Jacques Lupus

Die Butter auf dem Brot

© Jacques Lupus
 

"Lass dir nicht die Butter vom Brot nehmen!"
oder
der Geschmack eines frisch gebackenen Brötchens
mit guter Butter belegt

 
Sprichwörter kommen und gehen, aber eines hatte sich Edgar seit seiner Kindheit fest eingeprägt. Wie oft hatte seine Großmutter gesagt: "Mensch Kerl! Lass dir doch nicht die Butter vom Brot nehmen." Oder auch später die Worte: "Alles in Butter!"
Wie lang war es her, dass er diese Worte seiner Großmutter hörte.
Es war Ferienzeit. Edgar hatte Besuch von seinen Enkeln, die er sehr liebte. Besonders in der kleinen Klara sah er Ähnlichkeiten zu seiner eigenen Großmutter. Aber auch die beiden Großen Antje und Paul machte ihm viel Freude.
Was ihm aber immer wieder missfiel, waren die vielen Stunden, die die Kinder am PC verbrachten.
"Es ist Sommer und ihr seid immer noch nicht an der Badestelle, um euch zu erfrischen!" mahnte Edgar erneut.
Unweit seines Hauses verlief die Unstrut, die klar wir ein Gebirgsbach war. Als Kind war Edgar hier regelmäßig schwimmen gegangen, oder hatte stundenlang geangelt. Besonders die Forellen hatten es ihm angetan, denn die schmeckten ihm am besten. Außerdem gab es stets ein dickes Lob vom Vater, der flugs die Pfanne in Stellung brachte, denn frische Forelle war sein Leibgericht.
Aber viel öfter verbrachte Edgar seine Ferien bei der Großmutter in Kleinrödersdorf.
Einmal wegen der grenzenlosen Freiheit, die er bei der Großmutter genoss. Auch hier fließt die Unstrut nahe dem Dorf. Also gab es nichts zu vermissen. Außerdem wohnten hier seine gleichaltrigen Cousins, die wie er stundenlang in der Natur herumtollten und die Ferien verbrachten.
Da war auch der Dreschplatz, wo das Getreide ausgedroschen wurde.
Ein großer Lanz Bulldog trieb über ein Kurbelrad die Dreschmaschine über einen langen
Lederriemen an, was nicht ungefährlich war. Opa Karl war in die Schlaufe gelaufen und an diesen Verletzungen gestorben.
Also hieß es aufpasse, immer Abstand halten und aus sicherer Distanz beobachten und das Abenteuer erleben. Besonders interessant war das Anwerfen des Bulldogs!
Mit einer Kurbel wurde seitlich das Schwungrad so lange gedreht, bis die Maschine lief.
Geschicklichkeit war gefragt.
Onkel Peter drückte aber ein Auge zu und ließ die Jungen auch schon mal zugreifen.
Fing der Bulldog an zu laufen, musste die Kurbel schnell aus der Nabe entfernt werden.
Nun ging es voran. Alles war in Butter. Das Lederband wurde aktiviert und die Dreschmaschine lief und ratterte, dass es quietschte und dampfte. Nun konnte das Dreschen der Frucht weiter gehen.
Die Ferientage sind heute noch tief in Edgars Erinnerung festgeschrieben.
Am Abend gab es dann ein leckeres Essen mit frischer geräucherter Wurst, frischem Brot oder Brötchen und guter sahniger Butter aus dem Fass, die die Großmutter meist selbst gefertigt hatte. Mit einer Zentrifuge wurde die Milch bearbeit, nach geheimen Rezepten gewürzt und in handliche Stücke geschnitten. Edgar genoss dies in vollen Zügen!
Dazu gab es Gurke grün oder bereits gesäuert oder reife Tomaten direkt vom Busch aus dem Garten. Oma Maria rief laut über das Grundstück: "Vergesst die Tomaten nicht abzunehmen!"
Besonders gern aß Edgar ein frisches Brötchen aus dem Ofen dick mit Butter bestrichen.
In den Ferienspielen durfte er mit in die Schule gehen, aber die servierten Brötchen waren abgezählt für die einheimischen Kinder. Edgar war Gast und hatte sich schon damit abgefunden, auf den Genuss zu verzichten. Die Erzieherin mochte aber Edgar, und so gab sie ihm ihr Brötchen ab. Wie sinnbildlich groß war der Genuss, den sie Edgar damit verschaffte!
"Das wäre ja ein Ding, wenn wir uns die Butter vom Brot nehmen lassen", lächelte die Erzieherin, die auch bald ihr Kind gebären würde. Sollte es ein Junge werden, würde er Edgar heißen.
Wie schön und einfach waren diese Jahre!
Nun war Edgar dreifacher Großvater, und seine Enkel verhielten sich gar nicht so recht nach seinen Vorstellungen. Er schaute nach seiner alten Angelausrüstung, die im Schuppen verstaubt war. Unlängst hatte er gehört, dass wieder Forellen in der Unstrut lebten.
Mit viel Geschick und Redekunst überzeugte er die Kinder am nächsten Tag angeln zu gehen.
Besonders Paul war gleich einverstanden.
Klara schaute verträumt. Sie war wohl noch zu klein, das alles zu verstehen. Aber auch Antje konnte sich schließlich begeistern. Jeder bekam eine eigene Angel und los ging es.
Nach neuesten Erkenntnissen ging Edgar vor!
Er hatte in einer Fachzeitschrift gelesen, dass besonders Raubfische durch Wobbler förmlich angezogen würden. Diese Kunstköder, die echten Fischen sehr ähnlich wirkten, waren die neueste Errungenschaft auf dem Markt. Natürlich ging Edgar sofort zu seiner Lieblinsangelstelle!
Und los ging das Abenteuer. Paul war am Geschicktesten. Schnell hatte er seine Angel nebst Köder aktiviert. Antje bastelte noch herum und Klara hatte die ganze Angel ins Wasser geworfen. Alle mussten lachen! Aber Edgar nahm ihr das nicht krumm. Er holte die kleinen Angel aus dem Wasser, nahm Klare auf den Schoß, und erklärte ihr alles. Klare nahm es gelassen, entdeckte schließlich einen Käfer, der ihr ganzes Interesse auf sich zog, und beschäftigte sich.
"Wann beißt denn ein Fisch?" fragte Paul ungeduldig.
Edgar träume vor sich hin: "Ja Geduld muss man schon mitbringen!"
Noch nicht eine Stunde war vergangen, als sich Pauls Köder bewegte. Edgar war gespannt, denn alles kam ihm plötzlich sehr bekannt vor.
"Wenn das kein Hecht ist, freß ich einen Besen!"
"Ha ha", lachte Klara. "Besen kann man doch nicht essen!" Edgar brummelte in sich hinein.
Und schon ging es los. Das Wasser kochte und brodelte.
"Schön langsam ziehen, wieder los lassen und wieder ziehen!" beruhigte Edgar seinen Enkel Paul.
"Lass dir nur nicht die Butter vom Brot nehmen,"
beriet Edgar weiter und machte den Kescher bereit.
"Den Hecht holen wir uns!"
Edgar fieberte wie in alten Tagen.
Nach einer viertel Stunde lag der Hecht im Kescher.
Ganze 70 cm lang war der Fisch.
"Da hast du ja einen kapitalen Fang gemacht", lobte Edgar Paul.
"Komm - wir machen gleich ein Foto für das Familienalbum."

In der Zwischenzeit hatte Antje immerhin einen 30 cm langen Barsch gefangen, der aber wieder frei gelassen wurde, weil Klara weinte. "Der kleine Fisch muss weiter leben", jammerte sie heftig. Auch Antje hatte diese Meinung, und so bekam der Barsch seine Freiheit zurück.
Der Hecht wurde aber sofort von Edgar ausgenommen und filetiert.
Die Filetstücke kamen in den Rucksack, der Rest ins Wasser. "Da freuen sich die anderen Fische über die fette Beute!" erklärte er den Kindern.
"Auch habe ich neulich einen Fischotter gesehen, der sich hier angesiedelt hat und seine Jungen aufzieht."
Eigentlich war es Zeit, nach Hause zu gehen, denn die Sonne stand schon tief. Auch quängelte Klara, weil sie müde war!

Paul hatte seine Angel wieder bereit gemacht und beobachtete den Köder, wie er lustig im Wasser dahin trudelte. Plötzlich tauchte ein Schatten auf.
"Das gibt es doch nicht!" rief Edgar erstaunt aus. "Der Junge hat ja richtiges Anglerglück.
Paul hatte eine 45 cm lange Forelle am Haken.
Geschickt brachte er seinen Fang mit Unterstützung von Opa Edgar und dessen Kescher an Land.
"Das wird ja ein Festessen heute Abend!" rief Edgar laut.
"Hecht und Forelle gebraten mit saftigen Kartoffelsalat von Oma Marion.
"Oder mit einem frischen Butterbrötchen!" grinste Antje in sich hinein.
Den Kindern hatte der Tag am Fluss sehr gefallen. Nun wurde das Abenteuer wiederholt.
Schließlich lagen 10 Forellen im Kühlfach.
"Wenn euch euere Eltern abholen, gibt es Fisch!" lachte Edgar in sich hinein.
"Gebratene Forelle mit Omas saftigen Kartoffelsalat oder einem frischen Brötchen dick mit guter sahniger Butter bestrichen!"
 
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 07.04.2014. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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