Andreas Rüdig

Überbevölkerung

Die Welt ist übervölkert. Das Spüren wir jeden Tag. Zu wenig Raum, nur Gedränge. Zu wenig Luft zum Atmen und zu wenig Licht zum Sehen. Zu wenig Essen und Trinken, nur Hunger und Durst.

Doch was soll man dagegen tun? Ich bin ratlos und weiß es nicht. Unsere Regierungen haben nämlich schon viel versucht.
 
Zuerst kam jemand auf die Idee, daß der riesige Geburtenüberschuss Schuld an unserer menschlichen Misere sei. „Zu viele Kinder sind nicht gut für die Familie,“ behauptete er. „Es können nicht alle Kinder vor ihren Eltern durchgefüttert werden. Wenn die Eltern sterben, wird das Erbe der Eltern immer kleiner statt größer.“
 
Auf natürlichem Wege war hier nichts zu machen. Eine natürliche Geburtenkontrolle blieb erfolglos. Wer viele Kinder haben wollte, zog sich in Höhlen und auf die Berge zurück. Und belegte so den letzten freien Platz.
 
„Wir müssen die Meere und Ozeane erobern!“ So formulierte es die zweite Generation der Pioniere.
 
Doch oh wehe! Erst als das letzte Metall verbaut war, stellte man fest, daß das Meer voller Schiffe und U-Boote war, so daß auch hier Platzknappheit herrschte. Und nicht nur das. Das Wasser war weitestgehend verdrängt und an Land geschwemmt worden.
 
„So geht das nicht weiter,“ folgerte ein Teil der Wissenschafter. „Die Kohle-und-Stahl-Minen sind zwar mit Wasser vollgelaufen. Trotzdem sind weite Landstriche überschwemmt. Viele Menschen sind ertrunken. Auch wenn ein Teil der Menschheit jetzt fehlt, müssen wir neuen Lebensraum für zukünftige Generationen schaffen.“
 
Und so erinnerte sie sich an die vielen unbemannten Flugobjekte, die teilweise nutzlos im Weltall schwebten. Auch wenn die künstlichen Himmelskörper vorsintflutlichen Charakter haben mögen – für eine Sache waren sie dann doch gut genug: Sie wurden ausgesandt, um größere metallische Teile des Weltalls einzufangen und zur Erde zu bringen.
 
In den meisten Fällen gelang dies auch. Die himmlischen Flugobjekte fingen defekte Raumfahrzeuge, Meteore, Meteorite, Asteroide und weitere herumfliegende Weltraumteile ein. Die meisten davon konnten im Sinkflug auf der Erde abgeliefert werden. Nur einige wenige Objekte verfehlten das Zielgebiet und stürzten auf Schiffe bzw. U-Boote, wo sie Schäden anrichteten.
 
Die Wissenschaftler entdeckten nicht nur neue Elemente wie Propit, Hermenit und Bromberit. Sie entwickelten auch viele neue Raumfahrzeuge, die es den Menschen erlaubten, bequem im erdnahen Luftraum zu leben.
 
Doch dann siegte die den Menschen angeborene Neugierde. Wie sieht es den weiten des Weltraumes aus? Gibt es noch anderes Leben dort in den Weiten des Raumes? Können wir Menschen auch auf anderen Planeten leben? Dies waren noch die gängigsten Fragen, die in der breiten Öffentlichkeit diskutiert wurden.
 
Der Vorwurf, wir seien Kohlenstoff-Imperialisten, wurde mit dem Hinweis auf die Verhältnisse bei uns auf der Erde abgeschmettert. Die Umweltveränderungen – auch diejenigen, die durch uns Menschen hervorgerufen wurden – seien so schlimm, daß man nach neuem Lebensraum suchen müsse. Um ein Missverständnis zu vermeiden: Der Begriff „Lebensraum“ war in diesem Zusammenhang nicht rassistisch behaftet. Wertneutral waren damit interstellare Gebiete gemeint, in denen Menschen existieren können
 
 
Du, Mama – warum erzählst du mir das alles?
 
Ganz einfach: Weil deine Großeltern die ersten Menschen waren, die das Umfeld der Erde verließen. Sie flogen also nicht nur einfach so zum Mond. Sie verließen unser Sonnensystem. Zwei Jahre kamen zum Planeten Paradiesos.
 
Ja, und?
 
.Der Namen sagt es doch schon: Für uns Menschen ist dies das Paradies. Genügend Platz, genügend Nahrung, das ganze Jahr über warmes, trockenes und sonniges Wetter.
 
Na und? Das weiß ich doch alles. Ich habe das jeden Tag. Was willst du mir also sagen?
 
Daß du übermorgen mit uns zur Erde fliegen wirst.
 
Und wieso? Was werde ich da machen?
 
Drei Tage Urlaub. Stell´ dir doch mal vor – Ferien von dieser Langeweile hier!
 
Auf diese Art und Weise habe ich meine entfernte Nicht Tatjana kennengelernt. Sie ist schon ein wenig komisch. Sie ist braun gebrannt. Sie hat einen ungeheuren Flüssigkeitsbedarf, so etwa 4 – 5 Liter Wasser pro Tag mindestens. Und da es bei uns auf der Erde nicht so warm ist wie auf Paradiesos rennt sie ständig zur Toilette.
 
Was macht man mit jemandem, den man ganz neu kennenlernt, auch wenn er eigentlich zur Familie gehört? Genau: Man geht ins Naturkundemuseum mit ihm. Genau das habe ich auch mit Tatjana gemacht.
 
Das Naturkundemuseum liegt zwar etwas versteckt in einem der Überschwemmungsgebiete. Der Abstecher lohnt sich aber. Man lernt viel über die Entwicklung der Erde und ihre Lebenswesen; es sind sogar einige Menschen aus der Zeit vor den großen Umwälzungen zu sehen.
 
Tatjana hat das wohl alles nicht gefallen. Sie hat mehrere Male „Ihh! Wie sieht das denn aus! Schau dir das doch mal an!“ ausgerufen. Sie war jedenfalls sehr froh, als wir wieder zuhause waren.
 
Und dort, bei uns im U-Boot, entdeckte sie Edwin. Edwin ist ein junger, schüchterner Mann von der Erde. „Er ist ja sooo süß,“ begann sie, von ihm zu schwärmen. Die Liebe muss sie sehr heftig gepackt haben. „Ich möchte nicht mehr nach Hause. Ich möchte bei Edwin bleiben,“ behauptete Tatjana, als es Zeit wurde, die Sachen zu packen.
 
Als sie dann das Raumschiff besteigen sollte, fanden wir einen Zettel von ihr auf dem Küchentisch. „Ich bin am Ende der Welt. Habe Edwin mitgenommen.“ Ende der Welt? Ende der Welt? Was heißt das? Die Erde ist eine Kugel. Da gibt es keinen Anfang und kein Ende. Und Paradiesos hat eine Pyramidengestalt. Da gibt es mehr Ecken und Kanten denn Anfang und Ende.
 
Erkundungsflüge zeigten bald, daß Tatjana auf beiden Planeten nicht war, ebenso wenig wie Edwin. Dafür stellte sich schnell heraus, daß eines unserer Langstrecken-Weltraumschiffe fehlte. Das Raumschiff hatte es geschafft, unbemerkt zu starten.
 
„Stellen die Weitstreckensensoren an!“ brüllte ich in meinem Zorn. Nur um zu merken, daß das Raumschiff tatsächlich schon am Rande des Weltraums angekommen war. „Tatjana, mein Schatz, komm sofort, auf der Stelle und augenblicklich zurück,“ schrie ich ins Mikrophon, als ich Funkkontakt hatte.
 
„Nein,“ antwortete Tatjana lapidar. Und warum nicht? Darum. ??? Ich möchte wissen, was sich hinter der Ausdehnung befindet. Hinter welcher Ausdehnung? Der Urknalltheorie zufolge dehnt sich das Weltall doch seit seiner Entstehung ständig aus. Das weiß doch jedes Kind. Und ich möchte wissen, wie der Rand des Weltraumes geschaffen ist! Beispielsweise eine Hülle, wie bei einem Luftballon? Und was ist dahinter?
 
Eine Parallelwelt ist eine hypothetische Welt, die außerhalb des bekannten Universums existiert. Es wird schon seit der Antike in der Philosophie erörtert, ob es eine Parallelwelt gibt. Die Diskussion ist inzwischen nicht nur in der Science-Fiction-Literatur angekommen, sondern wird auch in der Quanten-Physik besprochen. Und zwar seit den 1950er Jahren. Die Viele-Welten-Interpretation der Quantenmechanik geht auf die Arbeiten von Hugh Everett III zurück. Die physikalisch-mathematische Seite ist für Laien kompliziert und schwer verständlich; daher soll sie hier weggelassen werden.
 
Der Urknall ist keine einmalige Explosion an einem bestimmten Ort vor ganz langer Zeit. Die Urknall-Theorie beschreibt wissenschaftlich, astronomisch und physikalisch, wie Materie, Zeit und Raum entstanden sind. Diese Theorie ist seit den 1930er Jahren bekannt. Sie beziffert das Alter des Kosmos auf rund 13,8 Milliarden Jahre. Der eigentliche Urknall lässt sich mit unseren physikalischen Theorien nicht beschreiben, da sie die Existenz von Zeit, Raum und Materie voraussetzen. Die Energiedichte war zum Zeitpunkt des Urknalls unendlich. Die Galaxien bewegen sich momentan noch auseinander. Das Kopernikanische Prinzip ist Grundvoraussetzung der Urknall-Theorie.
Die Exobiologie ist eine Wissenschaft, die sich mit der Frage nach Leben im All beschäftigt. Existiert außerirdisches Leben? So lautet die spannende Frage. Ob hiermit eine anerkannte Naturwissenschaft jenseits aller Spekulation vorliegt, sei einmal dahingestellt. Selbst wenn man Leben als Kombination aus Reaktion auf Umwelteinflüsse, Fortpflanzung und Stoffwechsel definiert, so bleibt doch die Frage, ob es nicht auf jedem Planeten ein einmaliges Ökosystem gibt, das sich von vielen bzw. allen anderen Ökosystemen unterscheidet und Leben somit für jeden Himmelsköper neu definiert werden müsste.
 
Gibt es grüne Marsmännchen und den Mann im Mond? Nein, natürlich nicht. Sie sind schließlich menschliche Erfindungen. Dafür gibt es aber unendlich viele Galaxien und Welträume, die unterschiedlicher nicht sein könnten, wie Tatjana herausfand.

„Diese Parallelwelten existieren zeitgleich und nebeneinander,“ wie Tatjana berichtet. „Die einzige Schwierigkeit besteht darin, die jeweils passende Tür zum jeweiligen Universum zu finden und wechseln zu können.“

Bei ihrer voreiligen Flucht von der Erde muss Tatjana wohl nicht nur bis zum Ende der Welt = des Weltraums gekommen sein. Sie merkte schnell, dass dort keine klassische Begrenzung, wie wir sie uns vorstellen, vorhanden ist. Kennen Sie diese heißen Sommertage, an denen die Luft nur so flirrt und leicht feucht glänzt. „So ähnlich sieht auch das Ende aus,“ berichtet Tatjana.

Neugierig, wie Frauen und junge Mädchen nun einmal sind, wollte sie natürlich sofort wissen, was sich dahinter verbirgt. Wird ein bestehender Weltraum einfach nur beiseite geschoben? Besteht das Weltall aus zwei Welträumen nebeneinander, die sich gegenseitig bedingen – das eine schrumpft, während das andere wächst?

„Ich wollte unbedingt wissen, wie es weitergeht,“ blickt Tatjana zurück.

Also machte sie sich auf den Weg und näherte sich diesem feuchtwirkenden, flirrenden Etwas. Und war urplötzlich auf der anderen Seite des Universums, ohne etwas davon zu merken. Na ja, sie merkte es nicht sofort. Tatjana und Edwin – der war auch mitgekommen, „ich konnte sie doch nicht alleine lassen und all den Gefahren aussetzen,“ behauptete er später; ich nehme aber ganz stark an, dass er nur ganz fürchterliche Angst davor hatte, alleine gelassen zu werden. Aber wie dem auch sei: Edwin merkte als erster, dass irgendetwas mit dem Weltall nicht stimmte. „Die Bordinstrumente zeigten Winkel, Maße und Abstände an, die einfach nicht stimmen konnten. Es war so, als ob wir auf einen winzig kleinen Punkt zufliegen, der in unendlich weiter Entfernung liegt.“
„Wir hatten damit unsere Komplementärwelt entdeckt,“ führt Tatjana aus. „Also flogen wir einen Bogen, um wieder zum Ausgangspunkt zurückzugelangen.“ Im Nachhinein können beide nicht mehr nachvollziehen, was dabei schiefgegangen ist. Fakt ist aber: Sie befanden sich urplötzlich in einem Wurmloch. So überrascht sie waren, für kurze Zeit durchgerüttelt zu werden, so plötzlich hatten sie diese Anomalie in der Raum-Zeit-Konstante auch wieder verlassen.
Und wo befanden sie sich? Na, wo wohl? In einem Paralleluniversum auf der richtigen, also unseren Seite des Universums. „Diese Parallelwelt war unheimlich,“ klagt Edwin, der Feigling. „Es gab menschenähnliche Wesen, kleiner als wir, stark behaart, mit kräftigem Körperbau. Sie lebten in Höhlen. Und stellen Sie sich mal vor! Sie hielten sich Drachen-Dinosaurier als Haustiere!“

Drachen-Dinosaurier – was meint er bloß damit? Echsen und Warane? „Ich habe große, riesengroße Libellen mit einem langen Saugrüssel gesehen, die an einer Art Hundeleine mitgeführt wurden,“ berichtet Edwin. „Bei mir war es schlimmer,“ blickt Tatjana zurück. „Ich sah Hunde, die größer als ausgewachsene Menschen waren.“

Tatjana und Edwin stellten schnell fest, dass es eine unwirtliche Welt war. Und schlimmer noch. Wir müssen immer wieder Entscheidungen in unseren Leben treffen. Essen wir ein Ei zum Frühstück? Rauchen wir eine Zigarette? Gucken wir Fernsehen? Wir müssen ja oder nein sagen. In der Tatjana-und-Edwin-Welt treffen die Personen auch eine Entscheidung und leben dann in einer wahrnehmbaren Welt mit dieser Entscheidung weiter. Gleichzeitig öffnet sich aber auch eine andere Welt, in der sie mit der entgegengesetzten Entscheidung weiterleben, ohne dass sie es wahrnehmen. Die Zahl der Parallelwelten ist inzwischen so riesig, dass es keine Zahl mehr dafür gibt.

Und dann entdeckten Tatjana und Edwin plötzlich und unerwartet die Tür zu unserer Welt. Die Logbücher geben leider keine genaue Auskunft darüber, wie das geschah. Wir werden die Aufzeichnungen noch auswerten müssen. Das Pärchen gelangte zwar auf unseren Mond und nicht auf Paradiesos oder die Erde; die neuerliche Flucht von dort gelang ihnen aber trotzdem problemlos.
Wo sich die beiden gegenwärtig aufhalten, kann ich leider nicht sagen. Ich habe die Suche aufgegeben. Sie wäre irgendwann zu aufwendig und kostspielig gewesen. Die beiden Gestalten da drüben auf dem Gemälde schauen mich aber so entsetzt und empört an. Ob es mir wohl gelungen ist, die materielle Existenz zu verändern, sie in Farbe zu verwandeln und auf eine Leinwand zu bannen? Ist das die neue Form des menschlichen Daseins – als Gemälde und Foto auf einer Leinwand?
 

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