Ernst Dr. Woll

So sahen meine Ahnen und ich die Eisenbahn und den Alltag II

<p style="&quot;text-align:" justify;"="">Im Teil I zu den Erinnerungen  „So sahen meine Ahnen und ich die Eisenbahn und den Alltag“ habe ich insbesondere angenehme „Eisenbahnerlebnisse“ dargestellt. Bereits in einer Veröffentlichung „Kindheitserlebnisse in den Jahren 1937 – 1945“ (Eigenverlag) habe ich auch über weitere weniger schöne Episoden mit der Eisenbahn während des Krieges berichtet.
Die Losung: „Räder müssen rollen für den Sieg“ war während des Krieges auf großen Transparenten in Bahnhöfen und an Zügen zu lesen, nur ob der außergewöhnliche Transport, den ich in der Vorweihnacht 1943 erlebte, dieser Parole entsprach, bleibt zweifelhaft. Die Hitlerjugendbannleitung unseres Kreises Greiz erteilte  unserem Jungvolk - Fähnlein 96 - den Befehl, dass sich an einem bestimmten Tag zu festgelegter Uhrzeit alle Pimpfe in der Nähe unserer Kleinstadt am Bahndamm der Strecke Weida - Mehltheuer aufzustellen haben. Zu diesem Termin fuhr der Sonderzug, der den Weihnachtsbaum für den Führer transportierte, vorbei. Pflichtgemäß standen wir, ca.70 zehn- bis vierzehnjährige Jungen, parat und grüßten mit erhobenem rechtem Arm die vorüber fahrende große Tanne, für die sogar zwei Güterloren benötigt wurden. Die Lächerlichkeit dieser Zeremonie begriffen wir damals nicht, weil wahrscheinlich die Mehrzahl der Jugendlichen noch immer an den deutschen Sieg glaubte und Hitler bedingungslos  verehrte. Die wenigen, die daran vielleicht zweifelten, trauten sich nicht, auszuscheren und standen im Übrigen vermutlich unter einer gewissen Massenpsychose.
Die genannte Bahnstrecke wurde im Krieg umfangreich für Militärtransporte genutzt. Wir Kinder bestaunten die Geschütze, Panzer und Armeefahrzeuge, die auf den Güterwagen verladen an die Front rollten. Den Soldaten, die in den offenen Türen der Waggons saßen, winkten wir zu und beneideten sie, weil sie so weit  reisen konnten. Über den gefährlichen Zweck dieser  Fahrten haben wir damals nicht nachgedacht.
Im Zusammenhang mit Eisenbahntransporten während des Krieges erinnere ich mich an ein Erlebnis Ende 1944 auf dem Bahnhof in Weimar. Ich fuhr als Schüler per Bahn nach Weimar zu einer Zusammenkunft. Wegen Fliegeralarm durfte unser Zug nicht in den  Bahnhof einfahren und rollte auf ein Abstellgleis.  In der Nähe standen Viehwaggons aus deren Luken ausgemergelte und verzerrte menschliche Gesichter schauten. Ich sah, wie SS – Soldaten am Zug entlang liefen, die mit Stöcken gegen diese Köpfe schlugen und die Öffnungen schlossen.  Wahrscheinlich sollten die Reisenden diese Menschen in den Waggons nicht sehen.
Das waren für mich grausige Bilder, die ich bis heute nicht vergessen kann. Mich empörte der Umgang mit diesen Menschen, denn in meinem Elternhaus gab es keine Prügelstrafe. Auch dieses Problem brachte mich als Kind immer wieder in Widersprüche, weil in der Schule die Lehrer bei der Benutzung des Rohrstockes nicht zimperlich waren. Ich fragte meinen Lehrer, was mit diesen Menschen, die man sogar mit Stöcken schlug, geschieht. Er sagte: „Das sind Gefangene, arbeitsscheues Gesindel, die in Lager zur Umerziehung gebracht werden.“ Von meinen Eltern erhielt ich auch nur ausweichende Antworten mit dem Hinweis, über die mich sehr bewegenden Erlebnisse mit niemanden in der Öffentlichkeit zu reden.
Ein weiteres Vorkommnis blieb mir im Gedächtnis. Im Herbst1943  wartete ich gegen Abend gemeinsam mit meiner Mutter auf dem Bahnhof Weida - Altstadt auf unseren Zug zur Heimfahrt. Er hatte Verspätung, weil erst noch ein langer Militärtransport langsam durch die Bahnstation fuhr. Plötzlich hörten wir einen entsetzlichen Krach und sahen, wie mehrere Güterwaggons umstürzten. Wir waren hierüber besonders beunruhigt, denn wir wussten, dass mein Onkel dort an den Gleisen als Rottenführer Baumaßnahmen leitete. Es stellte sich heraus, dass beim Gleisbau eingesetzte Kriegsgefangene vor der Zugdurchfahrt Schrauben an den Schienen gelöst hatten, das führte zum Entgleisen mehrerer Wagen. Eine direkte Schuld an dem  Unglück war dem Bruder meiner Mutter nicht nachzuweisen, trotzdem wurde er wegen Beihilfe zur Sabotage an die Ostfront in eine Strafkompanie versetzt. Wir vernahmen außerdem, dass beteiligte Gefangene sogar hingerichtet worden sein sollen.
I

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