Patrick Gappmaier

Befehl ist Befehl


30th Avenue, Mitten in New York, zu später Stund...

„Jetzt halt deine blöde Klappe!“, fauchte Johnny Benucci, ein waschechter Italiener, wie er im Bilderbuche steht:
Glattes, schwarzes, gekämmtes Haar, halbgeschlossene Augen, Oberlippenbart und ein fünftausend Dollar Anzug von Armani, der wohl bei seiner Fertigstellung in ein Fass voller Rosen gefallen war, so sehr hatte er sich ein parfümiert.
Mit gestrecktem Zeigefinger baute er sich drohend vor seinem Kumpanen, Adriano Camari auf und wies ihn zurecht, dass er sich benehmen und zusammenreißen solle.
„Befehl ist Befehl, ja?“, sagte er und tätschelte die Wange von Adriano, die einen dumpfen und klatschenden Laut in den geschlossenen, abgedeckten Raum zurückwarf; sein aufgedunsenes Vollmondgesicht wackelte noch einige Sekunden nach, ehe es zum Stillstand kam.
„Aber Johnny...“, versuchte er die Situation zu beschwichtigen, „...kein Geschäft hat heute offen. Wieso mussten wir ausgerechnet Heute hierher kommen?“.
Johnny stand jetzt mit dem Rücken zu Adriano und rollte unbemerkt seine Augen im Kreise, ehe er sich langsam umdrehte und sich vorsichtig auf einem der Stühle abstützte, der noch frei war: Da nur zwei Stühle in dem ansonsten so leeren Raum standen und der hier der letzte war, der noch frei war, war die Auswahl wohl oder übel stark eingeschränkt...
Adriano verlagerte nun sein Körpergewicht auf sein rechtes Bein, er hatte ziemliche Probleme mit der Hüfte. Musste wohl an seinem Übergewicht liegen, was ihn aber nicht daran hinderte massenhaft Spaghetti zu fressen.
„Du kapierst aber auch gar nichts, oder?“, fragte Johnny den Dicken und sah ungläubig auf den Boden, als er ein dünnes, gelbes Etwas auf dem dunklen Holzboden entdeckte.
Irritiert ging er vom Stuhl weg, auf das Objekt zu und bückte sich um es aufzuheben.
„Sag mal, nimmst du jetzt schon dein Fressen mit?“.
Mit der langen Spaghetti Nudel in der Rechten, fuchtelte er vor dem Gesicht des Dicken herum und warf es in die feuchte, mit Schimmel bedeckte Ecke.
Adriano sah betreten zu Boden: „ Muss wohl noch irgendwo gehangen haben“, sagte er, die Röte stieg ihm ins Gesicht.
„Sieh mal genauer nach, vielleicht findest du auch noch Fleischbällchen!“, vollendete Johnny den Satz seines Gegenübers und zwang ihn, ihm direkt in die Augen zu sehen.
Er holte einmal kurz ganz tief Luft und legte seine beiden Hände behutsam auf die Schultern von Adriano.
„Wir sind deswegen hier, weil der Boss gesagt hat, dass wir hier sein sollen. Und was machen wir, wenn uns der Boss was befiehlt?“, fragte er und hoffte auf die richtige Antwort.
„Wir machen was uns der Boss befiehlt?“, presste Adriano aus seinen Lippen hervor und verzog ängstlich sein Gesicht.
Johnnys Rechte tätschelte wieder sanft die Wange Adrianos. Lächelnd und nickend zugleich antwortete er: „ Genau! Wieso nicht gleich so? Da ersparst du uns dieses Hin und Her.“
Draußen ertönten Sirenen die aber sogleich wieder verstummten, als der Polizeiwagen mit einem Höllentempo an ihnen vorbeiraste.
„Aber wir haben keinen Beton“, fiel Adriano ein und verkündete seinen Geistesblitz.
„Jetzt hör mal zu: Wenn der Boss sagt, versenkt dieses Stück Scheiße mit einbetonierten Füßen auf dem Grund des Meeres, dann machen wir das auch so, okay? Und wenn wir gerade jetzt keinen Beton haben, dann müssen wir eben etwas anderes finden, okay? Also, was ist jetzt das wichtigste?“.
„Ihn auf dem Grund des Meeres zu schicken?“.
Adriano lächelte, weil er wusste das er die Richtige Antwort gefunden hatte und sich die Hätscheleien von Johnny ersparen würde.
„Nein, du Trottel! Dass wir etwas finden, das den Beton ersetzt, du Weichei!“.
Johnny wusste, dass Adriano sich gedacht haben müsste, die  Richtige Antwort gefunden zu haben, doch wollte er ihm diesen Erfolg nicht gönnen. Er liebte es, ihn zurechtzuweisen, hatte er doch Zuhause alles andere als die Hosen an.
Ein leises, aufgeregtes Gemurmel riss die beiden aus dem Gespräch heraus und plötzlich fiel ihnen wieder ein, dass ihr Opfer die ganze Zeit über neben ihnen, gefesselt und geknebelt, in einem Stuhl saß. Es war keine Absicht, Details über den Ablauf des Mordes zu verraten, doch eigentlich handelte es sich hier lediglich um das Opfer selbst, dachte Johnny und fuhr fort: „ Adriano, geh los und durchsuche diesen Raum nach etwas Schweren. Sag Bescheid, wenn du etwas gefunden hast.“
Ohne zu zögern schritt der Dicke davon und durchstreifte suchend den Raum, zerlegte hier und da ein dutzend Dielen, die bereits verfault waren und große Löcher im Boden hinterließen.
Währenddessen schritt Johnny auf den Gefangenen zu und befreite dessen geröteten Mund von dem speichelgetränkten Tuch, sodass er wieder sprechen konnte.
„HILFE!!!“, ertönte es wie aus einem Lautsprecher und ehe er erneut zum Schrei ausholen konnte, stopfte Johnny ihm das Tuch tief in die Kehle.
„Halt dein verdammtes Maul, Warreti, oder ich schwöre dir bei Gott, ich lass dich hier verrotten, indem ich dich in das Loch unter die Dielen werfe. Bis die die dich gefunden haben, bist du so steif wie mein linker Mittelfinger.“
Es stimmte, sein Finger war wirklich steif geworden. Irgendetwas funktionierte nicht mehr richtig und er konnte ihn nicht mehr richtig abbiegen. Keine Ahnung, er ging diesem Problem nie wirklich nach.
„Bitte...ich...ich habe Geld!“, stammelte er hervor und sein Blick glich dem eines traurigen Hundes, der sabbernd sein Fressen beobachtete, es aber nicht erreichen konnte.
„Das hättest du dir vorher überlegen sollen. Der Boss mag es nicht, wenn er verarscht wird und das ist das Resultat.“
Adriano war wieder zurückgekehrt und verkündete seine ergebnislose Suche und ging zum Wagen, der im Hinterhof stand, als Johnny im befahl dort nachzusehen.
Gleichzeitig schlug er dem Gefangenen so heftig ins Gesicht, dass dieser das Bewusstsein verlor und sein Kopf kraftlos nach vorne hing.
„Was dauert denn da so lange?“, rief er durch den Raum und hoffte, das Adriano seine Frage durch die geöffnete Tür hindurch verstand.
Als er keine Antwort erhielt, strich er sich erstmal sanft über den Oberlippenbart, seufzte lautstark und fluchte, dass man alles selber machen und sich um alles selber kümmern müsse.
So ging er zornig in den Hinterhof und als er den alten Ford sah, war noch alles in Ordnung. Auch als er Adriano sah, der ihm lächelnd zuwinkte, war noch alles in Ordnung.
Der Atem stockte ihm erst, als der Polizist auf ihm zukam und mit seiner Marke vor seinem Gesicht herumfuchtelte.
Mit langen, durch die Nacht hallenden Schritte, kam er auf ihm zu.
„Guten Abend, meine Herren. Seit noch so spät unterwegs, ha?“, fragte er, auf einem Kaugummi kauend und mit forschendem Blick.
Und da wusste er: Sie saßen in der Klemme...
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 22.04.2014. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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