Peter Spiegelbauer

Vampire the Masquerade - Malkavian - Teil 2

Fiat iustitia!

Es ist Tage her, dass ich etwas von Ferdinand gehört habe. Er hat kurz nach unserer mehr als mystischen Unterhaltung das Anwesen meiner Familie verlassen. Am Morgen nach dem er aufbrach, fand ich eine kurze Nachricht. Ich lese die Notiz, die ich unter der kleinen griechischen Figur auf meinem Arbeitstisch fand, noch einmal:

„Das Ziel meiner Reise ist die Burg Gottes. Ein Fisch schwimmt am besten mit dem Schwarm ins dunkle Meer. Wenn die Geliebte des silbernen Gefährten dich in Mitten des lustigen Gesellen verlässt wirst du deinem Schicksal begegnen. Exakt eine Ellenlänge Gottes vorher, schmücke das Haupt des eingegrabenen Riesen mit der roten Blume.“

Als ich dies zum ersten Mal las, keimte in mir der Verdacht, dass es sich um einen Hinweis auf ein wichtiges Ereignis handeln könnte. Jetzt lese ich sie zum dritten Mal und langsam kristallisiert sich eine gewisse Sinnhaftigkeit aus den geschriebenen Worten heraus. Es entstehen Bilder vor meinem geistigen Auge. Ich versuche sie krampfhaft mit den verwirrenden Worten in Einklang zu bringen. Schließlich schaffe ich es die Essenz, die wie ein roter Faden zwischen den Zeilen verläuft zu erfassen und für meinen Verstand greifbar zu machen. Meine Augen wandern von dem Papier zum Tisch, weiter zur Feder, über die Fackel an der Wand bis zum Spiegel über dem Wasserbecken. Ich erkenne mein Gesicht kaum wieder. Während ich mir dem Sinn der Worte bewusst geworden bin, muss ich angefangen haben seltsam zu Grinsen. Mein Gesicht ist nun nicht mehr das eines jungen Mannes. Durch die geschnittene Fratze gleicht es eher einem Dämonen. Obwohl ich vor mir selbst erschrecke, kann ich nicht aufhören zu grinsen. Zaghaft stehe ich auf und gehe auf den Spiegel zu, bis ich schließlich dicht davor stehe. Als ich in meine Augen blicke, erkenne ich etwas darin. Ich könnte nicht sagen was es ist, aber es ist da. Meine rechte Hand bewegt sich wie von selbst, als sie sich anschickt mein Spiegelbild zu berühren. Das Glas des Spiegels ist unerwartet warm. Zärtlich streichen meine Finger entlang der Gesichtszüge meines Ebenbilds. Es erscheint mir alles so unwirklich, und dennoch kann ich den Blick nicht von meinem Spiegelbild losreissen. Die Worte von Ferdinand entfalten nach und nach ihre ganze Kraft. Nun besteht kein Zweifel mehr an ihrer Bedeutung.

„Ich musste mich in Sicherheit bringen. Gemeinsam werden wir die Gefahr, in der wir uns befinden, bezwingen. In der Nacht des 15. August werde ich wieder zu dir zurückkehren um dich deiner Bestimmung zu überantworten. Entfache ein Feuer auf der Spitze des nahe gelegenen Hügels eine Nacht zuvor.“

Das Gefühl der Schwäche überkommt mich und schlägt wie eine Welle über mir zusammen. Der Unterschied zwischen Lüge und Wahrheit wird immer deutlicher. Ich spüre förmlich die Lügen, die mir wie ein exotisches Gift all die Jahre eingeflöst wurde. Mit einem Mal habe ich alles klar vor Augen. Den Kerker, den meine Eltern für mich geschaffen haben. Kein Gefängnis das man sehen oder greifen könnte. Ein Kerker des Geistes. Die Rolle eines Verwalters wurde mir zugedacht. Wie ein Fremder durchlebt mein Verstand vergangene Ereignisse und wie von selbst formt sich das Bild einer Zukunft, die nach und nach alles erstickt. Das Recht auf Entscheidung. Die Freiheit zu handeln. Das Privileg zu Denken. Alles zerfällt langsam zu Staub. Innerhalb weniger Augenblicke steigert sich meine Wut ins Unermessliche. All die schönen Worte mit der meine Eltern und ihre Bediensteten meine Arbeit auf unserem Landgut bedacht hatten, erscheinen mir jetzt wie verräterisches Gewäsch. Verrat an mir und meinen Träumen. Doch jetzt erkenne ich den wahren Zweck ihrer Aufmunterungen. Sie wollen mich zu einem der ihren machen. Ein gut bürgerliches Mitglied der Gesellschaft. Eine Gesellschaft, die ich von Anfang an mit skeptischen Augen betrachtet habe und an deren rechtschaffenden Grundsätzen ich immer gezweifelt habe. Das Mittelmaß der Konformität ist wie eine Mauer die einem so lange einredet eine Brücke zu sein, bis man es selbst glaubt. Ich darf mich nicht mehr auf die Lügen anderer Leute einlassen. Ferdinand brachte mir immer Respekt und Ehrlichkeit entgegen. Er lebte mir ein Leben vor, welches gleichermaßen auf den Grundsätzen von Ehre, Rechtschaffenheit aber auch Selbstverwirklichung in jeglicher Form, beruhte. Es stehen also zwei Wege zur Auswahl. Der eine der beiden führt zu einer Zukunft mit gesellschaftlichem Ansehen und nahezu ewig währendem Wohlstand. Der andere ist ein Pfad voller Gefahren und Feinden deren Anzahl aller Wahrscheinlichkeit nach Legion ist. Trotzdem würde mich genau dieser Weg an die Erfüllung all meiner Träume und Sehnsüchte führen.

Als ich mich von meinen Gedanken losreisse, sind die Würfel gefallen. Mein Blick fällt wieder in den Spiegel. Jetzt sehe ich wieder einen jungen Mann mit markanten Gesichtszügen. Ich fühle mich stark und unersättlich nach den Weiten dieser, mir bisher verschlossenen, Welt. Ich verlasse mein Arbeitszimmer, ohne mich auch nur ein einziges Mal umzudrehen. Nur eines ist gewiss. Niemand kann mich jetzt mehr aufhalten. Nur ein Wunsch lebt in mir und ich werde ihn mir erfüllen. Noch heute Nacht. Die Blume wird nicht nur das Haupt des Riesen schmücken. Heute Nacht werde ich die Samen für einen ganzen Blumengarten streuen. Bald werden sie blühen. Mit heller Vorfreude verlasse ich das Anwesen. Vielleicht ist es der letzte Gang eines Gefangenen. Vielleicht aber auch nur der erste unsichere Versuch zu fliegen….
 

Diese Geschichte basiert zum größten Teil auf den Rollenspielbüchern von White Wolf, genauer gesagt auf den Sourcebooks von Vampire the Masquerade. Da es dieses Spielsystem schon seit vielen Jahren nicht mehr gibt, und es demnach kaum noch von irgendjemandem heutzutage gespielt wird, wollte ich dieser Kindheitserinnerung von mir Tribut zollen, in dem ich einige Geschichtsfragmente dazu verfasste.
Es tut mir leid, wenn sich der eine oder andere Leser erst ein wenig durch-googeln muss, um zu verstehen worum es in diesem Spielsystem überhaupt geht, beziehungsweise um den Hintergrund der Geschichte zu verstehen. Ich bedanke mich schon jetzt für euer Verständnis.
Da ich diese "Kurzgeschichte" schon seit Langem nicht mehr überarbeitet habe, bin ich für jeden konstruktiven Vorschlag zur Verbesserung des Textes dankbar. Liebe Grüße Peter Spiegelbauer
Peter Spiegelbauer, Anmerkung zur Geschichte

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 14.03.2014. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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Anfang – Ein leiser Traum von Thorsteiin Spicker



Eine Expedition in dass Auf- und Ab des Lebens, der Sehnsucht und kleine leise Träume, Gefühle aus einer Welt die tief das innere selbst bewohnen, beschreibt der Autor in einer Auswahl von Gedichten die von Hoffnung genährt die Tinte auf das Papier zwischen den Jahren 2002 und 2003 fließen ließen. "Unentdecktes Niemandsland ist immer eine Herausforderung die Gänsehaut zaubert. Auf den Blickwinkel kommt es an, den man sich dabei selbst zurechtrückt..."

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