Jacques Lupus

Der Gast

Der Gast aus Kiew

 
© Jacques Lupus
 
In der Schulzeit war das Fach " Russisch " Pflicht. Als ordentlicher DDR- Kader war das Erlernenen dieser Sprache unumgänglich, und es gab keine Möglichkeit dem zu entfliehen.
Egal ob eine Neigung dazu vorhanden war oder nicht.
Es gab einige Schüler, die sich durch beharrliche Ablehnung des Pflichtfaches selbst einen Graben für ihr persönliches Berufsleben schaufelten und damit eine normale Berufsentwicklung verhinderten.
Das gewünschte Studium wurde sonst nicht erlaubt oder andere Repressalien mußten ertragen werden.
Ich gehörte nicht zu diesen Schülern. Nicht unbedingt ein Aß was Sprachen angeht, hatte ich doch diesen und jenen kleinen Erfolg zu verzeichnen.
Auch das Fach " Russisch " schloß ich im Abiturjahr 1966 immerhin mit " befriedigend " ab
und freute mich des Lebens. "Befriedigend" paßte gut in mein Gesamtabschluß " Sehr Gut ". Mein Elternhaus und auch ich waren damit zufrieden!
Nun hatten wir auf einem relativ hohen Niveau diese Fremdsprache gelernt, und unser Klassenlehrer war mit guten pädagogischen Fähigkeiten an uns heran getreten.
Kurz gesagt : Auch als nicht unbedingtes Sprachenaß hatte ich doch gelernt, mich auch in der russischen Sprache zu verständigen. Es ist in diesem Moment schwer für mich, den Beweis anzutreten, aber ich möchte hiermit den Leser einmal ganz einfach um das nötige Vertrauen bitten und mir Glauben schenken.
Noch heute beherrsche ich ganze Passagen dieser Sprache und kann mich schon ausdrücken; z.B. im Restaurant kann ich ein Menü bestellen oder etwas zum Trinken am Limonadenstand. Ich kann freundlich auf Russisch grüßen, fragen. " Wie geht es ? " oder das Wetter beschreiben, ob es gut oder schlecht ist.
All das hat sich in den letzten Jahren recht gut erhalten trotz mangelnden Trainings!
Nun kennt mich die Familie. Auch meine drei Kinder hatten dieses Pflichtfach noch in der Schule, und wenn ich einmal aus Spaß damit beginne Russisch zu sprechen, winken alle verärgert ab und gebieten mir Einhalt. Mein Sohn zeigt mir in solchen Fällen sogar den Piepvogel und greift sich dabei entnervt an die Stirn.
Meine gute Frau Marlis arbeitete in einem kleinen Schuhgeschäft in Apolda und hatte so ihre täglichen Erlebnisse. Oft erzählte sie mir am Abend dies und jenes. Es sind lustige und traurigen Geschichten dabei. Manchmal war es auch schon langweilig. Geduldig hörte ich ihr zu, lachte und weine mit ihr, gab ihr Recht oder nicht und freute mich unseres glücklichen Lebens, das wir uns gemeinsam so angenehm wie möglich gestalteten.
Es war unser Feierabend, und beide gaben wir uns große Mühe, diesen auch so angenehm wie möglich zu gestalten.
Eines Tages wartete sie mit einer außergewöhnlichen Geschichte auf!
" Stell Dir mal vor! " begann sie mit ihren Ausführungen, " heute war eine Kundin im Geschäft und hatte einen kleinen Jungen aus der Ukraine bei sich. " Es war ein absolut armes Kind ! "
" Die Schuhe, die der kleine Junge anhatte, waren das Wegschmeißen nicht wert! "
Ich erfuhr von ihr, daß in der Nähe von Apolda das Dorf Mattstedt liegt und dort der Verein
" Kinder aus Tschernobyl " jährlich Kinder aus der Ukraine zum dreiwöchigen Urlaubsaufenthalt einlud. Unser Entschluß auch ein solches Tschernobylkind zu uns nach Hause einzuladen stand fest.
Der nächste Durchgang stand vor der Tür, und unser Vorhaben war beschlossen :
Wir hatten einen kleinen Gast aus Kiew bei uns zu Hause !
"Am nächsten Freitag ist es so weit! " sagt die Frau , und wir saßen zusammen in der Aula einer Hauptschule in Mattstedt und konnte unseren kleinen Gast aus der Ukraine begrüßen.
Es war ein ca. zehn Jahre alter Junge aus Kiew . Am 04. September 1997 würde er seinen
Geburtstag feiern; unser Gast Jaroslav Panasenko! Er war das fünfte Kind einer ukrainischen Familie; sein Vater hatte zehn Monate vor seiner Geburt die Tschernobylkatastrophe miterlebt.
Es war im Mai 1997. Das Wetter war typisch angenehm sonnig. Im Maisenkasten wuchs die erste Brut heran und alles war ganz einfach schön.
Für Jaroslav war es zwar am interessantesten seine Zeit mit Computerspielen zu verbringen, aber in einem Schreiben, das wir vom Vorsitzenden des Vereines überreicht bekommen hatten, stand ausdrücklich, daß die Kinder unter einer Immunschwäche litten und ein Aufenthalt an der frischen Luft unbedingt zwingend nötig war zur Abhärtung und Prophylaxe!
Wir hielten uns viel im Garten auf, alle verfügbaren Fahrräder wurden aktiviert, und unsere Ausflüge in die Umgebung nahmen richtig Form an. Manchmal war es schon absoluter Streß mit Jaroslav.
Schach spielen konnte er auch, aber mein altes Fahrrad wurde zu seinem Lieblingsspielzeug.
Erst einmal in der Natur versuchte ich meine Sprachkenntnisse aufzufrischen : " Wie heiß das, wie heiß jenes in Russisch? " - Tepjer muie jedjem belosibek ili igraem wmestje ! "
Sprachpassagen, die in Deutsch schwer darzustellen sind ! Auf gut Deutsch heißt das übersetzt : " Jetzt fahren wir Fahrrad oder spielen zusammen ! "
Jaroslav lachte hell, wenn ich in meinem starken Akzentrussisch zu sprechen versuchte und berichtigte mich auch sofort sprachlich und auch grammatikalisch ! Das nahm ich ihm nicht übel, obwohl ich ihm schon gern Widerpart gehalten hätte. Immerhin sprach er kein Wort Deutsch.
Es war ein sehr gut erzogenes Kind, höflich und hilfsbereit, sauber und anständig.
Nachdem ich ihm ein Paar Turnschuhe der Marke Adidas und einen Walkman der Marke Panasonic geschenkt hatte , war ich sein bester Freund. Ich konnte keinen Schritt mehr tun, ohne daß er nicht in meiner Nähe war.
Bei den Computerspielen wurde er ungeduldig, wenn er den Bogen nicht gleich heraus fand, und beim Ballspielen konnte ich ihm in seinem Temperament nicht folgen.
Trotz unserer drei Kinder, die uns der Herrgott geschenkt hatte, trotz unserer kleinen Enkeltochter Natascha sowie Enkel Adrian, die uns viel besuchen, hatte ich ihn auch sehr lieb gewonnen.
Meiner Frau ging es genauso!
Im Haus war seitdem eine angenehme Unruhe.
Der Wunschgedanke war existent, ihn einfach zu adoptieren und für immer zu behalten als dritten Sohn der Familie.
Aber als er uns die Bilder seiner Familie zeigte, wurde uns schon klar, daß er mit seinem Herzen bei den Seinen in Kiew war!
Die Wochenenden verstrichen wie Rauch im Wind. Gemeinsam hatten wir viel schönes erlebt. Ausflugstouren mit dem Fahrrad, dem Auto oder zu Fuß hatten uns zusammen wachsen lassen. An den Abenden saßen wir zusammen, und ich übte beharrlich meine Kenntnisse der russischen Sprache.
"Jaroslaw ? " fragt meine Frau in gebrochenem Russisch : " Heißt das in Russisch -
Er spricht schlecht Russisch "; oder heiß das : "Er spricht Russisch schlecht ?!? "
Die Antwort folgt prompt im perfektem Russisch :" On goworit po russkie otschen choroscho !"
Übersetzt heiß das : " Er spricht sehr gut russisch ! "
Meine Frau Marlis und ich mußten über dieses kleine Mißverständnis laut lachen, und mir war es auch nicht möglich, Jaroslav den Hintergrund unserer Freude zu übersetzen. Vielleicht hat er es später richtig verstanden.
Die Wochen mit Jaroslav im Sommer 1997 sind aber für uns unvergeßlich schön in Erinnerung geblieben. Es war eben diese angenehme Unruhe im ganzen Haus!

Ein Arbeitskollege in München, der gebürtiger Russe ist, versicherte mir, daß ich mit meinen Russischkenntnissen nicht als Spion auftreten könnte, der nicht sofort enttarnt werden würde!
Aber für die Konversation mit unserem kleinen Freund Jaroslav aus Kiew reichte es immer !
Oft versuche ich einen kleinen Brief zu schreiben mit Grüßen aus Thüringen.
Jaroslav lernt inzwischen mit Hilfe des Computers die deutsche Sprache.

Und:
Wir sind dicke Freunde geworden.
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 20.04.2014. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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