Elke Müller

Liebe, Kampf, SEHNSUCHT

Kapitel 23

Eines Tages entdeckte Irina auf den Heimweg eine mysteriöse Gestalt. Erschrocken blickte sie auf. Am Straßenrand stand ein fremder Junge. Er war von mittlerer Größe, mager, fast sehnig, mit zerfranster Jeans und Baumwollhemd bekleidet. Seine Füße steckten in schmutzigen, abgetragenen Turnschuhen. Um den Kopf gewickelt, trug er einen Verband, so standen seine Haare in allen Richtungen ab und schrien geradezu nach einem Friseur. Er schaute sie direkt an. Dann blickte er auf einen Zettel in seiner Hand. Ja, die Anschrift war richtig, genau wonach er gesucht hatte. „ Woher war er so plötzlich gekommen? Solche Idioten findet man auf der Straße, sowie vor jedem Kino herum lungern, nur keine Angst,“ dachte Irina. Er ging zielbewusst auf sie zu. „ Hallo! Kennst du dich hier aus? Ich suche jemanden,“ fragte er freundlich. „ Etwas schon, zu wenn willst du?“ fragte Irina, welche auf einer Bank saß. Er reichte ihr seine Hände. Half ihr auf die Beine, doch vor Schmerzen schrie Irina auf. „ Was hast du?“ „ Hab nicht daran gedacht. Mein Knöchel ist verletzt. Bin vor einiger Zeit gestürzt. Es tut mehr weh, als ich je gekannt hatte. Immer Schmerzen, sobald ich irgend etwas mache, sogar im Schlaf. Wie Feuer brennt es beim gehen.“ „ Einem so vollendeten Körper sollte kein Schaden zugefügt werden. Komm, stütz dich auf mich. Los, steh auf. Halte dich an mir fest.“ „ Wer bist du?“ „ Ich heiße Mako“, erklärte der Junge. „ Und du bist?“ „ Oh, ich bin Irina.“ „ Ein Freund von mir....“ Er betrachtete sie mit einem Lächeln. „ Ich soll mich an eine schöne junge Frau wenden, welche den Namen... glaube aber nicht mehr, sie suchen zu müssen. Weil ich sie schon gefunden habe.“ Irina warf dem jungen Mann an ihrer Seite einen forschenden Blick zu. Sein Gesicht verriet nichts von seinen Gedanken. „ Wieso?“ Mako verzog spöttisch die Lippen. „ Ryan Redley, zeigte mir einmal ein Bild, wo ein...“ Weiter kam er nicht. Irina schnitt ihm förmlich das Wort ab. „ Ryan? Du kennst Ryan? Wo ist er? Geht es ihm gut? Du bist doch ...ein Freund von ihm... oder?“ Mako nickte. Eine Weile setzten sie ihren Weg schweigend fort. Alle die Irina kannten, sahen in ihr eine selbstbewusste, ausgeglichene und erfolgreiche Karrierefrau, die sich durch nichts erschüttern ließ, aber das war nur eine Maske, die sie zum Selbstschutz aufgesetzt hatte. Ihr wahres Ich sah anders aus. Trauriger. Etwas in ihrem Inneren war zerbrochen, ausgelöscht. Niemand ahnte etwas davon. Und wer weiß, was dieser Mako, wenn er überhaupt so hieß, alles so vorhatte. Irina wollte auf jeden Fall wachsam bleiben. Viele schlechte Erfahrungen musste sie in letzter Zeit hinnehmen, aber sie hatte dadurch auch dazu gelernt. Tief in Gedanken versunken, achtete sie nicht auf den Weg, stolperte und verspürte wieder einen grellen Schmerz. Unwillkürlich stöhnte sie auf und umklammerte den Arm von Mako fester, welcher hilfreich sie stützte. „ Du machst dir Gedanken über mich, stimmst?“ Irina fühlte sich etwas unbehaglich, wer war der Fremde? „Wer bist du? Ist dein Name wirklich Mako?“ „ Ich bin ich. Was bedeutet schon ein Name. In Wirklichkeit zählt doch nur die Person... Sei aber beruhigt, ich kenne Ryan als guten Kumpel und Freund. Haben zusammen so einiges erlebt. Er hat mir viel geholfen. Er hat mir ein neues Leben ermöglicht. Dafür werde ich ihm mein ganzes Leben dankbar sein... Und über dich,... weiß ich eine Menge. Ryan hat oft in den höchsten Tönen von dir gesprochen. Da könnte ich dir etliche Anekdoten erzählen.“ Irina atmete erleichtert auf. „ Verzeih. Ich... ich wollte dich nicht kränken. Weißt du, ich muss ständig auf der Hut sein,“ gestand Irina widerstrebend ein. „ Nein, so etwas kränkt mich nicht. Wichtig ist, dass ich hier bin... Im übrigen,“ erwiderte er mit einem verschmitzen blinzeln, „ bist du mir überhaupt nichts schuldig. Was ich tue, ist freiwillig. Ich will keinen Lohn... Soll ich dir mal was zeigen? Ich kenne eine gute Stelle mit einer tollen Übersicht über dieses Tal. Habe es ganz zufällig entdeckt. Komm.“ Er nahm sie an die Hand und führte sie über die Straße. Hinter dichtem Dickicht von Wildrosen, Holunder, Ginster und Brombeerranken bewachsen, schlängelte sich ein Weg verdeckt bergauf durch Felsen hindurch. Niemand hätte sie je dort sehen können. Mako ging voran und zog Irina an der Hand einfach hinter sich her. Die Gefahr eines tödlichen Absturzes war groß. Er bewegt sich sehr behände, dachte Irina, wie jemand der schnell und leicht auf den Füßen sein muss. Ihr gruselte es, wenn sie einen Blick heimlich nach unten warf, es ging steil hinab. Ihr kamen wieder die Warnungen von Bewohnern in den Sinn, weil schon einige tödliche Unfälle passiert waren. Aber Mako scherzte herum als ob nichts wäre und bemerkte nicht, wie er zu dicht an den Rand des Abhanges geriet. Als es ihm bewusst wurde, war es zu spät. Sein Fuß rutschte ab und er stürzte hinterrücks mit einem lauten Schrei in die Tiefe. Konnte aber im Fall, mit den Händen, einen abgestorbenen Ast von einem Baum ergreifen. Dieser knickte nach unten ab und drohte an einer anderen Stelle gänzlich zu zerbrechen. Lange konnte er sich nicht in der Luft hängend halten, darüber war er sich im klaren. Doch sobald er versuchte sich aus eigener Kraft hinaufzuziehen, knackte und knirschte es warnend. Er krallte seine Finger fester ins Holz, ungeachtet der Splitter, die schmerzhaft in seine Haut drangen. „ Ich gebe mich erst dann auf, wenn ich mit gebrochenen Genick unten im Tal liege,“ sprach er trotzig zu sich selbst. Er schrie etwas nach oben. Voller Entsetzen blickte Irina vorsichtig nach unten. „ Kannst du mir helfen? Beeil dich, meine Hände sind schon ganz taub. Ich kann jede Sekunde abstürzen!“ Irina kam auf eine rettende Idee. Sie streifte ihre Bluse ab, verdrehte sie mehrmals und hatte somit einen Strick daraus geschaffen. Ein Ende davon, um ihre Hand gewunden, beugte sie sich mit ausgestrecktem Arm hinunter. Mit der anderen Hand hielt sie sich an einem knorrigen, festen Busch fest. Mako umklammerte den rettenden Stoff mit beiden Händen. Ein Ruck spürte Irina im Arm. Ihre ganze Energie musste sie aufbringen, um sich festzuhalten. Mako gelang es, nach oben und über den Rand zu klettern. Beide waren von der Anstrengung fix und fertig. Mit einem Lächeln schaute er dann Irina an. Ihr wurde auf einmal bewusst, das sie nur mit einem BH bekleidet war. Voller Scham hielt sie die Arme davor. „ Dreh dich gefälligst um, damit ich mich anziehen kann!“ schimpfte sie und angelte nach ihrer Bluse. Er tat jedoch nichts der gleichen. Rutschte zu Irina heran und gab ihr einen Kuss. Im nächsten Moment hielt er sich keuchend die Magengegend, in die sie ihren Ellenbogen gerammt hatte. Während er noch nach Luft rang, schrie sie etwas, das er nicht gleich verstand. „ Bist du verrückt?“ keuchte er. „ Was fällt dir ein! Einfach so...,“ entrüstete sie sich, mit knallrotem Kopf. „ Bitte, verzeih meine Zudringlichkeit. Es tut mir leid, wenn ich dich erschreckt habe. Das wollte ich nicht. Aber es tut gut nicht allein zu sein.“ Erneut musterte er sie. Irina seufzte. Wo soll das nur hinführen, dachte sie bei sich im stillen. Da sind zwei Männer die dich beide mögen. Der eine aus Dankbarkeit, der andere, weil er nicht allein schlafen gehen möchte. Es ist doch klar, wie es ausgeht. Am Schluss gehen doch beide ihren Weg und ich bin wieder allein! „ Hast du eigentlich schon eine Unterkunft?“ „ Darüber habe ich mir noch gar keine Gedanken gemacht.“ „ Und, ... wo hast du dich dann aufgehalten und geschlafen?“ „ Mal hier, mal dort. Hab mich mit einigen Gelegenheitsjobs über Wasser gehalten.“ „ Also nichts richtiges. Nun, wenn du willst,... komm mit... zu mir nach Hause. Mein lieber Schwiegervater empfängt öfter Gäste und wir sind daher gut gerüstet für manchen Notfall.“ „ Du hast eine sturmfreie Bude?... Aber ich will niemandem zur Last fallen.“ „ Du bist keine Last für mich, auch habe ich mal jemanden mit dem ich mich unterhalten kann.“ „ Na gut, abgemacht.“ Irina richtete sich auf. „ Oh, welch schöner Ausblick. So habe ich die Gegend noch nie betrachten können.“ Die Sonne versank als glühender Ball im Meer. „ Ich wusste es, es gefällt dir.“ Mako grinste breit.

 

 

 

 

 

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 30.05.2014. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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