Jacques Lupus

Das zweite Stück Sahnetorte

 

Das zweite Stück Sahnetorte
oder der Kuß mit Siebzehn


© Jacques Lupus


Oft muß ich an meine Kindheit zurück denken.
Ich entstamme einer Bauersfamilie, wo durch harte tägliche Arbeit der kleine Wohlstand erarbeitete wurde.
Der Wohlstand bestand aus einem eigenen Bett, gefüllten Mägen und hin und wieder ein wenig Ablenkung durch diesen oder jenen Besuch
in den Abendstunden aus der Nachbarschaft oder der Verwandtschaft, die nur 10 km entfernt aus dem Geburtsort meiner Mutter anreiste.
Dann konnte es richtig gemütlich werden. Es wurde flugs eine Flasche Wein vom Selbstgemachten aus dem Keller geholt,
ein Eigelb wurde mit Zucker zu einem süßen Brei angerührt, oder es gab deftiges Essen für die Männer und Kuchen für die Frauen und uns Kinder.
Wir Kinder genossen das in vollen Zügen, denn meistens ging es rauh zu Hause zu. Das gemütliche Miteinander war eher die Ausnahme.

Mein Geburtstag fällt in den Spätsommer, gerade die Zeit, wo die Ernte auf Hochtouren läuft.
Zusammen mit den Schulkameraden, die auch meine Freunde waren, ging es regelmäßig auf den Sportplatz
oder auf Abenteuerkurs in die unmittelbare Umgebung meines Heimatdorfes, das wunderschön mitten im Thüringer Becken liegt.
Hier galt es den gelesenen Indianerroman " Der letzte Mohikaner" nachzuempfinden, oder eigene Abenteuer zu entdecken.
Es wurde das Baumhaus gebaut, der Bunker unter die Erde ausgehoben oder die Schilfrohrhütte gebaut.
Wir organisierten uns professionell, die Stunden der Kindheit sind mir unvergessen im Bewußtsein geblieben.
Mein Freund Jürgen war der Sohn des Bäckermeisters des Dorfes.
Seine Familie lebte schon einen Wohlstand, den ich von zu Hause sehr selten kennen lernen durfte.
Sie zählten sich zu den wohl besseren Leuten im Ort.
An seine Geburtstagen war ich natürlich eingeladen, obwohl wir beide wußten, daß ich die Einladung nicht entgegnen könnte.
Einmal aus Zeitgründen meiner Familie, die die Frucht vom Acker holte, oder aus Gründen der Sparsamkeit.
Am Jahresende mußten alle möglichen Rechnungen bezahlt werden, die Wirtschaft war das Wichtigste, was die Planung der Wirtschaft anbetraf.
So vergingen die Jahre!
Wieder hatte Jürgen Geburtstag. Wieder war ich sein Gast.
Mitten auf dem Tisch stand eine riesige Torte aus Kuchen, Buttercreme und Sahne.
Schon allein der Blick auf die Torte ließ mir das Wasser im Munde zusammen laufen.
Brav setzte ich mich in die Runde und empfing das mir zugedachte Stück Sahnetorte.
Ohne Mühe aß ich es in einer ungeheuren Geschwindigkeit ohne jeglichen Restkrümel auf, und ich bat um das nächste Stück Torte.
" Jürgen hat aber noch mehr Gäste, außer dich!" war die Antwort seine Mutter und entsagte mir streng den Zuschlag.
Voller Scham zog ich mich noch in der gleichen Stunde zurück und erzählte natürlich zu Hause kein Wort über den Vorfall.
Mit Sicherheit hätte es Schelte der Mutter gesetzt, die als Stammkundin natürlich beim Bäcker das nötige Brot und noch diese und jene Waren des täglichen Bedarfes einholte.

Aber es hatte sich doch seit jenem Vorfall etwas geändert! Stets bekam ich zu meinem Geburtstag eine eigene Buttercremetorte.
Also kannte meine Mutter den Vorfall und hatte mir auf ihre eigenste Art und Weise ihre Liebe zu uns Kindern mitgeteilt.

Die Jahre der Kindheit sind wie gesagt gut in meiner Erinnerung geblieben und vergingen wie im Fluge.
Inzwischen war ich Schüler der Erweiterten Oberschule in Wenigenauma. und hatte mein Pubertätsalter bereits hinter mich gebracht.
Der Großvater hatte mir ein eigenes Moped gekauft, mit dem ich bei jedem Wetter zur sechs km entfernten Schule fuhr.
Inzwischen hatte ich bedingt durch die andere Schule auch viele neuen Freund, mit denen ich oft auch die Freizeit verbrachte,
sei es nun bei Ausflügen mit dem Fahrrad in das schöne Thüringer Land, oder bei den vielen Schülerbällen im Kreiskulturhaus der kleinen Stadt Wenigenauma.

Zu Hause war ein kleiner Wohlstand eingetreten. Der Vater hatte nach schwerer Krankheit den Beruf des Landwirtes an den Nagel gehängt
und ging nach seiner Genesung in das nahe Büromaschinenwerk arbeiten.
Er war geschickt, Arbeitskräfte wurden dringend gebraucht, und so war endlich auch Zeit und Möglichkeit genug,
die Geburtstage zu feiern; auch den meinigen!

Ich war im siebzehnten Lebensjahr, und die Eltern hatten mir erlaubt, Freunde einzuladen.

Mit großer Freude bereitete ich mit Hilfe der Mutter die Party vor!
Es war an einem Sonntag Anfang September im Jahr 1978.
Am Abend zuvor hatten wir uns zu einem unserer schönen Schülerbälle versammelt und nach der Musik von Dire Strait getanzt.
Ein ansässige Kapelle war auf diese Musik spezialisiert und sorgte stets für volle Tanzsäle.

Ich war mittendrin!
An diesem Abend hatte ich besonders viel mit Maria getanzt.
Sie war ein recht hübsches Mädchen. Ihre dunkelen Haare trug sie elegant lang geschnitten, wellig adrett auf ihre Schultern fallend.

Und wieder einmal hatte ich mich verliebt, wie so oft in den Jahren der Sechziger.
Viele Runden tanzten wir, auch zur berühmten Abschlußrunde, wo es noch einmal galt, die Körper eng aneinander zu schmiegen
zur passenden Tanzmusik.

Wie war ich verliebt.

Bei unseren Mädchen galt ich als der Draufgänger.
Mir wurden alle mögliche üblen Schlechtigkeiten nachgesagt, was andererseits wohl die beste Werbung für mich war.
Ich hatte nie das Problem, ein Mädchen zum nächsten Tanz einzuladen, sie auf der nächsten besten Parkbank in die Arme zu nehmen und zu küssen.
Im Gegenteil; noch heute ist die Erinnerung daran recht schön, wenn ich auch oft die Namen der Angebeteten längst vergessen habe.
Wir waren jung und haben genau das in vollen Zügen genossen!

Am Vorabend meines siebzehnte Geburtstages hatte ich mich in Maria bei Gitarrenmusik verliebt. Auch sie war zu meiner Party eingeladen.

Maria war in Großleubertsdorf zu Hause, das sogar eine kleine Bahnstation hatte.
Nach dem Tanzabend gingen wir Hand in Hand zum Bahnhof und schwärmten von der schönen Gitarrenmusik.
Der Spätsommerabend war lauwarm, ein leichtes Lüftchen wehte von Südost und sorgte für Wohlsein.
Die Straßenlaternen gaben die Romantik zum Verliebtsein wider.

Der Zug fuhr ein, und natürlich kam endlich der Augenblick des zärtlichen Abschiedkusses.
Maria war ein sehr wohl erzogenes Mädchen!
Aufgrund meines schlechten Rufes bei unserer Damenwelt der Schule hatte ich sie nicht unnötig bedrängt.
Ich hatte es bei kleineren Schmusereien und Körperkontakten beim Tanz belassen.
Da war aber wieder mein Temperament, das ich nur schwer zügeln konnte.

Mit alle Kraft nahm ich Maria in meine Arme und zog sie zum Kuß bereit an mich; aber nicht mit Maria....

Voller Vorwürfe entriß sie sich meinen Armen und teilte mir mit: "So nicht, lieber Richard!"
Ich stammelte schnell noch eine Entschuldigung und bat sie inständig, ja auch zu der geladenen Party zu erscheinen.
Nicht auszudenken, die nächste üble Nachrede aus Marias Munde ertragen zu müssen.

Maria kam zusammen mit meinen Freundinnen und Freunden.
Wir verlebten einen wunderschönen Geburtstag zusammen, schlossen unsere Schulzeit erfolgreich ab
und blieben in all den Jahren gute Freunde.

Noch heute treffen wir uns und werten natürlich dann unsere gemeinsame Jugendzeit aus.
Auch das Erlebnis mit Maria am Vorabend meines siebzehnten Geburtstages fehlt dann meistens nicht.

" Siehst du ", sagt dann Maria schelmisch. " Hätte ich mich damals von dir küssen lassen, hättest du die Sache mit mir schon längst vergessen!
So ist es tief in deiner Erinnerung stecken geblieben."

Sie hat völlig Recht damit!

Da fällt mir sofort der Vergleich zur Sahnetorte ein.
Hätte ich als Kind zur Geburtstagsfeier meines Freundes Jürgen ein zweites Stück Sahnetorte essen dürfen,
hätte ich den Vorfall längst vergessen.
Aber gerade, weil es etwas besonderes war, hat sich der Moment tief in mir verwurzelt.

Es war eben nichts Alltägliches, Geburtstag zu feiern und Sahnetorte zu essen.
Das Maß ist es wohl und der rechte Augenblick, dann das Richtige zu tun, wenn es soweit ist.

Meine Kinder und Jugendzeit war eine sehr schöne Zeit!

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 12.03.2014. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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