Sobald Autofahrer diesen wetterabweisenden Blick aufsetzen und sich bei jenen eine gewisse Unverfrorenheit einstellt, dann neigt sich die Zeit der Hermetiker dem Ende zu. Limousinen Lenker bleiben eingeschränkt und verschlossen während die Alter resistenten Cabrioletisten auf leisen Sandalen mit Socken in das Straßenbild zurückkehren. Offen für neidische Blicke, Vogelkot und Pommesschalen, gewährt man Einblick auf alles was das Interieur hergibt.
Mit steigenden Temperaturen werden die Dächer runter geklappt und eine mobil aufpolierte Offenheit demonstriert. Die Traditionalisten unter den Liebhabern der Oben ohne Fahrkultur haben allerdings nur ein abfälliges Lächeln für die Neuzeit Cabrioletisten übrig. Sie klemmen sich die Finger lieber traditionell und eigenhändig zwischen dem Scherengestänge des Stoffverdeckes ein. Dagegen drückt der moderne Freiluftchauffeur, lässig unangestrengt ins Polster gefläzt, auf ein Knöpfchen und das Blechdach sucht Publikum wirksam, wie von Geisterhand in alle Einzelteile zerlegt, Zuflucht im Kofferraum.
Das Cabrio ist nicht nur ein Gefährt sondern der Gefährte schlecht hin. Manchmal auch der stilbewusste finale Freilandversuch, bei dem sich das langwierige Rausschweißen nach der Baumumarmung erübrigt. Der aufrechte Gang findet im Cabrio seine konsequente Weiterentwicklung und mündet in der aufrechten Fahrt. Nebenbei kann man im Cabrio den Kennedy-Kitzel noch erleben oder wie James Bond auf der Startbahn das verpasste Flugzeug erreichen um die Welt zu retten. Unspektakulärer erweist sich eine Dachamputation um an übervollen Straßencafés sonnenbebrillt den Cafe to Go abzuholen um dann huldvoll winkend abzurollen.
Ohne Deckenbespannung und Altersbegrenzung machen die offen getragenen Lacoste Abzeichen jeden zu einem Krokodile-Dandy und die seidenen Halstücher und windabweisenden Sonnenbrillen zum kernigen Gaultier-Rodeo-Aktivisten. Während der Chauffeur nur von einer Lederkappe vor den tosenden Elementen in der 30ziger Zone geschützt ist, sitzt die Frisur seiner taften Beigesetzten allwetterfest. Wie die Frisur so auch die Mimik. Die Widergeburt der Commedia degli zanni (Maskentheater) hat begonnen.
Es lässt sich nicht leugnen, dass Cabriofahrer mehr von der Natur haben als die SUVeränen. Cabrioten sind urban, bei Sonnenschein überaus wetterresistent und durch Londorsenstütze und Sitzheizung, trotz gerbenden Falten des Sitzleders und dem gelichteten Graupudel, nie alternd. Hinzu kommt die sportliche Seite. Kurz unter einer Teppichstange oder einem Alleebaumast geparkt um aus dem Sitz und Bauch heraus ein paar knackende Klimmzüge zu machen. Von Fall zu Vorfall wird auch mal lässig in das Rindsleder- Holzinterieur hineingeflankt. Das beim Verlassen der modernen dachlosen Spaßgeräte die Seitenscheiben, als Prävention Maßnahme vor Diebstahl gedacht, automatisch hochfahren, stellt für den mäßig Intelligenten wie auch den Flankenden gleichermaßen eine gehirnlich wie sportliche Herausforderung dar. Der Offenfahrer macht halt gerne mal ein paar Kapriolen.
Der Film „Dach los in Seattle“ und der Übervater der Oben-Ohne-Kultur, Leonardo di Cabrio, haben die heutige Offenherzigkeit nachhaltig beeinflusst. Spätestens seitdem die Päpste die Offenen eiligen, zwar nie selbst am Steuer aber doch papamobil stehend und immerhin eine Weltkirche lenkend, ist der Cabriotismus auf dem Kreuzzug ins versenkte Land. Bequemer zwar aber noch immer mit hunderten von Pferden. Das Dachversenken hat nichts mit normalen weltlichen Erwägungen zu tun. Das Klappdach ist heute die Offenbarung des Pensionsberechtigten, quasi sein Offenbarungseid.
Unbestritten und offen gefahren, kommt das Ego des noblen Cabrioletisten dem Ideal des Elitären auf der nach Oben strebenden Gesellschaftsleiter rein selbstgefühlsmäßig sehr nahe. Das Cabrio ist das Faltdach der Erfolgreichen. Kein unbedachter Zustand ist schöner als es sich leisten zu können, auf Knopfdruck auf etwas verzichten zu können und offen zu sein.
Tom
18. März 2014
www.tom-kleinrensing.de
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 18.03.2014.
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