Irene Beddies

Wendel: Gespensterglauben






Eines Tages fragte mich mein Freund Mortimer:
„Du glaubst nicht an Gespenster, Irene?“
„Ich doch nicht! Ich habe noch nie eines gesehen, obwohl ich oft nachts ausgegangen bin.
Ob bei Mondschein oder bei Regenwetter, ob in der Stadt oder im Wald – nirgendwo ist mir ein Gespenst begegnet. Dabei wollte ich so gern eines sehen!
Manchmal  habe ich mich erschreckt, wenn eine Maus über meinen Weg huschte oder eine Eule schauerlich schrie. Einmal wäre ich fast mit einem Wildschwein zusammengestoßen, das in die Stadt gekommen war und am Straßenrand die vom Baum gefallenen Äpfel fraß. Ein andermal sah ich etwas Weißes auf einem Dach sich bewegen – aber es war nur eine weiße Fahne, die im Wind flatterte. Nie war es ein Gespenst!“

Nun, mein Freund Mortimer glaubt an sie und erzählt ständig von ihnen.
Heute Nacht beschloss ich deshalb, auf den Friedhof zu gehen und dort zu suchen.
Ich knipste meine Taschenlampe an und kletterte über das Tor, das nachts geschlossen ist. Es rauschte sacht in den Bäumen und duftete nach Blumen. Im Mondlicht schimmerten die Grabsteine. An einem Grab stand ein weißer Engel aus Stein. Aber kein Gespenst weit und breit !
Und doch: irgendetwas war dort, etwas Geheimnisvolles, das fühlte ich.

Ich setzte mich auf eine Bank und lauschte. Ganz leise kicherte es im Baum über mir. War da ein Tier? Ich konnte nichts erkennen zwischen den Blättern. Jetzt kicherte es ganz dicht neben mir. Auch da war nichts zu sehen. Ich streckte die Hand aus, aber auch fühlen konnte ich nichts. Dann lachte etwas ganz dicht an meinem Ohr und plötzlich erklang ein fröhliches „Huhuuuuu“.
Sind Gespenster neuerdings unsichtbar?

Mir gehen Mortimers Geschichten nicht aus dem Kopf.

Als wir uns zufällig auf dem Wochenmarkt trafen, fragte mich mein Freund: „Was hast du in der letzten Zeit erlebt?“
„Ich war kurz verreist. Ich habe hart gearbeitet, du weißt ja, wie das ist in meinem Beruf. Ach ja, dann  war ich vorgestern Nacht noch auf dem Friedhof.“
„Du auf dem Friedhof in der Nacht? Was hat dich denn dahin getrieben? Bist du plötzlich romantisch geworden?“, lachte er.
„Nein“, gab ich kleinlaut zu: „deine Gespenstergeschichten haben mich nicht mehr losgelassen. Ich wollte unbedingt wissen, ob etwas daran ist.“
„Und da gehst du nachts ausgerechnet auf den Friedhof, wo nichts los ist für ein Gespenst?“
„Ja.  - Ich habe aber doch etwas erlebt. Ich saß auf einer Bank unter einem Baum und wartete…“, und ich erzählte mein Erlebnis. 
„Und weiter?“, fragte Mortimer mit einem neugierigen Grinsen.
„Nichts weiter. Alles war still hinterher. Kurze Zeit später schlug es einmal vom Turm. Da bin ich wieder gegangen.“
„Glaubst du mir nun, Irene?“, fragte mein Freund.
„Ich weiß nicht so recht.“

Ich weiß wirklich nicht, ob ich mir das alles nur eingebildet habe.
Aber das Kichern klang echt.
Kann man sich das einbilden?


© I. Beddies



 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 13.05.2014. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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