Bernhard Pappe

Wie den Weg gehen?

Ein guter Freund beschrieb mir am Jahresanfang einen Weg, den er mit seiner Frau an der Ostsee gewandelt war. Es war nicht nur ein Spaziergang, es war ein Erleben und Erfühlen. Als ich die Worte las und das Foto dazu betrachtete war mir klar, dass aus diesem Text mehr entstehen muss.



Der Graswarder in Heiligenhafen, Halbinsel an einer Halbinsel, Produkt der Erosion

Meteorologisch ist es ungewöhnlich schönes Wetter für den letzten Dezembertag mitten im Winter. Gefühlt war es wunderschön: Wir gingen nach dem Frühstück los und waren die einzigen Menschen auf dieser Halbinsel. Nicht einmal die Häuser sind bewohnt. Die Sonne wärmte, was der Wind zu kühlen versuchte, der Weg war schier endlos und auch Fehmarn erschien wie weit weit weg. An der Seeseite nagt die Ostsee, an den Salzwiesen entstehen neue Landzungen. Was hier weg gespült wird, landet dort wieder an. Ein Nehmen und Geben - Steine sammeln, Steine verstreuen. Zugleich war dieser Spaziergang von Erkenntnissen begleitet: Er ließ den Alltag vergessen und führte uns die Schönheiten vor Augen. Es gibt nur diesen einen Weg - man kann ihn nehmen und ist dann leichten Fußes unterwegs oder man geht durch den Sand und hat es schwerer, kommt auch ans Ziel und tut sich selbst sogar was Gutes damit. Man passiert dann mehrere Ferienvillen, die allesamt schön, aber alle auf dicken Betonfundamenten gebaut sind. Wir bauen Träume auf den Sand... Beide Wege führen ins Nichts - sie enden an einem Zaun und ab dort dürfen keine Menschen mehr auf das Gelände. Es ist Natur pur - ein Stück erhaltenes Paradies. Mit Führungsangeboten auf dem einzigen festen Weg zu bestimmten Zeiten im Jahr. Führungen durch das Paradies? Der Weg ist hier das Ziel - man geht ihn. Hin und auch wieder zurück. Wir gingen beschwerlich hin und leichten Fußes zurück. Irgendwie passt das zu unserem Lebensweg...

© MDoWriter


Es gibt viele Arten von Wegen, die hinter uns und noch vor uns liegen. Wege müssen wir nehmen. Im Leben gibt es keinen wirklichen Stillstand. Wir mögen für Augenblicke verharren, doch das Leben geht weiter, es gibt nur eine Richtung – vorwärts. Natürlich können wir Wege mehrfach gehen, dennoch sind wir nicht dazu fähig, das erste Wandeln auf ihnen rückgängig zu machen. Jedenfalls nicht nach den Gesetzen dieser Welt. Was gäbe es für Durcheinander, wäre uns diese Fähigkeit gegeben.
Es gibt tausende Möglichkeiten und Arten, Wege zu nehmen. Nicht immer ist ein Fußmarsch das Mittel der Wahl. Wege zu nehmen bedeutet eben auch, eine Entscheidung zu treffen. Das alles ist in der Literatur oft genug beschrieben worden. Es gibt ausreichend Worte darüber, ich muss sie hier nicht wiederholen.
Unser Lebensweg ist der Hauptweg, der uns durch diese Welt führt mit allen Verästelungen.
Wann beginnt eigentlich unser Lebensweg? Wenn wir mit einem Schrei in das Licht eben jener Welt blicken? Die Frau meines Freundes trug zu jener Zeit schon ein Kind unter ihrem Herzen. So besehen nahm auch das Ungeborene den Weg durch den Sand. Beginnt nicht der Lebensweg bereits mit der Zeugung des Menschen? Eine Art Urknall persönlichen Werdens. Ungeborenes wächst auf seinem Weg diesem ersten Schrei entgegen. Beginnt der Menschenweg nicht schon viel früher? Bedarf es nicht der Entscheidung, ein Kind zu zeugen? Spinnen wir diesen Gedankengang weiter, dann führt er uns über Generation zurück. Was sage ich, er führt uns Jahrhunderte und Jahrtausende zurück.
Die Worte meines Freundes führten mir wieder vor Augen, wie intim das Gehen eines Weges erlebt werden kann. Ist unser persönlicher Anbeginn nicht ebenso intim, die Entscheidung für ein Kind, seine Zeugung, seine Geburt? Wege vermögen eine Botschaft zu vermitteln, wenn wir hinhören. Jeder Weg sollte mit Achtsamkeit gegangen werden. Natürlich auch mit Aufmerksamkeit. Schließlich will niemand stürzen, im Autoverkehr einen Unfall haben oder sich im Gestrüpp verworrener Gedanken verfangen. Manchmal ist die Abwesenheit von Menschen wohltuend. Achtsamkeit ist aber nicht an die Stille eines Augenblicks gebunden. Ich kann die beschriebene Stimmung auf dem Weg durch den Sand gut nachvollziehen. Wohl auch, weil ich diese Art der Momente liebe, in denen man sich scheinbar selbst wiederfindet. Hatten wir uns vorher verloren oder kam nur ein gewisses Maß an Achtsamkeit abhanden?
Der Graswarder als Ergebnis der Erosion symbolisiert, die Welt ist fließend. Wir können nicht erwarten, dass die Wege des Morgens den Wegen des Heute oder gar denen des Gestern gleichen. Wir sollten alle Wege achtsam gehen, um ihre Veränderung zu erspüren. Ich mag es, immer wieder mal bekannte Wege zu beschreiten, um ihre Veränderungen zu erfahren, mögen jene manchmal auch nur klein ausfallen.
Dieser Weg endet hier. Eventuell stand so ein Schild am Zaum im Graswarder. Dahinter das Paradies?. Unser Weg wird einmal enden. Es wird kaum ein Schild an seinem Ende stehen. Das Ende des Weges werden wir erfühlen. Vielleicht ist auch das Paradies, eine zutiefst menschliche Vorstellung, dahinter, so ein Versprechen über Jahrtausende. Gibt es ein Dahinter, führt uns ein Weg dort weiter, dann wird es ein Gehen in voller Achtsamkeit sein.

© BPa / 05-2014

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 19.05.2014. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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