Klaus-D. Heid

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Dass ‚der Teufel in der Not fliegen frisst’, ist mir kaum ein Trost, da ich mir kaum eine Notsituation vorstellen kann, in der ihm keine andere Wahl bleibt. Überdies glaube ich nicht an einen personifizierten Teufel, der auch Fliegen zurückgreifen muss, um nicht zu verhungern. Vielleicht glaube ich sogar an gar keinen Teufel, obwohl ich mir da nicht ganz sicher bin...

Ob’s ihn nun gibt – oder auch nicht... mich jedenfalls gibt es. Und mich gibt es auch personifiziert. Mich gibt’s auch in einer Notsituation, in der ich immer gieriger auf diese kleinen lästigen Tierchen starre, die zwar wenig Sättigung garantieren, aber besser als Nichts sind.

Ich weiß, dass Sie mich jetzt für völlig durchgeknallt halten. Jemand, der drauf und dran ist, seinen knurrenden Magen mit winzigen Fliegen zu füllen, muss schließlich meschugge sein, oder? In der heutigen Zeit muss niemand hungern. Letztendlich bleibt dem Hungernden noch immer der ganz zum Sozialamt, der zwar peinlich – aber lebensrettend sein kann. Niemand muss in einem Sozialstaat fürchten, von der großen Solidargemeinschaft der Gesellschaft im Stich gelassen zu werden. Bevor der Ärmste der Armen mit lauten Knall auf Beton aufschlägt, schützt ihn das reißfeste Netz des Sozialamtes.

Grob geschätzt, denke ich, dass mich mindestens tausend Fliegen umschwirren. Wenn ich davon ausgehe, dass jede Fliege etwa 0,5 Gramm Fleischanteil besitzt, könnte ich mir also mit einem halben Kilo Fliegenfleisch den Wanst füllen...

Herr Stockmann, der für mich zuständige Mann beim Sozialamt, hat vollstes Verständnis für meine Situation. Mit ihm zu reden, spendet mir wirklich Trost. Er hat diese sonore männliche Stimme, der man einfach vertrauen muss. Ich höre ihm immer wieder gerne zu, wenn er mich mit sanften verständigen Worten davon überzeugt, dass er ‚bedauerlicherweise nichts tun kann’, um mir zu helfen.

Ich glaube Herrn Stockmann. Männer wie Herr Stockmann lügen nicht. Sie wollen einem ‚Problemfall’, wie ich es bin, wirklich gerne helfen. Lediglich gewisse Verordnungen und Bestimmungen verbieten es ihm, tätig zu werden. Im Grunde seines überaus sozialen Herzens möchte er bestimmt alles tun, um mich nicht mit leeren Händen wegschicken zu müssen. Herr Stockmann ist einfach nicht der Typ, der mich lächelnd ins Elend schickt und keinen weiteren Gedanken an mich verschwendet.

Wie lange würde es wohl dauern, die Fliegen zu fangen? Die letzten Tage haben mich schon ein wenig geschwächt, so dass ich Mühe haben werde, diese flinken Tierchen zu erwischen. Noch vor einem Monat wäre es kein Problem gewesen, da ich mich noch gut daran erinnere, wie gut mir das Leberwurstbrot schmeckte, das ich damals fand.

Vor sieben Tagen hatte ich das Glück, in einer Ritze meine Couch ein wunderschön glänzendes 1-Mark-Stück zu finden. Euphorie machte sich breit und ein Silberstreif am Horizont zeigte sich, der meine schreckliche Laune für kurze Zeit mit dem Licht der Hoffnung erhellte. Erst, als ich vergeblich versucht hatte, die gute alte D-Mark in etwas Essbares oder zumindest in einen halben Euro zu verwandeln, verlosch das Licht wie ein in Wasser getauchte Kerze.

Die D-Mark habe ich noch immer. Sie ist ungenießbar. Leider. Ich habe an ihr geleckt, versucht, an ihr zu knabbern und habe sie wie eine Vitamintablette auf der Zunge behalten. Sie schmeckt nicht. Sie hat meinen Hunger kein bisschen stillen können.

Eine Fliege zu verspeisen, ist sicher auch nicht viel anders, als ein Hähnchen aufzuessen. Ich muss nur ganz fest daran glauben, dass Fliegen winzige kleine Hähnchen sind, die kross gegrillt, wunderbar zart schmecken werden. Aufs Grillen verzichte ich zwar – aber mit etwas Phantasie wird’s schon klappen.

Es ist nicht so, dass ich’s Herrn Stockmann übel nehme, wie er mich beim letzten Mal abserviert hat. Was hätte er auch tun sollen? Ihm sind die Hände gebunden, auch wenn er aus der Überzeugung heraus, anders handeln wollte. Er kann nichts machen, der arme Herr Stockmann. Vielleicht hätte er mich etwas weniger barsch aus seinem Zimmer werfen sollen. Ich fand es auch nicht okay, dass er mir Hausverbot erteilt hat. Aber muss nicht auch Herr Stockmann dafür sorgen, dass Menschen wie ich nicht als schlechtes Beispiel für andere Notleidende gelten?

Im Radio haben sie gesagt, dass spätestens in zwei Jahren eine deutliche Belebung der wirtschaftlichen Konjunktur einsetzen soll.

Aber...

Werden die Fliegen in meinem Zimmer so lange ausreichen? Zwei Jahre sind 730 Tage. 1000 Fliegen sind zirka 500 Gramm. 500 Gramm auf 730 Tage verteilt, bedeuteten, dass ich pro Tag mit 0,685 Gramm Fliegenfleisch auskommen muss.

Ich werde rationieren müssen, wenn ich durchhalten will. Die Leute im Radio haben ja schließlich gesagt, dass in zwei Jahren alles besser sein wird. Die werden schon wissen, was sie sagen, oder? Und dann, wenn alles wieder gut ist, werde ich Herrn Stockmann irgendetwas hübsches kaufen, damit er sich nicht mehr über mich ärgert.

So. Jetzt wird’s aber Zeit für meine heutige Tagesportion.



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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 09.05.2003. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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