Elke Lüder

Auszug aus "Befreiungs-Schläge"

2012

 

 

Ein Tag im Frühling, mit typischem Aprilwetter, obwohl der März noch eine Weile sein Zepter in der Hand haben würde.

Doch das Wetter passte zu meinen Gefühlen die sich an diesem Tag so richtig breit machten. Sonnig, heiter, wolkig, stürmisch und verregnet.

 

Ein besonderer Tag. Der vieles verändern würde für mich. Für mich noch nicht absehbar, aber der Tag war einer, an dem Weichen gestellt wurden.

Noch einmal sollte ich dem Gutachter von vor zwei Jahren begegnen und alle Erinnerungen an diesen Tag kamen wieder nach oben. Zumal der Gutachter damals sagte, „wir sehen uns jedenfalls nicht mehr wieder.“

Ahnen konnten weder er, noch ich, dass es doch noch einmal geschehen würde.

 

HEUTE, werde ich nicht allein sein. Bei mir meine Frau S. Seit vier Monaten meine Betreuerin, Therapeutin, Zuhörerin, Gesprächspartnerin …. Anker, Fallnetz und so viel mehr.

Zugegeben, die ersten Gespräche mit ihr waren wie ein „acht-Stunden“ Arbeitstag. Doch so langsam lösten sich Blockaden, Mauern bröckelten und meine Herzkammern wurden durch pustet.

UND nicht nur die.

 

Nach jedem Gespräch lösten sich in den Gehirnwindungen, die von mir aus Schutz gemachten Knoten auf. Ich begann mich wieder zu erinnern. Ich merkte das ich lernte wieder mit Zahlen umgehen zu können und mir Daten aus meiner Vergangenheit so langsam wieder einfielen.

Einfielen? Nein, weg waren sie nie, ich hatte sie nur ausgeblendet. Verdrängt. Sie waren gespeichert, manche mit einem Fallbeil versehen, andere mit einem Strick. Dem nächsten hingen viele andere hinten dran. Ich WOLLTE sie einfach nicht wissen, nicht fühlen, nicht noch einmal erleben.

Achtsam war SIE , achtsam bei allen unseren Begegnungen.

 

Gedanken-Rückblende, während ich mich für den Termin fertig mache.

Wenig und doch so viel war passiert in den vergangenen Jahren.

 

Das ich Hilfe brauchte, wusste ich. Es gibt aufmerksame Menschen. Auch in der Job-Center-Welt. Ich bin auch unendlich dankbar was diese Bearbeiterin schon damals für mich getan hatte. Etwas später gab es nochmal eine dieser Aufmerksamen, die nicht nach nur eine Nummer sahen, sondern den Menschen, der diese Nummer in seiner zittrigen Hand hielt.

Doch ICH war zu diesem Zeitpunkt zu keinen Handlungen die NUR MICH betrafen fähig. Und so kam ihr Satz, „sie brauchen eine psychologische Betreuung nach dem Erlebten“ bei mir befremdlich an und ich gebe zu, ich hatte keine Kraft und war auch noch nicht bereit Hilfe von außen anzunehmen.

DAS hatte ich doch erst. UND? Was hatte es mir nach dem Missbrauch meines Sohnes durch meinen Cousin gebracht?!

NICHTS! Die Psychologin übte Druck auf mich aus, legte mich lahmer, als ich es ohne ihre Hilfe gewesen wäre und so zogen die Jahre ins Land und noch einiges mehr brach über mich herein, bis ich dann 2006 mit brachialer Gewalt die Trennung von meinem Mann und anderen Lebensbegleitern hinter mich brachte. So zogen also noch einige Jahre des „Mauerns“ an mir vorbei, bis ich völlig abgeschottet immer mehr Paniken erlebte und kaum noch das Haus verließ. Angst vor Begegnungen lähmten mich.

 

Jeder in meiner Familie erwartete Standhaftigkeit, Stärke, Kraft und eine immer einsatzbereite Ella.

Von klein auf erzogen, das ich nicht „schwach“ sein durfte, lebte ich am Limit meiner Kräfte.

 

Immer schön den Schein wahren. Nur nicht nach außen zeigen was in einem vor sich geht.

Meinen ersten „Ausbruch“ aus dieser Scheinwelt habe ich wohl gemacht, als ich meinen Cousin angezeigt habe und auch dabei geblieben bin.

Doch über alles wurde der Mantel des Schweigens gelegt und so blieb ich ALLEIN, allein mit allem was der Anzeige folgen sollte.

 

Ich frage mich gerade ob ich Jahre verschenkt habe?

Klares NEIN, sie waren nötig! Zum reifen, ankommen und entstauben.

Und wenn mich jemanden fragen würde ob ich etwas bereue würde ich mit einem eben solchen nein antworten.

Keine meiner Begegnungen, keine meiner Entscheidungen die ich getroffen habe, bereue ich. Sie waren für mich RICHTIG und GUT, auch wenn sie so manchem aus meinem Umfeld nicht gepasst haben und ich sie erst jetzt so richtig ermessen kann, wie wertvoll und wichtig all das war.

UND doch, ich widerspreche mir selbst. Da gibt es einen Tag in meinem Leben, dem würde ich gerne eine andere Wendung geben wollen.

Dem Tag, als ich meiner Tante meine Vermutungen mitteilte und ich mich von ihr einlullen lies.

Wie viel Leid hätte ich bei mehr Durchsetzungsvermögen meinem Sohn ersparen können?!

 

Es klingelt.

Mein „Anker“ steht vor der Tür und holt mich ab.

 

Die Sonne begrüßt mich, als ich in ihr Auto steige. Und ihr kleiner weißer „Parkplatzengel“ den sie auf die Konsole geklebt hat. Dann begrüßen wir uns und ihr aufmunterndes Lächeln strahlt mir entgegen. Macht mir Mut.

 

Schon setzt sich das kleine Auto in Bewegung, fährt der Stadt entgegen und meinem Termin. Es beginnt zu regnen. Gefühlswelten treffen aufeinander.

Einmal abbiegen und wir fahren auf die Lichtenberger Brücke. Die Straße führt Stadteinwärts und genau vor uns in der Ferne, der Fernsehturm.

Mein“ Turm. Mutmacher in all den vergangenen Jahren. Die Wolkendecke reißt auf, die Sonne scheint und zum ersten Mal zeigt sich mir auf der silbernen Kugel das Kreuz.

Ein unbeschreiblicher Augenblick, der sich durch gefühlte Wärme und einer tief in mir aufsteigenden Sicherheit breit macht.

 

Dieses Gefühl legt sich wie ein schützender Mantel um mich und begleitet mich seit diesem Tag immer wieder.

Und manchmal, wenn sich Traurigkeit breit macht, Zweifel nach Beachtung suchen, dann erinnere ich mich an diesen Moment.

. alles braucht und hat seine Zeit. 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 15.06.2014. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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