Jacques Lupus

Der Amdiller

Was ist ein Amdiller
oder andere Lebensweisheiten


Vorwort
 
Mundart nennen es die Einen, Slang die anderen. Die Bayern sind sogar stolz auf ihre Mundart, und das Sächsisch und Thüringische kommt zurzeit ganz groß in Mode.
Hinzu kommt, dass viele Mundarten ihre eigenen Schimpfwörter haben, die nicht unbedingt jeder versteht. Wenn ich jetzt zum Leser sage: „Du Amdiller!“; verstehen dieses Wort nicht alle, die diese Zeilen lesen. Aber manche sind jetzt vielleicht sogar beleidigt.
Es gibt dieses Wort, so wie viele andere in der deutschen Sprache!
Dummditz, Knärbelschwein, Prahler seien hier genannt.
Diese kleine Geschichte soll zur weiteren Aufklärung beitragen. Sollten sie für diesen oder jenen beleidigend sein;
mit etwas Humor kommt stets die gute Laune wieder.

Das ist eine frei erfundene Geschichte!
Übereinstimmungen mit dem wahren Leben wären rein zufällig.
© Jacques Lupus
 
Wie lange waren die sechziger Jahre schon vorüber. Edgar dachte gern an diese Zeit zurück. In dieser Zeit war er über vier Jahre in der schönen Stadt Elbflorenz  verweilt, hatte endlos mit seinen Kumpanen gefeiert, Mädchen den Kopf verdreht und alle Feste gefeiert, wie sie gefallen waren. Dabei hatte er trotzdem fleißig studiert und auch einen ordentlichen Abschluss geschafft. Immerhin war Edgar Elektroingenieur, fast sechzig Jahre alt, und im gesegneten Ruhestand konnte sich Edgar in seinen Erinnerungen sonnen.
Sein alter Chef und Freund, mit dem er viele Gläser Bier getrunken hatte, war bereits mit sechzig Jahre abgetreten und hatte einem jüngeren Platz gemacht. Der alte Platzhirsch hatte nicht mehr die Kraft, die neue Welt zu verstehen, und wich freiwillig dem jungen, so wie es Natur als selbstverständlich hinnimmt und eingerichtet hat.
Den neuen Chef mochte Edgar gar nicht! Er hatte kein Verständnis für Edgars Lebensart,
der schon ganze dreiunddreißig Jahre im technischen Außendienst arbeitete, besaß keinerlei Einfühlvermögen, und bald entwickelte sich zwischen Edgar und seinem neuen Chef ein außergewöhnlich schlechtes Verhältnis. Das allgemeine Arbeitsklima in der Gruppe litt darunter. Abmahnung für Abmahnung nahm Edgar hin, bis er eines Tages zu seinem Chef sagte: „Was bist du bloß für ein Amdiller!“
Sein Chef entstammte der Stadt Gotha. Natürlich verstand er das Wort sofort und entließ Edgar fristlos wegen Beleidigung. Edgar klagte über ein Erfurter Amtsgericht erfolgreich, und ging schließlich in den Ruhestand. Damit war er den neuen Chef los und sonnte sich in die Tage hinein.
Oft schenkte er sich dabei ein Glas Porter ein und ging faul auf der Couch liegend seinen Träumen nach.
 
 
 
Marion kam unzufrieden von der Arbeit und nörgelte an ihrem Mann Edgar herum:
 „Na du Fiefendeggel! Was hast heut wedder alles so gemacht, so lang ich gearbt hab.

Du Närrscher hast noch nech e ma abgewasch un ich ha wedder de ganz Arbt uff n Hals.“
 
Edgar erhob sich seelenruhig von seinem Stammplatz und verließ die Wohnung Richtung Garten, um auf der Gartenbank in Ruhe sein Bierchen weiter zu trinken. Aber selbst hier fand er keine Ruhe, denn Marion verfolgte ihn und nahm ihm die Bierflasche aus der Hand.
 
„Damit dus weesst. Ich fahre am Wochenend zu meiner Mama nach Walterswitzhausen
un mach e Besuch bei mei Eltern“, teilte Marion Edgar mit.“ Sie machte eine kurze Pause.
                  „Wenn de wisst, kannst ja mit komm! Oder bleib heeme du Mistkrepel.“
 
„Kneddsch nich dumm rum un kriech endlich wedder a gut Laun du Kneddscherin.
Heimkomm und den Nölarsch spiel. A richtig Gnatzschädel bist de manchmal“, reagierte Edgar freundlich. „Komm her du kleiner Dummditz.“
 
Edgar nahm seine Frau Marion in den Arm und gab ihr einen dicken fetten Kuss auf ihre roten Lippen. Dabei fasste er sie leicht an den Busen.
„Du elender Schwinnsmatz!“ grinste Marion und lächelte zufrieden.
„Das kannst de eben. Einen an den Ditz grabsch. Du bist aber auch e Gnatzschädel.“
 
„Selber  e Gnatzschädel“, reagierte Edgar frech, krabbelte Marion noch ein bisschen in den Hüften. „Du kneddscht nur dumm Wäsch un verdirbst einem de gut Laun, statt dass de e ma wedeer mit mir kuscheln tätst!“
„Das könnt dir so pass du Närrscher elendiger Klabbskander! Du hats wo vergess wie alt de bist?“ grölte Marion lauthals. „Außerdem hab ich jetze kei Bock auf des Gefummel.
Vielleicht morchen, wenn de nich so bleede guggst, wie grad etze.“
 
"Du aler Schwinnsmatz!"
legte Marion nach und entfernte Edgars Hand aus ihrem Schoß.
 
"Komm endlich, du kleines Arschkibbchen", fummelte Edgar weiter an Marion herum.
 "Sei nich so e Gnatzschädel!"
 
 
"Bist du awer au a Schwinnsmatz", lächelte Marion zufrieden und verließ die Gartenbank Richtung Haus.
  
Marion Eltern Frieda und Karl waren schon über fünf Jahrzehnte miteinander verheiratet und hatten vier Kinder in Fünfjahresabständen in die Welt gesetzt.
Marion war die Jüngste im Kindersegen und hatte auch eine besondere Neigung zu ihren Eltern. So oft sie konnte, besuchte sie ihre Eltern, die in dem kleinen Thüringischen Ort Walterswitzhausen wohnten.
Hier hatten sich Marion und Edgar auch das Ja Wort für immer gegeben.


 

Edgar erinnerte sich noch gut an den  Tag, als er das erste Mal bei seinen Schwiegereltern eingeladen war.
„Was is e das for e Amdiller, den de da mitgebracht hast?“ hatte Frieda laut gedacht.
Edgar verstand das Wort nicht und Marion griente in sich hinein.
 
Viel später sollte Edgar das Wort verstehen lernen, denn immer wenn Marion in ihre alte Mundart verfiel, lies sie regelmäßig derartige Schimpfworte heraus.
Als Marions und Edgars Kinder ihre Jugendweihe feierten, ging es Marion oft nicht schnell genug und sie knurrte für sich hin:
„Wann hört der Amdiller da vorn endlich auf zu knedsch. Is das aber au e Dummschwätzer. Un e Nöl macht der scho wedder. So a richtchen Klabbskander han se da hin gestellt.“
 
Edgar hatte über die Jahre diese Sprache verstehen gelernt und sich dieses und jenes Wort angeeignet. Vor allem wenn er zusammen mit seinen Kumpanen im Wirtshaus saß kam schon dieses oder jenes Schimpfwort Marions zum Einsatz. Dann ging es stets heiß zu, denn Edgars Freunde wollten natürlich wissen, was ein Amdiller ist!
 
„E Amdiller ist e Schwachsinniger“,
klärte Edgar seine Freunde auf.
 
Nun gab es aber doch Ärger am Stammtisch, denn wer will schon mit Schwachsinniger angesprochen werden. Fritz holte aus und verpasste Edgar eine Gerade auf das linke Auge. Edgar wartete nicht lange und schoss eine volle Gerade zurück.
Der Tumult wollte schier kein Ende nehmen
 
Nun kam Verena, die Wirtin ins Spiel!
„Aber, aber ...“ schimpfte sie lauthals und fürchtete um die Einrichtung, denn es ging deftig zu. „Hier ist eine Runde Freibier! Ich hoffe, dass das die Gemüter wieder beruhigt.“
 
„Äh ward ema!“ schrie Edgar auf. „Warum striedn mer uns ewerhaupt?“
„ Wiss ich nech mer, ich hans schon wedder vergess! Is doch au egal...“
 
„Awer e Heidnspaß hammer doch gehabd!“ lachten die anderen Zechkumpane.
„Wemme uns och schon lang kenn. Gestried is kinn schiäner Daach, gä!“
 
Verena ging zum Tresen zurück und schenkte zufrieden eine Runde Klaren ein.
„Ich werde mir mal ein Wörterbuch kaufen, damit ich endlich den Fritz, Edgar und Co. verstehen kann. Die Else hat neulich so ein Buch in der Hand gehabt.
Ich glaube es heißt 
 
–Kleines Gothsches Schimpfwörterbuch–.“
 
Genau!
Da kann man es richtig nachlesen und Sprachkunde betreiben in dem Sinne:
„ Mich und Dich verwechsele ich nich, das kommt bei mich nich vor!
  Mei Vater, der steht hinter mich und flüsterts mich ins Ohr...“
                                                    Welches Gärschwein hat denn das verzapft?
Mensch – der Amdiller, der Nischtdöcher – DEaaaR !
 


 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 26.03.2014. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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