Irene Beddies

Wendel: Wiedersehen





Einige Nächte später kam Wendel schon früher in den Keller. Er wollte hinter dem Gurkenglas das „Boinggg“ der Glocke in Ruhe abwarten.
Als er da so lag und lauschte, hörte er ein leises Rascheln unter dem Regal. Dann erklang ein leises Piepsen. Danach war für einige Augenblicke alles wieder still.
Doch dann huschte etwas unter das Bord mit dem Gurkenglas. Winzige Füßchen trappelten dort umher. Aha, eine Maus war im Keller.
„He“, rief Wendel, und sah in das untere Bord. Vor Überraschung blieb ihm der Mund offen.
„Du hier?“ brachte er heraus, als er die Nachbarin vom Dachboden erkannte.
„Wie schön, dich wiederzusehen! Ich habe dich aber noch nie bemerkt, liebes Mäuslein.“
„Das kann ich mir denken“, piepste die Maus, „du kommst immer kurz vor dem Glockenschlag und fällst dann gleich in Schlaf, wie auf dem Dachboden. Ist dies dein neues Versteck?“
„Nein, ich komme nur manchmal hierher. Ich wohne weiter auf unserem alten Dachboden. Die neuen Besitzer haben es erlaubt und mir meinen Schlafplatz viel besser gemacht. – Und Du? Hast Du hier einen guten Unterschlupf gefunden?“
„Ich habe ein Nest hinter den alten Kisten in der Ecke. Dort ist es warm und trocken. Und zu essen finde ich in der Kartoffelkiste genug.“
„Weiß Paul, dass du hier bist?“
„Wenn du die Menschen meinst, die haben mich nicht bemerkt. Wenn sie kommen, machen sie Lärm auf der Treppe. Dann kann ich mich rechtzeitig in mein Nest verkriechen.“
„Das ist lustig. Ich bin also nie allein im Keller in der Nacht oder am Tag, auch wenn Paul nicht da ist“, lachte unser Gespenst.
„Verrate mich nicht, liebes Gespenst. Ich bekomme bald Kinder und will mir kein neues Nest bauen müssen“, bat das Mäuschen.
„Zeigst du mir dann deine Kinder?“.
„Natürlich, sie müssen doch lernen, wie es in der Welt zugeht. Dazu zeigt eine Mäusemutter ihnen alles, was sie kennt. Die guten Dinge müssen die Kleinen kennen lernen. Sie müssen aber auch über alle Gefahren Bescheid wissen.“
„Gehöre ich zu den Gefahren?“, fragte Wendel neugierig.
„Nein, du doch nicht. Du schläfst fast immer. Fallen kannst du nicht aufstellen oder Gift auslegen. – Nur verraten könntest du uns.“
„Aber das will ich ja nicht!“, versicherte er der Maus noch einmal nachdrücklich.

Einige Tage später stellte Paul einen seltsamen Geruch im Keller fest.
„Es stinkt hier so komisch. Vielleicht weiß Mama, was das ist.“  Er holte seine Mutter, noch ehe Wendel etwas sagen konnte.
Die Mutter erkannte sofort: „Hier sind Mäuse im Keller. Die sind wahrscheinlich durch das offene Fenster herein gekommen. Wir müssen Fallen aufstellen“.
„Können wir die Mäuse nicht in einen Käfig tun?“, fragte Paul, „dann könnte ich mit ihnen spielen, wenn ich aus der Schule komme.“
„Wenn es weiße Mäuse wären, die nicht so schrecklich stinken, würde ich es dir erlauben“, sagte die Mutter, „aber gewöhnliche Hausmäuse kann man nicht im Käfig haben.“
„Schade. Kaufst du mir weiße Mäuse?“
„Du kannst sie dir zum Geburtstag wünschen.“
„Darf ich auch etwas sagen?“, fragte Wendel höflich.
 „Aber ja, nur zu“, sagte die Mutter.
„Ich kenne die Maus. Sie wohnte mit mir auf dem Dachboden. Sie hat gestern kleine Babys bekommen. Wenn du sie jetzt tötest, müssen auch die Babys sterben. Und ich wollte sie so gerne sehen“.
„Du bist mir ja einer, kleines Gespenst! Wie lange sollen die Mäuse denn noch im Haus sein? Ist erst einmal eine Maus da, dann kommen bald noch mehr. Nein, nein, sie müssen weg.“
Wendel sagte nichts mehr. Er hatte einen Plan.

Als es Mitternacht schlug, blieb er im Keller. Er rief nach der Maus.
Als sie kam, erzählte er ihr von den Plänen der Mutter.
„Vielleicht ist sogar schon eine Falle aufgestellt. Am besten, du ziehst heute Nacht um und suchst dir ein anderes Versteck.“
„Ach ich Ärmste!“, jammerte die Maus, „mit neun Kindern umziehen! Dabei sind die Kleinen noch nackt und blind!“
Mit diesen Worten verließ sie den Keller. Sie kam aber bald wieder und holte ein kleines rosa Mausekind nach dem anderen. Sie trug sie in ihrer kleinen spitzen Schnauze aus dem Keller. Wendel beobachtete den Umzug genau. Die winzigen Mäusebabys fand er gar nicht niedlich. Sie waren schrumpelig, nackt und hatten viel zu große Köpfe.
„Wo ist dein neues Versteck?“, fragte er die Maus zum Schluss.
„Nicht weit von hier im Garten. Ich habe ein altes Mauseloch gefunden und es notdürftig hergerichtet. Aber da kann ich nicht lange bleiben, denn es riecht überall stark nach Katze. Für den nächsten Tag bin ich aber wohl sicher. Wenn es wieder Nacht wird, werde ich ein besseres Versteck gefunden haben. Schade nur, die Kartoffeln haben mir die Futtersuche leicht gemacht.“
„Du wirst bestimmt genug zu fressen finden. Es ist ja Herbst. Viel Glück und ein gutes Leben für dich und deine Kinderchen!“
Am Nachmittag berichtete Wendel Paul vom Umzug der Mäuse.
„Ein Glück, dass Mama sie nicht erwischt hat.“
„Sag deiner Mama, sie kommen bestimmt nicht wieder. Und wenn eine andere Maus hierher kommt, will ich ihr auch raten umzuziehen. Hauptsache, das Kellerfenster bleibt offen.“

© I. Beddies



.





 

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Irene Beddies).
Der Beitrag wurde von Irene Beddies auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 11.04.2014. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Die Autorin:

Buch von Irene Beddies:

cover

In Krollebolles Reich: Märchen von Irene Beddies



Irene Beddies hat in diesem Band ihre Märchen für Jugendliche und Erwachsene zusammengestellt.
Vom Drachen Alka lesen wir, von Feen, Prinzen und Prinzessinnen, von kleinen Wesen, aber auch von Dummlingen und ganz gewöhnlichen Menschen, denen ein wunderlicher Umstand zustößt.
In fernen Ländern begegnen dem Leser Paschas und Maharadschas. Ein Rabe wird sogar zum Rockstar.
Auch der Weihnachtsmann darf in dieser Gesellschaft nicht fehlen.

Mit einer Portion Ironie, aber auch mit Mitgefühl für die Unglücklichen, Verzauberten wird erzählt.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (2)

Alle Kommentare anzeigen

Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Gute Nacht Geschichten" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Irene Beddies

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Bastelstunden von Irene Beddies (Leben mit Kindern)
Der schneeweiße Hase von Christa Astl (Gute Nacht Geschichten)
Die Wichtigkeit des Kommas von Norbert Wittke (Einfach so zum Lesen und Nachdenken)