Jacques Lupus

Edgar & sein Image

Edgar und sein Image
oder was unterscheidet wahre von falschen Freunden

 
© Jacques Lupus
Viele Lebensjahre lagen hinter Edgar. Zusammen mit seiner Frau Marion lebte er in seinem alten Bauerhof, den er von seinem Großvater geerbt hatte, und den er liebevoll renoviert hatte.
Da der Hof 200 Jahre alt war, ging das nicht immer ohne Probleme ab. Vieles musste genau überlegt werden.
Wichtig dabei war die Wahl der richtigen Firma, denn nicht alles konnte Edgar allein regeln.
Eine sehr gute Beraterin hatte Edgar in seiner Frau Marion, die immer den richtigen Riecher hatte und mit viel Geschmack der richtige Weg fand.
In seiner Mutter hatte er eine besondere Unterstützerin, was finanzielle Angelegenheiten betraf.
Man kann auch sagen: Sie war ein guter Sponsor!
 Dabei war Edgar in die Jahre gekommen. Er genoss sein kleines Glück, denn neben seinen drei Kindern hatte er inzwischen auch drei Enkelkinder, die ihm viel Spaß bereiteten.
Auch waren da seine Freunde, die ihm stets zur Seite standen in guten wie in schlechten Tagen.

Neuerdings hatte Edgar ein Problem, denn er war dabei wahre von falschen Freunden zu trennen.
Das musste sein, denn nach vielem Verständnis für diesen und jenen Freund war Aufräumen angesagt.
Oberflächlichkeit sollte Qualität folgen.
Ein Schulfreund, den Edgar eigentlich schon fast vergessen hatte, hatte ihn angerufen, und als Edgar den Hörer auflegte, waren 90 Minuten verstrichen.
„Ein ganzes Fußballspiel lang!“ dachte Edgar. „Wenn das keine Qualität hatte.“

In guten Jahren hatte Edgar seinen Lebensunterhalt als Techniker für Geräte der EDVA verdient.
Er liebte seinen Job und hatte auch viel Zuspruch bei all den Kunden, die froh waren, wenn das defekte Gerät wieder lief. Selbst Zielprämien winkten oft auf Edgar, die er natürlich gern in Anspruch nahm, denn seine drei Kinder wollten ernährt
und angezogen sein.
Marion liebte es, ihre Kinder gut anzuziehen!

Kein Problem war Edgar schwierig genug, um es nicht zu lösen.
„ Das muss doch lösbar sein!“ sprach Edgar und nahm sich der Lösung des Problems an.
Ein Kollege, der vor allem bei Frauen beliebt war und dabei weniger Zeit für die Arbeit hatte, warnte Edgar: „Denk an dein Image!“
Edgar staunte innerlich und verstand die Reaktion von Axel nicht:
„Hier geht es um die Lösung eines Problems. Was hatte das mit Image zu tun?“
Er tat seine Arbeit und hatte seinen guten Ruf wieder einmal verteidigt. Darüber, ob sein Image gut oder schlecht war,
hatte er noch nie nachgedacht. Auch hatte er ja Freunde, die er notfalls fragen konnte, wenn er nicht weiter wusste.

Marion zog nicht nur ihre Kinder gern gut an, sondern auch ihren Ehemann.
Edgar mochte es, wenn ihn seine Frau verwöhnte.
Marion hatte stets ein gutes Händchen, war aber auch immer darauf bedacht, das Geld zusammen zu halten.
Ein schönes modisches T-Jirt, den Edgar normalerweise nur für gut angezogen hätte, war ihm beim Ankleiden in die Hände gefallen. „Okay, warum nicht auch einmal zur Arbeit chic machen!“ dachte sich Edgar und zog es schnell über.

Auf Arbeit angekommen, lachte Axel laut: „Das T-Jirt war wohl billig?“

„Arsch!“ dachte sich Edgar. „Woran man alles denken muss! Selbst beim Ankleiden muss man aufpassen."
„Da werde ich wohl etwas für mein Image tun müssen, “ nahm sich Edgar ernsthaft vor.
Ein wirklich interessantes Wort. Image.

Es sollte noch schlimmer kommen!
Neuerdings hatte die Firmenleitung eine Schlipspflicht von ihren Technikern angeordnet.
Für Edgar war das kein Problem, denn auch da hatte Marion stets für einen vollen Schrank gesorgt.

Auf Arbeit angekommen gab es wieder ein fettes Grinsen von Axel: „Den Schlips hast du wohl geschenkt bekommen?!“

Edgar hatte beim Ankleiden einen Designerschlips erwischt, den ihm Marion zum letzten Geburtstag geschenkt hatte.
„Na wenigsten habe ich Geschmack“, dachte Edgar und machte sich an die Arbeit.
Mit Axel konnte er nichts mehr anfangen. Eine Stütze war er sowieso nicht, und mit seinen typischen Kapriolen,
was sehr oft Frauenprobleme waren, konnte Edgar eh nichts anfangen. „Gestrichen“, dachte Edgar. „Der kann mich mal! Soll er doch in Zukunft seine Probleme selbst lösen.“

Das war lange her, und Edgar lächelte vor sich hin.
Axel war nicht mehr lange in der Firma geblieben, denn das Management hatte aus Kostengründen den Weizen von der Spreu getrennt.
Aber eines dankte Edgar seinem Exkollegen Axel doch. Er hatte ihm das Wort Image unverblümt verdeutlicht.
Eine neue Zeit war angebrochen, wahre demokratische Lebensart war angesagt, Leistung war gefragt, was aber das Leben auch nicht einfacher machte.
Es gab immer wieder Täuscher, die es mit viel Geschick fertig brachten, sich zu etablieren.
Auch kam Edgar langsam in die Jahre. Seine Aufnahmevermögen war nicht mehr die alte.
Seine Kinder wurden langsam erwachsen und stellten nur noch selten größere Anforderungen an ihn.
Da war aber sein alter Bauernhof, den er liebte, und der auch stets Geld verbrauchte.
Also muss es schon noch ein wenig weiter gehen.
Das war auch deshalb schwer, weil viele Freunde von einst inzwischen im Ruhestand waren
oder sich ruhigere Jobs gesucht hatten.
Diesen Weg hatte Edgar irgendwie verpasst!
Er hatte die Zeitzeichen nicht wahrgenommen.
Junge Kollegen drängten nach, innovativ und gnadenlos. Da war kein Fragen mehr möglich. Edgar isolierte sich immer mehr, und irgendwann war es passiert.
„Herr Koslowski!“ sagte sein Teamleiter. „Ich möchte ihnen hiermit kündigen.
Da sie aber ein langjähriger Kollege mit vielen Verdiensten sind, überweisen wir ihnen 100.000,- Euro Abfindung.“
Wie gelähmt verlies Edgar seinen Betrieb, den er gute dreißig Jahre gedient hatte.

„Nun gut!“ dachte Edgar.
„Mittellos bin ich nicht. Nun gilt es den neuen Lebensabschnitt anzugehen. Mal sehen, was Marion dazu sagen wird.“

Auch hatte Edgar seine Freunde. Die aus der Schul- und Studienzeit. Auch ehemalige Kollegen waren ihm treu geblieben. Alles musste nun umorganisiert werden.
Was Edgar nicht wusste. Die neue Zeit hatte die Menschen sehr verändert.
Das Imagedenken war wichtiger denn je geworden. Freundschaften standen erneut auf dem Prüfstand.
Dabei fühlte sich Edgar wie verloren, denn sein grundehrlicher Charakter war geblieben und nicht immer angebracht.
Zum Imagebild gehörte schon Fachwissen!
Wichtiger aber waren die gesellschaftliche Ebene, die nun in einem ständigen Machtkampf stand, sowie die soziale Ebene, das Miteinander, was sehr wichtig war. Symphatie oder auch emotionale Intelligenz war mehr denn je gefragt!
All das musste Edgar neu lernen. Was früher automatisch ablief, musste wohl überlegt werden.
Schnell ging dies Edgar an, und schnell begriff Edgar die Zusammenhänge.
Nun ging es an das Aussortieren von wahren und falschen Werten, an das Aussortieren von falschen Freunden,
und das Festigen von wahren Freundschaften sowie Beziehungen.
Das war gar nicht so einfach, denn was war falsch und was war richtig?

Aufgrund seiner großen Erfahrung hatte es Edgar geschafft, als Ausbilder tätig zu werden.
Sein Imagedenken war ihm dabei zur Hilfe gekommen, was aber nicht allein entschied.
Fachkompetenz war mehr gefragt denn je.
An der Ausbildertätigkeit fand er viel Gefallen, wenn auch der Umgang in der Erwachsenenqualifizierung
nicht ganz einfach war. Es gab immer wieder Besserwisser oder auch „Auszubildende“, die eigentlich nur anwesend waren, weil das Arbeitsamt es so bestimmt hatte.
Ruhe war gefragt. Ruhe und geschicktes Handeln. Das Einbinden der Eleves in das Geschehen und das Miteinander.
Auch war Edgar nicht immer davon überzeugt, dass diese oder jener qualifiziert genug war, um die Umqualifizierung zu rechtfertigen bzw. zu bestehen.

So vergingen weitere sechs Jahre.
Edgar erkrankte schwer an einem Tumor und gab auf. Er war einfach am Ende der Fahnenstange angekommen.
Gott sei Dank fand er einen guten Arzt, der ihm half.
Nach weiteren sechs Jahren, nun bereits im Ruhestand, sagte ihm sein Arzt, dass er den Krebs wohl besiegt habe. Freudentränen standen Edgar in den Augen.

Inzwischen Altersrentner nahm er Marion in die Arme und sagte:
„Nun wollen wir uns noch ein paar schöne Jahre machen. Wir haben es uns verdient.“

Aber es waren Veränderungen nötig.
Alles würde Edgar ruhiger angehen, nicht hetzen oder gar Leistungssportlern gleich umhertoben.
Nein, das wollte Edgar nicht mehr!

Er nahm den Rotstift zur Hand, nachdem er eine Liste seiner Freunde erstellt hatte.

Von all den vielen Namen blieb eine Hand voll übrig.
Die Namen seiner Skatbrüder, seiner Schachfreunde, seiner lieb gewordenen Arbeitskollegen aus Jugendjahren,
seines treuen Nachbarn Ludwig, der ihm besonders beim Um- und Ausbau seines Bauernhofes treu zur Seite gestanden hatte, sowie die Freunde seiner Frau Marion, ebenfalls aus Jugendjahren.

Er schrieb höfliche Abschiedsbriefe, wahrte natürlich den nötigen Abstand zur Sache an sich,
und lehnte sich beruhigt in seinen bequemen Sessel zurück.

Es war geschafft!
Der Ballast fiel ihm wie ein nasser Sack von der Seele.
Nun war es an ihm selbst, sein Leben zu meistern, was er auch tat.
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 21.04.2014. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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