Christa Astl

Sabines Überlebenskunst Teil 6



 
 

Mühsamer Abstieg
 
 
Die Sonne taucht die Alm bereits in blendweißes Licht, als sich in der Hütte die ersten den Schlaf aus den Augen reiben. Das allgemeine Rumoren beginnt, bis fünf Personen sich aus den Schlafsäcken geschält und in die Kleidung gezwängt haben. Unter gemeinsamem Fachsimpeln wird versucht, Feuer zu machen. Jeder weiß, wie es besser ginge, doch es brennt nicht, sondern der Rauch zieht immer dichter durchs Zimmer.
Sabine, die in einer Ecke liegt und dem Treiben amüsiert und gelassen zusieht, muss nun was tun, um nicht hier einer Rauchgasvergiftung zum Opfer zu fallen. Kommt sie überhaupt auf die Beine? Tatsächlich, es geht viel besser als befürchtet! Die Salbe scheint über Nacht gewirkt zu haben. Das Knie ist zwar noch stark geschwollen, aber sie kann immerhin wieder stehen.
Die anderen freuen sich sehr und lassen ihr bereitwillig den Platz am Ofen. Neugierig und fast andächtig schauen sie zu, wie Sabine den Ofen ausräumt, Papier einlegt, feines, kleines Holz, das sie bei ihrem ersten Aufenthalt geschnitten hat, darauf gibt, und den Zug öffnet, dass der Rauch abziehen kann. Das hatten die anderen übersehen. Inzwischen öffnet wer die Türe, denn Kopfschmerzen machten sich schon bemerkbar. Die übrigen Arbeiten, wie Schneeholen, Tisch decken, übernehmen die anderen. Gedankenlos holt Arno zwei Marmeladen und will sie öffnen. „Nein, eine genügt, die werden ja schlecht, wenn sie offen womöglich bis zum Sommer stehen. Wer weiß, wann wieder jemand hier rauf kommt! Schließlich haben wir hier nur im Winter einen Kühlschrank“, und sie weist auf den Schnee vor dem Haus. Auch mit den anderen Vorräten geizt sie, denn die müssen für längere Zeit reichen, für die, welche in nächster Zeit die Hütte besuchen, vor allem für die Besitzer, die Sabine immer noch nicht kennt. Diesmal will sie ihnen ein paar Zeilen hinterlassen.
Jetzt werden aber erst einmal die Rucksäcke nach restlichem Essen durchsucht, und das Ergebnis ist recht abwechslungsreich. Sogar gekochte Eier und Schinken gibt es. Kaffee, Tee, Sylvia packt einen Becher Joghurt mit Müsli aus und schenkt ihn weiter, heute will sie nicht so gesund leben.
Alle sind einigermaßen ausgeschlafen, der herrliche Ausblick durchs Fenster vertreibt die letzten Reste von Müdigkeit. Auch Sabine geht es gut, ihre trübe Laune des Abends ist wie fortgeblasen. Wahrscheinlich auch, weil die Schmerzen sehr nachgelassen haben. Natürlich schont sie sich und lässt sich gerne bedienen. Auch Gerts „Wundersalbe“ wünscht sie nochmals aufgetragen zu bekommen, diesmal macht es Gert selber. Die Berührung durch seine kräftigen, schlanken Finger spürt Sabine durch den ganzen Körper kribbeln, so dass ihr fast die Luft weg bleibt. Sie liegt ganz still...
„Wann wollen wir aufbrechen?“ Diese Frage reißt Sabine aus ihren Träumen,denn sie muss entscheiden. Das Wohlgefühl im Körper erlischt, Arno hilft ihr beim Aufstehen.
Alle gehen mit hinaus, um nach dem Wetter zu schauen. Keine Gefahr, dass es sich verschlechtern könnte, weit und breit ist keine Wolke zu sehen. So verteilt man sich wieder auf die Bänke, David versucht sich mit Brettern einen Liegestuhl zu basteln, der allerdings zusammenbricht, als er gerade so schön am Einschlafen ist. Der Schnee ist weicher geworden und hat unter ihm nachgegeben, - oder hat Arno nachgeholfen? Der stellt sich natürlich herrlich unschuldig, auch als David ihn mit Schneebällen bombardiert. Bald ist die herrlichste Schneeballschlacht im Gange.
Ein Krachen zerreißt das übermütige Lachen. Der Blick zurück zum Berg hinter ihnen schreckt sie auf: Eine Lawine donnert den steilen Hang herunter und verliert sich irgendwo tief unten im Wald. Bäume zersplittern wie Streichhölzer. Es geschah etwa hundert Meter von ihnen entfernt. Leichter Schneestaub streift sie, wie eine Ahnung des weißen Todes, der jeden Winter zahlreiche Schifahrer und Tourengeher mitnimmt.
Der Übermut ist schlagartig erstorben, betretenes Schweigen, Ehrfurcht vor der Gewalt der Natur hat sich aller bemächtigt. „Ist unser Weg jetzt auch gefährdet?“, lässt Sylvia sich als erste vernehmen. Auch Sabine ist etwas verunsichert und ängstlich. Ja, ist ihr Weg wirklich sicher? „Ich denke, wir warten erst mal ab, hier sind wir sicher. Schließlich steht die Hütte schon viele Jahre!“ So beruhigt sie ihre Kameraden und auch sich selber.
Die Berge bleiben ruhig, hin und wieder rieseln Schneebrocken von den Felsen, die Sonne hat ihren höchsten Stand bereits überschritten. Man muss doch an den Abstieg denken.
Schweigsam sind alle, als sie ihre Sachen wieder in den Rucksäcken verstauen. Die Hütte wird sauber aufgeräumt, Geschirr und Vorräte ordentlich verstaut.
Sabine schreibt ein paar Zeilen an die Besitzer der Hütte, in denen sie sich für ihr Eindringen entschuldigt und sich bedankt, dass sie hier bleiben durfte. Auch dass sie Lebensmittel als Wiedergutmachung gebracht hat, erwähnt sie. Und die Bitte, wieder einmal hierher zu dürfen. Ganz unten gibt sie ihre Adresse und ihre Telefonnummer an.
Ein letzter Blick in den nun sehr ordentlichen Raum, dem man keine Besucherspuren mehr anmerkt, die Schistöcke werden zusammengesucht, die Hütte versperrt, der Schlüssel kommt in sein Versteck.
Nochmals ein Blick zurück zum Berg, der sich wieder beruhigt hat. Die Spur des Vortages hat sich gefestigt und ist leicht zu gehen. Gert schultert wieder Sabines Rucksack, sodass sie sich auf vorsichtiges Gehen konzentrieren kann. Erst mit Sonnenuntergang erreichen sie den Ort und den Bahnhof.
Länger hätte Sabine es nicht mehr durchgestanden. Im Bein beginnt es zu klopfen, der am Morgen angelegte Verband schneidet ein. Im Zug darf sie das Bein hoch lagern, was den Schmerz etwas erträglicher macht.
Diesmal ist es der Vater von Arno und Gert, der sie abholt, er hat ein größeres Auto. Und er erklärt sich bereit, Sabine gleich ins Krankenhaus zur Untersuchung zu bringen. Ihre Mutter hätte vor Schreck nur wieder einen Schwächeanfall bekommen!
Gert begleitet sie und wartet mit ihr, während der Vater die anderen heimbringt.
Sie scheint nicht das einzige Opfer des Wintersportes zu sein, die Wartehalle ist dicht besetzt. Gut eine Stunde müssen sie warten. Die Nähe Gerts empfindet sie als angenehm, auch haben sie sich viel zu erzählen, jetzt da sie allein sind.
Gebrochen ist nichts, stellt man beim Röntgen fest, nur eine starke Prellung, und sie wird für eine Woche vom Unterricht befreit. „Wenigstens etwas Positives…“ denkt Sabine, aber das Angenehmste in dieser Situation war wohl Gert, der sie nun wieder fürsorglich zum Auto des Vaters geleitet.
 
 
 
ChA 21.2./24.3.2014

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 27.03.2014. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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