Jacques Lupus

Die Mauer

© Jacques Lupus
(Zufällige Übereinstimmungen mit dem wahren Leben wären rein zufällig!)

Vorwort!
Im Jahr 1961 errichtet die Regierung der DDR im Auftrag der Sowjets die berühmte Berliner Mauer. Sie fällt im November 1989, nachdem viele Menschen hier ihr Leben ließen...
Ich widme diese Geschichte allen Menschen, die in Freiheit leben möchten!


Ganze zweihundert Jahre alt war die alte Scheune auf dem Bauernhof. Treu hatte sie seinen Eigentümern als Speicher für Getreide, Stroh oder Klee gedient. Eine Dreschmaschine war sinnvoll in ihr integriert, und viele Tonnen Getreide waren hier gelagert, gedroschen und verarbeitet worden.
Der Urgroßvater Fritz hatte die Scheune zusammen mit dem Anwesen im 19. Jahrhundert gekauft. Geld zum Sanieren der Gebäude blieb oft nicht übrig, und der Zahn der Zeit nagte schon lange am Bauzustand.
Sie geriet völlig in Vergessenheit, als im sozialistischen Frühling im Jahr 1960 die selbständigen Landwirte ihren Lebensunterhalt in Genossenschaften verdienen mussten.
Auch in der Landwirtschaft änderten sich die Technologien. Schwere körperliche Arbeit
entfiel fortan, da moderne Maschinen, wie die Mähdrescher, Kartoffelrodemaschinen oder große Strohpressen die Arbeit machten. Die kleinen Ackerflächen der Bauern wurden großflächig zusammengelegt, die Erträge stiegen durch Anwendung moderner landwirtschaftlicher Erkenntnisse und Technologien. Wenn auch dieser und jener Landwirt nicht gerade freiwillig in der Genossenschaft arbeitete, hatte doch der Fortschritt auch auf den Dörfern Einzug gehalten. Die alten Wirtschaften wurden, wenn überhaupt, für private Tierzucht genutzt.
Das Schlachtfest war dann der Höhepunkt im Jahr. Frische selbstgemachte Wurst war und ist
eine Delikatesse!
Die alte Scheune schlummerte so für sich hin. Ungenutzt nahm sie ihren angestammten Platz auf dem Bauernhof ein. Und das Wetter sowie die Zeit hinterließen ihre Spuren.
" Hildegard!" rief die Nachbarin über Telefon mehrmals an." Mir fallen schon die Ziegel auf den Kopf."
Meine Mutter wurde nach dem dritten Anruf sichtlich nervös. "Was soll nur werden?" jammerte die Mutter.
" Wir reißen die Scheune ab!" entschied ich.
Die Nachbarin entstammte ebenfalls einer Bauersfamilie des kleinen Ortes im Thüringer Land.
Nach den Kriegsende hatte sie einen Umsiedler aus dem fernen Ostpreußen geheiratet.
Erich, ein recht aufgeschlossener Mensch, hatte als junger Mann den Krieg heil überstanden und sich im Dorf etabliert.
Den Sportverein baute er entscheidend auf, als Handwerker war er stets und immer zur Stelle, wenn Hilfe nötig war.
Sein Gruß ist höflich und bestimmt.
Nach dem Krieg und den Erfahrungen, die er hier gesammelt hatte, stand sein Entschluss fest.
Er wurde aktives Mitglied der SED Deutschlands, stand treu und fest zu den Idealen eines
Kommunisten; selbst nach dem Zusammenbruch der DDR ordnete er sich in die Reihen
der Nachfolgepartei PDS, Partei des demokratischen Sozialismus, ein.
Nun hatten die Bonzen der SED mit aller Kraft versucht die geschichtlichen Lehren auf den Kopf zu stellen.
Die wichtigste Lehre der Geschichte ist es nun mal, dass stets und immer
die Ökonomie die Gesellschaft bestimmt. Wer das Geld hat, hat früher oder später auch die
politische Macht. Von der Urgesellschaft an ist dieser rote Faden zu erkennen.
Bis hin zum Kapitalismus hatten immer wieder die modernen Produktivkräfte und - mittel das Geschehen diktiert.
Das taten sie auch im Projekt des real existierenden Sozialismus/ Kommunismus.
Der Kommunismus versuchte nun mit hohen Idealen die Entwicklung der Geschichte zu beschleunigen. Gemeinsam ging es voran! Alle sollten glücklich sein.
Die Mittel dabei waren nicht immer überzeugend, die Menschen dachten nach wie vor kleinbürgerlich.
In Scharen verließen deutsche Familien den kommunistischen Teil Deutschlands. Bis hin zum Substanzverlust!
Auch Bauern kehrten der DDR den Rücken.

Die berühmte Berliner Mauer entstand und teilte ganz Europa in zwei Lager
und Deutschland in zwei Völker. Immerhin vierzig Jahre dauerte dieser Zustand!
Keinem im Osten Deutschlands ging es schlecht, alle hatten ihr Auskommen; und doch reichte das nicht aus.
Kein Vogel unserer Mutter Erde fühlt sich wohl im goldenen Käfig!
So erging es auch den Ostdeutschen im " Goldenen Käfig DDR ".
So kam das, was kommen musste: Die Mauer fiel, und wildfremde Menschen lagen sich, Tränen in den Augen,
in den Armen und feierten eine ganze Nacht hindurch dieses geschichtsträchtige Ereignis.
Das Ende des Kommunismus in der politischen Macht Osteuropas war gekommen. Keiner in Deutschland wollte mehr dieses Regime, das am Ende angekommen war.
Die Einheit Deutschlands nahm mit all seinen positiven und negativen Konsequenzen seinen Lauf.
Die Mauer wurde dabei fast völlig demontiert; kleine Reststücken blieben erhalten zum Andenken.
Maler verewigten sich in ihren Bildern auf den Mauerresten.
Die Veränderungen in den vergangenen vierzig Jahren waren jedoch nicht ohne Folgen geblieben.
Wie ein Gespenst existiert in den Köpfen der Menschen die Mauer weiter.
" Die Ruhe hat mich nicht gestört!" sagt ein Großcousin meiner Frau aus Oberfranken, einst völlig abgeschirmt durch Stacheldraht nach Ost, Nord und sogar West. Der Flugplatz Nürnberg in die weite Welt war für ihn frei erreichbar, die Wirtschaft erlaubte ihm und seiner Familie einen guten Lebensstandard. Arbeitsplätze gab es genug!
Plötzlich gab es ein weit aus größeres Arbeitskräftepotential. Selbst aus dem nahen Tschechien kommen die Arbeitskräfte und arbeiten für einen Hungerlohn. Die Unternehmer nutzen dies, um ihren eigenen Profit zu vergrößern. Alte kapitalistische Gesetze kommen voll zur Wirkung.
Auch in unserem Dorf, das im Mittelpunkt des wiedervereinigten Deutschlands liegt, hat sich viel verändert.
Auf Initiative des Gemeinderates entstand ein neues Wohngebiet, wo achtzig neue Häuser gebaut wurden.
Der Fortschritt hält trotz hoher Arbeitslosigkeit weiter an.
Unser Haus, das noch 1989 einen Einheitswert von ganzen 6.000,00 ostdeutschen Mark hatte, ist nun einige Hunderttausende wert. Die ökonomischen Verhältnisse sind wieder einmal Richtung Kapital verrutscht und haben sich durchgesetzt.
Dank der unermüdlichen Arbeit des Altkommunisten Erich hat aber die PDS in Wundersleben einen hohen Stellenwert.
Entgegen allen jüngsten geschichtlichen Abläufe in ganz Deutschland erreicht die PDS in Wundersleben satte 30% und mehr bei den Wahlen!
Über den Sportverein profiliert sich Erich in seiner Persönlichkeit. Immer wieder in der ersten Reihe steht er und verkündet Fortschritt und Gemeinschaftssinn. Viele Sympathie erntet er damit! Der Kreis schließt sich durch die Arbeitsmarktverhältnisse.
In Thüringen herrscht die Arbeitslosenquote von 15,9 % und verunsichert die Bürger.
" Da muss sich doch etwas ändern!" und die Meinungen der Menschen prägen sich in den Wahlergebnissen.
Erich hatte in vielen Stunden als mein Nachbar geholfen, unser altes Haus zu modernisieren.
Viel Geschick liegt in seinen Händen; was er anfasst gelingt.
" Was soll ich nur mit den vielen Steinen in der alten Scheune anfangen!" stellt sich die Frage.
" Wenn du mal die Scheune abreißt, bauen wir damit eine Mauer!" antwortet mir Erich.
" Eine Mauer muss schon auf die Grundstücksgrenze."
"Sind die Mauerzeiten nicht vorbei?" frage ich.
Meine Frage blieb unbeantwortet; ich vergaß das Gespräch, und wir machten wie alte Freunde Hand in Hand unsere Arbeit. Irgendwann war das Haus rekonstruiert, der Schuppen erstrahlte in neuem Glanz, der Stall bekam ein neues Dach. Und da war plötzlich die inzwischen baufällige Scheune, die sich nach völliger Vergessenheit in unser Gedächtnis zurück rief.
Ein Projekt hatte ich schon lange im Schreibtisch liegen: Ein kleiner etwa 60 cm hoher Sockel sollte auf dem alten Fundament der alten Scheune entstehen und Basis für einen schmucken Jägerzaun bilden.

Eine Grundstücksgrenze wie im Bilderbuch sollte entstehen; maßvolle Trennung für Mensch und Tier.
Die Schäferhündin TINA ist mir vertraut und schaut gern über den Zaun im Garten. Wir mögen uns insgesamt alle!
Ein offenes Europa entsteht um uns herum. Offen soll die Beziehung auch zu meinen Nachbarn sein.
Freundliche natürliche Hecken oder leichte Zäune mit freiem Blick grenzen das Eigentum ab. Mein Entschluss stand fest!
Und dann kam die Entscheidung.
"Wenn die Scheune abgerissen wird, muss eine Mauer von einer Höhe 2,5 m entstehen!"
Die Forderung des Nachbarn ist klar und lässt keinen Widerspruch zu.
Mit der Nachbarschaft muss Frieden herrschen.
Natürlich ist das alte Fundament für die neue 2,5 m Mauer zu schwach! Drei Nachbarn helfen
ganze 80 Arbeitsstunden, reißen das alte Fundament heraus. schaffen ein Neues und bauen ein Mauer 2,5m hoch.
Aus der Traum mit dem freundlichen Jägerzaun!
" Auch ich will die Mauer!" entscheidet meine Frau. " Meine Ruhe brauche ich schon."

Die alte Scheune haucht ihre Existenz aus, die hohe Mauer prägt das Anwesen und teilt mein Grundstück
zu dem meines Nachbarn Erich.

 

In meiner Hoffnung bleibt aber der Wunsch, dass sie nicht unsere Herzen trennen!
 
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 15.04.2014. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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