Christiane Rutishauser

Vampire sind keine Kuscheltiere

 


Mein Name ist Tessa. Ich bin ein echter Vampir. Eine Bluttrinkerin. Sie werden bestimmt wissen, was das bedeutet, denn meine Gattung ist ja in letzter Zeit ziemlich in berühmt geworden, fast schon gesellschaftsfähig. Vampirromane und Vampirserien sprießen wie Spam Mails aus allen Medien und scheinen die Menschen zu faszinieren. Ihr seid schon seltsam, ihr Menschen. Eigentlich müsstet ihr Abscheu und Angst empfinden und uns aus euren Gedanken verbannen, aber nein, - ihr liebt uns geradezu. Ihr liebt das Schaudern, die Fantasie des Bösen, den Grusel.
Was mich an den ganzen Vampir-Stories amüsiert, aber auch ziemlich sauer macht, ist, dass vieles, was da über meine Gattung erzählt wird, erstunken und erlogen ist. Die Vorstellungen sind reine Menschenphantasien. Sexy gutaussehende Vampirmänner mit Charme und Stil, Vampire, die gesellschaftsfähig werden und synthetisches Blut trinken, Vampire, die sich in Familienclans zusammenrotten oder sogar Vampire, die Menschenfrauen lieben und Sex mit ihnen haben. Alles Quatsch, sage ich Ihnen. Diese Halbwahrheiten muss ich jetzt einfach mal zurechtrücken.
Aus diesem Grund bin ich heute Nacht noch nicht auf der Jagd, sondern sitze an meinem Laptop, um endlich einmal einiges klar zu stellen. Das Wichtigste zuerst: Wir sind tot! Nein, ich muss mich korrigieren – wir sind untot! Jemand hat uns die Seele gestohlen. Das ist ein merkwürdiger Zustand, denn wir sind nicht tot und nicht lebendig. Als ich vor vielen Jahrhunderten in diesem unseligen Zustand aufwachte, wusste ich nicht einmal mehr meinen richtigen Namen. Mein Leben als Mensch und die Erinnerung daran, war ausgelöscht worden. Ich fühlte Leere und Kälte und Verwirrung. Das einzige, was ich wusste, was ich empfand, war ein unbändiger, unstillbarer, schmerzhafter Durst nach Menschenblut. Ich stürzte mich auf das erststbeste Opfer, einen jungen Mann, der gerade auf dem Nachhauseweg war und an nichts anderes dachte, als an sein gemütliches warmes Bett und die darin schlafende Freundin.
Ich trank ihn leer wie eine Flasche Bier, durstig, gierig und in einem Zug.
Es ärgerte mich, dass ich mich nicht an meinen eigenen Namen erinnern konnte. Alle Nachforschungen über meine menschliche Identität, die ich danach unternahm, liefen ins Leere. Ich war ein Niemand. Ein Nichts mit einem unbändigen Durst.
Deshalb wählte ich für mich irgendwann den Namen Tessa – die Jägerin.
Ich bin ein Geist in einem Körper, ein Geist ohne Spiegelbild, denn dies ist ausnahmsweise wahr – wir spiegeln uns nicht. Auch ein Foto von einem Vampir, werden Sie niemals zu sehen bekommen. Wir sind Schatten. Das ist grausam. Glauben Sie mir – Leben ist Fühlen. Sogar Leid und Schmerz sind besser, als dieses kalte, schwarze Nichts, da tief drin, wo ein Herz sein sollte.
 
Aber, glauben Sie mir. Da ist kein fühlendes Herz. Da ist keine Liebe. Da ist nichts. Wir schließen auch keine Freundschaften mit anderen Vampiren, denn Freundschaften basieren auf Sympathie. Das wäre total absurd. Wir sind verdammt. Ja – noch eins der Gerüchte stimmt: Wir altern und vergehen nicht. Aber das stellen Sie sich jetzt als Mensch viel zu fabelhaft vor. Wir sind wie Plastikblumen. Kalt und leblos. So! Hab ich Sie jetzt enttäuscht? All die netten, schönen, bunten Vampire mit ihren menschlichen Gelüsten und Gefühlen. Sie sind so verführerisch, so unvergänglich, ästhetisch und schön, nicht wahr? Aber keine Angst. Es gibt auch für uns echte Untote ein Tor, ein Tor zur Welt der Seelen. DAS BLUT! Darum trinken wir.
Wir fühlen nur in einem Augenblick so etwas wie Leben und menschliche Gefühle und das ist, wenn wir Blut trinken. Gierig saugen wir unsere Opfer aus und leben, für die kurze Dauer dieses Rausches. Wir spüren plötzlich wieder alle vergessenen menschlichen Emotionen: Liebe, Angst, Hass, Leidenschaft und Hoffnung. Wir tauchen in ein ganzes Leben an Gefühlen und Erinnerungen ein, saugen es gierig in uns auf, berauschen uns daran und danach  - ist wieder alles kalt und tot. Uns quält die Zeit! Die Zeit, die nicht endet. Um uns herum wächst und vergeht die Welt und wir sehen zu. Die nicht vergehende Zeit ist so langweilig. Trotz Fernseher und Computer, trotz Ablenkungen jeglicher Art – die Zeit steht still. Sie hält uns gefangen und wir können nichts dagegen tun.
 
Das ist nicht schön. Das ist ganz und gar nicht schön. Wir sind nicht schön, zumindest nicht, moralisch betrachtet. Wer keine Seele hat, kann gar nicht schön sein. Körperlich sind wir aber recht makellos, vielleicht ein wenig blass. Und geruchlos sind wir, was die meisten Menschen und Tiere sofort erschreckt, wenn Sie es merken.
 
Aber genug davon. Ich will Sie nicht langweilen. Heute werde ich Sie mit auf die Jagd nehmen. Halten Sie das aus? Ich will, dass Sie einmal das Nicht-Leben aus meiner Perspektive sehen und fühlen. Ich habe mich mit meinem Opfer schon verabredet – über das Internet. Wir treffen uns in einer Stunde in einem angesagten Club. Diesmal habe ich einen Mann gewählt, Krischan heißt er. Manchmal wähle ich auch eine Frau. Das Geschlecht ist nicht so wichtig. Nur perfekt müssen die Opfer sein, seelisch und körperlich - und natürlich interessant. Schließlich werde ich für einen kurzen Augenblick ihr Leben und ihre Seele überstülpen wie ein seidiges kostbares, prachtvolles Hochzeitskleid. Den Tod meiner Opfer nehme ich dabei in Kauf. Schockiert? Sie essen doch auch Fleisch – oder nicht? Ach so, das sind nur Tiere. Menschen essen Sie nicht. Tja, aber ich bin ja kein Mensch mehr. Ein kleiner, aber feiner Unterschied.
Jetzt bekommen Sie doch eine Gänsehaut? Warten Sie es erst einmal ab und entscheiden Sie dann, ob Sie Vampire mögen oder meinesgleichen lieber ausrotten würden, wie es einige menschliche Jäger versuchen, die hinter mir her sind wie der Teufel hinter der armen Seele, hihi. Der Vergleich gefällt mir. Übrigens – fliegen können wir auch nicht! Wieso auch. Wir haben keine Flügel. Dann wären wir doch Engel, nicht wahr? Ich werde mit meinem schicken neuen Sportwagen zu meinem Date fahren. Jetzt muss ich mir aber noch ein sensationelles Outfit für die heutige Jagd aussuchen. Zur Feier des Tages könnte ich ja etwas Weißes wählen. Ein unschuldiges, weißes, rückenfreies Minikleid – oder doch lieber Schwarz? Ich kann mich immer so schwer entscheiden. Manche Dinge ändern sich nie.
 
Der Club ist gut besucht. Es ist keiner dieser noblen Schickimicki-Clubs, sondern ein kleiner Underground-Schuppen, in welchem vor allem ein sehr junges Publikum verkehrt. Eine hübsche Rothaarige legt auf. Auf Ihrem blassen, schmalen Gesicht liegt ein meditativer Ausdruck, während Sie sich auf den Sound aus ihren großen Kopfhörern konzentriert und ihre langen, schlanken Finger gleichzeitig, fast zärtlich die Knöpfe und Regler des Mischpultes bewegen. Auf der Tanzfläche zucken junge Körper zu den Beats: schwitzen, tanzen, atmen. Die meisten strahlen eine starke Erregung aus. Sie suchen einen Partner oder eine Partnerin. Ich kann ihr Blut riechen. Ich kann ihre Lust riechen. Sie strotzen nur so vor Lebenskraft. Dieses Leben, das sich immer und immer wieder erneuert, vermehrt, verändert. Es fließt als klebriger, roter Saft durch ihre Adern, warm und süß.
 
Blicke treffen mich. Bewundernde Männerblicke und neidische Frauenblicke. Ich sehe gut aus. Niemand kennt mich hier – eine Neue, denken sie und checken mich ab. Wo ist Krischan? Wenn das Bild, das er mir geschickt hat, mit der Wirklichkeit übereinstimmt, müsste ich ihn erkennen. Er hat dunkle Locken und braune, verträumte Augen. Aber, ich sehe ihn nicht. Vielleicht hat er sich verspätet. Langsam durchquere ich den Raum, berühre im Gedränge fremde Körper, die erschreckt zusammenzucken und nicht genau wissen warum. Sie spüren es, dass ich kein Mensch bin, aber sie glauben es nicht. Die Berührung löst ein Kribbeln und Kälte bei Ihnen aus. In manchen Gesichtern sehe ich Erstaunen und so etwas wie Unbehagen. Sie weichen zurück, machen Platz.
 
Ich könnte mir zum Schein ein Getränk bestellen, das ich natürlich nicht anrühren werde. Es macht nur Spaß, das Glas in der Hand zu halten und die Flüssigkeit mit den Eiswürfeln hin und her zu schwenken. Gerade will ich zur Bar hinüber gehen, da entdecke ich Krischan. Er ist noch viel schöner, als auf dem Foto, das er mir so ahnungslos und leichtfertig gemailt hat.
Unsere Blicke treffen sich. Er lächelt. Auch er ist positiv überrascht von meinem Aussehen, hatte befürchtet, dass ich gemogelt haben könnte.
 
 
Ich gehe locker auf ihn zu. „Tanzen wir?“ Er nickt, erleichtert darüber, dass er nichts sagen muss.
Wir tanzen und betrachten einander dabei. Sein Körper erhitzt sich beim Tanzen. Die Haut duftet. Ich vermeide es, ihn zu berühren. Er könnte die Gefahr spüren und fliehen. Krischan arbeitet als Tänzer und Musical-Darsteller, deshalb ist sein Körper durchtrainiert und doch beweglich. Er hat helle Haut unter der ich die Adern, in denen sein Blut pulsiert, durchschimmern sehen kann. Es pulisert und pulsiert und erwärmt sich. Er hat schöne schlanke Hände und graue Augen. Seine Augen stehen leicht schräg. Er sieht gut aus, wirklich gut. Ich bekomme Appetit.
 
Stellen Sie sich einfach vor, dass Sie Hunger haben. Sie haben seit Tagen nichts gegessen, ihr Magen knurrt heftig. Und nun stellen  Sie sich im Geiste Ihre Lieblingsgerichte vor: Lasagne, Grillhähnchen, Leberle mit Bratkartoffeln, ein blutiges Steak, Pudding, Weihnachtsplätzchen oder Schwarzwälderkirschtorte. Mhm, lecker. Läuft Ihnen schon das Wasser im Munde zusammen? Mir auch. Krischan ist heute meine Schwarzwälderkirschtorte.
Mit einer Kopfbewegung deute ich ihm an, dass wir hinausgehen könnten, uns abkühlen. Er nickt und folgt mir zum Ausgang. „Du siehst ziemlich gut aus“ sagt er heiser, als wir draußen in der kühlen Nacht vor dem Club stehen. „Du auch“, hauche ich lächelnd. Der Türsteher beobachtet uns mit einer Mischung aus Langeweile und professioneller Aufmerksamkeit. Dieser Ort ist ungeeignet für mein Mahl. Ich muss Krischan von hier weglocken.
 
„Ich kenne noch einen besseren Club, gleich um die Ecke. Sollen wir?“ Er nickt lächelnd und hat wahrscheinlich nur das Eine im Kopf, so verträumt wie er mich anstarrt. Wir schlendern los Es ist eine schwülwarme Sommernacht. Neumond. Irgendwo duften Bäume. Alles was lebt hat einen Geruch. Nicht immer einen guten, aber es hat einen Geruch. Die Erde, die Tiere, das Wasser, sogar die Luft. Die Dunkelheit erzeugt schattige Nischen, da wo die Straßenlampen nicht wirken. Ich strecke und dehne mich, tänzle ein wenig beim Gehen. Verführerisch präsentiere ich meinen perfekten Körper vor seinen Blicken und locke ihn ohne Hast unter einen dunklen Torbogen. Meine Gedanken sind leicht und voller Vorfreude. Soll ich noch ein wenig mit ihm spielen, ihn anlocken und wieder wegstoßen? Er ist so ahnungslos. Munter summt er eine Melodie vor sich hin, wirft mir Blicke zu, lächelt. Mein Durst ist so heftig und brennend wie bei einem Alkoholiker. Auch die Neugierde drängt mich zur Eile. Welche Gefühle und Gedanken werde ich mit Krischans Blut trinken? Was wird er mir geben. Welche Freude, welches Leben. Ich rücke näher an ihn heran. Bald kann er meine kalte Haut spüren, ich muss aufpassen. Meine Hand schnellt ohne Vorwarnung zu seinem weichen Hals und packt seine Kehle. Er reißt erschreckt die Augen auf, will sich wehren, aber ich schlage bereits meine scharfen Zähne in seine pulsierende lebendige Halsschlagader, das Blut spritzt in meinen Schlund und, ab diesem Moment, fühle ich. ICH FÜHLE! Es ist so großartig. Seine Hitze fließt in mich hinein wie Strom und berauscht mich. Er will nicht sterben. Er ist noch so jung, gesund und lebendig. Er zuckt und wehrt sich schwach. Ich kann jetzt seine Erinnerungen lesen, schöne und traurige Erinnerungen. Bilder aus der Kindheit: Mutter, Vater, Geschwister. Seine erste Liebe, Marie.
 
Ein Licht blendet aus dem Nichts auf. Es ist schmerzhaft und gleißend. Blitzlicht. Ich hasse es, weil es mir ein Stechen im Kopf verursacht. Schmerz, es verursacht Schmerz! Ich könnte schreien. Meine Zähne lassen überrascht los. Ich blinzle verwirrt und schaue in Richtung der Lichtquelle. Da sind Sie! Die Vampirjäger. Es sind zwei. Ein Mann und eine Frau. Ich kenne sie schon, bin ihnen schon ein paar Mal entkommen. Wie haben sie mich nur wieder aufgespürt? Sie laufen auf mich zu, bewaffnet mit Silberdolchen. Ich lasse von Krischan ab, laufe, renne weg - nicht um mein Leben, denn das habe ich ja nicht mehr. Ich fliehe, weil auch wir nicht aufhören wollen. So wie die Lebenden ihr Leben, verteidigen auch wir unser Sein bis zum Letzten. Aus den Augenwinkeln sehe ich, dass die Frau sich über Krischan beugt und der Mann mich verfolgt. Ich lache ihn aus und renne noch ein wenig schneller und noch schneller. Meine Absätze klappern auf dem Asphalt wie Pferdehufe, nur schneller. Tacktacktacktack…Er fällt zurück, der Abstand zwischen uns wird größer. Häuser und Straßen fliegen an mir vorbei. Die Großstadt, die niemals schläft, ist Zeuge meiner Flucht. Autos, die an mir vorbeirasen, Betrunkene, die in Hauseingängen liegen, Nachtschwärmer, die lachend und grölend auf dem Nachhauseweg sind. Alle sehen sie einen rasend schnell vorbei fliegenden Schatten und hören das Geräusch meiner Absätze. Der Vampirjäger wird mich auch diesmal nicht kriegen. Weil noch ein weiteres Gerücht über uns Vampire wahr ist. Wir haben schier unerschöpfliche Kraftreserven und sind den Menschen in körperlicher Hinsicht überlegen. Es ist die Kraft des Bösen.
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 20.06.2014. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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