Wolfgang Scholmanns

Wolf steigt aus Teil V

 „Guten Morgen Stina, du scheinst ja großen Hunger zu haben.“ Lächelnd füllte er Stinas Napf  und schaute zu, wie sie ihr Futter genüsslich verspeiste. Danach spielte er noch ein bisschen mit ihr, um das Vertrauen zwischen Mensch und Tier noch stärker zu festigen.
Der bevorstehende Herbst hatte schon einzelne Blätter mit rotbraunen Farbtupfern geschmückt und auch durch das Erscheinen bestimmter Pilzarten, sein baldiges Kommen angekündigt. Wolf hatte ein gutes Feuer in dem alten Ofen gemacht und war damit beschäftigt die Wildkaninchen anzubraten. Wildkaninchen bringen im Gegensatz zu Hauskaninchen, die bis zu zehn Pfund und schwerer werden, nur ein Gewicht zwischen 700 und 1500 Gramm auf die Waage. Diese beiden hier hatten vielleicht 800 – 900 Gramm das Stück. Für die Zubereitung war hier Mutters große Kasserolle genau richtig. Die hatte er damals mitgenommen. Hier, in der Jagdhütte, kam sie heute das erste Mal zum Einsatz.   Ganz durchbraten wollte er den Wildbraten noch nicht. Ein paar frische Steinpilze sollten den Geschmack der Sauce noch verfeinern. Wolf hatte  früh am Morgen schon eine kleine Runde gedreht und zwölf dieser Waldbewohner gefunden. Es waren kleine aber ganz frische Exemplare und genau die richtige Menge, die er für eine leckere Sauce benötigte. Viel zu säubern gab es da nicht. Hüte und Stiele wurden ein wenig abgeschabt und anschließend in feine Scheiben geschnitten. Nach und nach fügte er dem Braten, der mittlerweile wieder auf dem Herd brutzelte,  Pilze, Lorbeerblatt und Zwiebeln zu. Schon bald erfüllte ein appetitmachender Duft die kleine Waldhütte und zog durch das offene Fenster in die freie Natur. Am Mittag gab`s Kartoffeln und Rotkohl dazu.
„Wie köstlich doch diese Mahlzeit war.“, sagte Wolf zu sich. “Früher jagte jedermann dem Wild zur Sicherung des Lebensunterhalts nach. Heute jagt doch fast jeder dem Geld nach. Das Objekt der Jagd hat sich gewandelt, aber das Prinzip des Jagens ist geblieben.“
                                                          
 Der Herbst kam und mit ihm die ersten Stürme. Wolf musste an einigen Stellen seiner Holzhütte Nachbesserungsarbeiten durchführen. Er hatte festgestellt, dass je nachdem wie der Wind stand, dieser durch einige Lücken in die Hütte pfiff. Zunächst einmal musste er ins Dorf, um Material zu holen. Sein Vater hatte im Keller und in der Garage jede Menge Holzreste aufbewahrt, die Wolf jetzt sicher gut gebrauchen konnte.
Der Garten seines Elternhauses war in einem hervorragenden Zustand und auch das alte Haus fand er sehr gepflegt vor. „Da freue ich mich aber lieber Karl, dass du hier alles so toll in Ordnung hältst.“, sagte er zu seinem Mieter, der gerade die Treppe hinunter kam.
„Hallo Wolf, ich bin doch froh, dass ich etwas zu tun habe. Wer rastet der rostet sagt ein altes Sprichwort.“
„Ja, da hast du Recht. Ich muss einige Risse und Lücken in den Holzwänden meiner Hütte abdichten. Dazu benötige ich ein paar Utensilien. Vater hat immer einige Holzreste aufbewahrt, von denen ich jetzt sicher einige gebrauchen kann.“
„Ja, Wolf, das war früher so. Die Alten haben nichts weggeworfen. Sie haben schlechte Zeiten erlebt, den Krieg, die Inflation usw.“
Wolf nickte. „Heute leben wir in einer Wegwerfgesellschaft. Den Leuten geht`s zu gut. Die stellen Sachen zum Sperrgut, die manch einer noch gebrauchen könnte.“
„Ich weiß, Wolf. Hat der Nachbar etwa Neues, muss man es auch haben. Oft stürzten sie sich in Schulden, nur um mithalten zu können.“
„Ach Karl, wie froh bin ich doch, dass ich aus diesem Sumpf ausgestiegen bin. So jetzt muss ich aber los, mach’s gut und pass auf dich auf.“  
Wolf hatte den ganzen Kram auf seine Karre geladen und wanderte, mit einem Lied auf den Lippen, zurück in sein kleines Paradies. Zwei Tage war er mit den Reparaturarbeiten beschäftigt. In der Nacht hatten die geflickten Stellen einem heftigen Sturm keine Chance gegeben, auch nur einen Hauch seines tobenden Treibens in die Hütte zu schicken.
„Pech gehabt“, grinste Wolf. „Du musst von jetzt an draußen bleiben.“
Morgens war der Sturm abgeflaut, hatte aber in der Nacht einigen Bäumen arg zugesetzt. Am Ufer des Sees lagen einige Äste und auch in Höhe der Kaninchenbauten sah Wolf große, abgebrochene Teile des dortigen Baumbestandes liegen. „Nach dem Frühstück sehe ich mir den Unwetterschaden mal aus der Nähe an. Jetzt bekommst du erst einmal  dein Frühstück, kleine Stina.“ 
Nachdem das Frettchen gefrühstückt hatte, machte es noch ein Nickerchen. „Schlaf du ruhig noch ein bisschen. Ich sehe mal nach, was der Sturm heute Nacht angerichtet hat.“ Die Hütte war so gut wie verschont geblieben. Ein etwas dickerer und ein paar kleinere Äste waren aufs Dach gefallen, hatten aber keine Schäden verursacht. Am gegenüberliegenden Ufer des Sees jedoch, sah es ziemlich wild aus. Nahe bei den Kaninchenbauten blieb Wolf plötzlich stehen. „Da hat sich doch etwas bewegt“.
Er nahm sein Fernglas und suchte das abgebrochene Geäst in Höhe der alten  Kiefern ab. Ein Bussard hatte sich im Geäst verfangen. Wolf rannte geistesgegenwärtig zur Hütte zurück, nahm ein paar dicke Lederhandschuhe aus dem Schrank und eilte los um das gefangene Tier zu befreien.
Als er sich dem Vogel näherte, verhielt sich dieser ziemlich ruhig, was Wolf zunächst erstaunte. Aber was war das? Der Bussard war ja beringt und am anderen Beinchen war ein Glöckchen befestigt. „Der gehört bestimmt einem Falkner“, sagte Wolf zu sich. Ganz in der Nähe hörte er plötzlich ein Motorengeräusch, das nach kurzer Zeit wieder verstummte.
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 18.03.2014. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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