Marlene Remen

Sie hat gewartet ..........

Auch wenn das, was ich euch in dieser Geschichte erzählen möchte,
schon sehr lange zurück liegt, so ist es in mir immer noch so lebendig
wie an jenem Tag. Damals wohnten mein Mann, die beiden Kinder und
ich in einer kleinen Stadt circa 30 Kilometer von Köln entfernt.
Dieses Leben dort spielte sich für mich in unserer Etagenwohnung ab,
weil es mir nicht möglich war, wegen meiner Gehbehinderung mehr
als etwa einen halben Kilometer weit laufen zu können. Trotzdem habe
ich mich dort wohlgefühlt und auch nichts vermißt.

Doch etwas gab es schon, was mir fehlte und wenn dieses Gefühl in
mir mich immer trauriger machte, wußte mein Mann Bescheid.
"Ich glaube, es wird Zeit, du mußt mal wieder nach Hause fahren,
meinte er dann. Rufe an und frage, ob du am Wochenende kommen
kannst, ich besorge das Bahnticket." Ja, er fühlte es immer und ich
war ihm dankbar dafür. Ein kurzer Anruf bei meiner Mutter und
ich freute mich auf das Wochende, Freitagnachmittag kam mir gar
nicht schnell genug. Es war Anfang Herbst und in der Nacht vor
Freitag gab es einen starken Sturm, fast schon ein Orkan und auch
sehr viel Regen.

Mein Mann brachte mich zum Bahnhof und schon davor sah ich
eine Menge Leute stehen. Auf den Bahnsteigen war das Gedränge
groß. So viele Züge waren ausgefallen und die Anschlußzüge kamen
erst gar nicht an. Die Bahn setzte Busse ein, um die Menschen zu
befördern. Ich blieb auf dem Bahnsteig und habe dort fast eine und
eine halbe Stunde auf meinen Zug gewartet. Er kam dann auch und
ich war froh, daß es endlich losgehen konnte. Ja, das glaubte ich,
aber anders als gedacht. Normalerweise hätte die Fahrt nur eine halbe
Stunde gedauert, aber unterwegs mußte immer wieder angehalten
und die Gleise von dickeren Ästen und kleinen Bäumen freigeräumt
werden.

So dauerte diese Fahrt etwas über 2 Stunden , dann endlich lief der
Zug in den kleinen Bahnhof meines Heimatortes ein, inzwischen war
es fast 19.00 Uhr geworden. Durch das Fenster meines Abteils sah ich
diese kleine Gestalt stehen und traute meinen Augen nicht. Sie trug den
Mantel, den sie immer trug und ein warmes Tuch um ihren Kopf, denn
der Wind war immer noch sehr stark. Mit ausgestreckten Armen kam sie
auf mich zu und ich sah in ihre lächelnen Augen die Freude, mich zu
sehen.  "Hallo, Kaninchen, sagte sie, endlich bist du da, ich habe so
auf dich gewartet."  "Hast du etwa die ganze Zeit auf mich gewartet ?,
fragte ich völlig entgeistert.  "Ja, lachte sie, ich wollte dich doch
überraschen. Aber nun komm, du wirst Hunger haben, wir gehen nach
Haus." Nach Haus, ja, wir gingen nach Haus, zu ihr und zu den leckeren
Apfelpfannkuchen, die sie gemacht hatte.

An diesem Abend schliefen wir Hand in Hand ein und ich habe mich
wieder wie ein kleines Kind gefühlt. Bei Mama sein und mal wieder nur
ein Kind sein, was kann es Schöneres geben.


 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 10.05.2014. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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