Tom Rathmanner

Geschichten aus der "Kinderonkologie"



Kapitel 4
Das balsamische Irrlicht
 
Zuvor lag ich noch am Bett, gewohnt in meiner leichtgeneigten, vornübergebeugten Haltung damit das MTX auch in den Kopf fließen kann. Irgendwo habe ich gelesen, wegen dem MTX sollen später dann womöglich auch die Lähmungserscheinungen auftreten, schädigt und zerstört es nach und nach das Nervensystem. Dies geht mir auch durch den Kopf, darüber grüble ich auch neben Unmengen an andren Sachen nach. So muß ich immer für ca. zwei Stunden, je nachdem, nach einer „Lumbalpunktion“ ausharren, ob ich mich je daran gewöhnen werde? Bei der routinemäßigen Voruntersuchung, bei der Überprüfung der Blutgerinnung und Blutplättchenanzahl, bin ich auch darauf hingewiesen worden, als der Arzt meinen Augenhintergrund unter die Lupe nahm, ihm falle kein erhöhter Gehirndruck auf. Diesmal habe ich die im Lendenbereich, in den Rückenmarkkanal, eingeführte lange Hohlnadel fast gar nicht gespürt, wobei mir der Arzt sozusagen das Nervenwasser – für die Untersuchung des Hirnwassers, ob sich darin Leukos befinden – angezapft hat. Noch habe ich einen Teilgeruch vom Desinfektionsmittel, bin ich großflächig und gründlich vorher desinfiziert worden, in der Nase, sehe den Arzt mir das sterile Abdecktuch über mich legen, sowie ihm die sterilen Handschuhe samt Mundschutz tragen und in der gewohnt bekannten gekrümmten Haltung, dem sogenannten Katzenbuckel, sitze ich noch auf der Liege im häßlichen Krankenhaushemd. Natürlich habe ich um eine örtliche Betäubungsspritze gebeten, ich bin feige. Nachdem er die acht bis zehn Zentimeter lange Nadel zwischen meinen Wirbeln herausgezogen hatte fing er ein paar Milliliter der Flüßigkeit dann in einem Röhrchen bzw. Katheter auf und nach ca. fünfzehn Minuten war alles vorbei. Danach erfolgt die Analyse der mir entnommenen Flüßigkeit, also des Liquors, im Labor. Diesmal, was die Untersuchungsergebnisse anbelangt, bin ich leider nicht mit dem Schrecken davongekommen. Die Angst ist mein ständiger Begleiter und da alle Werte entgegen jeder Entwarnung ausgefallen sind, muß ich bis auf weitres hier stationär behandelt werden.
Kopfweh war die Folge, mir war als sei ich aus mir getreten, schwerelos und schwebend über mir, war ich kraftlos und schwankend hin zum Fenster gewatschelt, betrachtete die laternenüberstrahlte, verkehrsrare städtische Nacht in der Ferne und unter mir, wie entlegene punktierte Lichter, fuhren einige Autos wie schwarzmetallische Käfer mit leuchtenden Augen in die weitgespannte tiefe Dunkelheit hinein. Seltsam war mir zumute, übel und schwindlig zugleich und lehnte ich an der Scheibe wollte ich schlafen, doch wachte ich, war vollends bei mir während vor mir ein undurchdringliches irdisches All lag – eine mir verschlossene Welt -, da ich noch immer hier in diesem Krankenhauszimmer gewissermaßen eingesperrt bin. Selina hat mir eine Mütze geschenkt, eine niedliche Wollmütze mit aufgenähten Katzenohren damit mein neuerdings haarloser Kopf nicht unsäglich frieren muß. Der jüngst im Spiegel beäugte Junge hat weniger mit mir gemein als noch zuletzt, allerdings, will ich ihn anlächeln, bleibt er ein verbundener Teil von mir. Noch bin ich es, Tom, mag ich auch vom Aussehen anders sein und will auch die Hülle fortan fremdartig verändert jedem auffallen, tief im Inneren weis ich darum, wessen Herz hinter dieser Brust schlägt und noch immer fühlen darf.
Schließlich war es mir nicht entgangen wie ein glimmendes Flüstern in der gefallenen april’schen Finsternis, ein kleines heimliches Funkeln ganz weit unten welches genausogut ein verstohlenes, geheimnisumwobenes Blinzeln sein konnte, welches meine mattgeschlagene Anwesenheit just bemerkte. Es beschrieb einen ruckartigen Zickzacklauf, was mochte es sein, fand ich dafür keinen Namen noch eine nahegelegene Erklärung? Ein wandelnder, flinker, schier lebhafter Punkt wie ein rasendes Gefühl hinter der Brust, welches langsam aufstieg, höher und höher. Aus dem zuvor matten Glimmen war ein angeschwollenes Leuchten geworden, je weiter es emporstieg, es aufragte, es in meiner erschöpften Haltung im Krankenzimmer meinen flachen Atem suchte jener das Glas beschlug. Meine Hand legte ich auf die kühle Fläche, ein stoßartiges Klopfen fand zwischen den Schläfen statt, ließ mich wanken, beinah jede Kraft einbüßen und der Kreislauf, vorher schon mächtig angegriffen, verfolgte weiters stark konzentriert dieses hurtige bewegliche Ding außerhalb jenes ebensogut Buchstaben in Leuchtschrift in den Nachthimmel zu schreiben imstande war, doch nicht diesmal, nicht jetzt, sondern es navigierte sich weiter höher bis es direkt vor der Fensterscheibe zum Stillstand kam.
Es faszinierte gar und beruhigte auch meinen sonst rasend gewordenen Herzschlag, dieses durchdringende Pochen als ob eine zorngenährte Bestie hinter der Brust nach mir griff, dahinter durchbrechen wollte, während ich nun auch die Wange zwischen mir und dem nähergekommenen Licht legte. Weswegen war es gekommen, warum besuchte mich diese unheimlich spukhafte Erscheinung, die mir eine späte Botschaft brachte? Hinter der Stirn trampelte es weiter, wild und entschlossen, immer wieder und wieder in einem unkontrollierbaren Rhythmus und auch, aus der Kehle kommend, spürte ich einen komischen Würgereiz mich befallen. Mein Magen schlug umher als stand ich auf der Reling eines Schiffes bei starkem brausenden Seegang und Wellen tosten heran, Wogen schlugen gegen den Bug mitsamt einem sturmstählernen natürlichen Wutanfall.
Dann geschah es, zwischen mir und dem seltsam verirrten Leuchten lag nur noch die Scheibe des Krankenzimmers und sein Scheinen, sein spätnächtliches Auftreten, kam mir willkommen und sehr freundlich vor. Die Wange hatte ich noch angelehnt, atmete stockend da ich es sonst nicht vermochte obwohl ich ein Gleichmaß suchte, aber es mißlang -, es arbeitete zuviel an Ungemach in mir gegen mich -, doch die Hand daneben gelegt, im frommen Bittgesuch das sicher warme Licht zu berühren, wollte ich es auch darum ersuchen. Und je näher es kam, es mich anstrahlte, sah ich in der verräterischen Reflexion des Fensters wie ungewöhnlich blaß meine Haut geworden war, wie kalkig weiß und fast unnatürlich, aber das machte mir wenig aus, auch der langsam ausgepustete Funke meiner smaragdgrünen Augen welche ich auf der Oberfläche erkannte. Das hierhergeirrte Licht, dieses mir vertraute, doch unbekannte Leuchtwesen besaß kein Gesicht, keinen Namen, allein seine dahinter befindliche Nähe mochte ruhevoll sein, eine unbegreifliche Friedsamkeit bewirken jene sogar meinen Herzschlag zartbehaucht sachte umwarb.
Und war ich zuvor schmerzbegleitet, unwohlbehaftet, übelbeschwert und krampfhaft um Atem bemüht genügte seine bloße selige Präsenz um in mir ein standhaftes, geruhsames Gefühl – voller Harmonie und Seelenfrieden – auszulösen, welches mich allumfassend körperlich ausfüllte, als hätte es mich in der dahinter liegenden tiefen und gramerfüllten Schwärze eigens erwählt. Jetzt, da wir diesen Augenblick zusammen teilten, wir uns Licht und Wärme, Trost und Vertrautheit schenkten, sah ich in dem hergewanderten stillen Lichtgeschöpf mehr an Dankbarkeit, linderte es zunehmend meine innere und äußere Verletzlichkeit mit jeder weitren verstrichenen Sekunde. Es verlangsamte den Pulsschlag, wirkte sanftmütig und Milde wie Frühlingsbrisen jede Schmerzlichkeit vertrieben und es mochte einem ansehnlichen Segenslicht gleichkommen, spürte ich die Schwere in mir nun merkbar erleichtert, das eisige Zittern in den Fingern gemildert. Und woher es kam, wie es zu mir fand, blieb mir ebenso ein Rätsel, ungelüftet und mit der sternlosen Nacht verschmolzen, aber insgeheim, dies noch mehr als sonst, richtete ich voller Sehnsucht den groß in mir beschworenen Wunsch an das sicher himmlische Geschenk: es möge auch alle andren krebskranken Kinder hier auf der Station besuchen!

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 20.05.2014. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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