Iris Klinge

GNADENSEX

 Nun bin ich schon so alt geworden, ohne jemals diesen Ausdruck gehört zu haben.  Na ja, dieses Wort steht noch nicht einmal in der Suchmaschine Google oder bei Wikipedia, und das will wirklich etwas heißen.
 
Gnadensex bezeichnet eine Situation, die in vielen, vor allem älteren Ehen und auch in anderen Beziehungen vorkommt. Wie oft verspüren beide gleichzeitig Lust auf einander? Sicher ist dies am Anfang einer Beziehung der Fall und mit viel Glück auch später noch.
 
Aber was passiert, wenn die Frau schwanger oder nach der Geburt des Kindes mit Stillen und Pflege beschäftigt ist? Mir scheint, da besteht ein natürliches Desinteresse am Sex, vielleicht auch ausgelöst durch den veränderten Hormonhaushalt, um nicht umgehend erneut schwanger zu werden. Die Libido ist verringert oder vorübergehend ganz verschwunden.
 
Wenn die sexuellen Bedürfnisse der beiden Partner unterschiedlich groß sind, kommt es zum Gnadensex, dem Nachgeben seitens der Frau (oder des Mannes), obwohl ihr der Sinn nach etwas ganz anderem steht. Vielleicht denkt sie gerade über die Einkäufe oder andere Aufgaben nach, die sie am nächsten Tag erledigen muss.
 
Viele Männer meinen, eine Frau „könne immer“, und sie nehmen keine Rücksicht auf die Libido ihrer Gespielin. Ähnlich ist es auch während eines Besuchs bei Prostituierten: was die Frau empfindet, interessiert nicht, denn sie bekommt ja Geld für ihre Dienste.
 
Und wie ist es umgekehrt? Wenn die Frau Gelüste hat, und der Mann „nicht kann“?  Vielleicht greift er zu Viagra, um seiner Partnerin einen Gefallen zu tun. Ist das Gnadensex? Ich weiß es nicht.
 
Entweder arrangiert sich das Paar mit dem Ungleichgewicht in den Bedürfnissen, oder der Aktivere sucht sich eine Ersatzbefriedigung außerhalb der Beziehung, wie ich es so oft in Frankreich erlebt habe. Dort waren meist die Männer zweigleisig unterwegs, hatten ein Verhältnis nebenbei, und die Frau tolerierte diesen Zustand, um ihre Ehe zu retten.
 
Sicher gibt es auch die andere Version: die sich vernachlässigt fühlende Frau sucht sich einen Lover. Ihr Mann verausgabt seine Energie im Beruf oder auf anderen Gebieten wie Fußball, Fitness oder mit einem Hobby, und er ist vielleicht froh, dass ihn seine Frau nicht bedrängt. So leben beide einigermaßen zufrieden miteinander oder auch nebeneinander her.
 
Bei vielen Frauen und auch Männern ist das Bedürfnis nach Zärtlichkeit und Berührung größer als die Lust auf Sex. Kein Wunder, dass heutzutage die „Kuschelparties“ entstehen, um diesem Bedürfnis gerecht zu werden.
 
Gnadensex ist immer auch ein Mangel an Aufrichtigkeit dem Partner gegenüber. Ehrlich zu sagen, was Sache ist, geht im Lauf der Zeit verloren, wenn das Paar anfängt, Spielchen miteinander zu spielen. Der Status Quo soll erhalten bleiben. Es ist einfacher, eine Vogel Strauß Politik zu führen, anstatt einen Schlussstrich unter eine Beziehung zu setzen, die nur noch auf dem Papier besteht. Oder die beiden arrangieren sich und leben eine freundschaftliche Beziehung ohne Gnadensex.
 
Dann bleibt nur noch die süße Erinnerung an die erste große Liebe oder erotische Stunden in der Vergangenheit, und als Trostpflaster der Griff zur Schnapsflasche, um sich vorübergehend in ein angenehmes Vergessen zu katapultieren.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 19.06.2014. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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