Jacques Lupus

Dreiflüssestadt Passau

... in Dankbarkeit an meinen Grundschullehrer Manfred Bindel !

© Jacques Lupus
 

Mit sieben Jahren wurde ich 1954 in der Grundschule Wundersleben zusammen mit weiteren
4 Jungen und 14 Mädchen eingeschult. Zu diesen Zeiten waren die Geburtsjahrgänge noch
ziemlich stark, die Lehrer besonders an den Dorfschule jedoch rar.
Die Dorfschulen hatten stets und immer einen besonderen Reiz. Besonders in den unteren
Jahrgängen saßen dann in der Regel mehrere Klassen in einem Raum und wurden von einem
Lehrer betreut. So konnte es leicht passieren, daß man mit älteren bzw. jüngeren Geschwistern zusammen die Schulbank drückte bei einem Lehrer vor drei oder gar vier Klassen!

Über die Qualität des Unterrichtes möchte ich hier keine Einstufung treffen, aber die Leistung des Lehrers sollte schon Anerkennung finden.
Noch heute ist mir unklar, wie das Lehrerpersonal alle Klassen unter einen Hut bringen konnte.

Die Jahre mit Rechnen, Malen, Lesen, Schönschreiben und Heimatkunde in den unteren vier Klassen
vergingen wie im Fluge. Noch heute kann ich mich an dieses oder jenes Ereignis jener Zeit erinnern. Es sind Erinnerungen an die Kindheit! Es war kurz gesagt schön!
Lehrreich muß die Zeit auch gewesen sein, denn alle haben wir etwas ordentliches gelernt.
 

Selbst in heutiger Zeit mit vielen Arbeitslosen zahlt sich oft gerade diese gute und bodenständige Schulbildung aus.

Aufgrund von Schulreformen, die fast jährlich stattfanden, veränderte sich aber zusehends sehr viel. Nun gingen die siebten und achten Klassen
schon in die Polytechnische Oberschule im Nachbardorf Straußfurt. Hier konnte auch schon die Mittlere Reife abgeschlossen werden,
Grundlage für Berufe wie Handelskaufmann oder Berufe des Bankwesens.
Nach wie vor lief aber alles noch typisch dörflich vor sich hin. Die Mittlere Reife war schon eher eine Ausnahme!

Mein Großvater bewirtschaftete damals eine kleine Landwirtschaft von etwa 15 ha. Von Arbeitsproduktivität war weit und breit nicht zu erkennen!
Teilweise noch nach dem Prinzip
der Dreifelderwirtschaft produzierend, blieb für die sieben Seelen am Hof kein nenneswerter
Wohlstand übrig. Es reichte für Speis und Trank. Und das Bett stand im alten, aber trockenen
Bauernhaus.
Der Hof verfiel zusehends, da einfach keine ausreichenden Mittel zur Erhaltung übrig waren.
Gearbeitet wurde mit primitiven Werkzeuge. Gott sei Dank hatte der Hof wenigstens drei Pferde, die den Grasmäher, den Getreidebinder
oder den Heuwender ziehen konnten, was
einigermaßen die Arbeiten erleichterte.
Im Herbst wurden die Zuckerübenernte verkauft, deren Erlös einen kleinen Wohlstand
versprach. Das Weihnachtsfest stand vor der Tür, und besonders wir Kinder gingen mit großen
Erwartungen in diese Zeit. Nicht immer war genug Geld im Hause, um unter dem Weihnachtsbaum auch das Geschenk zu finden,
das ein fröhliches Gesicht im Kind geweckt hätte. Oft gingen notwendige Dinge, wie neues Schuhwerk oder Kleidung vor!
Außerdem mußten die Handwerkerrechnungen bezahlt werden, die Grunderhaltung des Hofes kostete das letzte Geld.

 

Und doch war die Zeit schön! Die Mägen waren voll, die Zimmer waren gut geheizt und die Betten stets frisch bezogen, oft mit dem gemütlichen Wärmstein ausgestattet, der die ersten
Minuten des achtstündigen Schlafes angenehm gestaltete.

" Wenn du einmal groß bist, kaufe ich die einen Traktor. Du machst den Führerschein, und so
können wir wirtschaftlicher arbeiten," lockte mich der Vater, der oft mit auf dem Hof arbeitete.
Er hatte schon die Landwirtschaftsschule in Weißensee besucht. Obwohl er nicht der Typ war
zuzuhören und Neues zu begreifen, hatte er doch im Gefühl, daß die Art der Wirtschaftsführung einen Wandel erlebte.
Im Dorf hatte sich auf Initiative der damaligen Regierung eine sogenannte Maschinen und Traktorenstation, kurz MTS, gebildet.
Die Bauern konnte hier gegen Entgelt Maschinen bestellen inklusive Maschinisten, und somit besser und vor allem leichter, arbeiten.
Für meinen Vater und auch für mich stand fest: Ich würde einmal Traktorist!

Selbst später, als ich durch recht passable Noten im Unterricht auffiel, und mein damaliger Klassenleiter mit viel Geduld meine Eltern darauf hinwies,
daß ich das Zeug für eine bessere
Schulausbildung mit anschließendem Studium habe, änderte sich für meinen Vater auch nichts.
Sein Sohn Günter würde einmal als Traktorist auf der Wirtschaft arbeiten!

So vergingen die Jahre; ohne weiteren Ehrgeiz erzogen, trottete ich täglich in die Schule,
hörte recht und schlecht dem Lehrer zu und freute mich täglich auf die Freizeit, ehe es
überhaupt soweit war.
Zu Hause warteten die neu geborenen Katzen auf mich, mit denen ich stundenlang spielen konnte.
Die Kaninchen mußten gefüttert werden, und auch die täglichen Pflichten, wie Rüben
verziehen, Stroh häckseln, Kartoffel dämpfen und dergleichen mehr mußten erledigt werden.
Oft ging es schon in meinen Kinderjahren mit auf den Acker zur Hilfe. Vieles war reine Handarbeit, und Kinderhände können geschickt und flink arbeiten.
Da waren selbst 14 Hände zu wenig. Besonders in den Sommermonaten ging es oft bis spät in die Nacht hinein.
Für die Schule war da keine Zeit. Hier lernte ich nur während der direkten Schulstunden, da für Hausaufgaben einfach keine Zeit blieb.
Da ich nicht der einzige war, dem es so erging, wiederholte der Lehrer oft mit unerläßlicher Geduld den Stoff, bis wir einigermaßen verstanden hatten.
Er wurde auch schon mal ungeduldig, weil der Trichter über unseren Köpfen sich einfach nicht leeren wolllte. Dann ging es rauh zur Sache,
und unser Lehrer verlor so langsam die Geduld.
Neben Fächern, wie Geschichte, wo wir das Leben der Jäger und Sammler und mehr Interessantes kennen lernten, oder Mathematik,
wo ich mir mein Taschengeld für das nächste Jahrzehnt ausrechnete, gab es aber auch für mich uninteressante Fächer,
wie zum Beispiel Erdkunde bzw. Geographie.
Reine Lernfächer mochte ich nicht! Was interessierten mich Deutschlands Flüsse und Mittelgebirge. Wen interessierte es,
wo die Stadt Passau lag! Mich auf keinen Fall.

Ich kannte meine Heimat: Die Unstrut, die Gramme, wo man gut den Barsch, Aal oder den
Karpfen angeln konnte; die Flachsröste, wo wir gut eine Schilfhütte bauen konnten, oder
wichtige Indianerrituale aus interessanten Büchern, wie der Letzte Mohikaner oder Wildtöter
nachspielen konnten. Oder die großen Flächen links und rechts der Unstrut, die stets rechtzeitig überflutet wurden
und im Winter wunderschöne Eisflächen zum Schlittschuhlaufen
bildeten. All das war interessant und stellt noch heute ein wohliges Gefühl in mir her!

Aber die Schule war wichtig, dafür sorgte schon meine Mutter. In vielen Abendkursen hatte sie mit anderen Müttern zusammen Nachhilfestunden genommen,
und das hatte Folgen für mich
und meinesgleichen: Nun mußten die Hausaufgaben gemacht werden und wurden stets und immer kontrolliert. Schnell hatte ich eine Kopfnuß,
wenn meine Gedanken abschweiften zu anderen wichtigen Dingen meines Lebens.
Mir blieb nicht anders übrig: Ich mußte lernen, um Schelte und Ohrfeigen zu entkommen!

Es lief recht gut, wenn da nicht das Fach Geographie wäre. Auch ist bis heute, und das gebe ich hiermit ehrlich zu, mein Scharfsinn recht träge ausgebildet.
Mein Motto ist:
Die Wiederholung ist die Mutter der Weisheit!
Lernen. lernen und nochmals lernen, war auch neuerdings das Motto meiner Mutter.
Eine gewisse Schwerfälligkeit liegt wohl der ganzen Familie heim, denn meine Frau hat meist die besseren Ideen.

" Herr Bindel hat in der letzten Elternsprechstunde angemahnt, daß du dein Interesse für
Erdkunde endlich verbessern solltest! " höre ich von meiner Mutter: " Sonst wirst du nie ein guter Schüler."
Der Streß nimmt zu!
Die nächste Geopraphiestunde kommt. Der Stoff behandelt gerade deutsche Städte.

" Wie heißt die Dreiflüssestadt im Süden Deutschlands, Günter Wolf?" kommt die Frage im
Unterricht. Der Lehrer steht neben mir und versucht geschickt zu helfen.
Seine rechte Hand zwirbelt mein linkes Ohr, daß es rot anläuft, und er sagt:
" Die Stadt heißt Pass ... ."
 

" ...Au ! " schreit die ganze Klasse wie im Chor.


Zum Kirmesfest treffe ich meinen alten, inzwischen pensionierten, Lehrer. Wir unterhalten uns über neue und alte Dorfgeschichten.

" Daran kannst du dich noch erinnern!"
sagt er stolz und zufrieden, und wir trinken gemütlich unsere Biergläser leer.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 14.03.2014. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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