Bernhard Pappe

Zurück am See

Zurück am See




Ich biege auf den schmalen Weg zum See ein und bin froh, nicht den Bus oder gar das Auto benutzt zu haben. Das Wetter ist traumhaft. Temperaturen und Sonnenschein strafen den Kalender Lügen. Es ist noch früh im Jahr. Die ganze Natur, so scheint’s an diesem Tag, rekelt sich in Wärme und Licht. Bäume und Büsche treiben aus. Sie erwarten scheinbar keinen Winter mehr. Ebenso wenig die Vögel, die in den Zweigen, manche recht lautstark, herumtoben.
Auf dem See kreuzt bereits ein Boot. Mast und Segel ragen als Kontrast in den blauen Himmelshintergrund. Vor ein paar Minuten dachte ich noch bei mir, auf der Bank neben dem Bootshaus eine kleine Pause einzulegen, ein Sonnenbad zu nehmen. Ich entscheide mich spontan dagegen. Ich werde auch nicht das Bootshaus betreten, um das Boot aus seinem Winterschlaf zu erwecken. Das kann alles noch ein paar Wochen warten. Der heutige Tag vermittelt mir eine gewisse Gelassenheit, er treibt mich nicht zu Eile an. Das Boot startet noch früh genug in die kleine überschaubare Welt des Sees. Er ist nicht wirklich groß und in weniger als drei Stunden zu Fuß zu umrunden. Der See ist eine Welt für sich. Wenn ich mit dem Boot über sein Wasser dahingleite, dann verliert die Welt da draußen an Bedeutung. Es gibt nur das Boot, das Wasser und die Landschaft am See. Weitere Boote mögen über ihn segeln, sind einfach nur Bestandteil dieses Landschaftsgemäldes.
Ich passiere das Bootshaus und nehme den Weg, der um den See führt. Bäume treten näher zum Ufer hin. Ich verlasse den befestigten Weg und gehe am Ufer entlang. Ich will zur großen Trauerweide oder besser, zu dem, was von ihr noch übrig ist. Ich fand ihn schon damals als Kind faszinierend, jenen riesigen Baum direkt am Wasser. Eines Tages trug sein Stamm ein farbiges Kreuz und die Trauerweide wurde von Amts wegen gefällt. Sie sei krank und morsch, die Sicherheit am See ginge vor. Ihre Reste transportierte man ab und an den mächtigen Baum erinnerte nur noch ein Stumpf. Zwischen alten Blättern des vergangenen Jahres schieben sich blaue Krokusse in die Sonne. Früher hätte die Trauerweide mit ihrer mächtigen Krone hier Schatten gespendet. Nur wirkt die Stelle am Ufer ein wenig leer, zugleich aber auch licht.
Ich setze mich auf den Stumpf und entledige mich meiner Jacke. Die Sonne spendet ausreichend Wärme. Es braucht nur wenige Augenblicke und Seebewohner kommen heran. Ein paar Enten und ein Schwan gesellen sich zu mir. Ich mache eine Geste der Entschuldigung, denn ich habe für sie kein Futter dabei. Die Enten ziehen recht bald davon. Der Schwan jedoch gleitet in meiner Nähe majestätisch über das Wasser. Vermisst er die Trauerweide? Der Song „Schwanenkönig“ kommt mir in den Sinn. Wenn mich die Erinnerung an den Text nicht trügt, kommt darin eine Trauerweide vor und unter ihr stirbt ein Schwan. Hier starb zuerst die Trauerweide.
Viele Stunden verbrachte ich einst unter ihrer Krone. Gelehnt an den Stamm, las ich so manches Buch. Hier konnte ich träumen. Der Baum senkte tief seine Zweige in den See. Man sah mich nicht gleich vom Wasser aus. Unter dem Baum zu sitzen war für mich, in meiner eigenen Welt zu sein, die in eine andere Welt eingebettet war. Als Teenager war für mich dieser Platz die schönste Stelle am See. Eine große Liebe führte ich hierher. Die Magie des Platzes spürte wohl nur ich. Ein flüchtiger Kuss blieb als Erinnerung. Kurz darauf ertrank ich meinen Liebeskummer am Stamm der Trauerweide in Bier und in meinem Leichtsinn beinah mich selbst, so jedenfalls die Sichtweise meiner Mutter. Der Platz blieb mit lieb und teuer und ist es heute noch. Sonst säße ich wohl nicht hier.
Kann man einen Baum zum Freund haben? Man kann. Ich mochte schon immer das Chanson, das eben jenes besingt. Die Stimme der Sängerin faszinierte mich als Jugendlicher schon, weil sie ein wenig dunkel und geheimnisvoll war. Als Schüler behielt ich die Vorliebe zu diesem Lied lieber für mich. Der Zeitgeschmack war es damals nicht und man hätte mich für etwas seltsam gehalten. Wer möchte das als Teenager schon, wenn alle anderen eher Rockmusik hören, um als harte Kerle durchzugehen. Mein Blick wandert über See und Himmel. Heute ist das alles egal und nur noch eine Erinnerung. Trotzdem würde ich mich gern noch einmal an den Stamm der Trauerweide lehnen. Mag sein, der Gedanke wird getrieben durch die allgemeine Sehnsucht, sich irgendwo anlehnen zu können, wenn es denn Not tut.
Ich sitze die ganze Zeit hier und habe dennoch das Gefühl als kehrte ich von einer Reise zurück. Fiel ich eben aus dem Himmelsblau über mir? Ein spontaner und merkwürdiger Gedanke. Der Schwan ist in der Zwischenzeit verschwunden. Das Segelboot kreuzt dafür in meiner Nähe. Ich kenne seinen Besitzer und winke ihm einen kurzen Gruß zu. Ich erhebe mich. Wie alt mag die Trauerweide geworden sein? Ein Blick auf den Stumpf verrät mir, dass ich durch das Morsche in seiner Mitte keine Jahresringe auszählen kann. War sie doch bereit für ihren Fall? Neue Triebe machen sich am Stumpf breit. Noch beherbergt dieses Holz Kraft und Leben. Vielleicht erschaffen die Triebe einen neuen Baum an diesem Platz, irgendwann oder nie, weil Veränderung Einzug hält.
Ich kehre zum befestigten Uferweg zurück und schlendre gut einen Kilometer am See entlang. Die Natur ist noch durchsichtig, gewährt mir einen Blick auf das Wasser und das gegenüberliegende Ufer. Nach einer Wegbiegung sehe ich in einiger Entfernung hinter mir das Bootshaus. Ich beschließe umzukehren. Der Heimweg wird lang genug. Er wird mir helfen, die Magie des Tages Revue passieren zu lassen und sie für mich zu konservieren.

© BPa / 03-2014

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 23.03.2014. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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