Thomas Kleinrensing

Michels Fernweh

~~Manchmal frag ich mich wohin er jetzt schon wieder abgeschweift ist. Gerade noch da und von einem Augenblick zum nächsten verschwunden. Ständig sucht der deutsche Michel das noch Weitere und jagt im Entferntesten seinem Glück nach, egal zu welcher Jahreszeit. Er ist überzeugt, dass die Suche nach dem Glück nur in der Ferne ganz naheliegend sein kann. Das irgendjemand irgendwann sein Glück in der Nähe gefunden haben könnte, ist dem Deutschen in seiner historischen Erfahrung noch nie untergekommen. Das ist ihm gedanklich fern und wäre ihm aufgefallen. Glück und Befriedigung gibt es nur hinter dem Horizont, weit weg von den bekannten asphaltierten Wegen, fernab jeglicher deutschen Ordnung, somit auch nicht mehr auf Mallorca oder in der Türkei. Hat er früher noch mit Panzern, Haubitzen und Marschmusik vergeblich versucht die Ferne selbst im tiefsten Osten zu erkunden, so überzieht er die Ferne heute mit seinem kleinen Sturmgepäckrucksack, Strandhandtuch, All Inklusiv Voucher und Birkenstock Sandalen. 

Vielleicht sucht der Deutschmensch auch das Weite. Möglicher Weise verwechselt er dabei Weite mit Ferne. Fernsicht ist aber nicht gleichzusetzen mit Weitsicht. Der Weitblick sollte eigentlich im Oberstübchen des Homo Germanicus stattfinden. Der Fernblick hingegen kann auf dem Gipfel eines Achttausenders im Himalaya oder selbst auf dem Feldberg gefunden werden. Es scheint, dass der Deutschmensch die ursprüngliche Bedeutung von „Fernseher“ nicht bis in die letzte Konsequenz erfasst hat. Es sei denn es ist ein flaches Gerät, hat 340 HD Programme und lässt sich fernbedienen. Konsequenter Weise wird heute mit Fernseher ein Apparat bezeichnet, der als Flatscreen also Flachbild immer mehr in Mode kommt und sich den Programmen angepasst hat, flach eben.  

Aktionen ab den 60zigern bis in die späten 80ziger hinein sollten mit ausgeklügelten Marketing Konzepten die wachsende Rastlosigkeit in den jeweiligen geteilten Landesgrenzen eindämmen. Wollte man die Sehnsucht des Wirtschaftswunder Westdeutschen nach Ferne durch Angebote wie Autobahnraststätten Fernthal an der A3 und Weiter Blick an der A7 stillen, sperrte man im Osten die Ferne in einer Nacht und Nebel Aktion durch eine Mauer aus. Doch auch dieses sozialistische Beton Marketing half nichts. Die Sehnsucht nach der Freiheit die Ferne zu erkunden war größer. Heutzutage ist alles was mit der Vorsilbe „Fern-“ daherkommt für den Deutschen einfach nur gut. Selbst das die Erfinder der Freiheit, die Griechen, mittlerweile pleite sind, vermag den Gesamtdeutschen nicht in seiner Fernsucht verunsichern geschweige denn davon heilen. 

Vorbei die Zeiten als der Deutsche bibbernd im Winter von der Fernwärme träumte. Heute fliegt er Last Minute nach Kenia und holt sie sich Vorort. In der fernen Fremde stolpert er zwischen Strand und Poolbar herum und desinfiziert sich die Wunden der letzten Fernwehwehchen und Safari mit Whisky Cola von innen. Er versucht unfaltbare Faltpläne wieder zusammenzufalten, stürzt sich kopfüber vage- und wackelmutig in den Whirlpool und kann seine Glückstränen kaum zurückhalten im Angesicht der exotischen Speiseangebote in den Ressorts. „Schnitzel mit Sauerkraut von der Antilope und Warzenschweinbraten mit Pommes“. Nur in der Ferne legt man dem Deutschen das Gute noch ach so demütig vor den Fuß. „Und wie war`s in Kenia“? „Allet inklusife“!

Seitdem der Deutsche das Weite sucht, erfreut er sich zunehmend auch an geschützten Tieren in ihrer natürlichen Umgebung. Dank der deutschen Exportwirtschaft und Politik kann er in Saudi Arabien den Leopard in freier Wildbahn beobachten oder eine Marderpopulation am Horn von Afrika. Und während er das Fernglas umdreht, lehnt sich der Abschweifende ganz entspannt auf dem unbefleckten Handtuch der Humanität zurück. Auch beim Barbecue in Kabul oder Public Viewing in Port Sudan, Nordsudan gegen Südsudan, der Deutsche bleibt gelassen.  
Die einen nutzen das Sturmgewehr und die anderen ziehen den Nutzen daraus. Diese Art von Jobsharing hat der Deutsche nach 1945 für sich entdeckt. Es lebt sich damit einfach gesünder und entspannter als damals beim Afrika Feldzug und an der Ostfront. 

Dumm ist nur, dass der Fremde in der Ferne mit Waffen aus des Deutschen Nähe, leider auch vor dem deutschen Fernreisenden nicht immer halt macht. Auch wenn der islamische Gotteskrieger kurz vor dem finalen Schuss die deutsche Wertarbeit und Allah noch mal  lobpreist, wird aus dem Betroffenen gleichwohl ein Getroffener und aus dem Außenminister wieder ein Betroffener. „Die deutschen Rüstungsexporte werden auf Basis der bestehenden Gesetze strengstens überwacht. Aber mit einem Laser können Sie zum Beispiel eine CD von Andrea Berg abspielen oder eine Rakete lenken. Ich überlasse Ihnen was schlimmer ist“. Da schließt sich der Kreis. 

Letztlich bleibt die Frage, warum der Deutsche nicht da bleibt wo er eigentlich hingehört?
„Weil da alle anderen auch sind“, kommt es vielstimmig zurück.
Aber wenn doch alle anderen auch da sind, warum strebt er dann in die Ferne?
„Weil alle anderen auch in die Ferne fahren“, tönt es Choral.
Aber wenn alle auch dort in der Ferne sind, kann man doch auch hierbleiben. 
„Wir streben in die Ferne, weil wir es uns leisten können“.

Nur die Alten und Jungen sowie die Fremden, jene die aus der Ferne vor Krieg, Verfolgung und Hunger flüchten mussten, bleiben hier zurück. Irgendjemand muss ja auch die bunten Postkarten und tausend MMS Nachrichten zuhause entgegennehmen. Der Fremde kann dabei lernen, dass zu einer erfolgreichen Integration die Erkenntnis und die Akzeptanz gehören, dass der deutsche Michel noch immer unter seiner Zipfelmütze einen Stahlhelm trägt. 

Tom, www.tom-kleinrensing.de
24. Juni 2014  

 

 

 


 

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