René Lantzsch

Sophia und Amy

Es war ein warmer Sonntagabend, als sie sich, im Fenster des Wohnzimmers sitzend, den angenehmen Geruch des Frühlings in die Nase steigen ließ. Sie sah in die Ferne und lauschte der friedvollen Stille. Zu etwas anderem wäre sie heute nicht mehr im Stande, dachte sie sich. Sophia war nicht der Typ, der gerne in Diskos ging oder sich mit Leuten traf, obwohl sie außerordentlich niedlich war. Sie war sehr schlau und verstand sich deshalb nur mit wenigen Menschen. Plötzlich wurde die Stille von dem Geplapper eines Fernsehers gestört und ihr war klar, dass ihr kleiner Bruder inzwischen auch heimgekommen sein musste. Sie richtete sich auf und zog die Gardine beseite. Stefan saß mit einem Schokoriegel im Sofa und knipste wirr durch sämtliche Sender. Was siehst Du da wieder an, davon wirst Du keinesfalls klüger!", sagte sie mit starrem Blick auf den Trickfilm, bei dem sie am liebsten den Fernseher ausgeschalten hätte, Hast Du keine Hausaufgaben die Du machen könntest?". Doch ihr Bruder erwiederte kein Wort, sondern rollte nur mit den Augen. Dann später, als sie schon längst mit einem Buch beschäftigt war, sagte er, ob sie nicht raus gehen kann um jemanden anderen zu nerven, obwohl sie in Wirklichkeit von ihm genervt wurde. Sophia nahm sich so etwas sehr zu Herzen, früher war er viel netter zu ihr, bis er in die Grundschule kam. Ihr war es genug und sie ging daraufhin in ihr Zimmer. Ihre Eltern waren noch nicht zu Hause und sie wusste nicht, was sie machen sollte. Die Hausaufgaben waren fertig, sie hatte heute Nachmittag eingekauft und das Klavier stand in dem vom Bruder besetzten Wohnzimmer. Sie nahm ihr Tagebuch und schrieb im Bett von diesem Tag, doch nicht mal eine halbe Seite war mit den täglichen Erlebnissen zu füllen, denn ihr passierte nicht viel. Darunter schrieb sie noch eine Bitte, die ihr zwar das Tagebuch nicht erfüllen konnte, aber sie hoffte, der nächste Tag könne es. Bitte Leben, schenk mir einen bunten Tag.". Noch bevor sie den Satz mit einem Punkt abschließen konnte, viel das Buch von ihrem Bett und sie schlief tief und fest mit dem Stift in ihrer Handfläche. Durch lautes Klingeln ihres Weckers schreckte Sie diesen Morgen auf. Alles blieb wie jeden Morgen, das Frühstück, das Verabschieden von ihren Eltern. Sie ging kaum aus der Tür, da bemerkte sie ein leichtes Nieseln auf ihrem Gesicht und die Regenwolken über der Stadt. Noch trocken in der Bushaltestelle angekommen, fing es in einem Moment auf den Anderen an in Strömen zu regnen, So hatte sie sich Abwechslung nicht vorgestellt. In der Schule dauerten die Stunden Tage und sie wäre in der Geografiestunde fast eingeschlafen. In Deutsch hatte sie eine 1-, worüber sie sich aber nicht besonders freute. Sie nahm es hin und wartete auf das Ende der letzten Stunde. Heute konnte sie einfach nicht mehr. Sie ging ins nächste Nebenzimmer, in dem sie einen Stuhl vor die Tür stellte, damit sie niemand sieht. Sie sank langsam an der zerfledderten Wand zum Boden und fing an zu weinen. Sie wusste nicht genau warum, aber sie tat es warscheinlich, weil sie ihr Leben so abwechslungslos fand. In ihrem Alter gehen andere Menschen mit Jungen aus, aber sie mag diese Draufgänger nicht. Keiner von ihnen könnte sie verstehen, sie ist nicht, wie die vielen anderen Mädchen aus ihrer Klasse. Verzweifelt wischte sie sich mit dem Handrücken die Tränen aus dem Gesicht und ging wieder aus dem leeren Zimmer. An der Haltestelle bemerkte sie, dass sie ihren Bus verpasst hat und war kurz davor vor Wut zu schreien. Bei der Heimfahrt mit dem nächsten Bus war ihr immernoch zum weinen zu Mute, doch sie setzte sich nur auf die nächste Sitzbank und schaute mit dem Kopf auf den Armen aus dem nassen Glasfenster und fühlte sich schlapp. Die ganze Fahrt bewegte sie nicht mal die Augen, sie mit leblosen Blick schaute sie auf die Straße, die schnell an ihr vorbeisauste. Nach einer Weile wurde ihr Hals starr und sie drehte sich auf die andere Seite. Doch ihr Blick blieb stehen, als sie jemanden sah, der links von ihr auf einem der vorderen Plätze sah. Dort saß ein Mädchen, das gerade ihren Kopf von ihr weg drehte. Kann es sein, dass sie mich auch gerade angeschaut hat?", fragte sie sich. Nachdenklich, ob sie das Mädchen von irgendwo her kennt, schaute sie noch lange auf die Seite ihres Gesichts. Sie ist so hübsch. Ich wäre froh wenn ich so schön wie sie wäre", dachte sie. Zwei Haltestellen vor ihrer eigenen stieg sie aus und schaute noch einmal mit einem Lächeln zu ihr. Ihre Augen wirkten so, als wäre das ganze Leben darin, das sie in ihrem Herzen trug. Sie war etwas besonderes, so wie Sophia. Kaum Zuhause, hatte sie keine Lust ihren Tag in ihrem Zimmer zu verbringen wie jeden Tag. Sie nahm ihren Rucksack, packte etwas Geld, zu Trinken und vorsichtshalber das Buch mit, an dem sie gerade las. Sie spazierte in den Park und suchte auf der Bank unter dem großen, blühendem Kirschbaum Schatten, der so herrlich duftete. Neben ihr saß das Mädchen, dass sie heute im Bus gesehen hatte. Sie schien eingeschlafen zu sein, deshalb sah Sophia ihr Gesicht genau an, ihre Züge waren so fein. Ihr Gesicht war das Hübscheste, was sie je gesehen hat und es war von Natur aus so, sie hatte sich nicht einmal geschminkt. Als sie ihre Augenlieder mustert öffnen diese sich plötzlich und sie schreit leise. Ein Paar Wanderer drehten sich kurz zu den beiden um. Ach Du bist das! Hallo.", begrüßte sie Sophia nach dem kurzen Schreck. Beide lächelten und unterhielten sich ein wenig, doch das Gespräch wurde länger und länger. Als es dunkel wurde verabschiedeten sie sich und gingen wieder getrennte Wege, doch dieses mal schlurfte sie nicht mutverlassen durch die Straßen, sie wollte vor Glück tanzen und wusste nicht einmal warum. Zuhause angekommen, hörte sie das Klopfen der Nachbarn an der Wand, was warscheinlich die Reaktion auf den viel zu laut gestellten Fernseher war. Sie ging ins Wohnzimmer und ehe ihr Bruder seine Frage zuende schreien konnte, wo sie denn so spät bleibe, zog sie den Stecker aus der Dose und ging aus dem Zimmer. Ihr Bruder saß verdutzt in seinem Sessel und hatte den Schokoriegel fallen lassen, er sah erstaunt auf den Fernseher, dessen Bild sich zu einem kleinen weißen Punkt verengte, der schließlich dunkel wurde. Im Bett wälzte sie sich herum und dachte über den heutigen Tag nach. Sie verspürte ein Kribbeln, aber sie ahnte nicht, was das für sie zu bedeuten hatte. Die beiden Mädchen trafen sich von nun an öfters, bald jeden Tag. Sie gingen gemeinsam in die Stadt, gingen Mittagessen und fuhren nur aus Spaß mit dem Bus. Eines Tages kam es dazu, dass es Amy klar wurde, was geschehen war. Eines Tages nahm Amy Sophia an die Hand und führte sie an ihren geheimen Ort, an den sie immer zum Nachdenken ging. Er lag in einem Waldstück am Stadtrand. Sie gingen unter den Baumkronen hindurch und Blüten rieselten bei jedem Windstoß auf sie hinunter. Als sie ankamen, setzten sie sich hin und schauten auf das kleine Bächlein vor ihnen. Man hörte nur dessen Rauschen und Sophia war zum ersten mal völlig zufrieden. Sie schauten sich an und lächelten, es war dasselbe Lächeln wie das einst im Bus, doch diesmal war es anders, ...lieblicher. Ihr schoss ein Gedanke wie ein Blitz in den Kopf und ihr wurde klar was sie schon immer wollte aber nie wagte zuzugeben. Langsam nahm sie ihre Hand, sie war zart und warm und sie bekam wieder dieses Kribbeln, aber diesmal durchzog es sie viel stärker. Amy drehte behutsam sich zu ihr um und die beiden sahen sich in die Augen mit der tiefsten Sehnsucht die zwei Menschen füreinander empfinden können. Ihre Hand zitterte leicht, doch Sophia legte ihre Arme um Schultern und beide umschlungen sich so fest sie konnten. Sie saßen funzehn Minuten einander umarmend auf dem Boden und nichts hätte sie in diesem Moment voneinander getrennt. Vor lauter Glück fingen sie beide an zu weinen, ihre Tränen kullerten den Rücken der anderen herunter aufs Gras. Doch dann nahm Sophia den Kopf von Amys Schultern und schaute ihr in die Augen. Zu schnell, um es ahnen zu können, küsste sie sie zärtlich auf den Mund und in ihr fühlte sie tausende Rosenblätter emporsteigen. Ihre Lippen waren weich und schmeckten nach Sehnsucht, nie könnte sie beschreiben, welche Gefühle dieser Kuss in ihr wachrief. Sie wusste, dass dies der glücklichste Moment ihres Lebens ist und dieser Tag die bunteste Tagebuchseite einnehmen würde.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 04.05.2003. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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