Sabrina Abels

Schuldgefüle

Lucas stand vor der Haustür.Er wusste nicht, ob er klingeln sollte.Was war, wenn sie nun alles wusste.Alt genug war sie mittlerweile um alles zu verstehen.Langsam hob er seine Hand, drückte auf den Knopf.Ein heller Gong erklang, und schon wenige Sekunden danach wurde ihm die Tür geöffnet.
“Herr Mender, kommen sie bitte.Sie werden erwartet!“
Lucas sah sich im Haus um.Er war schon seit Jahren nicht mehr hiergewesen.Sie hatten es immer zu verhindern gewusst.Und ihm war es immer Recht gewesen.Sie gingen durch den langen Flur, Lucas wusste noch immer genau, wohin er führte.Sie kamen an eine große, weiß gestrichene Tür.
“Warten sie bitte, ich werde sie anmelden.“
Das Dienstmädchen verschwad im Zimmer.Wenige Augenblicke danach wurde die Tür geöffnet und Lucas konnte hineinsehen.Da saß sie, auf der weißen Ledercoach, neben ihr Frau von Wartgrund, der Herr des Hauses kam gerade auf ihn zu.Lucas fühlte sich unbehaglich.Schon nach dem ersten Blick in ihr Gesicht, wusste er, dass sie die Wahrheit kannte.Ihm schossen Bilder durch den Kopf, von ihrer Mutter.Er hatte so viel falsch gemacht.Lucas wollte zu ihr gehen, sie umarmen aber Herr von Wartgrund hielt ihn zurück.
“Oh nein, nicht so schnell mein Junge!“
“Warum haben sie das getan?Warum haben sie es ihr erzählt?Sie hatten kein recht dazu!“
Lucas Blick wanderte zurück zu Maja, seiner Tochter.Sie saß einfach da, sah ihn nicht an, wollte ihn nicht ansehen.
“Lass ihn sich setzten, Thomas.Maja hat sicher eine Menge Fragen und wir wollen doch, dass sie erkennt wer ihr Vater wirklich ist!“
Lucas zuckte bei diesen Worten zusammen.Wie oft hatte er sich diesen Augenblick vorgestellt.Wie sehr hatte er sich davor gefürchtet.Thomas von Wartgrund ließ ihn an sich vorbeigehen, deutete auf einen der Sessel.Von sich aus, hätte er ihm nie einen Platz angeboten.Aber seine Frau hatte Recht, Maja hatte eine Menge Fragen.
Lucas setzte sich, er sah seine Tochter an.Vielleicht hätte er es nicht tun sollen, denn sie erwiederte den Blick.In ihm lag Trauer und eine Menge Hass.Er hätte nie erwartet, dass seine kleine Tochter ihn einmal so ansehen würde.Sechzehn Jahre hatte er sie aufgezogen, sich um sie gekümmert.
“Ist es wahr?“
Ihre Worte waren leise, doch Lucas hörte sie so deutlich, als hätte sie geschrien.
Er wollte fragen, was, was ist wahr aber da redete sie schon weiter.
“Bist du Schuld?Schuld am Tod meiner Mutter?“
Lucas sah ihr wieder in die Augen.Ihn seinen lag Schmerz.Maja ignorierte das.
“Antworte mir!“ Sie war nun wütend, das sah er ganz deutlich und doch brachte er keinen Ton heraus.Nicht wenn sie ihn so voller Hass ansah.
“Natürlich ist er Schuld.Kind das haben wir dir doch alles schon erzählt.Er ist an allem Schuld!“
Thomas von Wartgrund hatte sich erhoben.Er würde Lucas sofort wieder herausschmeißen.
“Würdet ihr uns bitte alleine lassen?“
Maja sah ihre Großeltern fragend an.
“Ich will allein mit ihm reden!“
“Gut, aber wenn er es abzustreitet werd ich ihn rauswerfen lassen!“
Herr und Frau von Wartgrund verließen wiederwillig das Zimmer.Maja und Lucas waren nun allein.Er hatte den Blick abgewandt, sah aus dem Fenster.Er hörte nicht, wie sie ihre Frage wiederholte.Maja hätte ihn am liebsten geschlagen, sie musste einfach wissen ob es die Wahrheit war.Sie wollte sich gerade erheben als er zu reden anfing.Lucas sah weiter aus dem Fenster.Es war als redete er mit sich selbst.
Maja setzte sich wieder zurück, sie hörte ihm zu.Sie hatte sich vorgenommen es nicht zu tun, aber jetzt konnte sie nicht anders.
“Ich hab so viel Mist gemacht...Leon und ich, wie haben eine Menge angestellt...Das Schlimmste war wohl das Kiffen....Ich hab damit angefangen....Es war cool, du kannst alles vergessen....Es war ein Samstag....Ich war bei Leon....Mitten in der Nacht bin ich zurück in meine Wohnung...Ich war total breit, ich kann mich nicht einmal mehr daran erinnern....Ich weiß noch, dass Lisa da war....In meiner Wohnung.Ich hab mich gefreut, hab sie geküsst....Sie wollte mir irgendetwas sagen....Ich weiß nicht was es war, denn sie ist nicht dazu gekommen....Wir haben miteinander geschlafen....In dieser Nacht bist du entstanden....Ich hätte besser aufpassen müssen....Ich hätte ein Kondom benutzen müssen....Als ich am nächsten Morgen aufwachte war Lisa nicht mehr da....Ich konnte mich kaum an etwas erinnern!“
Maja schüttelte den Kopf.Dann war es wahr, er war Schuld.
“Aber hast du denn nicht gewusst, dass sie krank war?“
“Natürlich hab ich das gewusst.Als sie mir sagte, dass sie schwanger sei wäre ich am liebsten ausgeflippt.Ich sagte ihr, sie solle das Kind abtreiben.Ich wollte es nicht.Ich wollte nicht, dass sie wegen einem Kind stirbt.Es war meine Schuld, das wusste ich damals und ich weiß es heute.Lisa wollte dich, unbedingt.Ich konnte sie nicht umstimmen.Auch die Ärzte sagten, dass sie ihr Leben dabei riskiert.Ihr Herz war viel zu schwach um eine Geburt zu überstehen.Deine Großeltern hätten mich am liebsten umgebracht.Lisa war es von Anfang an verboten gewesen mich zu treffen.Ich war unter ihrer Würde wie sie sagten.“
“Aber das bist du doch garnicht.Deine Eltern sind reicher als Oma und Opa, haben sie das denn nicht gewusst?“
Lucas sah seine Tochter an, dann holte er sein Portemonee aus der Tasche.Er nahm ein Foto heraus und gab es ihr.Darauf war ein Junge zu sehen, ungefähr siebzehn Jahre alt.Piercings in der Lippe und der Augenbraue, abgewetzte Klamotten.Neben ihn ein Mädchen, lange blode Haare, elegant gekleidet.Lucas und Lisa.
“Seh ich aus wie ein Millionenerbe?“
Maja betrachtete das Bild lange schweigend, dann schüttelte sie den Kopf.
“Aber warum habt ihr es ihnen nicht erzählt?“
“Weil sie mich nicht angehört haben, nicht einmal Lisa haben sie zugehört.“
“Trotzdem ist das keine Entschuldigung...“
“Ich weiß...dass das alles meine Schuld ist.Ich habe ihre einzige Tochter getötet.Ich kann es ihnen nicht einmal verdenken, dass sie es dir erzählt haben.Ich hätte mir nur gewünscht, dass du es von mir erfährst.“
“Wenn...wenn du mich nicht wolltest, warum hast du mich großgezogen?“
“Bei deiner Geburt war ich nicht dabei.Ich hatte Lisa die ganze Zeit über kaum gesehen.Als ich erfuhr, dass...dass sie tot ist, hätte ich mich am liebsten vom nächsten Hochhaus gestürzt.Ich hab keinen in meine Wohnung gelassen, bin nur zum Einkaufen rausgegangen.Irgendwann hatte mein Bruder genug davon.Er hat dich abgeholt und bei mir vor die Tür gestellt.Ich konnte dich doch nicht da draußen lassen.Von da an gehörtest du zu meinem Leben, und ich kann es mir ohne dich nicht mehr vorstellen!“
Lucas hatte jetzt Tränen in den Augen.Maja hatte ihn noch nie weinen gesehen.Sie wusste, dass ihm alles Leid tat und doch konnte sie ihm nicht verzeihen, noch nicht.
“Eine Frage hab ich noch!“
“Frag ruhig.Schimmer kanns ja eigentlich nicht mehr werden.“
“Fühlst du dich so schludig, dass du nicht einmal zu Mamas Grab gehen kannst?Ich weiß genau, dass du noch nie da warst!Oma und Opa haben mir erzählt, dass du dich sogar geweigert hast zur Beerdigung zu kommen!“
Lucas stand nun auf, er war wütend und wollte nicht schreien.Deswegen lief er erst eine Weile im Zimmer auf und ab ehe er antwortete.Nachdem er sich beruhigt hatte sah er seiner Tochter in die Augen.Sie konnte genau sehen, dass er wütend war.Sie kannte ihren Vater.
“Sie haben es mir verboten...“
“Wer?“
“Deine Großeltern.Thomas sagte er würde mich umbringen, wenn er mich jemals in der Nähe von Lisas Grab sehen würde.Sie geben mir für alles die Schuld, und sie haben Recht damit.Ich hatte nie Angst vor ihnen, mir wäre es sogar Recht gewesen wenn ich damals mit ihr gestorben wäre.Trotzdem habe ich mich all die Jahre an das Verbot gehalten.Ich wollte ihnen nicht noch mehr wehtun.Ich hab immer dafür gesorgt, dass sie mich kaum zu Gesicht bekommen.“
Lucas liefen immernoch Tränen über die Wangen.Er wandte sich nicht ab, sondern sah seine Tochter an.
“Ich weiß nicht, ob du mir das verzeihen kannst, aber ich hoffe es sehr.“
Ohne etwas zu sagen stand Maja auf und umarmte ihren Vater.
“Ich weiß es auch nicht, aber ich werde es versuchen!“

Für JulianSabrina Abels, Anmerkung zur Geschichte

Vorheriger TitelNächster Titel
 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Sabrina Abels).
Der Beitrag wurde von Sabrina Abels auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 11.05.2003. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

Die Autorin:

  Sabrina Abels als Lieblingsautorin markieren

Bücher unserer Autoren:

Stimmungsbilder meiner Seele von Florentine Herz



"Stimmungsbilder meiner Seele" spiegeln die Seelenzustände der Gedichteschreiberin wider. Sie läßt uns tief in ihre Seele blicken, kehrt ihr Innerstes nach außen und läßt uns auf dichterische Weise an drei Lebenserfahrungen teilhaben: Liebeskummer, Depression und Rückkehr der Hoffnung.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (4)

Alle Kommentare anzeigen

Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Drama" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Sabrina Abels

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Blind von Sabrina Abels (Drama)
Keine hundert Jahre für Dornröschen! von Jürgen Berndt-Lüders (Drama)
Frankreich sollte ein neuer Anfang sein...5... von Rüdiger Nazar (Autobiografisches)

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen