Manfred Bieschke-Behm

Wenn ich nur wüsste....



Was ist los mit mir? Irgendwie bin ich heute durch den Wind. Das war gestern alles ein bisschen viel für mich, denkt Lukas. Wenn ich nur wüsste, wie ich nach Hause gekommen bin?, fragt er sich. Er hat keine Ahnung. Aber irgendwie muss ich ja passiert sein, denn er befindet sich in seiner gewohnten Umgebung, in seiner Wohnung. Woran sich Lukas einigermaßen gut erinnern kann, ist die tolle Party, zu der gestern eingeladen war. Es wurde viel gelacht, sich unterhalten, getanzt und getrunken. Das Letzteren hat Lukas besonders genossen. Es gibt Nachwirkungen. Ihm brummt der Schädel. Lukas hat das Gefühl, als würde sein Kopf von einer Kneifzange gehalten. Immer wieder presst er seinen Schädel zwischen seine Hände und versucht durch Eigendruck den alkoholbedingten Kopfdruck abzumildern, was ihm nicht gelingt.
 
Lukas überlegt, wem es seine Kneifzange geliehen hat. Das ist eigentlich das Unwichtigste von der Welt, aber nicht für Lukas.  So sehr er sich bemüht, es fällt ihm nicht ein, wer sich seine Kneifzange ausgeliehen hat. Es fällt ihm nicht ein, und darüber ärgert er sich maßlos.
Woran sich Lukas erinnert ist, an das Gestrige klingeln an seiner Wohnungstür. Er war gerade dabei sich den zweiten Schuh anzuziehen. Hatte es eilig. War knapp in der Zeit. Hatte überlegt, ob er überhaupt zur Tür gehen solle.
Da klingelte es zweites Mal. Ein drittes Mal. Das Klingeln nervte. Der rechte Schuh machte nicht so, wie er sollte. Nur mit einem Schuh am Fuß humpelte er zur Tür. Er strauchelt. Fiel fast hin. Konnte sich gerade noch am Garderobenschrank festhalten. Da klingelte es ein viertes Mal. Er öffnete die Tür. Vor ihm stand jemand, der ihn an jemanden erinnerte. Aber an wen er erinnerte, das wusste er nicht. Genauso wie er nicht wusste, an wen er seine Kneifzange verliehen hatte. Lukas erinnert sich aber sehr wohl daran, dass er, ohne ein Wort zu wechseln, die Tür gleich wieder zu gemacht hatte. Er hatte keine Lust zu sprechen und auch keine Lust zu erfahren, was der Vielklingeler von ihm wollte.
Seinen Gedanken nachhängend läuft Lukas ziel- und planlos durch die Wohnung. Es gäbe Sinn ein Glas Wasser zu trinken, aber darauf kommt er nicht. Vielmehr schaut er in alle Ecken, als würde er etwas Bestimmtes suchen. Er öffnet Schubladen und auch Schranktüren, ohne darin einen Sinn zu sehen.
 Wie komme ich eigentlich darauf, meine Kneifzange verborgt zu haben, fragt sich Lukas. So ein Quatsch. Hier liegt sie doch. Sie liegt da, wo sie hingehört. Was ist nur los mit mir? Während er Zweifel über seinen Verstand hegt, hat er die Idee sich einen starken Kaffee zu brühen. Er verbindet dieses Vorhaben mit der Hoffnung, dass es ihm danach bestimmt besser geht, und macht sich ans Werk.
 
Zwei Stunden später:
Lukas schaut auf die Uhr und muss feststellen, dass er zwei Stunden geschlafen hat. Er schaut auf seine Armbanduhr und rechnet zurück. Er ist erstaunt, wie schnell die Zeit vergeht. Nachdem er sich über die vergangene Zeit Gewissheit verschafft hat, stellt er fest, dass ihm die Ruhe gut getan hat. Er fühlt sich im Kopf klarer und sagt zu sich: „Hat mir gut getan…..“
Da Lukas nicht weiß, ob es stimmt oder ob er nur geträumt hat, geht er zu der Stelle, wo seine Kneifzange üblicherweise liegt. Tatsächlich liegt sie, wo sie hingehört. Irgendwie kommt Lukas mit der Situation nicht klar. Wieso liegt die Kneifzange an ihrem Platz, wenn ich sie doch verliehen habe?... Noch während er sich selbstzweifelnd zurück zum Sessel bewegt, hört er den störenden, aufschreckenden Ton seiner Türklingel.
Obwohl er vollständig angezogen ist, passt es ihm heute genauso wenig, wie gestern. Klingelt die Klingel immer so laut?, denkt Lukas und ist geneigt, seine Ohren zuzuhalten. Noch einmal klingelt es. Noch einmal, nein das würde er nicht ertragen und geht mit schwerem Kopf zielstrebig zur Tür. Er öffnet seine Wohnungstür. Vor ihm steht der Mann, der schon gestern vor der Tür stand und mit dem er nicht sprechen wollte.
 „Hallo ich bin´s, der Kneifzangenmann.“
 „Wer?“, fragt Lukas überrascht nach.
„Na der Kneifzangenmann, bei dem sie gestern Nacht versuchten die Wohnungstür aufzuschließen. Sie haben mich ganz schön erschrocken. Ich dachte an Einbrecher. Wollte schon die Polizei rufen, aber der Blick durch den Türspion beruhigte mich, denn ich erkannte sie, der unbeholfen an meinem Türschloss herumfummelte. Offenbar hat der Nachbar seine Orientierung verloren, dachte ich und öffnete vorsichtig meine Tür. Gleich darauf fielen sie mir direkt in die Arme – wie ein Sack Zement. - Ziemlich angestrengt schaffte ich es, sie eine Treppe höher zu bugsieren. In einer ihrer Jackentasche fand ich ihren Wohnungsschlüssel und so konnte ich sie in ihre Wohnung bringen und auf ihr Bett legen. Haben sie keine Erinnerung an alledem?, fragte der „Kneifzangenmann“ wie er sich nannte.
 „Nee, habe ich nicht – wie denn auch. War doch sternhagelvoll.“
 
 „Ja, das war nicht zu übersehen und auch nicht zu überriechen.“
 „Ist mir jetzt aber peinlich.“
 „Muss nicht – ist alles ok. Übrigens hatte ich, als ich sie „abgelegt“ hatte schnell noch ihre Kneifzange aus meiner Wohnung geholt und sie dahin zurückgelegt, wo sie, sie weggenommen hatten.“
 „Ach so!“, mehr fiel Lukas nicht ein zu alledem. „Nun weiß ich, wie ich gestern nach Hause gekommen bin, woran sie mich erinnern und kenne die Geschichte von der verloren gelaubten Kneifzange. – Alles ein bisschen viel auf einmal.“
Lukas wendet sich ab und schließt seine Wohnungstür. Anschließend fragt er: „Wollen sie nicht hereinkommen?“
Lukas wundert sich, dass er keine Antwort bekommt, und denkt vielleicht besser so. Möglicherweise kann der „Kneifzangenmann“ noch von andern Dingen zu berichten, von denen er besser nicht weiß. Zum Beispiel warum er eine Armbanduhr trägt, die er nicht kennt.
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 19.06.2014. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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