Jacques Lupus

Regeln, Sitten und Bräuchen

Von Regeln, Sitten und Bräuchen
oder
auch Stinktiere haben das Recht zu leben
© Jacques Lupus
 
Es war an einem schönen Sommertag. Wie üblich wachte Edgar um 5.00 Uhr in der Früh auf, da seine Schicht um 6.00 Uhr begann.
Seine Laune war gut, denn der Jahresurlaub stand vor der Tür, und endlich konnte Edgar einmal so richtig ausschlafen.

Edgar wohnte in einer Plattensiedlung. Die Wohnungen glichen Kaninchenboxen.
Tür auf, Tür zu, den Platz vor dem Fernseher suchen, hinsetzen und warten, bis es Abend war, schlafen und das Ganze wieder von vorn.

Edgars Arbeit heiterte ihn Tag für Tag auf. Als Servicetechniker für elektronische Datenverarbeitungsanlagen reiste er täglich in seinem Betreuungsgebiet umher,
lernte viele Menschen kennen und genoss das angenehme Miteinander.

Um Edgar herum begann das Leben zu erwachen.
Sein Nachbar absolvierte gerade sein obligatorisches Nümmerchen mit Martina, seiner Ehefrau, die Klavierspielerin von oben übte zum tausensden Mal
-Pour Elise- und verspielte sich wieder an der gleichen Stelle,
der Mieter eine Etage tiefer renovierte erneut seine Neubauküche,
und auch im Aufgang war bereits schon reges Treiben.

Die Bushaltestelle war cirka 400 m von Edgars Wohnung entfernt.
Es galt früh da zu sein, denn die Busse waren stets überfüllt.
Mit Mühe ergatterte sich Edgar seinen Stammplatz, um noch einmal zwanzig Minuten
vor sich hin zu dösen.

Im Betrieb angekommen, galt es erst einmal die Einsatzzentrale zu begrüßen.
Dispatcher Otto, der vom Alter her Edgars Vater sein konnte, hatte auch gleich Neuigkeiten für Edgar.
"Wilfried hat nach Dir gefragt", sagte Otto. Er braucht Dich für einen Einsatz
nach Sonneberg! Im Staubsaugerwerk ist ein Gerät ausgefallen, das Du Dir mal anschauen sollst..."

Wilfried war Abteilungsleiter der Kleinrechnerabteilung. Mit Witz und Humor hatte er sich ein stabiles Team aufgebaut.
Aufgrund eines Neuerervorschlages war in seinem Bereich ein Drucker aus der Großrechnerserie eingesetzt worden, der vor allem die Monatsabrechnung weit aus leichter machte,
denn die Seriendrucker der Kleinrechner hielten oft die Belastungen
eines Dauerdruckes nicht stand. Für dieses Gerät war Edgar der Spezialist.
Sofort ging er zu Wilfried, begrüßte das ganze Kleinrechnerteam, und nachdem die Fahrtroute bestimmt war,
ging es zu Viert im Auto der Marke Trabant los.

Der Trabant war das damalige typische Kleinauto. Platzangst durfte der Mitfahrer nicht haben.
Besonders in den Jahreszeiten der Erkältungen war das Mitfahren unangenehm und schon gesundheitsschädigend.
Andererseits hatte das Zusammensein auf engsten Raum auch stets den Touch Gemütlichkeit,
denn besonders auf langen Strecken gab es viel zu erzählen und miteinander zu erleben.


Sonneberg lag am südlichsten Zipfel des Einsatzgebietes.
In der kleinen thüringischen Stadt Arnstadt wurde kräftig gefrühstückt. Edgar und seine Gefährten waren noch in dem Alter, wo die Kalorien,
die man aufnahm, auch wieder abgebaut wurden.
"Warum rülpset und furzet ihr nicht!" sagte Konrad, und schon hatte er auf dem Gang zum Auto einen lauten Furz ausgeklinkt.
"In dieser Sprache kannst du dich mit jedem Arsch dieser Welt unterhalten", rief Gerold und antwortete Konrad prompt im Gegenzug.

Mit Gelächter stiegen die Freunde in ihr kleines Auto, nachdem sich der Methangeruch verzogen hatte.
Nun gab es fürs erste genug Stoff für allerlei Witze und schon war der erste Einsatzort erreicht. Stück für Stück wurde die Arbeit gemacht.
Edgar war mit seinem Einsatzort der Letzte im Reigen.

Sonneberg lag zu jenen Zeiten noch direkt an der Demarkationslinie in Deutschland, die ein Volk in zwei Hälften trennten.
Nach getaner Arbeit ging es erst einmal zum Aussichtspunkt, von wo aus die Feste Coburg in Oberfranken gut zu sehen war.
Der Stationsleiter der EDV Abteilung hatte Egon und seinen Freunden den Tipp gegeben.

"Ein Blick in die Freiheit ist wie einmal richtig gestreckt nach einer langen Fahrt im Trabant!"
erwähnte Gerold kurz.
Die Sicht war so gut, dass sich Edgar plötzlich nicht mehr sicher war, ob er wirklich die Feste Coburg sah,
und Edgar fragte ein altes Mütterchen, ob in der Ferne die Feste Coburg liegt.
Im Tal schillerte der Elektrozaun silbern im Sonnenlicht, der Edgar vor seinen Feinden schützte!


"Wenn ihr über den Zaun wollt, müsst ihr nachts kommen!"
beantwortete das Mütterchen die Frage völlig artfremd.
"Am Tage habt ihr da keine Chance drüber zu springen."

Edgar wiederholte seine Frage und bekam wieder keine direkte Antwort.

"Weißt du Jungchen, ich stamme aus dem Riesengebirge. Da kenne ich mich aus, aber hier weiß ich das nicht."
sagte das Mütterchen.

Im Gespräch mit der alten Frau näherte sich ein Mann im Schlosseranzug, legte sein Fahrrad vor den Trabant,
kam auf Edgar zu und verlangte die Papiere.
"Schlossern zeige ich generell nicht meinen Ausweis!" antwortete Edgar lustig.
Unter großer Aufregung, seine Hände zitterten förmlich vor Wut, holte der Mann seinen Stasiausweis aus seinem Blaumann
und hielt ihn Edgar unter die Nase.
Diesen Dienstausweis schaute sich Edgar genau an.

Der vermeintliche Schlosser war Grenzkommandeur und verlangte erneut die Papiere.
Unter solchen Umständen gab es kein Zurück mehr, und die Papiere wurden übergeben.

Diese schaute der Grenzkommandeur kurz an, behielt sie in der Hand und fragte weiter:
"Warum erkunden sie die Grenzsicherungsanlagen in Sonneberg zur BRD?"

"Das tun wir nicht", entgegnete Edgar.
"Wir genießen nur den Fernblick nach Coburg und seiner Feste. Ist es denn die Feste Coburg am Horizont?"

 "Das interessiert mich überhaupt nicht!" entgegnete der DDR-Wachsoldat der innerdeutschen Grenze,
nahm sein Fahrrad und verschwand, ohne Edgar und seine Freunde weiter zu behelligen.

Nun war der Vorgang nicht weiter erwähnenswert gewesen.
Zum trüben Alltag in der Plattensiedlung war das Erlebnis der rechte Ausgleich für Edgar, aber nicht alle tolerierten Edgars Verhalten.
Zu viel stand für den oder jenen auf dem Spiel.

 
Als Kader für das nicht sozialistische Wirtschaftsgefüge konnte man schnell seine Zulassung verlieren. Und das war Verlust von Waren,
die es in der DDR nicht gab, und anderen Vorteilen. Wie anders sollte man sonst in den Genuß des Blickes auf die Niagarafälle
oder andere Sehenswürdigkeiten unserer Erde kommen!
Wie anders sonst hätte man das Erlebnis haben können, ein Stinktier in freier Wildbahn zu erleben.


Edgar verhielt sich ruhig, nahm seinen Platz auf der Rückbank ein, der nur über einen der Vordersitze zu erreichen war, und döste für sich hin.
Fürs erste hatte er keine Fürsprecher oder Freunde mehr. Er war allein in seiner Art zu protestieren.

"Du legst dich ja mit Bullen an", kam der Vorwurf eines Kollegen.
Nun hatte das gute Frühstück am Morgen immer noch seine Auswirkungen auf die generelle Verdauung, was Edgar arg zu spüren bekam!
In seiner Magengegend breitete sich ein wahrliches Problem aus. Nicht alle Methangase hatte Edgar bei dieser oder jener Gelegenheit entfernen können. Die Gasblase entwickelte sich spürbar zu einer Macht, die immer größer wurde. Sie bewegte sich von links nach rechts, von oben nach unten, und von vorn nach hinten. Die Gasblase erzeugte schon einen leichten Druck, der schließlich in einen Schmerz überging, so dass Edgars Augen feucht wurden.

"Haltet bitte einmal an", schluchzte Edgar vor Schmerzen.
"Ich muss unbedingt mal furzen!"
"Dann furz mal ordentlich, Edgar", sagte Gerold. "Deswegen halten wir nicht extra an."
Gesagt, getan!
Erlöst schaut Edgar Gerold dankbar an.

Plötzlich bremste das Auto. Konrad, der Fahrer, war der erste, der das Freie erreicht hatte.
Die anderen folgten ihm auf dem Fuße!

Im Auto hatte sich ein Gestank verbreitet, der vergleichbar des Geruches eines Stinktieres war.
Nachdem der Trabant ausgelüftet war, stiegen alle wieder ein, und Edgar durfte aus Sicherheitsgründen den Beifahrersitz einnehmen.
Die gute unbeschwerte Stimmung war zurückgekehrt.

In all den Jahren war diese Furzgeschichte
der Renner, und niemals wieder schafften es
vier Mitarbeiter einer Firma derart schnell
aus einem Trabant auszusteigen.

Heute schon gar nicht mehr, denn diese Zeiten sind ein für alle mal vorbei!
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 22.04.2014. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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