.

Nach der Wende in Deutschland normalisierte sich alles wieder. Nun wo viele Freizeitsportler hier wieder ihre Segelflugzeuge starten und ihrem Hobby nachgehen dürfen, ist wieder Leben eingekehrt.

 

Ein Arbeitskollege und langjähriger Freund lud mich bei herrlichem Wetter zu einem Ausflug zum Alkerslebener Sportflugplatz ein.
Großtante Marie, die jüngste Schwester meiner Großmutter, war im letztem Winter im gesegnetem Alter von 95 Jahren für immer eingeschlafen.
Oft hatte ich sie besucht auf der Rückfahrt nach Erfurt; Blinker links gesetzt, 800 m mit dem Auto ins Tal hinein,
und die Freude der Großtante war stets sehr groß und Herzlichkeit breitete sich aus.
Wie oft war ich diesen Weg zusammen mit dem Vater gegangen. Nun war es ein Katzensprung für mich!
Regelmäßig hatte ich die Tante besucht; es war und ist noch heute ein Stück Heimat für mich.
Der Großmutter und ihren Schwestern habe ich ein kleines Denkmal gesetzt mit folgendem Gedicht.


 

Der Schlaf

Großmutter Magda hatte so ihre
tägliche Weisheiten an den Mann
zu bringen. Sie lehrte mich die
Namen der fünf Erdteile,
das Weinbrauen,
die Kochkunst und vieles
andere mehr. Sie war eine
begnadete, für mich schon
heilige, Frau!

Noch heute habe ich
den Duft ihrer selbstgebackenen
Pfanne mit Trockenpflaumen oder
den Geruch von Sauerkraut und
Gurken in der Nase.

" Was ist das Süßeste im Leben?"
fragt sie mich:

" Das Süßeste im Leben ist der Schlaf! "
 

Alkersleben zieht mich stets und immer magisch an! Ich nahm die Einladung an.
" Ich habe eine Überraschung für Dich!" wurde mir noch mitgeteilt, und unser Ausflug nahm seinen Lauf.
" Komm, wir schauen uns mal ein Segelflugzeug von innen an!" erklärte mir Wilfried.
Ich konnte es kaum glauben. Zum ersten Mal in meinem Leben saß ich in einem Doppelsitzer!
Ich schaute zu, wie sich mein Freund anschnallte. " Das würde ich an deiner Stelle auch tun!" bat er mich.

Er hatte das Flugzeug gemietet! "Meinen Flugschein habe ich auch," teilte er mir mit.
" Und für alle Fälle: Links ist die Spucktüte!" hörte ich noch, und ab ging es. Ein Seilwinde schleppte uns an, kurz darauf waren wir in der Luft.
Kein Knattern, kein Quietschen , kein Schalten und kein Rollen über Schwellen und Kanten. Nur das Sausen der Schwingen und das sirrende Pochen des Steigungsanzeigers: 3m/s .


Wilfried freut sich über meine Begeisterung für das Steigen, Kurven, Gleiten und Schweben. Zusammen waren wir in die Berge geklettert, viele Km Wanderung lagen hinter uns. Aus den verschiedensten Perspektiven war ich gewohnt, Landschaften zu entdecken.
Weil ich Erfurt und seine Umgebung gut kenne, konnte ich genau verfolgen, wo wir gerade waren.
Da lag die feste Wachsenburg, Vorreiter zum Thüringer Wald.


 

Da war der Stausee von Hohenfelden, wo die weissen Segel der kleinen Boote wie Spielzeug erschienen, die weiten Wälder, Weiden und frisch gemähten Wiesen, die ganzen Orte mit den Spielzeugautos, rundherum am Horizont immer wieder der Thüringer Wald.
Plötzlich überkam mich die Erinnerung an meine erste große Liebe.
Mit dem Fahrrad waren wir viele Stunden unterwegs; und auf einem kleinen Hügel in den Thüringer Bergen machten wir die erste Rast.
Schweigend und verträumt schauten wir in die Ferne; dann warf Christina einen raschen Blick zu meinem Hals, der sie wohl vom ersten Moment unseres Kennenlernen anzog. Noch lehnte sie sich nicht an mich, doch da war eine Kraft außerhalb ihres Wesens, die sie näher an mich schob.
Schließlich berührte ihre Schulter die meine, so leicht wie ein Schmetterling eine Blüte berührt, und so leicht war auch mein Gegendruck.
Nun hätte sie sich zurück ziehen müssen, doch sie schien zu einem Automaten geworden zu sein. Was sie tat, unterlag nicht mehr ihrem Willen.
Es war ein köstlicher Wahnsinn, der sie unabdingbar beherrschte!
Mein Arm stahl sich um ihren Rücken. Sie wußte nicht, worauf sie wartete, doch es war ein himmlisches Warten.
Der Arm schob sich höher, zog sie näher an meinen Körper, langsam und zärtlich. Mit einem Seufzer ergab sie sich meiner Berührung.
Ihr Kopf lag an meiner behaarten Brust. Mein Kopf neigte sich, und ihre Lippen trafen die meinen!
" Das muß wohl Liebe sein?" dachte sie. " Und wenn es nicht Liebe wäre, was sollte es dann sein!"
Sie liebte mich, der seine Lippen auf die ihren drückte....

Unsere Hände verschlangen sich in einer unendlichen Berührung! Mein Hals, sonnengebräunt, strahlte Geborgenheit und Kraft aus
und zog wie ein Magnet ihren Körper an. Es war ein so erlesenes, göttliches Gefühl, daß sie leise stöhnte
und in meinen Armen die Besinnung verlor.
Lange fanden wir keine Worte, viele Male küßten wir uns und schmiegten unsere Körper ineinander.
Die Schönheit der Landschaft sahen wir wie einen goldenen Nebel.
" Seit wann liebst du mich?" fragte sie mich.
"Seit ich zum ersten Mal deine Stimme hörte, seit ich dich zum ersten mal dein Lachen genoß," war meine Antwort.
" Ich bin wahnsinnig vor Glück!"
" Ich bin froh deine Frau zu sein!" gestand mir Christina, ihrer gewonnenen Liebe.
" Ich wußte es von Anfang an. Nie hätte ich es glauben können, das mein Traum, deine Liebste zu sein, in Erfüllung gehen würde....."

Wie lange war es her, dass ich dieses Gefühl erleben durfte?
Unser Kurs mit dem Flugzeug ging Richtung Westen. Die Orientierung hatten wir an der Autobahn A4 . War das schon die Wartburg? Majestätisch wie seit Jahrhunderten grüßte sie von unten herauf! Ich hatte das Gefühl, ein Burgfest beobachten zu können, wo Walter von der Vogelweide seinen Minnegesang preis gab.

Mit einer leichten Neigung ging es weiter nach Südwest Richtung Fulda. Wir verließen das Thüringer Land. Weit unten grüßten uns die Wälder der Rhön!
Fulda ließ Wilfried südwestlich liegen, und wir näherten uns dem Vogelsberg.
Inzwischen gute 1400 m hoch verloren wir doch an Höhe. Am Vogelsberg versprach sich Wilfried eine gute Thermik, die dann auch prompt einsetzte.
Ich betrachte das Gebiet und mußte an meinen Frankfurter Freund Gunnar Ehret denken, der als Kind aus dem Sudetenland vertrieben, hier seine zweite Heimat fand und seine Kinderjahre verbrachte, ehe er dann mit seiner Familie aus Gründen von Arbeitsmangel nach Frankfurt am Main zog. Gerade in den Wendejahren hatte er mir geholfen, auf die Beine zu kommen und die Gesetze der Marktwirtschaft zu begreifen.
Natürlich habe ich auch eine Geschichte geschrieben, die ich dem Leser hier nicht vorenthalten möchte.


Der Marketingmann

" Präg dir bitte ein : Ehret den Herren !" war sein Sagen , als wir uns das letzte Mal sahen.
So vergißt du meinen Namen nicht.
Dann verschwand er aus meinen Blickfeld für immer.
Gunnar Ehret hatte es als Jungen der Nachkriegszeit aus dem ehemaligen Osten Deutschlands als Vertriebenen aus dem Sudetenland in das Gebiet des Vogelberges im schönen Hessenland verschlagen. Deutschland war von den Alliierten neu geordnet worden.
Mit der Arbeit des Vaters klappte es nicht so recht, und so zog die Familie weiter nach Frankfurt am Main. Hier war die Familie endlich wieder zur Ruhe gekommen.
Der Wohlstand, der im Westen Deutschlands durch den wirtschaftlichen Aufschwung nicht ausblieb, hatte auch bei Familie Ehret nicht halt gemacht. Ein kleines Reihenhäuschen war im Besitz der Familie, zwei Stammhalter sorgten dafür, daß die Familie eine Familie blieb und insgesamt hatten alle Familienmitglieder ihr Herz auf der richtigen Stelle.
Auch mein Freund Gunner Ehret !

Ich war zu jener Zeit, als wir uns kennen lernten, Servicetechniker beim PC Service AG des Serviceunternehmen Techknow GmbH Niederlassung Behring im wiedervereinigten Deutschland. Meine Aufgabe war es vor allem Büro- und Kassensysteme zu reparieren.
Unternehmen wie Woolworth, Andre-Schuhland, Deichmannschuhe und andere arbeiteten damals noch mit recht alten Kassensystemen.
Speziell war es das System 368x, das mir immer wieder Kopfzerbrechen machte. Es war selbst für uns Ostdeutsche total überaltert, obwohl wir nicht gerade verwöhnt waren.
Eine Kassenaufsicht vom Unternehmen Woolworth Kleinerichen hatte mir tüchtig zugesetzt:
Frau Großberlin hatte auf einem externen Diskettenlaufwerk immer wieder unkompatible Disketten erstellt. Ich hatte Kassen repariert, die gar nicht defekt waren .Diesem Wahnwitz, eingeleitet durch das veraltete System, war ich erlegen und hatte bei meinem damaligen Vorgesetzten schlechte Karten!

Bei ihm galt ich seitdem als unfähig und ahnungslos; war seines Erachtens nicht dazu in der Lage, Workstation zu reparieren.

Die PC Service AG löste dies aber anders, indem sie Hilfestellung gab.

Gunnar Ehret von der PC Service AG kam, sah und siegte! Allein durch sein charmantes, freundliches Auftreten hatte er schon die Filialleitungen auf seiner Seite, und mit Hilfe eines ordentlichen Ersatzteilstockes im Auto und trainierten Geschickes war es ihm stets möglich, das Kassensystem wieder instand setzen zu können.

Ich stand neben ihm!

Nun war unsere Herkunft und Ausbildung nicht etwa gleich abgelaufen.
Gunner hatte sich typisch westdeutsch , ich mich typisch ostdeutsch entwickelt.

Gunnar war aus meine Sicht sehr anpassungsfähig. Als junger Mann hatte er den Beruf eines Friseurs erlernt. Zusammen mit seiner Frau Kathrin, die auch vom Fach kam, führte er ein kleines Friseurgeschäft im Hessenland. Es lief schlecht und recht.

Eine Hautallergie zwang ihn zu einer Umschulung! Er schulte zum Lagerfacharbeiter um, und hatte wieder das Glück auf seiner Seite.
Die PC Service AG suchte für das gerade neu eröffnete Zentrallager in Frankfurt Fachkräfte:
Gunnar Ehret war mit von der Partie! Und genau hier begann eine typisch westdeutsche Laufbahn eines leistungs- und anpassungsfähigen Angestellten, die durch den wirtschaftlichen Aufschwung in der Nachkriegszeit in Westdeutschland möglich werden konnte. Es waren keine Diplome gefordert, es war auch nicht nötig Abitur, Studium oder andere Karrierewege einzuschlagen. Das richtige Wissen zur rechten Zeit waren gefragt!
Gunnar hatte dieses Wissen. Er war anpassungsfähig und clever genug, zur rechten Zeit genau das Richtige zu tun.

Wie gesagt: Unsere Wege liefen typisch ab. Jeder auf seiner Seite. Ich war fern jeden Stresses wohlbehütet in einer kleinbürgerlichen Familie aufgewachsen.
Selbstverständlich besuchte ich die Schule bis hin zum Abitur, legte an der Ingenieurhochschule Dresden mein Diplom ab.
Was nützte mir aber all dieser Glanz in der freien Marktwirtschaft, wo ich plötzlich meinen Lebensunterhalt verdienen mußte. Alles war nur Schall und Rauch !

Gott sei Dank lernte ich Gunnar kennen. Oft erledigten wir gemeinsam Arbeitsaufträge.
Er genoß es, mich auszubilden und mir unbewußt den Unterschied zwischen Ost- und Westdeutschland beizubringen. Viel wurde mir gerade in dieser Zeit klar!
Das fest gefahrene, völlig veraltete Wirtschaftssystem der DDR hatte sich bis hin zu uns wie ein Krebsgeschwür ausgebreitet. Nie im Leben hatten wir eine Chance des wirtschaftlichen Bestehens auf einem offenen Weltmarkt.

Bei der Arbeit wurden wir Freunde : Gunnar, der gelernte Friseur, umgeschulte Lagerfacharbeiter und hochgearbeitete Marketingmann; ich die qualifizierte Fachkraft für Großrechensysteme von einst, herunter gefahren zum Workstationspezialist von heute.
Wirklich zwei typische Laufbahnen im wiedervereinigten Deutschland!

In meiner Erinnerung lebt Gunnar als guter Freund fort, da er mir Wichtiges lehrte und beibrachte.
Im wahren Leben geht es nicht darum irgendwelche Abschlüsse nachzuweisen.
Im Leben zählt genau die Leistung, die gerade in dem Moment erbracht werden muß, wenn diese gefordert wird. Und wenn es die Leistung eines Servicetechnikers für Workstation ist.

Nun gut, der Leser möge meine Polemik entschuldigen. Zurück zu unserer Geschichte mit dem Segelflugzeug!

" Wollen wir einen Looping fliegen?" wurde ich gefragt! Ich zögerte noch etwas, denn wegen der Erfahrungen der letzten Jahre mit all den Schmerzen der Coxarthrose neigte ich oft zur Vorsicht. Doch dann sagte ich mir laut: " JA!"
Wir stürzen senkrecht hinab auf die Wälder zu, als wollten wir zwischen die tiefen Baumspitzen fliegen. Alles war dunkelgrün, bis der Bogen unter meinen Füßen begann und mich die Zentrifugalkraft in das Fallschirmpolster preßte. Der Horizont war wieder da, aber nur für einen kurzen Augenblick, denn er versank sofort unter dem Rand meiner Brille.
Ich hatte nur blauen Himmel und zwei Wolken unter mir. Mein Körper fiel im Sitzen ganz bequem durch die Luft, die gewellte grüne Linie erschien wieder, aber nun auf dem Kopf, da es wieder hinab auf die Bäume zu ging. Und da war schon alles normal: Unten grün, oben blau; wir in unserem weißen Segelflugzeug ordentlich dazwischen!
Welche Gefühle durchströmten meinen Körper. Immer noch nicht hatte ich das Erlebnis so recht verdaut. In einem angenehmen ruhigen Rückflug erholte ich mich aber erst einmal, und sanft landeten wir auf dem Alkerslebener Sportflugplatz.
Als ich meiner Familie die ganzen Ereignisse schilderte, wollte mir keiner so recht glauben schenken. In mir blieb aber das Erlebnis tief haften.


Drei Wochen später bekam ich wieder eine Einladung zu einem Flug mit dem Segelflugzeug! Diesmal bereitete ich mich jedoch moralisch besser auf den Event vor.
Geplant war diesmal ein Langstreckenflug. Richtung Westen sollte es wieder über den Vogelsberg Richtung Deutsches Eck im schönen Rheingau gehen. Später sollte es dann Richtung Sauerland gehen.
Ich sagte sofort zu, mit der Gewissheit, einen guten Piloten als Freund zu haben.

Wieder zog uns die Seilwinde in luftige Höhen, wieder zirkelte Wilfried das aus Kunststoff gebaute Flugzeug weiter in die Höhe.
Wir waren um 12 Uhr gestartet. Diesmal bekam ich sogar eine Aufgabe zugeteilt:
Ich mußte den Luftraum beobachten!
Vorerst kamen wir gut voran, aber plötzlich fiel der Höhenmesser aus Gründen, die ich nicht verstand. Ich hatte das Gefühl, daß Wilfried eine Wiese suchte, um dort notzulanden. Plötzlich entdeckte Wilfried ein Industriegebiet. er steuerte darauf zu, und über den Dächern fanden wir die nötige Thermik und stiegen wieder.
Auf einer Fliegerkarte mußte ich trotzdem aus Sicherheitsgründen einen Flugplatz ausmachen für alle Fälle. Trotzdem waren wir gut voran gekommen!
Die Fliegerkarte zeigte auch den Flugplatz Siegerland. In der Nähe wohnt heute mein Sohn Sascha.
Unter uns drehten sich die Rotorblätter eines Hubschraubers. Eine gut einsetzende Thermik gab uns jedoch den Mut, unseren Langstreckenflug nicht abzubrechen.


 

Weiter ging es südwestlich. Rechts vor uns lag der Westerwald. Unzählige Windräder standen unter uns.
Bei jetzt leichtem Nordwind sah es von oben hübsch aus, wie sie sich drehten.
Wieder sanken wir, verloren wesentlich an Höhe. Ich überlegte, ob wir wohl zwischen den vielen Karpfenteichen, die gut zu sehen waren, landen könnten.
Wieder bewies Wilfried ein weiteres Mal seine exzellenten Flugkünste.
Und da war auch schon der "Bart" zwischen den Wolken, der uns in unzähligen Runden wieder nach oben brachte. Vor uns wurde es dunkel, während der Nordwesten klar und hell zu sein schien
und damit Wärme und Thermik versprach.


 

Gegen zwei Uhr, der Laie würde sagen: " Vorne Rechts!", tauchte die Autobahn bei Montabauer auf und wenig später der erste schimmernde Bogen des Rheines.
Ich überdachte, daß ich mit meinem Spracherkennungsprogramm meines Laptops einen Flugbericht diktieren konnte, was ich dann auch tat.

Wilfried änderte seinen Plan und steuerte das westliche Rheinland an.

Über Koblenz neigte er die rechte Tragfläche, und ich fotografierte das Deutsche Eck zum Beweis unserer vorüberfliegenden Anwesenheit, und während wir über den Weinbergen der Mosel, die eine gute Thermik lieferten, kreisten, funkte Wilfried den Flugplatz unter uns an und unterhielt sich mit dem Towerpersonal. Offenbar waren sie schon gut bekannt miteinander!
Ich konzentrierte mich auf Burg Eltz und auf ein unter uns fliegendes schnittiges Segelflugzeug, Kennung ASK 21 - D 8801, mit an den Tragflächen hochgewinkelten Enden. Wir flogen mit 80 Kmh und ca. 2-3 m/s Steigung.
Plötzlich war das andere Flugzeug neben uns, dann über uns, und es entschwand schnell. Wilfried erklärte mir, es habe 27 m Spannweite, auch eine Menge über Gleitzahlen, was ich aber nicht verstand. Auch möchte ich an dieser Stelle niemanden langweilen. Wir bogen Richtung Norden ab. Ich erkannte die Schieferbrüche und Krater der Eifel und die rot und weiß gemusterten Säume grüner Kornfelder: Mohn und Kamille!
Im Gleitflug 140 Km ging es weiter.
Zwei Tornados kamen uns entgegen. Sie blieben aber ausreichend tief unter uns, geräuschlos.

Die nächste Wolke vor uns; wir stiegen und stiegen mit 45 Grad Neigung.
Meine Füße waren längst eingeschlafen. Über drei Stunden waren wir nun schon in der Luft.
Wilfried steuerte konzentriert das Flugzeug und aß dabei in aller Ruhe einen Apfel.

Wir überquerten den Nürburgring, sahen das kleine Dorf Adenau. Westlich der Rurtalsperre liegt ein Sperrgebiet über militärischem Gelände, das Wilfried sorgfältig mied.


 

Ich identifiziere die Eifelstädtchen; erst Düren, dann Stolberg, und ich mache Wilfried auf den Aachener Dom aufmerksam,
aber er fotografiert einen Flugplatz.
Da war auch das Kraftwerk Eschweiler, dessen Thermik er verbotener Weise ausnützte!
Unser Flugzeug wurde schräg nach oben gerissen, und es fiel im gleichen Atemzug wie ein Stein nach unten, daß mein Kopf gegen die Haube aus Plexiglas knallte. Aber am Schluß waren wir der Sieger. Wir waren wieder ganz oben! Der nächste Gleitflug begann.
Kurz nordöstlich, wir mußten hier den 8 Km schmalen Luftkorridor zwischen den der Zivilluftfahrt vorbehaltenen SPERRGEBIET Köln Düsseldorf erreichen, um über den Rhein zu kommen. Also überflogen wir die Kernforschungsanlage Jülich, den Braunkohletagebau Garzweiler, das Kraftwerk Bergheim, das uns wieder sanft nach oben bringt.
Wilfried schraubt das Flugzeug noch einmal höher, um schließlich im Gleitfflug Höhe Dormagen die Kaltluftzone des Rheines zu überwinden.
Das Bergische Land hielt uns lange fest, und es war verdammt spät geworden. Die Sonne hing hinter westlichen Dunst!
Wir hangelten uns von Segelflugplatz zu Segelflugplatz; plötzlich vor uns ein Schwarm Schwalben.
Wilfried hinter her. Wir gewannen an Höhe.
Auf 900 m angekommen, entschied sich Wilfried doch endlich zu landen. Wir glitten in einem Zug östlich am Ebbegebirge entlang,
die Sonne im Rücken, die schönen Wälder und kleinen Dörfer des Kreises Olpe unter uns, einem kleinen Flugplatz entgegen.

Wie lange hatte ich nichts gegessen, getrunken.
Ich fühlte mich immer noch im Rausch.
Nach der Landung erwärmten sich meine Füße nur langsam; ich hatte wieder unsere Mutter Erde erreicht.


 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 09.03.2014. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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