Jana Weiß

Und es gibt ihn doch (Juli 1995)


 

Ich wage keine Bewegung, liege steif auf meinem Lager, welches wie immer unter dem schützenden Dach eines großen Kirschbaumes steht. Eigenartig, selbst das sanfte Blätterrauschen, sonst ein Garant, um mich in den Schlaf zu wiegen, hat aufgehört. Welche Stille! Ich bemühe mich um Fassung und Erklärbarkeit, kann meinen Blick nicht abwenden und schäme mich beinahe, ihn so anzustarren, direkt hinein in einen strahlend blauen Himmel, mit ein paar wenigen Wolken, die sich um ihn scharren wie kleine Engel. Sein Gewand ist weiß und weit, nur gehalten von einem Stück brauner Kordel. Sie flattert sanft im Wind, genau wie seine braunen Haare, welches ihm bis zu den Schultern reicht, wellig und stark. Seine Hände sind auf mich gerichtet, geöffnet in liebevoller Gestik. Ich blicke in gütige warme Augen. Auch diese sind braun und seine Haut erinnert mich ein wenig an Oliven. Keinen Schmuck zur Zierde, nicht mal einen Ring, nur ein kleines rundes Amulett aus gegerbtem Leder, sehr dunkel und sehr alt. Träume ich oder bin ich wach? Nichts verhilft mir zur Orientierung. Und will ich das überhaupt? Ich möchte meiner Familie zurufen „Kommt her und schaut ihn euch an“, aber meine Stimme versagt und der Mund bleibt verschlossen. Mein Wunsch, diese Erscheinung zu teilen, scheitert an einfachen Worten, die nicht herausquellen wollen.
 
Ich beginne mich auf wundersame Weise zu entspannen, mir ist sonderbar warm. Die Glieder inzwischen wohlig ausgestreckt ergebe ich mich ganz seiner Betrachtung. Ein einziger Gedanke setzt sich fest „Was will er?“.  Auf seinem Gesicht liegt ein sanftes Lächeln, so als könne er den Gedanken erraten, der mich quält. Langsam schwindet meine Angst. Noch immer schauen wir uns schweigend an, keine Regung ist zu spüren. Sein Anblick gibt mir Trost, ich werde davon vollkommen überflutet, versuche mir jede Einzelheit genauestens einzuprägen. Ganz vergessen ist die Zeit und alles in meinem Leben. Sämtliche Hindernisse werden plötzlich klein und unscheinbar, wollen sich in Luft auflösen, als hätte es sie nie gegeben. Eine wundersame Heilung beginnt mein Leben neu zu ordnen, nimmt meinen Schmerz und die Last von den Schultern. Er sendet mir  einen warmen Wind, der meinen Körper umspült, sich in meinen Haaren vergisst, meine Sorgen vom Gesicht streichelt und die endlose Traurigkeit aus meinen Augen. Losgelöst von allem Irdischen möchte ich aufsteigen zu ihm, doch schon verblasst seine Gestalt, wird dünner und verschwimmt, er ist kaum noch wahrzunehmen.

Ich will ihn festhalten und zurufen „Bitte geh noch nicht, ich brauche dich“. Doch sein Bild verschwindet und ich muss erkennen, dass er nicht wiederkommen wird. Noch immer wölbt sich der  strahlend blaue Himmel über mir. Die Vögel beginnen erneut ihr Lied zu singen und bringen mich mit ihrem liebevollen Gezwitscher in die Wirklichkeit zurück.
 
 
 
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 26.03.2014. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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