Gert Podszun

Morgen 3.0

Sven Korbinijew schläft immer sieben Stunden. Das ist seine medizinisch optimierte Ruhephase. Sein IComS[1] weckt ihn pünktlich.
Gestern hat er anlässlich seines Geburtstages mit Freunden ein interaktives Schauspiel auf der Basis von Shakespeares Julius Caesar veranstaltet. Sie waren über ihre IComS zusammengeschaltet. Obwohl sie nicht alle an einem Ort waren, spielten sie miteinander. Jeder konnte in die Handlung eingreifen und mitgestalten. Sie haben ihre eigene Vorstellung angesehen. Ihre IComS transferieren die Erlebnisinhalte direkt in die Gehirne. So sehen sie die gespielten Szenen und empfinden einander in körperlicher Nähe. Sven freut sich. Sein IComS bestätigt ihm durch Rückmeldungen der Teilnehmer, dass es eine gelungene Veranstaltung war.
Sven löst gedanklich Frühstück aus und sein IComS kombiniert die optimale Nahrungsaufnahme. Es analysiert die physisch-psychische Verfassung von Sven und ermittelt die notwendige Zusammensetzung des Frühstücks aus dem Homefoodcontainer.
Während Sven in seinem Bodyshaper eine Trockendusche nimmt und danach die Multifunktionskleidung anlegt, bereitet der Küchenroboter das auf den Tagesplan abgestimmte Frühstück zu. Die entnommenen Zutaten werden an Svens IcomS übermittelt. Das initiiert den anfallenden Nachschub durch den FoodService frei Haus.
Svens IcomS zeigt den Tagesplan: Nach dem Frühstück hat er Dienst im Distriktcenter. Danach wird sein routinemäßiger Bodycheck fällig. Gegen Mittag wird er seine Freundin Ariane treffen. Die Koordinaten des Treffpunktes wird er über sein IComS noch erfahren.
Im IComS ist eine MobilApp gespeichert. Damit kann er jederzeit ein ChipCar nutzen. Diese Fahrzeuge werden in unteririschen Parksilos gespeichert. Eine Bestellung wird durch den Gedanken ausgelöst. Das IComS reserviert ein ChipCar zu den Koordinaten des Bestellers und bestätigt den Eintreffzeitpunkt.
Beim Verlassen der Wohnung sperrt sein IComS die Türen automatisch ab, aktiviert die Sensoren der Alarmanlage und regelt die Energieversorgung auf Sparleistung.
Im ChipCar erfährt er die Kurzfassung der aktuellen Nachrichten:
 
Weltklima:
In den Ersatzstädten der ehemaligen Hafenstädte Bremerhaven, Hamburg und Rotterdam finden Gedenkfeiern statt. Vor zwanzig Jahren mussten sie dem gestiegenen Meeresspiegel weichen.
Weltbevölkerung:
De Weltbevölkerung beträgt neuneinhalb Milliarden Menschen.
Welternährung:
Bananenplantagen in Brandenburg und Polen mit guter Ernte.
ISS 2 als Basis für Nahrungssuche im All.
Die Bewässerung der afrikanischen Landflächen zeigt wiederum Erfolge.
Wieder neue Pflanzentypen in Nordeuropa festgestellt. Die Ernährungsbasis in den Meeren durch Algen- und Fischplantagen gerät an die Grenzen.
Weltregierung:
Die Weltstaatenkonferenz hält nach der Abschaffung der Staaten an dem Prinzip der Distriktorganisation fest.
Weltreligionen:
Religionsführer GoogleSoft besucht Distrikte in Indien.
Weltgesundheit:
Nanotechnologie erringt weitere Siege gegen AIDS.
Biobricks im Vormarsch: Der synthetischen Biologie ist es gelungen, Zellvorgänge gezielt zu steuern. Umgebaute Mikroorganismen stellen künstliches Leben dar und ermöglichen die Bindung von Kohlendioxid und produzieren Wasserstoff.
 
Das Fahrzeug setzt Sven vor dem Distriktcenter ab. Der Lift bringt ihn zu seinem Arbeitsplatz im Kontrollraum. Hier werden die vernetzten IComS aller im Distrikt Lebenden überwacht und ausgewertet. Der Grad der Zufriedenheit kann in einer Skala ebenso abgelesen werden wie etwaige Trendänderungen in Mode und Medienkonsum. Ebenso wie Mobilitäts- und Ernährungsgewohnheiten. Störende Veränderungen werden auf einem speziellen Display hervorgehoben, um unverzügliche Korrekturmaßnahmen einleiten zu können.
 
Die Allstaatenkonferenz ist vor Jahren übereingekommen, die Welt in vernetzte Distrikte einzuteilen.
Zuvor wurde erkannt, dass etwa 20 Prozent der Weltbevölkerung die Produkte und Dienstleistungen herstellen und erbringen, die insgesamt benötigt werden. Die übrigen 80 Prozent müssen ernährt und unterhalten werden. Man hat dies schon früher erkannt und tittytainment[2] genannt. Alle Bürger sind deshalb seitdem mit IComS ausgestattet. So können sich die Distriktleitungen stets ein Bild über die Verfassung der Bürger machen. Nach der weltweiten Abschaffung des Geldes sind Lizenzen verteilt worden. In früheren Zeiten war das die Grundrente. Eine Lizenz ist vergleichbar mit virtuellem Geld. Sie wird im IComS gespeichert. Für alle Bürger stehen Unterhaltungsmodule aus einem kostenlosen Mediapool bereit. Sonderwünsche kosten Lizenzteile.
Sven ist für den Distrikt 49.53.100 verantwortlich. Sein Distriktcenter ist mit den anderen Distrikten selbstlernend vernetzt. Nach der Kontrolle wird Sven an den fälligen Bodycheck erinnert. Sein IComS hat die erforderlichen Daten seines Körpers erfasst. Ein ChipCar bringt ihn zum MedicalCenter. Seine klinischen Daten werden von IComS ausgelesen und in die Medizinische Datenbank übernommen und dort mit den neuesten Daten abgeglichen. Sein IComS erhält eine Rückkopplung mit Empfehlungen für seine Ernährung und die weitere Fitnessarbeit.
Arianes Nachricht zum Treffpunkt ist inzwischen eingetroffen. Sie holt Sven mit einem ChipCar ab. Ihr Ziel ist ein Restaurant außerhalb der Stadt. Dort ist ein Zweiertisch reserviert. Es heißt Salud. Ariane ist in Ägypten geboren und lebt seit zwei Jahren im Distrikt 49.53.100. Sie musste die deutsche Sprache nicht lernen. Sie kann mir Sven auch so kommunizieren. Die internationale Sprachendatendatei SORIS erledigt das für sie. Ariane kann  in ihrer Muttersprache sprechen und Sven hört simultan die Übersetzung in Deutsch.
Während der programmierten Fahrt sitzen sie sich gemütlich gegenüber. Die Fahrt führt durch ein Landschaftsgebiet. Dort sind in gleichen Abständen Landsensoren installiert, die das Wachstum und die Entwicklung der Feldfrüchte überwachen. Auf ihr Kommando werden für notwendige Arbeiten entsprechende Landroboter eingesetzt.
Das Restaurant Salud besteht aus einer Grottenlandschaft mit integrierten Sitzgruppen. Ariane und Sven erhalten in ihren IComS individuelle Vorschläge für Ihr Menü. Zustimmende Gedanken lösen die Bestellungen aus.
Ariane erkundigt sich nach seiner Arbeit:
Ist in Deinem Distrikt alles in Ordnung?
Für die Unterhaltung haben wir das Standardmediaprogramm belassen. Neue Programme müssen hinzukommen, damit die Leute ruhig bleiben.
Ihr könnt doch die Programme unter den Distrikten austauschen.
Das machen wir ja auch. Aber trotzdem merken wir, dass die Nachfrage nach neuen Inhalten aus dem Mediapool groß ist. Die Leute wollen immer etwas Neues.
Könnt ihr nicht einfach auch alte Filme nehmen? Die Leute vergessen doch schnell.
Das ist ein guter Ansatz. Mit dem Wasser des Vergessens haben wir Deine Idee schon umgesetzt.
Was meinst du mit Wasser des Vergessens?
Die öffentliche Wasserversorgung erreicht ja jeden Haushalt und ist entsprechend angereichert worden. Alle Ereignisse, die älter als dreißig Tage sind, verschwinden aus den Gedächtnissen. Da gibt es noch winzige Lücken. Die von der Weltmedizin arbeiten daran.
Also, alle vergessen alles. Und was ist mit der Produktion der vielen waren?
Das ist in speziellen Distrikten organisiert. Die bekommen dort ein anderes Wasser.
Und was arbeiten die Leute in unserem Distrikt?
Die haben Arbeit. Virtuelle.
Was heißt das?
Sie stellen irgendetwas her. Die Ergebnisse werden über ihre IComS erfasst und in entsprechenden Distrikten analysiert. Innovationen werden behalten. Der Rest wird vernichtet, weil er einfach nicht benötigt wird. Das gilt natürlich nicht für Dienstleistungen.
Und dann verschwindet alles wegen des Wassers des Vergessens?
Ja, auch, aber es ist viel mehr als das. Wir leben in einer Ära des Vergessens. Das Wissen über Produkte und Dienstleistungen ist im Distrikt BigData gespeichert und gesichert. Es reicht für alles. Wenn es gespeichert werden kann, kann man es auch getrost vergessen. Wenn man es benötigen sollte, kann man es ja wieder aktivieren. Also habe den Mut zu vergessen!
Sven, vergiss es!

 
[1] IComS = InteraktivesCommunicationSystem; jeder ist über das IComS vernetzt, Er ersetzt unter anderem das Handy und verbindet Gehirn mit festgelegten Programmen.
[2] Tittytainement
(S. 12 f "Die Globalisierungsfalle" von Hans-Peter Martin und Harald Schumann)
"Tittytainment", so Brzezinski, sei eine Kombination von " entertainment" und "tits", dem amerikanischen Slangwort für Busen. Brzezinski denkt dabei weniger an Sex als an die Milch, die aus der Brust einer stillenden Mutter strömt. Mit einer Mischung aus betäubender Unterhaltung und ausreichender Ernährung könne die frustrierte Bevölkerung der Welt schon bei Laune gehalten werden."

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 24.04.2014. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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