Kapitel 1
Sybille Schneider, Kommissarin der Kripo München, trank einen Kaffee und ass gemütlich ihr Sandwich. Es war ein Käsesandwich, denn sie ist Vegetarierin und in der Kantine gibt’s sonst nur Käse. Sie hasste diese Sandwichs. Trotzdem kaufte sie Tag für Tag eines und ernährte sich mittags ausschliesslich von diesem glibberigen Käse, einem Kilo Butter, zwei Brotscheiben, die nach Pappe schmeckten und einer ziemlich harten Gurke. Die Tomate schmiss sie wie immer fort. Während sie das Sandwich wieder zuklappte und zu essen begann, dachte sie über ihr Leben nach. Sie war nun 32 Jahre alt und weder verlobt noch verheiratet... und kein Mann war in Sicht! Doch sie träumte von einer Familie, wenn sie sich auch noch nicht sicher war, ob sie für Kinder ihren Beruf aufgeben würde. Sie wusste, dass Gerd, mit dem sie ihr Büro teilte, was von ihr wollte, doch für sie war er nicht mehr als ein guter Freund.
Sie stand auf und ging zur Kaffeemaschine um sich den zweiten Kaffee zu kochen. Sie hatte letzte Nacht Dienst bis um Mitternacht, da wieder einmal eingebrochen wurde. Das war nun das sechste Mal in diesem Monat und alle Beamten der Kripo mussten zusätzliche Nachtschichten leisten. Sie konnte genau fünf Stunden schlafen und war todmüde. Sie holte nun schon den zweiten Kaffee innerhalb von dreissig Minuten. Normalerweise trank sie etwa fünf Tassen am Tag, doch nach diesen kurzen Nächten waren es oft um die fünfzehn. Die Tasse war schon fast voll und sie streckte ihren Arm aus um den Stopp-Knopf zu drücken, rutschte aus und erwischte den Druckregler. Der heisse Kaffee spritzte mit voller Kraft aus der Maschine, verfiel die nun schon überlaufende Tasse und brannte an Sybilles Finger und Gesicht. Sie schrie kurz auf, stoppte die Kaffeemaschine und lief zum Waschbecken. Ihre sandfarbene Uniform war über und über mit Kaffee befleckt.
In diesem Moment kam Gerd zur Tür hinein und schaute sie an. Plötzlich begann er lauthals zu lachen und fragte sie, ob sie Nachtschicht gehabt hatte. Sybille wurde etwas wütend und begann gerade sich zu verteidigen, als Horst hereinstürzte. Er rief, sie sollen sofort kommen, eine Leiche sei entdeckt worden. Sybille und Gerd schauten sich erschrocken an. „Ich muss mich waschen und umziehen“, rief sie und rannte los in den hinteren Teil des Büros. „Dann werde ich zu Horst gehen und mir Adresse sowie weitere Informationen holen. Komm nachher zum Wagen!“ Gerd lief zur Tür des kleinen Büros, ging zu Horst und holte sich die Adresse. Nach ein paar Minuten kam Sybille angerannt und die beiden liefen zu ihrem Dienstwagen. Sie stritten sich noch kurz darüber, wer fahren sollte, dann stieg Gerd einfach ein, liess den Motor an und rief ihr zu, sie solle sich beeilen oder er würde alleine losfahren..
Auf dem Weg erklärte ihr Gerd, wohin sie fahren mussten und informierte sie über die genaueren Informationen über die Leiche. Zwei kleine Mädchen, Jessica und Meike Hagen, hatten früh morgens ihren Vater tot am Boden liegend im Wohnzimmer vorgefunden. Als sie in die Weinackerstrasse einbogen, sahen sie schon von weitem den Krankenwagen und die Streifenwagen der zuerst alarmierten Stadtpolizei. Sie betraten das Haus und durchschritten erst eine riesige Eingangshalle. „Vor zehn Sekunden dachte ich noch, die hätten einen riesigen Garten und die wären Hobbygärtner. Aber jetzt? Diese Eingangshalle scheint mir noch protziger. Siehst du diese Bilder? Was gäbe ich dafür, so reich zu sein...“. Gerd blieb stehen und schwelgte in Tagträumen, aus denen ihn Sybille riss. „Ja, ja, nun komm schon. Da liegt irgendwo ´ne Leiche“. Sie durchquerten die Eingangshalle und fanden einen Polizisten, der sie zur Leiche führte. Das Wohnzimmer war noch protziger als die Eingangshalle, doch der Anblick der Leiche liess Gerd die Biedermeiermöbel und teuren Gemälde vergessen. Vor ihnen lag ein sehr gut gekleideter, sportlicher Mann. Sybille fiel auf, dass er wirklich gut ausgeshen hatte. Der Gerichtsmediziner besah sich die Leiche einige Minuten lang. Noch durfte er sie weder bewegen noch genauer untersuchen, denn die Spurensicherung war noch nicht eingetroffen.
Es war Sonntag und die Spurensicherungsbeamten waren schwer zu erreichen. Die meisten stellten ihre Piepser aus, um auszuschlafen. Der Gerichtsmediziner diktierte seinem jungen Assistenten, welcher immer mit Schreibblock und Kugelschreiber zu sehen war, einige Informationen über die Leiche, die er ohne Autopsie machen konnte. Er rief durchs Zimmer: „Männlich, 1,78 gross, sportlich, etwa 40 Jahre alt“. Sybille unterhielt sich noch etwa fünf Minuten mit ihm, doch viel mehr konnte er ihr noch nicht sagen. „Ich denke, er ist durch Gift getötet worden, denn ich sehe weder Blut noch Verletzungen am Kopf und momentan kann ich ihn noch nicht näher untersuchen, die Spurensicherung ist ja wieder mal am schlafen!“.
Ein paar Minuten warteten Sybille und Gerd noch, bis die Beamten der Spurensicherung nun auch eingetroffen waren und den Teppich, den Tisch, die Leiche und alles was sonst noch im Wohnzimmer zu finden war fotografierten oder in Plastikbehälter versorgten. Gerd lief durch die weiteren Räume des Hauses (er zählte über 17 Zimmer) und traf im zweiten Wohnzimmer, im dritten Stock, zwei Psychologen, welche mit zwei kleinen Mädchen redeten. Er nahm an, dass dies die Töchter des Ermordeten waren, die ihn heute fanden. Beide weinten, erzählten und die Psychologen waren beschäftigt damit sie zu trösten. Eine Frau sass in der Ecke auf der Couch und weinte. Dass heisst, sie zitterte am ganzen Leib und schrie zwischendurch mehrere Male. Gerd schätzte, dass sie die Mutter der Mädchen war und fragte sich, weshalb sie nicht auch die Kinder tröstete. Einer der Psychologen kam auf ihn zu und bat ihn, das Zimmer zu verlassen. Er begleitete ihn auf die Diele. „Ich bin Michael Van de Brook, Psychologe, wie sie sicher gesehen haben. Sie sind der leitende Kommissar? Die Frau redet nicht mit den Mädchen, und nicht mit uns. Seit sie nach Hause gekommen ist, weint sie ununterbrochen. Die Mädchen stehen total unter Schock. Sobald es allen dreien besser geht, werde ich ihnen eine Nachricht zukommen lassen. Sie sollten dann vernehmungsfähig sein. Schrecklich, dass zwei so kleinen Mädchen so etwas Schlimmes zustossen musste. Können sie das verstehen? Wieso bringt man jemanden um? Und weshalb müssen kleine Kinder das miterleben?“ „Das kann ich ihnen leider auch nicht sagen, aber eine Frage hätte ich noch... . Die Mädchen haben ihren toten Vater gefunden und die Mutter kam erst nach Hause. Wo also war sie?“
„Ich glaube sie wollte das Wochenende mit ihren Freundinnen in einem Ferienhaus verbringen, ich bin mir aber nicht sicher, sie sagte irgendwas darüber als sie hier ankam.“ „Gut, danke vielmals. Ich werde dann mal zu meiner Kollegin zurückkehren.“
Er lief wieder durch die Gänge und Zimmer. Nach fünf Minuten blieb er stehen, da er nicht mehr wusste, wo er war. Er traf auf eine saugende Hausangestellte. Sie sah aus, wie Angestellte vor fünfzig Jahren noch aussahen. Über einem schwarzen Kleid trug sie eine weisse Schürze mit Spitzen und ihre Haare waren zu einem Knoten zusammengebunden. Auf dem Kopf hatte sie ein weisses Spitzenhüttchen dass die gleiche Farbe und Spitzen wie die Schürze hatte. Er rief zweimal, bis sie ihn hörte. Verdutzt stellte sie den Staubsauger ab und lief zu ihm hin. Ihr Blick war fragend, irgendwie beängstigt und sie sagte: „Sie sind sicher von der Polizei... .“ Gerd nickte und fragte sie nach dem Weg ins Wohnzimmer, da fing sie an zu lachen. Sie fragte welches er denn meine und führte ihn durch zwei Wohnzimmer hindurch ins dritte, wo Sybille schon auf ihn wartete. „Konntest du mit der Familie sprechen?“ „Nein, konnte ich noch nicht. Zwei Psychologen betreuen sie immer noch. Bist du hier fertig? Können wir zurückfahren?“ „Ja klar. Auf Wiedersehen Hans, ich werde auf den Bericht warten. Morgen hast du gesagt?“
Der Gerichtsmediziner sah Gerds verdutztes Gesicht, dachte sich jedoch nichts dabei und antwortete „Ja, ich denke nicht, dass ich heute noch fertig werde. Bis dann Sybille!“ „Bis dann“
„Seit wann kennst du den denn schon?“ „Ach, als ich noch im Studium war, besuchte ich ein Semester Pathologie. Dann konnte ich eine Woche bei seiner Arbeit zusehen. Wieso meinst du?“ „Ach, nur so.“ In Wirklichkeit war er etwas eifersüchtig, denn er hatte schon lange ein Auge auf Sybille geworfen.
Schweigend stiegen sie ins Auto und fuhren zurück. Gerd war völlig in seine Gedanken versunken, ob Sybille vielleicht was von diesem Hans wollte und Sybille dachte darüber nach, was sie Samstag Abend machen sollte.
Kapitel 2
Zurück im Büro besprachen sie noch einmal die Details. Die Berichte der Spurensicherung und der Gerichtsmedizin würden jedoch frühestens Morgen vorliegen. Bis dahin mussten sie sich damit begnügen, alle Verwandten und Bekannten des Ermordeten aufzusuchen und zu befragen. Sybille entschloss sich dafür, erst die Freundinnen Irmgard Hagens, der Frau des Ermordeten, aufzusuchen. „Die waren da, können das Alibi der Frau Hagen bestätigen und kennen die näheren Umstände, meinst du nicht Gerd?“ „Doch klar. Vielleicht liefern die uns auch noch weitere Verdächtige, die kennen wahrscheinlich noch mehr Bekannte der Hagens. Los komm machen wir uns auf den Weg, ich habe hier die Liste mit Namen und Adressen der Frauen!“.
Sie fuhren wieder weiter. Zuerst besuchten sie Ewa Bytomska, welche in der Nähe des Polizeireviers wohnte. Sie wohnte ebenfalls in einem riesigen Haus, welches in einer der sogenannten „besseren Gegenden“ stand. Es war vierstöckig und aus Holz, der Garten davor war kunstvoll hergerichtet und liess auf einen eigenen Gärtner schliessen. Nach dem sie den Weg entlang gelaufen sind, der von einem Gestänge überdeckt war, an dem die Rosenbüsche sich nur so hochschlängelten, stiegen sie eine grosse, ausladende Treppe hinauf und standen vor einer riesigen, hölzernen Tür. Gerd klingelte und betrachtete dabei die Tür mit aufgerissenem Mund. Er wurde erst wieder ansprechbar, als sie plötzlich aufschwang.
Ein blondes Mädchen stand vor ihnen, die langen Haare zusammengebunden, die grossen, blauen Augen blickten sie beide an und sie stand ruhig da, ohne sich zu bewegen. Sybille schätzte das Mädchen auf etwa fünfzehn Jahre. Das Mädchen blieb stumm, worüber sie sich wunderte. Und das Mädchen blieb weiterhin stehen und schaute die beiden erwartungsvoll an. Gerd durchbrach endlich die Stille und sagte „Hallo, wir sind Gerd Biedermann und Sybille Schneider von der Kripo. Sind deine Eltern zu Hause?“. Das Mädchen nickte und machte einen Schritt zurück. Mit der Hand deutete sie kurz an, dass sie hereinkommen sollen. Dann lief sie in das Dunkel der Eingangshalle hinein. Sybille war sich nicht sicher, ob sie ihr folgen sollten, als Gerd schon verschwunden war. Nach kurzer Zeit kam das Mädchen mit einer ebenfalls blonden Frau zurück. Diese drückte den Lichtschalter und der Kronleuchter über ihnen, welchen Sybille grässlich kitschig fand, leuchtete den Raum aus. Die Frau war hübsch, schlank und hatte die gleichen erwartungsvoll dreinblickenden blauen Augen wie das Mädchen. Sie schritt langsam auf die beiden zu. Sybille bemerkte die geröteten Augen und das verwischte Make-up. Die Frau hatte kurz zuvor noch geweint. Als sie anfing zu sprechen, war ihre Stimme noch bröcklig und sie sprach nur stockend (erst verstand Sybille die Frau nicht, sie begann jedoch nochmals von vorne). Sie erfuhren, dass sie Ewa Bytomska war, und das blonde Mädchen Elize, ihre Tochter. „Sie spricht nie mit Fremden!“
Ewa Bytomska lud Sybille und Gerd zu einer Tasse Kaffee ein. Sie wurden in einen Salon geführt, wo sie auf Stühlen mit rotem Polsterbezug Platz nehmen konnten. Ewa klingelte mit einer goldenen Glocke, worauf eine Haushälterin erschien und fragte, ob sie was trinken möchten. „Kaffee bitte, dazu noch genügend Milch und Zucker. Hast du auch noch irgendwelche Kekse oder so?“ „Ja, bring ich gleich. Kekse sollten noch genügend da sein. Einen Moment!“ Sie lief hinaus und Gerd begann Ewa Bytomska zu befragen. „Ich war mit den anderen in dieser Hütte. Na ja, wir haben ein bisschen getrunken und geredet. Eigentlich sogar sehr viel getrunken. Wir waren bald alle ziemlich beschwipst und dann hatte ich einen Filmriss. Wie übrigens die anderen auch. Ich bin morgens um neun in meinem Bett aufgewacht. Ich hatte grässliche Kopfschmerzen und ich habe keine Ahnung, wie ich in mein Bett gekommen bin. Ich denke, wir haben alle fünf ein bisschen zu viel getrunken. Ach ja, ich bin aufgewacht, da Irmgard angefangen hat zu schreien und zu weinen. Ihre Haushälterin soll zuvor gerade angerufen und ihr erzählt haben, was mit Dieter geschehen ist. Darauf verlor sie mehrmals ihr Bewusstsein, bis wir endlich im Auto sassen. Sie hat Dieter sehr geliebt!“
Stille trat ein. In diesem Moment erschien die Haushälterin und stellte den Kaffee und die Kekse auf den Tisch. „Danke Anneliese.“ sagte die Bytomska und wandte sich wieder ihnen zu. „Anneliese ist schon seit Jahren in unseren Diensten. Sie macht ausgezeichnete Kekse!“ .
Die drei tranken ihren Kaffee und assen die Kekse. Sie sprachen noch über dies und das, dann verliessen Gerd und Sybille das Haus. Elize lief ihnen nochmals über den Weg, grinste sie ihn an und winkte ihnen zu. Sie winkten zurück. „Ein süsses Mädchen, die Kleine.“ „O ja, Sybille, da hast du recht.“ Sie liefen wieder den mit Rosen überdachten, geschlängelten Weg entlang und gingen zum Auto.
Sie beschlossen, nun Christine Grochowski zu besuchen, die ein paar Strassen weiter wohnte.
Noch immer beeindruckt von dem Haus fuhr Gerd los. Auch das nächste Haus fanden sie ohne Problem. Jedoch war es kein Vergleich zum Vorherigen. Es war ein grosses Haus und hatte einen grossen Garten, der aber aussah als wäre er seit Jahren nicht mehr betreten worden. Den Fassaden sah man an, dass sie schon bessere Zeiten gesehen hatten und der Efeu wuchs nur so daran hinauf.
In der Hoffnung, dass die alte Türklingel noch funktioniert, drückte Sybille auf den vergilbten Knopf in der Mitte und war erstaunt als ein tiefer Gong aus dem Innern des Hauses ertönte. Kurz darauf öffnete eine grosse, blonde Frau die Türe. Ihr Gesicht war bleich und man sah ihr, wie zuvor bei Ewa Bytomska, noch sehr gut an, dass sie gerade geweint hatte. Sybille stellte sich und Gerd vor, darauf liess Christine Grochowski sie herein.
Das Innere des Hauses war wiederum eine Überraschung. Es war alles sehr ordentlich und sauber geputzt. An den Wänden hingen Bilder von unbekannten Künstlern, oder jedenfalls für Gerd und Sybille unbekannt. Grit führte sie in die Küche wo sie sich für die Unordnung im Garten entschuldigte. Sie konnte sich keinen Gärtner leisten, und selbst hatte sie zuwenig Zeit, da sie ja arbeiten musste. Sie bot den Beiden Kaffee an, welchen sie dankend entgegennahmen. Auf die Frage hin, ob sie vom Tode Dieter Hagens Bescheid wisse und ob sie ihnen genauere Details erzählen könne, fing Christine Grochowski an zu weinen. Nach etwa zehn Minuten beruhigte sich die Frau wieder und erzählte ihnen, dass sie ja ebenfalls an diesem Treffen war. Gerd stand auf, mit der Ausrede er müsse mal für kleine Jungs, und machte sich auf den Weg durch das Haus. Sybille fand heraus, dass die Freundinnen alle ziemlich viel getrunken haben mussten, denn auch Christine Grochowski hatte einen Filmriss und meinte, dass dies gar nicht so seltsam sei. Weiter hat sie sich über die ganze Lebensgeschichte Christines informieren lassen. Als sie einmal angefangen hatte zu erzählen, war sie nicht mehr zu bremsen. Sie schien eine sehr redselige Frau zu sein.
Als Sybille und Gerd eine Stunde später das Haus wieder verliessen, war Sybille erleichtert, dieser Frau nicht mehr zuhören zu müssen. Ihre eigenen Probleme waren genug schlimm. Nachdem sie sich erzählt hatten, was sie herausgefunden hatten, beschlossen sie Mittagessen zu gehen.
Sie fanden einen kleinen Imbissstand ein paar Strassen weiter. Während dem Essen stritten sich über Vegetarier und Imbissstände. Sybille beklagte sich, dass sie nie etwas Anständiges an Imbissständen essen könne und Gerd meinte, sie solle doch Fleisch essen, wie alle Menschen. Und wie fast jedes Mal, wenn sie an einem Imbissstand waren, fand die Diskussion kein Ende und sie stiegen wieder in ihr Auto. Sybille war etwas verärgert über Gerd, doch dieser war erheitert über Sybilles Aufregung. Am Nachmittag besuchten sie noch Grit Müllenhaupt und Lisa Sjöström, weitere Freundinnen von Irmgard Hagen. Auch hier erfuhren sie nichts neues. Grit war die beste Freundin von Christine, Lisa die beste Freundin von Irmgard Hagen. Sie waren beide sehr erschüttert und hatten ebenfalls einen Filmriss, da sie zuviel getrunken hatten. Lisa erklärte ihnen, dass sie eigentlich alle fünf sehr deprimierte Frauen waren. Klar, sie waren alle reich und, bis auf Christine, verheiratet. Doch glücklich wären sie nicht, meinte Lisa. Sie selbst würde am liebsten wieder in ihre Heimat Schweden zurückkehren, ihr hatte es hier in Deutschland noch nie gefallen. „Wir ertränken jedes Wochenende unsere Sorgen im Alkohol. Grit fuhr einmal einen nagelneuen Sportwagen zu Schrott deswegen. Geld macht nicht glücklich und jetzt ist Irmgard völlig am Ende.“
Sie fuhren am Abend wieder ins Präsidium, wo sie alle neuen Informationen an eine dieser weissen Magnettafeln hängten. Jedoch war sie nur etwa ein Drittel voll von Zetteln und auf diesen waren nicht viele Informationen vorhanden.
Gerd setzte sich auf einen Schreibtisch und seufzte: „Ich werde langsam zu alt für diesen Job!“ Sybille sass auf ihrem Bürostuhl und starrte auf die Tafel. Sie schwiegen beide eine Zeit lang und blickten auf die Tafel, in der Hoffnung, neue Informationen würden darauf erscheinen. Dann brach Sybille das Schweigen und meinte: „Denkst du, dass es sinnvoll ist noch länger hier zu bleiben? Komm, wir gehen nach Hause, ich brauche meinen Schlaf nach der Nachtschicht. Morgen ist auch ein Tag und vielleicht schickt uns Hans den Befund. Los, steh auf!“ Sie grinste Gerd verschmitzt an, der ebenfalls aufstand und hinter ihr das Büro verliess und abschloss. Er fuhr sie bis vor die Haustüre, setzte sie dort ab und wünschte ihr eine gute Nacht.
Sie lief zu einem der Mehrfamilienhäuser, in dem ihre Wohnung war. Gerd sah ihr nach, als sie die Strasse überquerte, Licht anmachte und nach den Schlüsseln suchte. Sie ging hinein und ein paar Sekunden lang geschah nichts. Erst als das Licht im Wohnzimmer aufflackerte fuhr er zu sich nach Hause.
Kapitel 3
Am Morgen stand Sybille erst um zehn auf. Sie war gerade dabei, ihr Müsli in die Schüssel zu kippen, als es an der Tür klingelte. Sie ging zur Tür und hinter sich zog sie eine nasse Fussstapfenspur, da sie gerade noch unter der Dusche stand und ihre Haare noch vor Nässe trieften. Trotz Dusche stand ihr die Müdigkeit ins Gesicht geschrieben.
„Hallo Sybille, schönen guten Morgen! Ich habe hier frische Croissants und Brötchen. Wollen wir zusammen frühstücken?“ Es war Gerd, der putzmunter und gutgelaunt vor der Tür stand. In der linken Hand hielt er eine Tüte mit Brötchen und Croissants, in der Rechten einen Strauss Blumen, welche ihn ihrem Garten wuchsen.
Sie freute sich trotzdem sehr darüber und strahlte ihn an. Er trat ein und sie ging ins Badezimmer um sich umzuziehen. Als sie zurückkam war schon der ganze Tisch bedeckt mit Geschirr, Besteck und allen möglichen Dingen, die man überhaupt zum Frühstück gebrauchen konnte. Der Blumenstrauss stand in einer Vase mitten auf dem Tisch.
Sie setzte sich an den Tisch und die Beiden assen gemütlich ihr Frühstück. Nach einer halben Stunde ging Sybille in ihr Zimmer, um sich die Polizeiuniform überzuziehen und Gerd räumte in der Küche auf. Sie fuhren zum Präsidium und fanden den Gerichtsmediziner vor.
„So, ihr Siebenschläfer! Die Obduktion ist fertig. Hier ist der Bericht. Wollt ihr ihn gleich lesen?“
Sybille setzte sich auf den Stuhl hinter dem schweren, hölzernen Bürotisch und begann zu lesen. Gerd verliess das Büro und holte Kaffee. Als er, das Tablett gefährlich schwankend, zurückkam, lief ihm sein Chef über den Weg: „So, Biedermann, habt ihr schon was herausgefunden im Mordfall von gestern?“ „Nicht wirklich, Chef. Der Befund ist aber gerade gekommen!“ Er lief ins Büro und Sybille diskutierte heftig mit Hans. „Du hast also Arsen gefunden. Und eine Überdosis Schlaftabletten? Wäre er nicht schon am Arsen alleine gestorben?“ „Doch schon. Kommt mit ins pathologische Institut. Dort werde ich es euch erklären!“ „Und was ist mit dem Kaffee, den ich gerade geholt habe?“ „Den trinken wir unterwegs“, meinte Sybille, schnappte sich einen Becher und lief los. Hans tat das gleiche und Gerd stellte das Tablett auf den Tisch und folgte ihnen.
Sie fuhren quer durch die Stadt und sprachen erst wieder im Kühlraum des Institutes. „Markus, kannst du mir die vergiftete Leiche hinaufbringen? Ich brauche sie noch einmal“, rief Hans durch den Raum und sie liefen zur hinteren Tür. Sie bekamen Kittel und Handschuhe und der Gerichtsmediziner legte alle möglichen Messer, Skalpelle und sonstige grausige Werkzeuge auf einen kleinen, fahrbaren Tisch. „Kommt, wir nehmen den Lift nach oben!“
Sie stiegen in einen kleinen Lift, der, wie alles hier, mit Chromstahl verkleidet war. Nach kurzer Zeit waren sie schon oben und die Türe ging auf. Ein weiterer kahler, mit Chromstahl verkleideter Raum wartete auf sie. In der Mitte des Raumes stand eine Bahre mit der schon bläulichen Leiche. „Ich zeige euch jetzt genau, wie man feststellt, welches Gift wann in den Körper kam und welches ihn getötet hat.“ Er schnitt mit einem der Messer in die Brust, öffnete sie und zeigte ihnen wie die Gifte jeweils die Organe zerstört hatten. „Die Schlaftabletten wirken zusammen mit der Magenflüssigkeit. Sie wurden trocken geschluckt, also könnt ihr euch denken, wie lange es in etwa dauert, bis sie vollständig aufgelöst sind. Das Arsen wurde kurz darauf in die Vene gespritzt. Den Einstich kann man hier am linken Arm in der Beuge sehen. Getötet wurde der Mann durchs Arsen, denn die Tabletten waren sicherlich noch nicht aufgelöst. Ich glaube, er wurde gezwungen die Schlaftabletten zu schlucken und als er etwas ausser Gefecht war, wurde ihm das Arsen direkt in die Blutbahn gespritzt. So dringt es schneller zum Hirn vor und tötet innerhalb von Sekunden. Meist werden solche Verbrechen von Menschen begangen, die ihrem Opfer unterlegen sind. Körperlich meine ich. Hilft euch das weiter?“ „Ja ich denke schon.“ Gerd lief um die Leiche herum und suchte den Einstich der Nadel. „Schau hier, das Loch ist wirklich sehr klein! Es könnte sehr gut von einer Arztgehilfin, Krankenschwester oder Ärztin gemacht worden sein. Ich schliesse auf eine medizinische Ausbildung. Auch stach die Nadel nach oben, was das Arsen besser zirkulieren lässt. Ein Laie hätte doch einfach irgendwo in den Arm gestochen und sich nicht all diese Dinge überlegt.“ Sybille und Gerd verstanden nun, wie Dieter Hagen ermordet wurde und verliessen das Gebäude.
Wieder im Präsidium angekommen, dachten sie über die Worte des Gerichtsmediziners nach. „Es könnte also eine Frau gewesen sein. Denkst du, es war eine der fünf Freundinnen, die wir gestern besucht haben?“ „Das weiss ich nicht. Aber möglich wäre es. Obwohl, Lisa Sjöström sagte, alle, eingeschlossen Irmgard Hagen, wären nicht glücklich. Und alle haben sie den gleichen Lebensstandard. Neid oder Eifersucht, sowie Geldgier kannst du also bei denen ausschliessen. Und sowieso waren sie betrunken eingeschlafen!“
Sie statteten ihrem Chef noch einen kurzen Besuch ab. Er gab ihnen den Auftrag, noch weitere Bekannte der Familie Hagen aufzusuchen und zu befragen. Sie wollten gerade zu den beiden Geschäftspartnern Dieter Hagens fahren, als Horst auf sie zukam. „Könnt ihr zwei kurz mitkommen? Eine Frau Diense möchte mit euch sprechen.“ Er führte sie in den Vernehmungsraum, wo eine kleine, ältere Frau auf einem Stuhl sass: „Guten Tag, ich bin Sybille Schneider, das ist mein Kollege Gerd Biedermann. Wie sie ja wissen ermitteln wir im Fall Hagen!“ „Schönen guten Tag. Mein Name ist Marianne Diense und ich wohne gegenüber der Hagens. Mein Mann und ich haben oft die beiden Mädchen gehütet, da die Eltern viel reisten. Irmgard ist wie eine eigene Tochter für uns. So eine liebe Person und die Mädchen sind so fröhlich und lebenslustig. Dieter selbst haben wir nicht sehr gut gekannt.
Die Ehe der beiden funktionierte nach Aussen hin und für Irmgard perfekt. Was sie aber nicht wusste und immer noch nicht weiss, ist, das Dieter schon seit ein paar Monaten eine Geliebte hat. Ich sah die beiden oft zusammen, wenn die Mädchen bei mir und Irmgard weg war. Eine hübsche, junge Frau, ich glaube sie heisst Kleier oder so. Sicher wissen die Geschäftspartner mehr über sie. Das wollte ich ihnen mitteilen. Und das jemand Dieter besucht hat an den gewissen Abend. Ich hörte ein Auto durch die Strasse fahren und schaute zum Fenster hinaus. Wir leben in einer ruhigen Gegend, wo nie viel passiert, wissen sie. Manchmal schaue ich stundenlang nur durchs Fenster.
Ich weiss, meine Neugier ist schrecklich, aber diesmal habe ich wenigstens etwas gesehen, dass vielleicht wichtig ist. Also, das Auto hielt vor der Tür der Hagens und ich dachte mir, dass es doch sicher wieder die Geliebte sei. Ich ärgerte mich, denn die Kinder waren doch zu Hause, und die sollten so etwas nicht mitkriegen, die Ärmsten. Das Auto war aber nicht rot, wie das dieser Frau Kleier, sondern dunkel. Ich weiss nicht ob schwarz, dunkelblau oder grün. Das automatische Licht beleuchtet die Einfahrt nur schwach. Es war aber ein kleiner Wagen, mit vielleicht fünf Plätzen oder so. Ich kenne mich bei der Marke auch nicht so gut aus. Die Frau die ausstieg war schlank und trug etwas enges schwarzes. Ihre Haare waren unter einem Hut versteckt, einem Hut mit Leopardenmuster. Sie ging zur Tür und klingelte. Dieter liess sie hinein und sie war etwa eine halbe Stunde dort. Ich beobachtete die ganze Sache mittlerweile von meinem Bett aus, denn es war schon später und ich wurde langsam müde. Dann ging das Licht im Haus aus und die Frau kam raus und fuhr davon. Das war alles was ich gesehen habe, denn das Wohnzimmer der Hagens hat das Fenster nach hinten und das sehe ich nicht.“ „Also, sie wissen nur das die Frau dunkle Kleider trug, einen Hut mit Leopardenmuster trug und schlank war? Und der Wagen hatte eine dunkle Farbe? Mehr konnten sie nicht erkennen?“ „Nein, leider nicht, Herr Kommissar. Ich habe mich nie für Autos interessiert und die Frau konnte ich nicht erkennen“.„Gut, sie haben uns sehr geholfen Frau Diense. Dürfte ich sie bitten, mit Horst Winter mitzugehen, er muss noch ihre Personalien aufnehmen und sie müssen noch die Angaben unterschreiben, wenn sie so gut wären. Ich danke ihnen vielmals.“ „Auf Wiedersehen Frau Diense, schönen Tag noch!“, wünschte Sybille und die beiden verliessen das Zimmer. Im Büro schlossen sie die Tür.
„Also, du gehst zu den beiden Geschäftspartnern und befragst die. Nimm Michael mit, und ich gehe mit Nils zu einem gewissen Ralf Schnell, dem soll Dieter Hagen noch Geld geschuldet haben, wie Horst herausgefunden hat. Treffen wir uns in einer Stunde wieder?“ „Klar, ich suche Michael und fahre zu denen. Hat Horst die Adressen?“ „Ich hoffe es. Viel Glück. Hoffentlich finden wir dieses Mal etwas brauchbares!“
Mit diesen Worten verliess Gerd das Büro und Sybille suchte Michael. Er war früher ihr Partner gewesen, als sie noch Streife fuhr. Seit ihrer Weiterbildung hatten sie sich nur noch selten gesehen. „Michael, hast du kurz Zeit? Ich brauche dich für eine Befragung.“ „Klar hab‘ ich Zeit. In fünf Minuten draussen, OK?“ „OK!“
Sie lief zu Horst und holte sich die Adressen der beiden Geschäftspartner. Als sie draussen ankam, war Michael noch nirgends zu sehen. Dafür Gerd der gerade aus dem Auto stieg. „Nils ist immer noch nicht da, was macht der so lange?“ „Ach lass ihn doch. Michael ist auch noch nicht da.“ „Ach, Sybille was ich dich schon lange fragen wollte... ähm... ja... ähm...“ „Ja? Was denn?“ „Sybille würdest du mal mit mir ausgehen?“
Sybille schaute ihn an und Gerd schaut sie an. In diesem Moment kam Nils aus der Tür heraus. „Hallo Sybille! Gerd, wir können losfahren.“ Nils stieg auf der anderen Seite des Wagens ein und schloss die Tür. „Bis später, Sybille!“, sagte Gerd und schloss ebenfalls die Tür. Der Wagen fuhr los und Sybille dachte nach. Sie dachte über Gerd nach, über ihre Freundschaft und all diese Dinge.
Kapitel 4
Michael kam und sie fuhren los. „Was ist los mit dir, wieso bist du so schweigsam? Hast du Probleme?“, fragte Michael nach fünf Minuten stillschweigender Fahrt. „Nichts, ich bin nur etwas müde. Hätten wir nicht da hinten abbiegen sollen? Da wäre die Industriestrasse gewesen.“
Michael machte eine ziemlich scharfe Wendung, so dass die Reifen nur so quietschten. Er fuhr in die Industriestrasse und sie suchten die Firma: „Hagen Electronix AG“. Nach kurzer Zeit fanden sie das Gebäude und suchten einen freien Parkplatz. Fast alle waren schon besetzt und sie mussten bis ganz nach hinten fahren. Als sie dann endlich in der Eingangshalle des Gebäudes standen, kam eine ältere Dame auf sie zu: „Guten Tag, mein Name ist Martha Friedrich. Ich bin sozusagen die Empfangsdame hier. Wen oder was suchen sie beide?“ Die kleine Frau schritt auf sie zu, ihr Blick war fragend und erwartungsvoll auf sie gerichtet. „Sybille Schneider und Michael Theiss, Kriminalpolizei. Wir möchten gerne die Herren Arno Blum und Walter Grosser sprechen. Wir ermitteln im Mordfall Hagen“. „Ach, der arme Dieter. Wie kann ein Mensch einen anderen derart hassen, dass er ihn umbringt? Ruhe er in Frieden. Bei den beiden Herren werde ich sie sogleich anmelden. Sie ging durch eine Tür und Sybille und Michael setzte sich auf zwei der umherstehenden Stühle.
Sie mussten etwa zehn Minuten warten, dann kam die alte Frau zurück. "Die beiden Herren werden sie sogleich empfangen. Kommen sie doch bitte mit." Sie führte die beiden durch weite Gänge, bis sie zu einer eichenen Tür kamen. Sie klopfte dreimal ganz kurz und von innen ertönte eine tiefe Stimme. "Ja, Martha, lass die beiden herein!".
Sie öffnete die Tür und Sybille und Gerd konnten eintreten. Das Büro war sicher fünf mal so gross wie das ihres Chefs und voll von teuren Biedermeiermöbeln. Zwei ältere Herren, so Mitte fünfzig, sassen hinter dem grossen Tisch und hiessen sie Platz zu nehmen. „Mein Name ist Sybille Schneider, das ist mein Kollege Michael Theiss. Wir ermitteln im Mordfall Hagen, wie sie sicher bereits wissen. Wo waren sie beide in der Mordnacht?“ „Ich war in München, geschäftlich. Ich könnte ihnen die Hotelrechnung vorlegen!“ Er öffnete eine Schublade und holte ein paar Blätter heraus. Er streckte sie Michael hin, der zufrieden nickte und sie zurück gab. „Und sie Herr Grosser?“ „Ich war zu Hause bei meiner Frau, welche das bestätigen kann. Hier ist ihre Mobiltelefonnummer“. Er kramte ebenfalls herum, nur diesmal auf dem Tisch, und Sybille bekam eine Visitenkarte in die Hand gedrückt. „Danke, das wär's gewesen. Bis auf einen Punkt. Können sie mir den Namen der Geliebten Hagens nennen? Kleier oder so soll sie heissen.“ „Das Fräulein Kleier, ach ja. Warten sie einen Moment!“ Er drehte sich um und nahm eines der beiden Telefone, die an der Wand hingen. „Martha, könnten sie vielleicht die Adresse von Melanie Kleier vorbeibringen? Danke vielmals.“ Er hängte ein und schenkte zwei Tassen Kaffee ein. Während sie diesen austranken, sprachen sie noch mit den beiden über Hagen. Sie konnten ihn gut leiden und der Tod gingen ihnen sehr nahe.
Martha kam zur Tür hinein (wieder klopfte sie erst drei Mal) und gab Sybille den Zettel. „Dann machen wir uns wieder auf den Weg. Danke, dass sie sich Zeit für uns genommen haben und auf Wiedersehen!“
Michael ging hinaus und Sybille folgte ihm. Als sie ihm Auto sassen und zu dieser Melanie Kleier fuhren, sprachen sie über die beiden älteren Herren. Sie kamen zum Schluss dass sie unschuldig waren. Schliesslich hatten beide ein Alibi und kein Motiv. Sie kamen bald bei Melanie Kleier an. „Endlich mal eine, die nicht so reich ist!“
Melanie bewohnte ein kleines Appartement im dritten Stock eines Reihenhauses. Sie öffnete sofort die Tür und den beiden bot sich das gleiche Bild, wie Sybille zuvor bei all den anderen Frauen feststellte. Man sah ihr an, dass sie geweint hatte und als sie mit ihr sprachen bekam sie mehrere Weinkrämpfe. Sie war in der Mordnacht bei ihren Eltern zu Besuch, hatte also ebenfalls ein Alibi. „Aber jetzt fällt mir noch etwas ein, was ich ihnen unbedingt zeigen muss!“ Sie verliess das Zimmer und man hörte nur noch ein Rutschen und Rascheln nebenan. Nach kurzer Zeit kam sie mit zwei Briefen zurück. „Lesen sie die einmal. Ich denke, diese Frau könnte möglicherweise Dieter umgebracht haben“. Sybille las die Briefe, während sich Michael mit der jungen Frau unterhielt.
Es waren Drohbriefe einer anderen Frau, die neidisch und eifersüchtig war. Auch sie war in Dieter verliebt gewesen und drohte der jungen Frau, dass sie die beiden auseinanderbringen würde, falls Melanie ihn nicht verliesse. „Ich habe die Briefe nicht ernst genommen und vergessen. Erst gestern fiel mir wieder ein, dass ich sie besitze. Sie können sie gerne mitnehmen, falls sie sie gebrauchen können.“ „Ja, das werden wir, ein guter Anhaltspunkt!“
Sybille stand auf und Michael schloss sich ihr an. Sie liefen wieder die langen Treppen hinunter und Sybille erzählte Michael, was in den Briefen stand. „Das wäre zwar ein etwas unlogisches Motiv, aber wieso nicht?“, meinte dieser und öffnete Sybille die Tür. Auf dem Rückweg war es wieder einmal still im Auto. Plötzlich fragte Michael: „Du und Gerd... Seid ihr eigentlich zusammen?“ „Nee, wieso?“ „Nur so“.
Kapitel 5
Gerd und Nils waren gerade bei Ralf Schnell, welchem Hagen noch ziemlich viel Geld schuldete. Um genau zu sein, eine halbe Million Mark! Viel war nicht herausgekommen dabei. Bei der Rückfahrt fragte Nils Gerd: „Denkst du, der war es?“ „Meinst du? Nee! dann hätte er ja sein Geld sowieso abschreiben müssen. Ich weiss nur, dass der irgendetwas weiss, das er uns nicht sagt!“ „Aber schriftlich mitgibt! Schau mal her, hier sind die Dokumente, die Schnell uns gab. Hinten hat er eine Notiz angefügt. ‚Die letzten sechs Briefe gab mir Dieter um feststellen zu lassen, wer sie geschrieben haben könnte.’ Und alle sechs sind Liebesbriefe, schau mal rosa farbene Umschläge, die nach Parfüm riechen. Die sollten wir überprüfen!“
Die beiden fuhren auf Den Parkplatz des Präsidiums, wo sie Sybille und Michael sahen, die gerade parkierten. Gerd wurde es etwas mulmig, denn Sybille hatte ihm bis jetzt noch keine Antwort gegeben und mittlerweile war ihm die ganze Sache etwas peinlich.
Sie trafen sich alle vier mit dem Chef im Büro. Als alle Informationen auf Kärtchen geschrieben und an die Magnetwand gehängt worden sind, versammelten sie sich, um eine Verdächtigenliste zu erstellen. „Die fünf Frauen sind allesamt verdächtig. Jeder kann sagen er hätte ein Blackout gehabt!“, meinte Sybille als erste. „Die Geliebte ist nicht so verdächtig. Sie hatte keinen Streit oder dergleichen mit Hagen und war bei ihren Eltern. Und die Nachbarn, die Dienses, haben sich gegenseitig ein Alibi gegeben, welches allerdings deshalb nicht stimmen muss!“ Michael fand, die beiden Mitarbeiter wären ebenfalls nicht verdächtig, da sie gute Freunde des Ermordeten waren. „Dieser Schnell jedoch, dem traue ich nicht über den weg. Sein Motiv ist mir noch nicht klar, aber die Briefe könnten auch Attrappen sein, um uns auf eine andere Spur zu führen“, meinte Nils der seine Abneigung gegen Schnell nicht verbergen konnte. Sie diskutierten noch eine halbe Stunde lang bis Sybille entschied, zu Hans, dem Gerichtsmediziner, zu fahren. Sie hatte eine Idee. Gerd begleitete sie und sie fuhren los. Beim pathologischen Institut angekommen wurden sie von einer Empfangsdame begrüsst, die die beiden zu Hans führte. „Hallo ihr zwei. Was führt euch heute zu mir?“ „Hans, man kann doch bei toten Menschen feststellen, welche Mittel sie verabreicht bekommen haben, was sie getrunken haben und all das. Geht das auch mit noch lebendigen Menschen?“ „Na klar, bring mir ein Haar und ich sag dir was die Person ass, trank und sonst zu sich nahm.“ „Danke vielmals. Wir müssen gleich wieder los. Es ist dringend! Tschüss“
Sie fuhren wieder zum Präsidium und Sybille ordnete die Zettel auf der Magnetwand. „Was hast du vor?“ „Lass mich machen, OK? Ach ja, wie wär's Samstag Abend um acht?“
Sybille grinste und lief aus dem Büro. Gerd stand verdutzt da und konnte es immer noch nicht glauben, dass Sybille ja gesagt hatte. Er war fassungslos. Dann fiel ihm ein, dass sie ja weg wollten. Nur wohin sollten sie? Ins Kino? Essen gehen? In eine Bar? Oder besser eine Disco? Er wusste es nicht. Vielleicht sollte er sie fragen? Aber wenn er sie schon eingeladen hatte, sollte er sich dann nicht auch darum kümmern wohin sie gingen? Musste es immer so schwer sein, diese Männer-Frauen Sache? War das wirklich nötig? Er begann zu überlegen, was er anziehen sollte. Immerhin hatte er nun eineinhalb Jahre auf diesen Moment gewartet. Dass er zum Friseur ging zuvor, hatte er sowieso schon beschlossen. Er freute sich wie ein kleines Kind auf den Samstag Abend und seine plötzliche erscheinende Eitelkeit fiel ihm nicht auf. Er dachte schon darüber nach, wie der Abend enden könnte, als er plötzlich eine Stimme hörte. „Was stehst du da wie angewurzelt Gerd? Das Telefon klingelt seit mindestens zwei Minuten. Würdest du uns vielleicht von dem nervtötendem Klingelton erlösen?“. Horst weckte ihn aus der Trance und grinste ihn schief an. Man sah ihm an, dass er die Sache mitgehört hatte. Er nahm den Telefonhörer ab und meldete sich.
„Ja, Gerd Biedermann hier!“ „Guten Tag hier spricht Ewa Bytomska. Ich möchte sie nicht stören, aber mir ist etwas eingefallen, das vielleicht wichtig sein könnte.“ „Kein Problem, erzählen sie einfach. Ich nehme an, es geht um den Mord an Dieter Hagen?“ „Ja geht es. Das heisst, ich weiss es nicht. Vielleicht ist es auch nur etwas völlig uninteressantes. Also, wie sie sicher wissen sind Grit und Christine beste Freundinnen. Nun habe ich vor etwa zwei Wochen ein Gespräch der beiden belauscht. Eigentlich war es mehr ein Streit. Es ging um Dieter. Christine redete davon, dass er ihr Traummann sei und sie nicht mehr länger ohne ihn leben wolle.“ „Das sagte sie so? Wortwörtlich? Und was meinte Frau Müllenhaupt dazu?“ „Grit? Grit beschwichtigte sie und sagte ihr, dass Dieter Irmgard liebe und sie sich nicht zwischen die beiden drängen soll. Christine wurde fuchsteufelswild und schrie Grit an, sie habe ihr nicht zu sagen was sie zu tun habe und sowieso wisse sie, dass Dieter seine Frau seit Monaten betrüge. Wussten sie das? Leider kann ich ihnen auch darüber nichts näheres erzählen.“
„Ja, die Geliebte haben wir mittlerweile ausfindig gemacht. Wie ging das Gespräch zu Ende?“
„Christine schrie nur noch so um sich. Sie fluchte über die Welt und alle Menschen. Auch Dinge wie: 'Ihr habt doch sowieso schon alles, wieso bin nicht ich einmal auf der Sonnenseite? Immer nur im Schatten zu stehen macht mich verrückt!'. Ich hatte dieses Gespräch schon vergessen, da ich es zwar komisch fand, aber Christine und Grit waren schon immer etwas komisch gewesen.“
„Seit wann kennen sie sich denn schon?“
„Wir gingen alle zusammen in die gleiche Klasse, seit wir etwa zehn Jahre alt waren. Wir studierten auch an der gleichen Uni und taten sowieso alles zusammen. Hat ihnen das noch niemand erzählt?“
„Nein, darüber wurde noch nie gesprochen. War Christine Grochowski schon immer neidisch?“
„Nein, erst seit wir in der Uni sind. Sie hat den Abschluss nie geschafft. Bis dahin war sie sehr beliebt gewesen bei Männern und hatte nur dummes Zeugs im Kopf. Als sie dann von der Uni flog, musste sie arbeiten gehen. Dazumals fing es an. Sie war neidisch auf jeden von uns. Als wir heirateten wurde es noch extremer! Sie fühlte sich immer vernachlässigt. Grit hat immer zu ihr gehalten. So jetzt muss ich aber auflegen, meine Tochter hat Ballettunterricht und ich muss sie abholen. Genügen ihnen die Informationen?“
„Ja, ich denke schon. Und sonst komme ich auf sie zurück. Ihre Telefonnummer und Adresse haben wir ja. Vielen Dank für den Anruf, er war sehr aufschlussreich. Auf Wiederhören!“
„Tschüss!“
Gerd legte auf und lief zu Sybille um ihr alles zu erzählen. Sie konnte es kaum glauben, wie auch Nils und Michael. Sie hatten schnell eine Sitzung mit dem Chef einberufen, um ihn von den neusten Informationen in Kenntnis zu setzen. Alle fünf waren sich einig, das Christine nun die Hauptverdächtige war.
Kapitel 6
Auf dem Weg zurück zum Präsidium holten sie sich noch eine Familienpizza. Wieder einmal stritten sie darüber, ob Schinken darauf sein sollte oder nicht. Erst als der Pizzabäcker sich bereit erklärte, die Pizza nur zur Hälfte mit Schinken zu belegen, waren die beiden zufrieden und fuhren dann zurück ins Präsidium. Sybille trug Horst auf, die fünf Frauen anzurufen. Sie sollten vorbeikommen und eine Haarbürste sowie ihre Einkaufslisten für die nächste Woche mitbringen. Dann lief sie ins Büro, stellte um und holte in anderen Zimmern fünf Stühle, die sie nebeneinander aufstellte. Sie kochte Kaffee und stellte Tassen, Zucker und Milch auf.
Es vergingen etwa zehn Minuten bis die fünf Frauen kamen. Sie fuhren in der Limousine von Grit vor, deren Chauffeur eine Uniform und Mütze trug. Eine der Sekretärinnen brachte sie in Sybilles Büro. Gerd hatte immer noch keine Ahnung, was seine Kollegin vorhatte, denn sie wollte es ihm einfach nicht sagen. Sie war gerade dabei, den fünf Frauen Kaffee einzuschenken, als Horst ins Büro kam.
Sybille zeigte den Frauen die Magnetwand mit den Informationen und erzählte ihnen von den bisherigen Ermittlungen. Nun bat sie die Frauen die Kämme und Einkaufslisten auf den Tisch zu legen und legte ihnen ein Formular hin. Um die Kämme und Einkaufslisten einfach so zu beschlagnahmen, mussten die Frauen die Formulare unterschreiben. Eine nach der anderen legte den Kamm und die Einkaufliste in Plastiktütchen und übergab sie mit dem Formular Sybille. Horst nahm die Formulare, Kämme und Einkaufslisten an sich und ging wieder hinaus.
"Die beschlagnahmten Beweisstücke werden nun geprüft. Horst bringt die Kämme in die Gerichtsmedizin. Dort werden die Haare herausgenommen und getestet. Mit einer DNA-Analyse kann man erkennen, was sie in den letzten Tagen gegessen und getrunken haben, was für uns sehr wichtig ist. Die Schriften auf den Einkaufslisten werden geprüft, ob sie mit einigen uns vorliegenden Dokumenten übereinstimmen. Ich bitte sie alle, nun wieder nach Hause zu gehen und abzuwarten. Die Tests dauern etwa ein bis zwei Tage. Dann werden wir uns eventuell wieder melden.
Ich danke ihnen, dass sie gekommen sind und wünsche einen schönen Tag. Auf Wiedersehen."
Sybille drehte sich mit dem Rücken zu den Frauen und grinste Gerd an.
„So, genug gehört?" „Du bist einfach spitze, Sybille. Hoffentlich kriegen wir so einen Beweis. Ich persönlich bin total davon überzogen, dass diese Christine Grochowski die Täterin ist. Weisst du noch, als wir sie besuchten? Am liebsten wärst du ja vor ihrem Selbstmitleid geflüchtet! Nun ja, was denkst du? Sollen wir Feierabend machen? Heute können wir sowieso nichts mehr tun."
Gerd fuhr Sybille nach Hause. Im Auto sprachen sie über den kommenden Samstag. „Was wollen wir überhaupt machen?" Sybille kaute gerade einen Kaugummi, den sie irgendwo im Handschuhfach gefunden hatte. "Ich weiss nicht. Worauf hättest du Lust? Wir können Essen gehen, oder auch ins Kino. Was denkst du?" Gerd wusste immer noch nicht, was er ihr vorschlagen sollte. "Nein, nicht ins Kino und Essen gehen tun wir auch jeden Tag. Gehen wir doch tanzen oder?" "OK, das ist toll."
Sie unterhielten sich noch über dies und das, dann stieg Sybille aus und ging ins Haus. Sie sah noch eine Zeit lang fern und schlief dabei auf der Couch ein.
Sie erwachte morgens um vier und konnte nicht mehr einschlafen. Also blieb sie auf bis um sieben und fuhr dann mit der Strassenbahn ins Präsidium. Dort waren alle sehr erstaunt, denn um diese Zeit war sie ein selten gesehener Gast. Sie wollte gleich im pathologischen Institut anrufen, als Horst, der anscheinend immer im Präsidium war, hereinkam und sagte, es wäre eine Leiche gefunden worden.
Sie fuhren hin und Sybille dachte bei sich, dass es sicherlich Selbstmord war. Denn sie hielten an einer der hohen Eisenbahnbrücken und mussten das grasbewachsene Bord hinuntersteigen. Unten angekommen, erschrak sie. "Sybille das ist doch diese Christine Grochowski, nicht?" "Ja, ich denke schon. Sind sie hier der leitende Polizeibeamte?" wandte sie sich zu einem Mann, der gerade einem Beamten Angaben zur Leiche diktierte. "Ja bin ich. Sind sie von der Kripo? Ich glaube wir haben es mit einem Selbstmord zu tun. Meine Kollegen benachrichtigen gerade die Angehörigen. Die Frau heisst-" "Ja, ich weiss. Christine Grochowski. Sie war bis vor dreissig Minuten meine Hauptverdächtige, die ich heute noch verhaften wollte. Jetzt ist sie tot. Schicken sie bitte zwei Beamte zu ihrem Haus? Vielleicht findet sich dort ein Abschiedsbrief oder etwas derartiges. Könnten sie mir den detaillierten Bericht zukommen lassen?" "Klar, wird alles gemacht." Er lief wieder zu einem der anderen Beamten hin und trug ihm auf, zum Haus von Christine Grochowski zu fahren.
"Horst, komm wir fahren zurück. Hier können wir momentan nichts ausrichten. Meinst du, Gerd ist schon im Präsidium?"
Sie stiegen wieder zur Brücke hinauf. Hans kam ihnen entgegen, er trug einen schweren Koffer mit sich. "Na hallo, Sybille! Dich sehe ich auch nur umgeben von Toten. Übrigens der DNA-Test und die Schriftproben sind schon ausgewertet und liegen auf deinem Tisch. Habe sie dir gerade höchstpersönlich vorbeigebracht." "Danke Hans. Eine der DNA-Proben war von der Toten dort unten. Christine Grochowski. Nun, wir werden ins Präsidium gehen und deinen Bericht studieren. Warst ja richtig schnell! Danke übrigens..."
"Kein Problem, bis bald."
Kapitel 7
Gerd stand der Schock im Gesicht geschrieben. "Die DNA-Tests und die Schriftproben ergeben, dass Christine Grochowski die Täterin ist. Sie hatte als einzige kein Beruhigungsmittel verabreicht bekommen.
„Und sie hat sich heute morgen von der Brücke gestürzt. Hat sie einen Abschiedsbrief oder so hinterlassen?" "Das werden wir bald erfahren. Nun ja, damit ist der Fall eigentlich gelöst. Und falls Christine Grochowski sich wirklich selbst umgebracht hat, können wir uns in nächster Zeit wieder mit den Einbrüchen beschäftigen."
Sybille stand auf und verliess das Büro. Sie ging zu ihrem Chef und bat um einen freien Nachmittag. "Um zwei kannst du gehen. Bis dahin brauche ich dich vielleicht noch. Ob sich diese Frau wirklich selbst umgebracht hat, wissen wir ja noch nicht. Bis dahin könntest du ja den Bericht schreiben."
Sie kehrte wieder ins Büro zurück und schaltete den PC an. Momentan ging es ihr nicht sehr gut. Der Tod der Frau ging ihr sehr nahe. Sie hatte ihren zweiseitigen Bericht gerade fertig, als Horst hereinkam und ihr eine Mappe in die Hand drückte.
Es war der Bericht, um den sie den Beamten heute morgen gefragt hatte. Er enthielt zuvorderst einen von Hand geschriebenen Brief.
Sie klappte die Mappe zu und verliess das Büro. Sie schaute Gerd nicht an, und verabschiedete sich nicht von ihm. Die Türen hinter ihr fielen krachend ins Schloss. Die Mappe war fest unter ihren Arm geklemmt, ihr Blick geradeaus gerichtet und sie verzog keine Miene. Sie lief zur Strassenbahnhaltestelle um die Ecke. Alles, woran sie denken konnte, war, dass sie so schnell als möglich nach Hause wollte. Ihr war übel und alles drehte sich. Am liebsten hätte sie geweint.
Zu Hause angekommen, legte sie sich auf die Couch. Sie las den Brief immer wieder durch. Bis sie die Mappe nicht mehr sehen konnte und alles wegschmiss. Sie erinnerte sich an ihre Jugend, an ihre früheren Freundinnen und an den Mann den sie einmal heiraten wollte. Wieder kam ihr Christine Grochowski in den Sinn. Sie hatte Dieter damals zuerst kennen gelernt. Es war reiner Zufall, dass sie dann Irmgard über den Weg liefen und von diesem Moment an zählte für Dieter nur noch Irmgard. Christine fiel von der Uni und musste arbeiten um sich über Wasser zu halten. Dies war alles genau beschrieben in ihrem Brief. Die Geschichte, die Sybilles eigener Geschichte so ähnlich war. Auch sie hatte den Mann ihrer Träume an eine Freundin verloren. Nur war sie weggezogen und hatte die beiden nicht mehr gesehen. Christine lebte tagtäglich in der Gegenwart der beiden und sah wie glücklich Irmgard war. Der Brief, den Sybille immer wieder gelesen hatte, war ein Tagebuch wie ihr eigenes. Sie konnte so gut mitfühlen, wie Christine zumute gewesen sein musste.
Die Drohbriefe an Melanie Kleier, die Geliebte Hagens, hatte natürlich auch sie geschrieben. Sybille selbst konnte sich noch gut an die anonymen Briefe erinnern, die sie früher ihrer Freundin geschickt hatte.
Auch wenn sie nicht verstand, dass Christine Grochowski Hagen und nicht seine Frau umgebracht hatte, sowie sie den Mord eigentlich überhaupt nicht verstehen konnte, fühlte sie in sich, was Christine gefühlt haben musste. Sybille holte sich eine Schlaftablette, denn sie wollte schlafen, schlafen und vergessen, und schenkte sich Wasser in ein Glas. Sie ging in ihr Zimmer, zog sich um und schluckte die Tablette. Sofort fiel sie in einen tiefen Schlaf.
Kapitel 8
"...dann fragte ich ihn, ob er mich auch liebe. Doch er lachte nur und sagte, ich soll ihm das Essen und seine Vitamintabletten holen. Anstatt der Vitamintabletten gab ich ihm Schlaftabletten. Ich wusste, dass er den Unterschied nicht bemerken würde. Auch nahm er immer mindestens fünf Vitamintabletten. Er schluckte sie trocken hinunter. Nachdem er sich noch eine Zeitlang über mich lustig machte, wurde er langsam schläfrig. Ich ging auf die Toilette und zog die Spritze mit dem Arsen auf. Ich lief zu ihm hin und spritzte das Gift genau in die Blutbahn. Er war sofort tot. Ich verliess das Haus und fuhr nach Hause. Es ging mir die nächsten Tage aber immer noch nicht besser. Darum habe ich mich entschlossen, mein Leben zu beenden. Es hat keinen Sinn mehr. Grit, ich danke dir für deine Unterstützung. Du warst immer die einzige, die zu mir hielt. Tschüss...“
Gerd legte den Brief nieder und schaute bedrückt in die Gesichter von Michael und Nils. Sie hatten ebenfalls einen Bericht mit einer Kopie des Briefes bekommen und Gerd las ihn den anderen vor. „Mord aus Liebe. Hättet ihr gedacht, was alles im Kopf dieser Frau vorging?“ Gerd war fassungslos. „Nein, niemals. Ich dachte nicht, das jemanden diese paar Sachen derart kränken können. Nun ja, die Fälle sind abgeschlossen und es ist fünf. Gehen' wir besser nach Hause. Wo ist Sybille?“ „Keine Ahnung, hab' sie seit halb zwei nicht mehr gesehen. Tschüss ihr beiden.“
Gerd verliess das Büro kurze Zeit nach den anderen zwei. Er schloss die Bürotür ab und fuhr zu Sybilles Haus.
Lange Zeit wartete er vor ihrem Haus, bis er sich überwand, an der Tür zu klingeln. Sybille war aufgewacht und öffnete ihm.
„Hast du heute noch was vor?“
„Ich dachte eigentlich, ich würde den Nachmittag durchschlafen. Aber jetzt bin ich längst wach. Was möchtest du tun?“
Er nahm ihre Hand, zog sie aus dem Haus und sagte: „im Park spazieren gehen“.
Mit einem Lächeln liefen sie los.
Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Aline L.).
Der Beitrag wurde von Aline L. auf e-Stories.de eingesendet.
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 08.05.2003.
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